Vi-ek auf iiub beginnt zu erzählen. Da kverden gewisser­maßen die Typen lebendig und die gemalten Initialen sprechen; es manscht in denk Pergament und zwischen den. Leiten steigen Bilder auf: Gntenverg an seiner Presse, die hilflosen Versuche der Prototypographen, die mönchischen Miniaturmaler bei ihrer Arbeit, die ersten Holzschneider in ihren armseligen Werkstätten . . . o welche Freude war mir das, ihm znzuhören! Er schildert nicht, er formt er doziert nicht, es ist, als werde das wirkliches Leben, was er spricht, als sähe man cs vor sich, als .setzten sich feine' Worte in Plastik und Vilderrethen um. Er ist nicht nur der

Lehrer, sondern auch ein Poet."

Das muß er wohl sein," sagte Otto nachdenklich. Sein Auge glitt prüfend über die weichen Züge Josts, und dann fuhr er lebhafter fort:Und ein Stück Poet steckt auch in dir, lieber Kerl, das hat dein Mentor, wachgerufen. Lieber Phantast, ich glaube, du bist auf dem richtigen Wege. Am besteil in uns vertragen sich die Gegensätze. Wenn du deiner Seele Schwingen spürst, laß sie nur auswärts steigen zu Wolken und Wundern; da wird es ein Ansrnhen sein, wenn tu wieder zwischen Keinen Scharteken fitzest und kollationierst die Seiten rmd wagst au der Form der Lettern mit nüch­ternem Auge ab, wann deine Inkunabel gedruckt sein kann. Ich bringe dir eine mit; du wolltest unsere Hauschronik haben, und die hat ein ordnungsliebender Vorfahre mit irgend einer alten Druckschrift zusammenbinden lassen. Null Leige, was du kaniist, und sage inir, was ist dies, woher stammt es, wer druckte es und wann ging es in die Welt hinaus?"

Er hatte die Chronik ausgepackt und legte sie auf den Sthreibtlsch. Da glitt eine Helle Freude über Josts Gesicht, und mit der behaglichen Erwartung eines glücklichen Fin­ders setzte er sich am Tische zurecht, fichlte tastend mit den Händen über das gepreßte Schweinsleder des Einbands und schlug beit Folianten ans. Er sprach anfänglich gar nicht; er las die ersten Zeilen, prüfte das Papier zw-ischeu den Fingern und suchte nach dem Wasserzeichen; dann forschte er ans der letzten Seite nach dem Kolophon, der ge­wöhnlichen Schlußschrist der alten Drucker, aber sie enthielt hier weder Namen noch Jahreszahl. Und nun schüttelte Jost den Kopf und wurde eifriger und begann lwlblaut zu murmeln:Das ist närrisch . . . kein Register, keine Seiteu­zahlen, nicht einmal Signaturen . . . ungeheuer viel Abbre­viaturen . . . und vor allem die merklvürdigen Typen! Grob geschnitten, absolut ungleich mic bei den ersten Versuchen. . . . Vielleicht eilt spanischer Wiegendruck . . ich.muß ein- imU den Hain zu Rate ziehen drüben steht eine Menge bibliographischer Lexika. Kann ich das Buch ein paar Tage behalten, Otto?"

Solange du willst, lieber Freund; ich werde es ver- antworten. Uebrigens hat es mir Spaß gemacht, dich be­obachten zu können. Ich, sage nun nichts weiter. Ich sage nun bloß noch: Jost, du wirst in deinem Leben nicht viel mehr als ein Stubenhocker und Bücherwurm; du hast gar keine Anlage dazu, ein feuriges Roß zu tummeln oder aus höfi­schem Parkett zu schliddern oder im Herrenhause zu sitzen oder mit ausgezeichneter Noblesse den Glanz deiner Fürsten­krone weithin leuchten zu lassen. Nein, Jost: du wirst ein Gelehrter werden, de-r Professor Doktor von Gotternegg, und das halte ich für ein großes Glück, und du irnrft um so be­rühmter werden, weil du ein Prinz bist, was unter den Gelehrten nicht alle Tage vorkommt. Wir wollen uns ein­mal wieder sprecheu . . .

Nun schlug eine Hand gegen die Tür und Annemaries stimme ries:Jost, du wirst gesucht! Kann ichherein?.. Die Prinzessin stand schon im Zimmer, sehr außer Atem und sichtlich erregt.O Jost!" ries sie,o Herr Reschke? O Otto, legen Sie auch ein gutes Wort ein? O Jost, es ist ja alles ganz anders, als nur dachten! Er hat sich mir anvertraut; denke dir doch, er liebt sie ja! Er liebt sie von ganzem Herzen, er vergöttert sie, er sagt, er könne ohne sie niicht leben! Und er lügt nicht, Jost. Er hatte beinahe Tränen in den Angen. Aber sie möchte so gern Fürstin sein oder vielmehr^ der Alte oder vielmehr, der Alte möchte gern, da>; sie Fürstin wird . . . ich bin'ganz konfus ich bitte dstb. nur, lieber, lieber guter Jost, sage nicht nein und sperre dich nicht gegen die .Heirat? . . ."

