und zerzauste den Ahornwipfel; Blätter und kleine Aeste flogen umher.
„Verzeiht," sagte Bolko und richtete sich wieder ans, „ich bin in der Tat sehr — sehr nervös geworden. Es stand so viel auf denl Spiel — mein ganzes .Lebensglück—" Er fuhr über die Augen, sprang empor und streckte Jost und Velten die Hände entgegen, mit herzlicher Bewegung, an der nichts gemacht war. . . . „Jost, ich danke dir — und auch Ihnen, Velten — beiden, beiden aus tiefster Seele! Und du, Jost, höre . . . Onkel, hör mich an: das schwöre ich euch, das vergesst ich euch nicht! Das vergesst ich euch nie . . . ach — habt ihr mich glücklich gemacht! Wenn ihr Lilian erst kennen lernt, werdet auch ihr empfinden, wie wert sie ist, unfern Namen zu tragen. Und nun sich auch äußerlich unsere Verhältnisse von Grund aus umgestalten, sollt ihr einmal sehen, wie es mein Bestreben sein wird, der Krone der Gotterneggs den alten Glanz wiederzugeben — nicht nur den Glanz des Goldes — nein, Onkel, ich weiß, der tut's nicht! allein; auch an dem Adel meiner Gesinnung sollst du nicht zweifeln!"
Der Herzog stand noch am Fenster. Er wandte sich um und nickte: „Das ist ein Wort, das wohttut, Bolko," sagte er. „Ich hoffe, gs wird sich nie Gelegenheit finden, dich daran erinnern zu müssen. Ich bin kein Verächter des Geldes; ich unterschreibe das törichte Wort auch nicht, daß unsres Adels Stärke in seiner Armut liege. Aber immer gibt der Besitz nur Macht, wenn er sich mit Ehrlichkeit paart; nicht jener selbstverständlichen, die der gewöhnliche Anstand erfordert, sondern der absoluten, großen, umfassenden, der verpflichtenden Ehrlichkeit, die auch dem Reichtum seinen materialistischen Beigeschmack nimmt. Du wirst nun reich, Bolko. Ich gratuliere dir dazu. Aber ich wünsche dir eins. Ich wünsche dir keine Sorgenlosigkeit des Glucks, denn das ist der Urquell der Selbstsucht und die Schwelle zum Unglück. Es gibt kein Glück, das tiefe Spuren zurückläßt, wenn es fich nicht zuweilen mit der Sorge paart. Und dann ist die Sorge nicht die graue Frau, die den Suchenden blind macht, sondern die treue Freundin, die unser Herz durcksi vflügt, um es zur Empfänglichkeit vorzubereiten. Gib mir oie Hand, Bolko."
Er drückte stark die Rechte des jungen Fürsten, der sich m der Wallung des Augenblicks tief neigte und die Hand des Alten küstte. Als Jost das sah, war ihm, als springe eine Kette von seiner Seele und als dürfe er freier atmen Es drängte ihn, sich dem Bruder an die Brust zu werfen; aber bei seiner unwillkürlichen Bewegung fühlte er wieder wie Velten sacht seinen Arm drückte. Und er sah auch, daß Veltens Gesicht unbeweglich war wie vorher und sein Auge voll kalter Ruhe. Da blieb er stehen und rührte sich nicht; von neuen: stieg der Zweifel in ihm auf, und über das
Sonnenblitzen in seinem Innern zog wieder dunstiges Gewölk. Es wollte nicht klar werden in ihm.
Der Herzog packte mit rascher Hand seine Papiere zusammen. „L-ela," sagte er, „ich werde meinen Anwalt be- nachrichtigen und bringe ihn dieser Tage mit, damit dein Einverständnis :n juristische Form gekleidet werden kann, ^0't. Und nun genug des Geschäftlichen...." Er betonte das letzte Wort. Bolko bat, der Onkel möge zimi Mittag b.le.lben; aber der Herzog dankte. Er hatte es plötzlich eilig. Er schrie aus dem Festster nach Bozenhardt, dem Kutscher „Wenn der Lümmel nicht seine Vokabeln kann verwamse ich ihn " knurrte er; dabei glitt ein Schmunzeln um seinen Mund. „Herr vor: Velten, ein neues Mittel gegen die Trunksucht. Bozenhardt ist eine urgetreue Seele.
um iedwede Quartalswende besauft sich das Ungetüm. Nichts hals dagegen: ke:n Donnerwetter, kein Moralisieren auch kein ^agdhieb. Jetzt habe ich eine bessere Strafe Ich lasse ihn lateinische Vokabeln lernen. Da krümmt er sich, da
Ksot 1 * ei ?' ist wie ein Schmoren im Fegefeuer. Kinder, seht nach, ob der Bozenhardt vorfährt..?." Und -olko und Jost davoneilten, nahm der Herzog ^lten am Arm uub ging mit ihm auf und ab. „Sie haben schw^r?"^b^^?^ gegeben, Herr von Velten; fiel sie Ihnen
„Ja, Durchlaucht."
«w ^ ,2wer sie konnte nicht anders sein,
^er Leichtsinnige hat sich den: Dollarmann gegenüber mit hl ne ™ <?vrte verpfändet. Velten, wenn ich nur wüßte, ob der Goldregen auf fruchtreichen Boden fatfen wird! Wer form :n die Zukunft schauen?! War' Bolko ein andrer und -aost gesiinder, mir Ware nicht bange um die Gotterneggs,
Aber daß von den beiden Letzter: des Geschlechts der ciiti© ein blasser Stillsitzer und der andre eilt verdammtiger Liederjan, das tut rnir weh. Es betrübt immer, wenn man einen schönen alten Baun: absterben sieht."
