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Irr Unebenheiten durchzog er mit einem Korb voll Schlangen, denen er die Giftzähne ansgebrochen hatte, die Straßen Kairos und ließ die unheimlich anssehenden Reptilien zum angenehmen, Grausen europäischer Damen vor den Hotelportalen zum Klang der Pfeife tanzen. Seine Kunst gemährte ihm ein gutes Eiw- -dmmen, das er noch bedeutend dadurch zu steigern wußte, daß er einen ausgedehnten Handel mit Schlangen trieb.
Wenn die Fremdensaison in der Hauptstadt vorüber war, streifte er mit seinem Sohne nicht nur nilaufwärts durch die libysche Wüste, er kam bis hinüber nach Jerusalem und Damaskus und südwärts bis Medina. Jenseits des Suezkanals .auf der Sinaihalbinsel, in Nordwestarabien und in Syrien kannte er die Wüste wie kaum ein anderer, jeder Weg, die Lage jedes Brunnens war ihm vertraut. Man nahm ihn daher gerne als Führer bei den türkischen Trirppen an, die gegen Aegypten marschierten, und sowohl er als sein Sohn leisteten wiederholt wichtige Dienste, da sie. mutvolle, kühne Männer waren und sich, gerne zu den schwierigsten und gefährlichsten Erkundungsdiensten verwenden ließen. Bon einem Patronillenritt, den er, schon ganz in der Nähe des Suezkcw.ales, unternommen hatte, kehrte Ibrahim nicht zurück. Muhammed es Said begab sich, als einige Zeit vergangen war, auf die Suche nach dem Sohn und mud ihn in einer furchtbaren Lage. Der junge Araber war in die Hä '.de der rLngländer gefallen, hnd diese hätten ihn, vielleicht weil er sich weigerte,»als Verräter vuszutreten, in der Wüste bis an bc.i Hals cingegraben und dann verfassen. Wie lang er sich in diesem Zirsljand befand, ließ, sich nicht seststellen. Als sein Vater auf ihn stteß, war kr ein Sterbender. Das blutrünstige, vereiterte und verschwollene Gesicht war nichts weiter mehr als ein unförmiger Klumpen, von bem sich Schwärme von Mücken erhoben, als Muhammed es Said sich näherte. Erhielt den Sohn für tot, grub ihn aber so schnell als möglich ans. Dabei kam dieser für einen kurzen Augenblick zum Bewußtsein. Es schien, als ob er den Alten erkenne und als Muhammed sich zu seinen Lippen beugte, flüsterten diese noch einen Namen. O'Neill el Qattl. Dann starb Ibrahim. Ter Vater bestattete ihn in der Wüste und machte sich auf, Rache zu nehmen. Drei Tage später, als er, von Müdigkeit übermannt, hinter einem Felsen in der Glut der Mittagssonne eingeschlasen war, fanden ihn ein Dutzend Engländer, und dann stand er dem gleichen Mann gegenüber, dessen Name das letzte Wort seines Sohnes gewesen war — O'Neill el Qatil.
