Mittwoch, drn 22. März

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Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.^

(.Fortsetzung.)

Eine gewisse Verlegenheit zeigte sich auf Bolkos Gesicht. Onkel," erwiderte er mit unsicherer Stimme,so war es nicht. Ich habe mich vorhin wohl nur falsch ausgedrückt. Nicht von der Fürstenwürde sprach ich, sondern von dem Titel Durchlaucht. An derDurchlaucht" liegt meinem Schloiegervater. Das konnte ich beruhigt versprechen. Ver­stehst du?"

Der Herzog nickte; seine Züge wurden hart.Ich glaube zu verstehen, .Bolko. Dir hast dich ein wenig ge­wunden aus gedrückt. Du wähltest deinem Herrn Schwieger­vater gegenüber eine rabulistische Umschreibung. Er meinte den Titel Fürst und d u sprachst von der Titulatur Durch­laucht. Doch das ist deine Sache und seine. Wir müssen zu Ende kommen. Ich stelle mich auf den Boden des Gotteru- eggschen Hausgesetzes; das nruß ich als Vormund Josts. Darüber, daß du eine unebenbürtige Ehe zu schließen im Begriffe stehst, ist kein Wort mehr zu verlieren. Mer es ist richtig, Laß du hich mit Jost einigen kannst und daß der Kaiser zweifellos in Anbetracht der Verhältnisse diese Einigunjg sanktionieren wird. Wie denkt Jost über diese Frage, Herr von Velten?"

Der Kandidat erhob sich. Sein Blick traf Bolko und glitt über ihn fort durch das Fenster und durch das sich färbende 'Grün des Ahornbanms. Es lag ein eigener Ausdruck in diesem Blick, etwas Weltsremdes und Schwärmendes. Aber es war doch nur ein rasch verfliegender Glanz, ein Reflex der Seele, der im Augenblick wieder erlosch. Mit schwerer Stimme antwortete Velten:Durchlaucht, ich hätte dem Prinzen Jost gern ein persönliches Eingreifen in diese Ver­handlung erspart, ich kenne seine leichte Erregbarkeit. Mer so wie die Angelegenheit liegt und nach den Aufklärungen Seiner Durchlaucht des Fürsten Bolko traue ich mich nicht, eine Entscheidung für den Prinzen abzugeben. Gewiß er hat mich autorisiert. Wir haben oft genug über den Gegen­stand gesprochen. Wir haben unsere Ansichten ausgetauscht, Uiid ich weiß auch, wie der Prinz denkt. Trotzdem möchte ich gehorsamst bitten, ihn persönlich hören zu wollen . .

Der Herzog schaute Velten mit großen klugen Augen an: es war, als forsche er in dessen Gesicht, als suche er nach einer verständigen Antwort auf eine heimliche Frage. Dann erhob auch er sich iind reckte die vonl Sitzen steif gewordenen Glieder.

Einverstanden," sagte er kurz:haben Sie die Güte, Jost zu benachrichtigen. Herr von Velten. ..."

5. Kapitel.

Von einem Fürskwsohn, für den die Krone zu schude ist, und von näher gerückten amerikanischen Hoffnungen.

Der Besuch des Herzogs hatte die Hausordnung etwas verschoben. Während Anne-Marie an Stelle der fälligen Klavierstunde unter der Obhut von Madame ein Kapitel aus einem englischen Jugendroman übersetzte, war Jost den Vor­mittag über frei und konnte sich Otto widmen. Die beide« hatten sich in Josts Studierzimmer zurückgezogen, das dicht unter dem Mansardendach lag: eineStudentenbude , wie der Prinz sagte, ein großes behagliches Gemach, die Wände bis zur halbschiesen Decke hinauf mit Büchern tapeziert und das dreiteilige Fenster tief eingebaut. Hier stand der Ar­beitstisch des Prinzep.

Komm her, Otto, und schaue hinaus," sagte Jost. Ist das iiicht ein famoser Arbeitsplatz? Früher wohnte ich unten, nebeir dem Zimmer Aunemtes. Mer enttveder grölstte die Mie, das heißt sie sang Lieder, und du fälltest nur hören, wenn sie singt: jede Note falsch und dabei mit entsetzlicher Lungenkraft oder sie lief alle Augenblick zu mir herein, um inir eine Dummheit zu erzählen, oder sie deklamierte. Das war die Höhe der Schrecken. An die Gedichte vom alten Frnndsberg und von Kaiser Karl in St. Just kann! ich gar nicht mehr denken, ohne daß es mir ka.lt den Rücken hinunterläuft. Da habe ich mich denn hier obeii festgesetzt. Hier habe ich Ruhe und schöne Aussicht. Ist der Rundblick nicht wundesvoll?" . ^ rj ..

Otto trat an das Fenster. Der Prinz hatte recht: die Aussicht war ganz prächtig. Die Mansarde war hoch- Unten dehnte das wogende Wipfelmeer des Parks sich aus. Hre und da waren schon blaßbunte Farben über das Gri'ni ge­sprenkelt: das Rot der Blutbuchen leuchtete in dunkleni Rubin; die schwarzen Donglaskiefern reckten ihre Spitzen, über den Btantannen lag es wie Frühfrost, wie ein Schil­lern von Reif. Vom Schloß war nur eine graue Ecke zu sehen mit einem rotglühenden Fensterauge. Aber weiter- t)tu tat das ganze Tal sich auf: drüben der Götzen irn Kranze des Nadelwaldes mit den Ruinen der alten Burg: das dunkle Band der Tannenforst im Halbkreis gezogen und lichtgrün punktiert, da wo Birken die Lisiere einfaßten: die blaue Flüche des Brachsees und das steife Ziegeldach der Bnrgmülste, dahinter das Dorf in langer Kiirve bis an den Fuß des Gotzenbergs. Und über dem Ganzen ein lachni- des Blau, ein strahlender, sonnenheller Himmel, die köst­liche Lust eines klaren Herbsttages.

Fein," sagte Otto.Ach, du ich wollte .mein Ber­liner Studierzimmer böte eine ähnlick)e Aussicht! Du bist eigentlich zu beneiden, Jost. Dil sitzest in einer wnndervotleit Natur, und höchstens ein Fink stört deinen Frieden oder ein lockender Pirol. Du kann lnan scholi arbeiten! Und bu ar­beitest zn viel, sagt die Prinzessin-Schtvester. Ist das wahr? Annemarie sagt das nicht allein; auch Seine Gestrenaen Herr Behsuß behaupten es. Soll es mm wirklich ins Abi- turiunt gehen und dann kopfüber in die Germanistik?"