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Die erste Liebe.
Eine heitere Geschichte von Georg Ruseler.
(Nachdruck verboteil.)
Zwei Jahre bin ich Europa fern gewesen, und- diese alte, Uralte, ttberalte Welt glaubte ich ganz vergessen zu haben und war überzeugt, daß sie mich, noch mehr vergessen hätte. Abep kaum habe ich den Zug verlassen und schau mich ein wenig um auf dem Bahnsteige meiner Hermstadt, da stürzt mir irgendwer in die Arme und ruft: „Karlchen Wienecke, wo kommst du her?", Und als ich ihn näher ins Auge fasse, da ist es Franz Haase, ehedem Studiosus beider Rechte.
Ja, wo komm' ich her? Ich setz' ihml auseinander, dass ich in den letzten Jahren anderthalbmal um die Welt gekommen bin. — Was, du mit deinen Schulden)? — Gerade ich mit ftreinm' Schulden. Ern halbwegs tüchtiger Doktor der Medizin kommt heutzutage so oft um tue Wett, wie er will; denn einen Sckstffs- arzt braucht man allenthalben. Ein solcher Posten hat zuweilen auch noch den Vorzug, das; Schulden verjähren: denn ein Gerichtsvollzieher kann doch, unmöglich hinter modernen Schnelldampfern herlaufen.
Herzbruder Frwuz war froh, mich einmal wiederzusehen.- Geschrieben hatte ich ihm ilicmals, er noch weniger, und so wareiv es denn Neuigkeiten, als ich erfuhr, daß er Mitarbeiter eines berühmten Rechtsanwalts geworden sei nnd alljährlich eine bedeutende Summe daraus gervinne, die Kuh der Gerechtigkeit zu melken. Ich seufzte hörbar. Und überdies wäre er seit ein paar Monaten mit einem reizenden Mädchen verheiratet (und sie ser nicht nur reizend, sie habe viel mehr anzuziehen als Eva im Paradiese). Ich seufzte lauter. Lächelnd blickte er mir ins Auge, und weil ein gerissener Rechtsbeflissener in seiner Weise ebensogut Diagnosen stellen kann als ein Arzt, hatte er gleich weg, was für einen Hungerleider er vor sich habe, unb so lud er mich denn zu Mittag ein. Das war mir ganz reckst: denn obgleich ich in meiner Heimat war, wußte ich doch nicht recht, wo ich mein Haupt hinlegen sollte. Er wintte also ein Auto heran, und nun sausten wir vom Bahnhof nach einer der reizenden Vorstädte, die sich sanft einbetten in das Grün ihrer Gärten.
„Sag einmal," fragte er mich unterwegs, „kennst du meine Frau vrelleicht? Du bist doch ein Hiesiger. Kanntest du Tilla Müller?"
„Müller, Mütter? Wer kann atte Fräulein Mütter behalten, die man mal gekannt hat! Aber Titta Müller? Ne, eine Tilla Mütter habe ich- nie gekaimt."
„Dachte ich mir wohl. Sie hat überhaupt wenig Herren kennen gelernt, bevor ich in ihren Bannkreis trat. Ich bin ihrck
erste Liebe."
„Erste Liebe? Unglaublich, — beneidenswert! Darin muß ein ganz eigenartiger Zauber stecken."
Und nun gingen wir die Treppe zu seiner Billa empor. Villa, so etwas bekomme ich nie im Leben, dazu müßt' ich eine Praxis haben; al>er wo ist der erste, der sich einem Doktor anvertraut, der anderthalbmal um die Erde gebummelt ist? Wirttich beneidenswert, dieser" Franz Haase! Und damals, als es galt, ins Kolleg zu gehen, war er stoch fauler als ich.
Wie wohlig ihm nun zumute ist, wie er sich dehnt in seinem! Glück! Wie eigenartig es klingt, nun er, nachdem er die Borplatztür mit dem Drücker geöffnet hat, nach oben hinaufruft: „Tilla, liebste Tilla!"
„Ja, wart' nur ein wenig !"
„Tilla, ein Gast!"
„Ein Gast? Einen Augenblick! K°enn' ich ihn?"