Sie umarmte Jost, gab ihm eilten Kuß und dabei schaute sie den Bruder mit feuchten Augen angstvoll an. Dann 'prang sie auf einmal zu Otto, nahm seine Hand, schüttelte sre kräftig und sagte:Sind mir nicht Freunde? Ja, wir

sind Freunde. Sie werden Jost gut Zureden. Er liebt sie ja doch! Was nützt es!"

Natürlich, Durchlaucht," erwiderte der Student,was nützt es. Wenn er sie liebt, ist es abgemacht. Also, Jost, ich rede dir hiermit gut zu; er liebt sie, wiederhole ich dir,, und sage: was nützt es!"

Doch da wurde Annemarie ärgerlich.Pfui, Herr Reschke," rief sie,Sie verspotten mich! Sie sollten sich schämen! Wenn ich faijte: Was nutzt es, so meinte ich was nützt es, tnenn Jost srch gegen die Heirat erklärt. Es gibt dann bloß eine große Küb^/ei und wahrscheinlich fürchter­liche Prozesse und der Frieden der Familie wird unsanft gestört. Und deshalb bleibe ich jdabei, Ihnen zum Trotze, und sage abermals: Was nützt es. . . ."

Jost schob Annemarie zur Seite.Wer laßt mich rufen?" fragte er.

Onkel Herrfurth. Herr Velten soll dich holen. Er steht unten."

Soll mich holen?" wiederholte Jost.Aber wir Hütten doch abgemacht, daß . . ." Er wendete sich mit hastiger Ge­bärde zu Otto zurück und schaute ihn fragend an.Nun zieht mau mich doch noch hinein, Otto. Was soll ich tun? Herrgott, laßt mir doch meinen Frieden! Fragt mich nicht erst! . . . Was soll ich tun, Otto?"

Der zuckte nur mit der rechten Schulter; er erwiderte nichts. Aber -ans dem Korridor draußen hörte man den schweren Schritt des Kandidaten. Annemarie hing sich an Josts Häls; Tränen fluteten plötzlich über ihr Gesicht. Lieber, lieber Jost," bat sie,sage nicht nein! Es kann keiner von uns verantworten, wenn er sie lieb hat. Es kann dir auch einmal ähnlich ergehen und mir auch. . . ."

Da überschlich Jost ein weiches und zärtliches Gefühl. Sei still. Kleine/' sagte er und küßte sie auf das tropfende Auge. Er hielt sie einen Augenblick fest un!d fühlte ihren weichen und warmen Körper an seiner Brust.

Velten war eingetreten und an der Tür stehen geblieben. Er schaute etivas erstaunt auf das hübsche Bild. Zärtlich­keiten waren zwischen den Geschwistern sonst nicht üblich. Lieber Prinz," sagte er stockend.

Ja, Velten. . . ." Jost ließ Annemarie los.Sie sollen mich rufen; ich komme. Mer Sie bleiben dabei, Belten . . . Otto, entschuldige mich; Annemarie mag dir Gesellschaft leisten. . . Die Heine Prinzessin nickte und warf dem Bruder noch einen letzten Blick heißer Bitte zu. Jost ging.

Der .Herzog und Bolko hatten in der Zwischenzeit kein Wort weiter über die Frage der Abdankung gesprochen. Wohl hatte Bolko versucht, in der Abwesenheit Veltens dem Gespräch Me intimere Wendung zu geben; aber Herrsurth wehrte ab.Warten wir auf Jost," sagte er; dann fragte er nach gemeinsamen Berliner Bekannten, nach dem und jenem, nach dem Verlauf der Manöver, den Pferden Bolkos, den letzten Jagdergebnissen, der Regimentsmeute, nach zwanzi­gerlei. Bolko hatte schon seit längerer Zeit das Empfinden, als habe er die Sympathien des Oheims wesentlich ein- gebüßt, als sei bei dem alten Herrn eine starke Gefühls­abkühlung eingetreten. Nun sing er aus den stahlgranen scharfen Augen Herrfurths einen so eisigen Blick aus, daß er sich unwillkürlich fragte: was ist denn geschehen, dag mich der Alte wie einen Ausgestoßenen betrachtet? Und dann zog er die Oberlippe trotzig empor und seine Augenbrauen schoben sich zusammen; er zweifelte nicht daran: der Onkel war verstimmt und verärgert, weil er vor der Verlobung nicht zu Rate gezogen und zum Mitwisser gemacht worden war. Aber gerade das hatte Bolko geflissentlich vermieden.

^ Es ging ein Zucken durch sein Herz, als er Jost an Veltens Seite in das Zimmer treten sah. Das war vielleicht neue Fürst von Gotternegg: ein blasses Bürschchen mit nervös vibrierenden Lippen, schmalschnltrig und mit zarter Brust, unfähig zu ritterlicher^ Sport und zu stattlicher Re­präsentation, wie die Welt es will. Wie die Welt es will/ wiederholte sich Bolko; denn er war klug genug, zu wissen^ daß des Lebens Aenßerlichkeiten im letzten Grunde immer nur ein Stück Komödie sind; aber man muß sie zu spielen verstehen Er nickte Jost freundlich und unbefangen zu. Auch das war nur Komödie; jede Fiber in ihm bebte, und, immer wieder stieg die bange Frage in ihm ans: mein Gott, was wird, wenn Jost die Zustimmung verweigert?...

(Fortsetzung folgt.)