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Und Konnexionen hat, und dabei ein leidlich hübscher Bursche ist, anstatt sein Leben zu genießen oder sich irgendwo ein warmes Plätzchen zu bereiten, studiert und immer studiert und alle mög­lichen Bilcher liest, die andere Narren geschrieben haben, und dann gar nach Deutschland reist, weil es dort noch mehr zu lernen gibt, ich! bitte dich, ist ein solcher Mensch nicht über- igeschnappt? Wenn er noch die Absicht gehabt hätte, Universitäts- Professor oder so was zu werden. Gut, die Leute müssen studieren, das gehört zu ihrem Geschäft. Aber er war fest entschlossen, in Staatsdienste zu treten. Unk/ während er studierte, kamen fl&m! hundert andere zuvor, er entfremdete sich durch sein Fernsein dre einflußreichen Bekannten und verlor seine Konnexionen. Ich bitte dich, wo steckt da die Vernunft?

Doch das nur nebenbei. Damals saß in Petersburg gerade ein Minister, der auch im Auslande gewesen war und nun bei uns reformieren wollte. Solche Minister, lieber Sascha, kommen regel­mäßig wieder, wie die Schaltjahre. Tu wirst das noch erleben, wenn du, so wie ich, deine zwanzig Dienstjahre hinter dir Haft, und wirst erkennen lernen, daß dies Reformieren von hoher Stelle her aanz ungefährlich und harnrlos ist. Schließlich ist es ja doch mir für die Zeitungen berechnet und -

Doch das gehört nicht hierher. Genug, was sich für einen schickt, schickt sich nicht für den andern, und wodurch große Herren berühmt werden und Orden und Auszeichnungen bekommen, das bricht einem Kleinen das Genick. Den Grundsatz merke dir. Feodor Michaelowitsch hat ihn nicht gekannt oder nicht beachtet und er mußte es büßen.

Also, wie gesagt, er studierte und ging ins Ausland und schrieb sogar ein Buch darüber, wie man es bei uns anders und besser machen sollte. Der Herr Minister bekam das Buch zu Gesicht, ließ den Feodor Michaelowitsch kommen, belobte ihn und er erhielt einen guten, einen sehr guten Posten.

So weit Ware ja alles recht und richtig gewesen. Mer nun beginnt das Trauerspiel. Feodor wurde überall von seinen Vor­gesetzten und Kollegen sehr freunbticf) empfangen. Alle hielten ihn für einen strebsamen Menschen, der freilich einen etwas äußer-gewöhnlichen Weg gewählt hatte, um Carriere zu machen, aber schließlich ist doch die Hauptsache, daß man seinen Zweck erreicht.

Möchtest du es glauben, der Unglücksmensch verfeindete sich in wenigen Monaten mit Hock) und Niedrig. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, seine Ideen wirklich dUrchznsetzen. Und weil die andern sich natürlich dagegen wehrten, daß er das Alte und Gute, Er­probte Und Hergebrachte abschaffe, schäumte er vor Wut und schämte sich nicht, zu denunzieren und zu behaupten, es herrsche Korruption und Bestechlichkeit. Jawohl, so redete er. Und nicht etwa im vertrauten Kreise, wo es ja weiter nichts zu sagen gehabt hätte, sondern sogar öffentlich. Und als der Chef ihn kommen ließ, um ihn zur Rede zu stellen, wiederholte er ihm ins Gesicht hinein die Beschuldigung.

Sergei Alexandrowitsch so hieß sein Chef war ein alter Praktikus und wußte, tvie man solche Burschen zu behandeln habe. Ich iveiß nicht, was zwischen ihnen gesprochen Wurde, aber in den nächsten Tagen wurde Feodor Michaelowitsch in ein anderes Ressort versetzt und zwar in das beste und einträglichste: Ver­gebung der Staatslieferungcn. Er trug nun die Nase doppelt hoch und Machte allerhand Andeutungen, er wolle den SlUgiasstall ausräumeu und er werde der Korruption schon steuern und noch wehr dergleichen Unsinn. Ich versichere dich, in den Kreisen der Lieferanten war ein Schrecken, lwie wenn der Mols in die Schafherde einbricht. Nur der alte Paliu, der geriebenste und schlaueste von allen Lieferanten, lachte und sagte, ein jeder Fisch beiße an, wenn der Köder nur kräftig genug sei.

