Ausgabe 
30.3.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltttz.

(Nachdruck verboten. >

(Fortsetzung.)

6. Kapitel.

Fürstliche Gnaden revidieren Park, Schloß und Weinkeller, be­suchen die Honoratioren des Dorfes und schauen von der Höhe des Götzen auf das Land höchstderer Ah-nen herab.

Es war ein Gewitter im Hochsommer. Eine schwarze Sturmwolke flog über die Landschaft; zehn Minuten lang raste der Orkan rm Parke, Donnerschläge fielen, als stürzten unter ungeheurem Getöse Felsmassen übereinander, Blitz auf Blitz strich flammend über das Firmament, dann prasselte der Regen herab. Binnen einer Viertelstunde war das Wetter gekommen und tveitergezogen.

Der Anblick der aufgerührten Natur war von so ein­iger Schönheit, daß die Insassen desalten" Hauses unter em vorspringenden Portikus vor der großen Flurhalle testen geblieben waren. Den Eintritt slankierten zwei teinerne Bänke, aus der eieren saßen Otto und Jost und neben ihnen kauerte Annemarie mit hochgezogenen Beinen: gegenüber saß Bolko, während Velten in der Tür stand und tiefer hinein die Madame. Von einem Fenster der Halle aus beobachteten Beyfuß und Max das interessante Schauspiel.

Gesprochen wurde nicht viel. Zuweilen ries Bolko ein Wort der Bewunderung oder bei einem grellen Blitz schrie Annemarie einmal leise aus; aber das Fauchen des Sturms und das Rollen des Donners verschlangen jede Aeußerung. Velten Hand wie angewurzelt in der Tür der Flurhalle; er rührte sich nicht. Er schaute in die Blitze hinein, ohne mit der Wimper zu zucken. 'Er war ein großer Mann, fast vier­schrötig, mit starken Schultern und hochgewölbter Brust. Doch er war schön gewachsen und seine Haltung stattlich; seine Bewegungen hatten immer etwas Ruhiges und Aus­geglichenes, es lag eine gewisse Plastik in ihnen. Nur dem Profil fehlte die fein« 'Linie; das Gesicht war hart, Stirn! und Kinn eckig, die Mise groß und kräftig der Mund; immer fiel das schwer zu glättende blonde Haar strähnig in die Stirn. Aber das schöne graue Auge beherrschte so völlig das Antlitz, daß die Disharmonie der Linien zur Nebensache wurde. Es war ei» Aares, blankes, stählernes Auge, aus­drucksvoll undi leuchtend von Intelligenz, leicht einmal verhängt vom Schleier schwärmenden Sehnens; gut und milde und wie phosphoreszierend >im Zorn. Dies Auge war der Mann, der unter Hunderten ausfiel; er hob sich überall aus der Menge hervor; man hätte ihni nachschanen mögen wegen des Ungewöhnlichen seiner Erscheinung, die srch doch nicht ohne lveiteres bestimmen und deuten ließ. Er trug sich in seiner Kleidung wenig weltmännisch; nichts saß ihm so recht, weder der lange schwarze Rock, noch die falsch ge­knöpfte Weste, noch die zu kurzen Beinkleider. Es war altes

grob gearbeitet und vertragen, der schtvarze Schlips schlecht gebunden, und die Schäfte der Stiefel zeichneten sich unter dem Beinkleid ab. Bei einem andern hätte diese vernach­lässigte Kleidung lächerlich wirken 'können, so grotesk tote bei der typischen Karikatur des deutschen Hauslehrers. Aber es war merkwürdig, daß nl-an der Belten über diese sonst auffälligen Aeußertichkeiten hinwegsah.

Unter einem gewaltigen Donnerschlaae hatte sich der Regen entladen. Er toste mit prasselndem Geräusch zur Erde, aber die volle Wucht ließ fast im Augenblicke wieder nach und pus dem klirrenden Sturz wurde ein sanftes gleich- mäßiges Rauschen. Es plätscherte von den Bäumen herab und rann i'rber den Kies des Vorplatzes, Hunderte von blinkenden Laci)eu bildend, die von der durstigen Erde schnell aufgesaugt wurden. Ueber oen jgrünen Wipfeln ging wieder die Helle auf, die Sturmwolk^n verflogen, der Donirer wurde rollender und klang immer entfernter. Durch das Geäst der Kastanien und Platanen flimmerte ein Sonnen­blick, die Vögel trauten sich von neuem hervor, urrd in der lauen Treibhausluft baute sich in verfließenden Umrissen das sclstllernde Farbenspiel eines Regenbogens auf.

Geehrte Herrschaften, nun ist «es vorbei!" rief Anne­marie lustig und sprang von der Bank, schürzte ihr Kleid und hüpste ins Freie.Was machen wir jetzt? Madame, liebe Madame, es wäre eine Sünde wider die Natur, wollten Sie mich abermals an den Arbeitstisch schmieden. Es wäre auch eine Sünde wider die geschwisterliche Liebe, denn Bolko ist doch arur heute hier, und ich verspreche Ihnen, ich^lerns morgen die verdoppelte Portion und übersetze drei Seiten mehr. Kann ich mich nick/t heute einmal meiner jungen Freiheit erfreuen?"

Ja," sagte Bollvalso sei es. Madam?, ich bin Für­sprecher für diesen ungebärdigen Pony. Morgen mit dein! Frü^uge reise ich wieder ab, heute lassen Sie uns die Frei­heit schönen Menschtums genießen, blinder, entwerfen wir ein Programm! Die Sonne lacht wieder und alle Wetter sind fort. Velten, kommen Sie her, wir wollen überlegen, döach dem Frühstück wird auch die Erde wieder trocken sein; viel­leicht können wir doch rvoch in den Wald."

Ach ja!" jubelte Annemarie.In den Wald! Wir nehmen Butterbrote mit und eine Flasche mit Milck."

Pfui Geier," meinte Bolko.Nein, es wird anders. Madame, wo ist die Anschütz? Ich wünsck>e zu acht Uhr ein Verlobungsdiner. Nach alten Regeln der Kunst, mit Finessen und Delikatessen; wird das möglich sein?"

Annemarie bekam glänzende Airgen. Bolko gab ihr einen Klaps und sagte, sie sei ungeheuer verfressen. Aber die Ma­dame wurde verlegen; ihre Härrgelöckchen hinten trübselig herab; sie knickste und erstattete Bericht. Es sei ein sctlwie- riges Ding urn das altergnädigst befohlene Diner. Indessen, sie wolle nach der Burgmühle schicken, man hoffe auf Karpfen blau; auch sei noch ein Hirsch rücken da, und ein Allstauf könne das Menü beschließen. Gegen den Hirschrücken pro­testierte Annemarie mit Lungenkrast wie im allgemeinen