„Nein, ganz Allbekannt."
-„Tann komm' ich sofort."
Und da tollte eitle weiße Gestalt die Treppe herunter' aber ckuf dem Absatz 'in der Msctte, da bleibt sie stehen, die schlanke,, reizende Frau im braunen Haar, schreit auf,. blickt mich an. mit starren Migen blickt sie mich an und scheint zu Tode er-i schrocken zu sein. Mich aber, mich durchzuckt es wie der Blitz: Diese Tilla kenne ich allerdings! Donnerwetter, Bathilde Müller! Bathilde und Franz, so nannten wir uns damals, als wir im Park auf verschwiegenen Wegen spazieren gingen und uns küßten. Hat die sich- aber herausgemacht!
„Was ist dir, Tilla?" fragte der Mann besorgt, „kenntst dst den Herrn Doktor?"
Ta stammelte sie: „Herr Doktor? Das ist ja ein Indianer!" Und dann legte sie wie bittend den Zjeigefinger auf die Lippen., t Ich verstehe, nrach' eine sehr höfliche Verbeugung und sage: „Ein bißchen Tropensonne. Verzeihen Sie dein Indianer, Frau Rechtsanwalt! Ich freue mich außerordentlich, die Gemahlin eines meiner liebsten Couleurbrüder kenneir zu lernen. Er hat wir herwärts viel von seinem Glück erzählt."
Da weiß sie also, daß sie sicher ist. Wir gehen ins Besuchszimmer, Und sie entfaltet in der Plauderei atte ihre bezaubernden! Eigenschaften. O weh, mein Herz, o ihr alten tollen Erinnerungen! Mein Neid steigt und steigt. Ich muß bald dies alte Europa wieder verlassen; die Sonne, die hier scheint, ist heißer als big Tropensonne. Es dauert nicht lange, da gehen wir zu Tisch, Und als der Herr Genrahl ein paar Schritte zurückbleibt, flüstert sie wir Au: „Nichts verraten! .Wir dürfen uns nie gekannt haben!"
und ich entgegne: ^Unbesorgt, niemals! Nebrigens reise ich schon morgen wieder üo."
,Da ist sie denn vollständig ruhig geworden, und beim Essen — übrigens ein vortrefflick-es Essen, mal etwas anderes. Ländlicheres als diese ewige Schiffskost erster Klasse — beim Essen ist sie in einer Laune, entzückend. Bewundernd sieht mein Freund Haafe zu feiner Frau hiniiber, aber meine Eifersucht ersteigt den höchsten Punkt. Trotzdem bleibe ich immer vernünftig: .ich schelte nur - mich selber: „Du Tor, diese Frau hättest du haben können, wcnn du in Europa geblieben wärst!" Ich bleibe vernünsttg, aber so ein Weib, das seiner sicher ist, muß durchaus mit dem Feuer spielen, natürlich eins der prickelndsten Gefühle, mit besagten: Feuer spielen zu dürfen! Alte Jugenderinnerungen flicht sie in die Rede ein> macht Anspielungen, daß ich wie aus Nadeln sitze, und sieht mich dabei hold-unschuldig aus der: lieben Augen an. Das Essen zieht zieht sich in die Länge; immer wieder reizt sie mich zum Trinken — allerdings vortrefflicher Wein! — Und ich muß natürlich erzählen. Ich erzähle von meinen Fahrten zu See — „Unglaublich!" sagt sie ein Mal über das andere und lacht —, voll meinen Jügendff ansflügen — „Münchhausen!" sagt sie und lacht noch toller.
„O, bitte!" lverse ich gekränkt dazwischen, „lvarum wollen! Sie mir nicht glauben, da ich doch jedeni Ihrer Worte glaube?"
„Das dürfen Sie auch, und das tut auch mein Ndann", sagt der Racker lind spielt weiter mit obbeineldeteül! Feuer. „Wellst sch ihm sage, er sei nleine erste Liebe gewiesen, so glaubt er das, und auch Sie werden das nicht bezroeiseln."
„Niemals, aber ich bitte nur auch von Ihnen Glauben aus^ wenn ich sage —"
„Daß Sie noch niemals ein Mädchen geküßt haben?"
