Die arme Prinzessin.

Nornan von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.'»

(Fortsetzung.)

Ern Glück, dasj »>u Velten hast. Sonst war' es vielleicht noch schlimmer bestellt. Aber auch Velten ersetzt dir nicht den Umgang mit Gleichaltrigen und Gleichgestimmten. Das Gvübeln beherrscht dich, ein ewiges Analysieren: da werden Nichtigkeiten zu großen Fragen und Unbedeutendes-wird zu Ereignissen: es kommen Zkveifet, die nicht nötig sind. Ich ivill nicht mit dir über die Penibilität des Ehrempfindens streiten. Mir scku'int auch nmnches richtig von deru, was du über die Skrupellosigkeit des Erwerbs bei den großen Spe­kulanten Amerikas sagst. Aber erzsthle das Bolko; glaubst du, du wirft ihn belehren? Er tvird dir Mr. Simpson als leuch­tende Ausnahme schildern. Er wird dir auch antworten, daß er Miß Kilian Herrate rmd nicht ihren Bater. Uird wenn dir pfni rufst über die Millionerstnitgift, wird er wahrscheinlich lächeln und einfach entgegnen: non ölet. Lieber Jost, sein Himmelreich schasst sich jeder selbst. Das ist eine Weisheit von vorgestern, aber sie läßt sich durch sentimentale Er- wägungen nicht ans der Welt schaffen. Natürlich, euer Haus­gesetz berechtigt dich, gegen die Heirat Widerspruch zu er­heben. Was hast du davon? Ich glaube wenig oder gar nichts. Dann wirst du Fürst: das wäre hübsch, wenn auch dein Besitz ein fürstlicher lväre. Aber Gotternegg bliebe ver­schuldet. Du hättest mit tausend Sorgen zu kämpfen, und das darf nicht sein. Das darf nicht sein, denn es wäre schade für dich, wenn dir sdie Sorgen die Freude an deiner Arbeit nehmen wollten. Und deine Arbeit ist dein Element; ,du kannst einmal ein Gelehrter von Weltruf werden, das ist möglich: aber zumregierenden Fürsten" eignest btt dich herzlich wenig"

Jost hatte seinen linken Arm nin das Kreuz des ge öffneten Fensters gelegt. Der Wind,, der sich ausgemacht hatte, tvehre ihm das Haar in die Stirn; seine schlanke, feine Gestalt stand zart Umrissen gegen das Himmelsblau. Sein Gesicht imiu finster, es lag ein Druck ans seinem Haupte. Die Zweifel arbeiteten wieder iu ihm, sie erschöpften ihn. Er' sühlte keinen festen Grund in seiner Le'bensanschaunng; widerstreitende Gedanken durchfluteten ihn, bohrten sich fest und andre kamen nn/d rissen sie mit sich fort. Was sollte er tun? - Vorsichtiger als Otto hatte Vellen seine Ansichten geäußert. Das kalt Verständige Ottos fehlte ihm; auch ein Rest von Adelshochtnut mochte noch in ihin lebendig sein, und lebendiger als alles ein Zug zur Romantik.

Stärker erhob sich, der Wind; ein volles Rauschen er­klang unter dem Fenster. Da stand Otto aus und sagte: Jost, ich bin nicht zu dir gekommen, uml dir das .Herz, noch schlverer Air machen. Wir sind auch 51t verschiede na ÄÜatltLen, als daß wir uns leicht über eine Frage einigen

könnten, die für mich gar kein Fragezeichen hat mit) dich ans der Unentschlossenheit nicht herausbringt. Ich Witt damit durchaus nicht sagen, daß mein Urteil das richtiges ist: ich bin vielleicht nur der größere Durch sch n i ttsm ens« von uns beiden und stehe der Ideenwelt, die dich belastet und dir das klare Handeln schwer macht, verstandnislchA gegenüber. Ich will dich auch nzcht beraten, Jost; ich kann es gar nicht. Wollte ich dir mit der sogenannten gesunden Vernunft tommen, es bliebe schließlich doch nichts übrig als ein Paradieren mit Schlagworteu; denn in Fällen tvie dieseru tvird endgültig das Gefühl Sieger sein. Ich tarnt nur wiederholen: Du bist mir lzu gut für eine Krone, die deine liebe blasse Stirn wund drücken würde. Und mm lasset! wir das Thema fallen, nun erzähle mir, Jost: soll'» bei der Germanisttk bleiben?"

Mit einem tiefen Atemzuge ließ der Prinz das Fenster- krenz los.Auch darüber wollte ich mit dir sprechen, Otto," antwortete er.Wird es nicht besser tnit meiner Gesundheit, so werde ich mich kvohl Zeit meines Lebens alsPrivat­gelehrter" durchschlagen müssen, statt ernsthast in einen Be­rus einzntreten. Das soll mir auch gleichgültig sein: ich kann ohne Amt und Würden der Menschheit ebensogut dienen. Ich habe nur den einen großen Wunsch, kvenigstenS ein paar Semester die Universität besuchen zu dürfen und da möchte ich mich, wenn es erst so weit ist, mit liebsten für Göttin gen entscheiden, weil dort ein Lehrstuhl für Bibliothekswissenschaft eingerichtet lvorden ist. Du siehst mich fragend an, als wolltest du sagen: Wie konrmt Jost gerade auf diese alterneueste Wissenschaft? Ich habe ihr aber immer Interesse entgegen gebracht, Otto, weil ich immer ein Büchernarr war.Denn es genügt schon meinem Sinn, luetnt ich umringt von Büchern bin", heißt es in, BrantsNarrenschiss". Die Passion hat mir Erkennt- uis gebracht: zum Entschlüsse aher bin ich gekommen, als ich von »der Errichtung des Göttinger Lehrstuhls durch Professor Dziatzko hörte."

Und was meint Herr Beltetr dazu?" fragte Otto.

Jost zog sich einen Stuhl neben den Ottos und ließ sich nieder.Belten kvar selbst einmal Bibliothersassistent itf Wernigerode. Er hat mir nur zngeredet. Dieseallerneneste" Wissenschaft ist auch die umfassendste, Otto. Ich sehe von ihrer praktischen Seite ab. ich habe nur das Theoretische im Auge: Was verlangt sie alles! Kenntnis des Schrisd- und Buchwesens, der Drnckergeschichte, Paläographie, Jn- kuuabelkunde, des Stempelschuitts, der Reproduktionen, sie erfordert Beherrschung der alten Sprachen, geschichtliches Studium und philologische Gewissenhaftigkeit, sie tunspannt ein ungeheures Gebiet, sie ist in der Tat eine universale Wissenschaft. Ich habe ja vorderhand nur einmal iu sie hineinschauen, sozusagen voit ihr traschen körnten. Aber Ux \4 sind das für köstliche Wittterabende gewesen, die ich drüben in der Schloßbibliothek tnit Beltetr verleben konnte! Belten war da der Mann mit denr Dentestock, der Erklärer, der Ein- sichrer. Er versteht das meisterhaft. Er schlägt eine alds