Die Wüste atmet Glut. Blaugrau, wie geschmolzenes Blei, wölbte sich die Kuppel des Himmels aus dem dunstigen Horizont Und hoch im Zenit flammte die weiße, erbarmungslose Sonnenscheibe, von der es wie sengendes Feuer heruntersloß. So weit das Aug ereichte, dehnte sich der gelbweiße Sand, ans dem nur da Und dort spärliche, verkrüppelte Mimosen die dünnen, stacheligen Zweige streckten, ein Glanz ging von ihm ans, der das Auge blendete und die erstickend heiße Luft schwang in zitternden Wellenbewegungen Über der endlosen Fläche. Ein kleiner Trupp von Engländern saß hinter denn gleichen schwarzen Felsblock, bei dem sie Muhammed es Said gefunden hatten. Sie waren am Verschmachten gewesen, denn sie hätten den Weg verloren. Aus dem Wasserschlanch, deu der Gefangene mit sich führte, löschten sie erst den Tiurst, und nun hielt der Offizier, der hier den Oberbefehl hatte. Gericht. Trotzig trat ihm der Araber gegenüber. Aus seinen dunklen Augen flammte die Witt, als er in das hagere mmenverbrannte Gesicht des englischen Kolonels sah, und ohne 'ich eine Sekunde zu besinnen, warf er ihm den Schiinpsnamien! ins Gesicht, den jener bei den Türken trug und mit dem seine eigenen Soldaten ihn unter sich nannten, wenn er außer Hörwette war — O'Neill el Qattl. „O'Neill der Mörder" hieß der Kolonel, seitdem man wußte, daß. er alle Gefangener!, die er machte, wie Hunde niederschießen ließ. Er zuckte nicht mit der Wimper, als der Araber ihn so anredete. Die fast farblosen, wasserblauen! Nanbtierangen sahen unter halb geschlossenen Lidern verächtlich VUf den Alten, der waffenlos und gebunden vor ihm im Sande lag.
„Du hast recht, ich bin O'Neill el Qatil," sagte er kühl, ^,Mid dn wirst mich kennen lernen. Ich gebe dir 10 Minuten Zeit mir Ucberlegung, ob du mir sagen willst, wo die Türken liegen. Verweigerst du die Antwort, so grabe ich. dich bis zum Hals, gebunden wie du bist, in die Wüste und lasse dich verschmachten."
„Wie meinen Sohn," sagte Muhammed es Said."
„War das dein Sohn? Wer bist du?" 0
„Ich bin ein Haui, ein Schiangenbändiger ans Kahira. Du wirst mich nicht morden, obgleich du el Qatil bist."
„Nicht? Woher weißt du das?" sagte O'Neill höhnisch.
„Du brauchst einen Führer zum nächsten Brunnen."
Einen Augenblick schwieg der Kolonel.
>Du kennst den Weg?" fragte er dann.
Der Hattt nickte.
„Wie heißt der Brunnen?" examinierte ihn der Offizier.
„Es ist der Birs Musa."
O'Neill war über diese Ylmtwort befriedigt. „Dorthin wollten wtr, als wir uns verirrten. In welcher Richtung liegt er?"
„Gegen Osten. Jtr einem Gewirr von Steinblöcken."
„So reiten wir dorthin ohne dicht Wir finden ihn."
Araber schüttelte den Kop-s. „Es gibt viele solche Steinblöcke überall in der Wüste. Du findest den Birs Musa nicht," sprach er bestimmt, „ich aber kenne ihn, kenne jeden Wüstenweg.
denn ich habe hier seit dreißig Jahren Schlam _
will dich zu dem Brunnen süyreü." n gesucht. Ich
Mit einem eigentümlich! lauernden Mick, der w entging, sah der Araber ihn an. Koloukl
„Gibt es Schlangen am Birs Musa?"
Der Haui kniff das rechte Auge zu und sein Mund verzog frn einem höhnischen Grinsen, während er, ohne den Frager anzUsehen, so wie er auf dem Rücken lag, gerade empor in den Himmel starrte. Tann sagte er langsam: „Nein, Herr!"