Damals war gerade eine große Lieferung ausgeschrieben. Ich weiß nicht, handelte es sich um Schuhe für die Armee oder um Tinte und Stahlfedern für die Kauzleien oder; kurz, es war eine große Sache und Taufeiide waren zu verdienen. Auch Palin heilte seine Offerte eingebracht. Es ging hinauf zum Refe­renten, das war Unser Feodor Michaelowitsch und sprach mit ihm, wie Man so zu sprechen pflegt, und als er wegging, da ließ er auf dem Schreibtische ein Kuvert liegen, in dem waren zwei Stück fnn kel nagelneue Tausendrubelnoten.

Das war ein gesundes Fressen für den Reformator. Anstatt das Geld rühm einzustecken, lief er damit zu Sergej Alexandrowitsch und schlug einen großen Lärm, man habe ihn bestechen »vollen. Der Mte strich sich über den Bart und lobte den Feodor Michaelo­witsch und sagte, sie wollten beide zusammen zum Polizeimeister fahren Und die Sache anzeigen, damit Palin verhaftet werde.

Sie fuhren and} wirklich hin, Feodor brachte seine Sache vor unb verlangte die Verhaftung Palms. Ter Polizeimeister aber

Vor einer Stunde war Polin hier und erstattete die Anzeige, daß er em Kuvert mit 2000 Rubeln verloren habe. Offenbar ist es. 'urt Unter die Papiere gekommen, die er Ihnen brachte. Mer die Sckflufte welche Sre daraus ziehen, sind falsch, ganz falsch. Tenn sonst hatte doch Palrn kerne Anzeige erstattet über den Verlust " Unser Feodor Mußte mit einer langen Nase abziehen. Der .Alte hielt ihm eme Rede, m welcher er sich ein für allemal solche

Dinge verbat. Und dus Schlimmste war, daß Palin ihn vor Gericht verklagte, wegen Beleidigung, mrd Feodor demütig um Verzeihung bitten mußte, um nicht verurteilt zu )verden.

Es kam, wie es kommen mußte; er hatte sich unmöglich ge­macht und wurde wenige Wochen später in ein entferntes Gouvernement versetzt, wo er als Subalterner verdorrte und verkümmerte. Alle Versuche, in die Höhe zu kommen, mißlangen. Wer begibt sich auch gerne in Gefahr, für einen solchen Menschen sich emzusetzen und selbst in den Verdacht zu kommen, seine Ideen zu lecken?

- - soll ich! dir noch erzählen? Daß Palin bald darauf für seme Verdienste um den Staat als Lieferant einen hohen Orden bekam? Oder daß der Polizeimeister die Billa Palms vor der Stadt um einen Pappenstiel zu kaufen bekam, well der andere erklärte, er habe den Besjitz satt und wolle lieber in der Stadt wohnen?

Mer daS alles gehört nicht hierher. Hauptsache ist, daß du! aus der Geschichte deine Lehre ziehst. Weibe im Lande und nähre drch nu ja, nähre dich so, wie es eben bei uns üblich ist. Tie Tradition ist heftig!" _

Genie, Talent und Vererbung.

Von Dr. pnil. et med. Georg Sommer.*)

Die Wahrscheinlichkeit, daß das Genie selbst sich vererbt, ist eilte äußerst geringe; es tritt in den Geschlechterfolgen vereinzelt auf, wie ieder weiß. Man kann wohl aus den Gedanken kommen, Ta­lente züchten zu wollen, das Genie kann man nicht züchten, es gibt keine genialen Familien, wie es wohl talentierte gibt. Mso wie entsteht es? Wir antworten, durch eine glückliche Kombination passend dotierten väterlichen und mütterlichen neimgutes.