„Meinetwegen, daß ich lioch nie ein Mädchen geküßt habe."
Da vergißt sie sich, schlägt die Häilde zusammen und sagt in innigstem Ton: „Nein, mein lieber Herr Doktor Wienecke, das glaube ich Ihnen ganz sicher nicht."
Ms sie das he raus geschlagen hat, begibt sich etwas Unerwartetes. Der Hausherr verfärbt sich, legt seine Serviette loeg, erhebt sich und schaut mit dem durchdringenden Blick eines Rechtsanwalts erst seine Frau an und dann nrich, und darauf sagt er 3 „Liebe Tilla, willst du mir lricht das Rätsel lösen? Ich weiß jetzt bestimmt, daß ich vorhin vergaß, dir k’it Namen meines Freundes zu nennen, u.ub nun nennst du ihn selbst."
„O Gott!" ruft da die junge Frau, sieht aus wie ein Geist und! ist zu Tode erschrocken. Ich mag mich auch ein wenig verfärbt haben, jedenfalls stoß' ich>ctwas lauter als unhörbar den Ruf aus: „Mke Teufel!" Der^iechtsmensch ist aber ganz in-seinem ,Fahrwasser, tut, als wäre er Untersuchungsrichter oder Staatsanwalt, und sagt mit unerbittlicher Miene, ganz ohne Humor sagt er dcrs: „Gesteht!"
Llufspringt da das Frauchen, wirst den Stuhl rücklings lun, lutb hinaus ist sie aus der Tür. Mein Freund Haase legt seine! Stirn aber noch in tiefere Falten, und er herrscht mich an:! „Heraus mit der Sprache! Ich will alles wissen!"
„Alter Freund", sag ich da, „in dem Don, da erfährst du! nichts von mir. Geh übrigens deiner Frau nach, damit sie keine! Dummheiten mackst, und dann wollen wir einmal vernünftig miteinander reden."
„Erst will ich, Auskunft haben über das, was ihr miteinander gehabt habt. Du wirst mir alles sagen."
„Kein Wort werd' ich dir sagen."
„D ann werd' ich dich dazu zw tilgen mit der Pistole in der Hand."
Das hat er natürlich- nicht leise gesagt, das mit der Pistolch und kaum ist das herails, da stürzt Frau Tilla wieder zur Tür herein, — gelauscht hat sie also da draußen — stürzt herein^ wirft sich vor ihrem Männe nieder, umklammert seine Haild und wimmert: „Um Gottes willen, Franz, nickst schießen! Er ist unschuldig. Ich Hab' dich belogen."
Ta steht der Herr Gemahl in unnahbarer Größe, hoch und kalt wie der Montblanc steht er da und sagt: „Tilla,' jede innige Gemeinschaft zwischen Manu und Frau muß auf Wahrheit gegründet sein, mrd du konntest nrich belügen!"
„Ja", flüsterte sie ganz gebrochen, „als du mir sagtest, daß ich deine erste Liebe sei, da wollt ich iticfnt hinter dir z-urück- stehen uild versicherte, ganz so wär's auch bei mir."
Als' ich! das höre, was der Herr Gemahl ihr gesagt yatz, bin ick; aber auf der Höhe. Laut auftachen muß ich, und daiM tret' ich an den alten Couleurbruder hinan, nehme ihn ganz! sachte beim Ohrzipfcl.und wiederhole gemütlich seine eigenen! Worte:
„Jede Ehe muß aus Wahrheit gegrülldet sein. Jawohl, liebes Fvanzel, dam: beichte mal sofort deiner Frau. T-ars ich dir helfen? Ich glaube, ihr werdet eincnlder nichts vorznwerfen habem Ich mache den Vorschlag, wir setzen uns gemütlich wieder zu Tische, Und dann wollen wir von alten Zeiten plaudern."
Na, das haben wir denn auch getan, und ich bin überzeugt, daß mm am Ehehimmel weiches Freundes alle Wolken zerstreut sind. Jetzt ist Wahrheit zwischen ihm und ihr. Sonst so im att- gemeinen: ein bißcken Schwindler sind wir atte.