„Besser, er geht ein, Durchlaucht, als daß der Raupenfraß ihn seines Schmuckes entkleidet. Was täte es, fiele die Fürstenkrone von: Wappen der Gotterneggs?! Mein blasser Stillsitzer ist für eine andre Krone geboren, und wer weiß, ob die aus dem amerikanischen Blut sie einst mit Würde zu tragen verstehen. Sterben ist nur ein Wort, und der Tod nichts als ein Uebergang. Auch für unsre alten Geschlechter, die an der Armut sterben, auch für sie. Was! hindert sie, den: schrecklichen Nichts ziworzukommen und dei: Uebergang zu neuem Sein und Werden 51t suchen? Krone und Adel abzulegen, damit sie in frischer Erde neue Furchen ziehen köiinen und aus der Niederung wieder ein Stamin erwachse, mit festeren Wurzeln als zuvor? .. < Durchlaucht, ich will Ihnen ein Geständnis machen. Wäre der Fürst in einer Stunde des Leichtsinnes nicht eine Verpflichtung eingegangen, di^ seine Ehre berührt, und hättet: Sie mich gefragt: wie ist Ihre Meinung, Velten? dann würde ich Ihnen geantwortet haben: es kann nur zum Heile dieses Hauses sein, wem: die Fürstenwürde fällt, wenn man mit dem Schwamm der Vergessenheit eine Glorie löscht, die keine mehr ist. Ja, Durchlaucht, wäre das Haus- recht unantastbar auch dem Königswillen gegenüber und Fürst Bolko hätte sich fügen müssen — ich würde alles getan haben, was :n meiner Macht steht, Jost von der Nachfolge zu befreien. Und ich sage Ihnen: er hätte mir nachgegeben."
, „Es mag sein, Velten, es mag sein. Was aus Ihnen spricht, ich weiß es, das ist i:icht das demokratische Gewissen, es ist die klingende Stimme der Vernunft, die nach dem Arzt ruft, wem: sich die Krisis meldet. Aber der Aberglaube ist e:n Bruder der Tradition. Man ruft nicht nach dem Arzt, man behilft sich mit Hausmitteln. Es ist das alte Hauemittel verarmter Geschlechter: die Transfusion des Goldes. Doch nicht das Gold macht das verdorbene Blut wieder gesund, sondern nur das Eisen der Arbeit. Das haben auch Sie gesucht."... Er blieb stehen; seine braun gebrannten Finger zerwirbelten die Spitzenflocken seines grauen Backenbarts.... „Ich kenne Ihre Geschichte. Die Veltens waren Urgrafen im Cleveschen; sie hatten Sitz und Stimnie :m alten Reichstag, sie sprachen mit bei der Königs- Wahl, sie saßen auf der Grasenbank; ein Dynastenhaus ist chnen entsprossen. Aber die Zeit zernagt auch den Purpur. Lie sind der Letzte geblieben. Ans den Grasen wurden Freiherren, und Ihnen wurde auch der Freiherrntitel zu viel. Ich glaube, daß ich in Ihrer Seele lesen kann Ter letzte Velten wollte ein frisches Reis pfropfen auf den sterbenden Stamm: da schnitten Sie ab, was die Triebkraft hindern konnte.... Aber, Velten, es siel Reif auf den jungen Trieb. Es war keine glückliche Stunde, die Sie nach Gotternegg fiihrte_"
(Fortsetzung folgt.)
Bleibe im Lande.
Von Adolf Stark.
(Nachdruck verboten.)
. „Was, ins Ausland willst du gehpn, um dort zu stildieren? Nem, mein lieber Sascha, daraus wird nichts, dazu gebe ich nie meme Einwilligung! u ,w ' mc
fc 5 Vr la cF Deutschland! Und zu Studimzweckm! mcha, Sascha du siebst mich tief besorgt und bekümmert. Als wir Alten m euren Jahren warm, da lockte uns vom Ausland höchstens Hub das wahrhaftig nicht zu Studien- Mecken. Aber die Zeiten haben sich geändert. Leider. Glaube mir, Mascha, es ist nur Verblendung, wenn ihr über die Grenze schielt <w l *rr fl l e ' J k draußen besser findet, als in unserem heiligen' Rußland und glaub , ihr konntet dort etwas lernen und dann Gott behüte, reformieren. Laß dir zur Warnung die Geschichte des Feodvr Michaelowitsch. erzählen. Erinnerst du dich noch an ihn? Er war einmal bei uns zu Besuch und brachte dir Haufen komischer Spielsachen und der Mutter eine ganze Schachtel voll wunderschöner Ametyste. Der arme Teufel, er lallte ich sollte mich scmer annehmen. Ich habe inich aber wohl gehütet' .v)ch war froh, daß niemand wußte, ich sei mit Feodor Michae? lpwitsch verwandt. Und nun gar noch mich für ihn einsetzen, für JWSJ Menschen, der — nun, du wirst ja hören. Und hoffentlich Liehst dir paraus deine Schlüsse. Der Mickiaelowitsch war ein Narr,
• y E' tc Überzeugung. Wenn eilt Mensch, der vom Vater
cm hübsche- Vermögen geerbt hat, der die besten Verbindungen