Rvb. Sommer, Gießen, hat in dieser Msicht die Goethe- scheu Ahnen in einer- seltenen Vollständigkeit zusammengestellt und Gesichtspunkte gewonnen, die zu ähnlichen Forschungen unbedingt ermutigen. Wie in denl Elternpaar Bismarck zwei ganz ver­schiedene Lebeuskreise sich berühren, der Beamtenstand, d. h. das gebildete, durch weitzurückreichende öffentliche Pflichtstellung charak­terisierte Bürgertum mrd der Uradel, so sind die Eltern Goethes väterlicherseits aus dem Handwerkerstande hervorgegangen, also einer Sphäre von konkreter Wirklichkeitsanschanung und nach­haltigster Ausarbeftung einzelner, wenn auch enger Vorftellungs- kreise, und mütterlicherseits, besonders durch! die Großmutter Textor, geb. Lindheimer aus dem höheren und gebildeten Bürgerftande, die, soweit sie den obersten Ahnenreihen angehören, von der Geistes­bewegung der Reformationszeit berührt waren oder künstlerische Anlagen vermuten lassen, in den unteren, in verschiedener Weise an den intellektuellen und sittlichen Vorzügen ihrer Zeit nach­weisbaren Antell hatten.

Tie ganz außerordentliche Steigerung der also im 9lhnen- keimgut erkennbaren Spuren goethischer Begabung in dem genialen Probanten würde denn etwa so erklärt werden können, daß eben in der Mischung eines so verschiedenartigen, wenn auch als'einzelnes Nicht hervorragenden Keimgutes die Möglichkeit einer so glück-- lichen Verflechtung aller, ja gänzlich unabsehbaren Bedingungen für das Zustandekommen dieses Ausnahmefalls gegeben war uiid daß, vielleicht eben durch dieses» besoirders passende Zusammen- tteffen, Vererbungswerte, die sich! bei den Ahnen in gemäßigter und nicht ungewöhnlicher Ausprägung verstreut oder in Gruppen vorfinden, hier in gesteigerter Kraft, in besonders günstiger Grup­pierung anftreten.

Es kommt vor, Id ein Talent, wenigstens soviel man sehen kann, eineni gänzlich unvorbereiteten Boden entspringt, sotveit das Keim gut und nicht das Ueberlieferuiigsgut in Betrackft konnnt. Ich greise eine Persönlichkeit heraus, die wie ein Genius der Anmut irr der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit ihren Liedern die Welt durchzog: Jenny Lind, dieses hochbegabte, wahrhaft edle Menschenkind, stammte von gänzlich kunstfremden, ja kunstfeindlichen Eltern geringen Standes. Tos ist ein seltener Fall gegenüber von sehr vielen, in denen sich in der Aszendenz Hinweise curf die be­sondere seelische Qualität des berühmt gewordenen Deszendenten! finden.

Es ist u. a. bemerkensttL'rt, daß die Begabung der Familie Veeellio, deren Stern natürlich Tiziano ist, sich ünnso oft auf juristischem wie auf malerischem Gebiet äußert. Die zahlreichste Musikerfamilie ist die Bachs.

Aus diesenr kräftigen Geschlechte, über das der 30jährige Krieg hinwegging, ohne es zu ersticken, nennen die Musikerbiographien heute 57 hervorragende Namen. Seinen Höhepunkt hatte es in Sebastian, dieser vorbildlichen Verschmelzung künstlerischen und

*) Wir entnehmen diese Ausführungen dein soeben erschienenen 512. Bändchen der SammlungMs Natur und Geisle^welt"- Geistige Veranlagung und Vererbung. Bon Dr. phil. et med. Georg Sommer. (Verlag von B.G. Teubner in Leipzig und Berlin. 1910. Geheftet M. 1.. gebunden M.H.25), in dein der Verfasser unter Heranziehung eines großen Tatsachenmaterials und zahlreickjer, dem Lebeii namentlich bedeutender Männer und Frauen ent uommener Beispiele das wichtige Problem Rchrndelt. ob und in wieweit erne Vererbung auch der geistigen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften slattfindct.