Eine Viertelstunde später brach die kleine Karawane auf, trotz der furchtbaren Gluthitze, denn Muhammed es Said trieb zur Eile. Ter Weg war weit und heute noch, wußten sie den. Brunnen erreichen. Sie hatten keinen Tropfen Wasser- niehr, der Schlauch des Arabers war leer und auch die Kamele hatten lange nicht getrunken. jSie fingert bereits an, Zeichen dev Ermattung zu geben. Ter Führer mußte mit zwei Soldaten weit vorausreiten. O'Neill el Qatil traute ihm nicht und hielt es für mißlich, daß er sie in einen Hinterhalt führte. Zwar schien die Wüste leicht zu überblicken, aber die teils vereinzelten, teils in größerer Zahl zusammengeworsenen Felsblöcke boten Gelegenheit zum Versteck wenigstens für eine Harrdvoll Leute. Tuch nirgends zeigte sich- etwas, das den Verdacht bestätigen konnte. Ohne irgendwelche Störung verlief der stundenlange Ritt. In gleichmäßigem,Jviegen- dem Trott trabten die Kamele durch die Miste. Tie Schatten würden länger und die Menschen waren von Durst und Hitze so ermattet, daß sie sich kaum mehr im Sattel zu halten vermochten, als endlich, Fitrj vor Anbruch der Nacht, der Brunnen in der Ferne auftauchte. Er war ein wirres Chaos kleiner und großer Felsen, die der Sandsturm der Wüste spiegelglatt geschliffen hatte. Sträucher, denen die Feuchtigkeit des Bodens Nahrung spendete, wucherten dazwischen. Kolonel O'Neill ließ den Brunnen sorgfältig rekognoszieren, ehe er den Leuten die Erlaubnis gab, sich in das Steingewirr zu begeben, aber es zeigte sich bald, daß weit und breit kein Mensch verborgen war. Auch einen plötzlichen Ueber- fall brauchten die Engländer nicht zu befürchten, denn man konnte von hier aus stundenweit die Wüste überblicken.
Tie Soldaten waren zum Tode erschöpft. Wie Säcke fielen sie teilweise aus b&tr Sattel, gierig schöpften sie das Wasser und tranken es, obgleich es trüb und schlammig aussah. Ter Arabech wurde wieder gebunden und neben den Brunnen in den Sand gelegte O'Neill verbot, ihm Wasser zu reichen. Eine lange Nacht hind>uvch> sollte er die Qualen des Durstes leiden, um' dann am anderen Morgen nochmals vor die Frage gestellt zu werden, ob er die Türken verraten wolle oder nicht. Muhammed es Said verzog keine Miene, als her Kolonel ihm das sagte. Zwei Wachen wurden ausgestellt, die Leute rollten die Kämelhaartücher ans, wickelten sich hinein und lagen bald alle in tiefem Schlaf.
Eine Stunde lang rührte der Haui sich nicht. Er lauschte aus das leise Knirschen, das die Schritte der beiden Wachtposten im Sand verursachten, bis er plötzlich nichts mehr davon vernahm. Dann richtete er sich vorsichtig in eine halb sitzende Stellung empor und blickte sich um. Keiner von den Schläfern, in deren Mitte er lag, rülpte sich. Mit den Zähnen löste er die Fesseln, an den Handgelenken, es war leicht, die auf der Brust zusammen- gebundenen Arme weit genug zu heben. Zicketzt knüpfte er die Stricke au den Kuöcheln ans und dann stteg er gebückt über die Schläfer hinweg, gerade ans einen etwa doppelt mannshohen Felsen zu, der dicht neben ihnen aufragte. Er kroch mühsani an den glatten Wänden in die Höhe. Droben konnte er sich überzeugen, daß drüben ans der anderen Seite die beiden Wachtposten ün Sande lagen und schliefen. Er griff in die Tasche, holte eine Pfeife hervor und begann leise ans ihr zu blasen.
Es mochte eine Viertelstunde später sein, als O'Neill el Qatil plötzlich halb erwachte. Ein leichter Stich, den er am rechten Hangelenk verspürte, war die Ursache. Mechanisch schüttelte er den Arm und er hatte den Eindruck, daß etwas von diesem herunter - siel. Aber noch war er halb im Schlummer und wußte erst nicht, wo er sich befand. Langsam kam er zu vollem Bewußtsein. Es war mondhell, sllbern glänzten die Stachelbüsche zwischen den glatten, dunklen Felsen, die violette Schatten aus die regungslosen Schläfer warfen. Tie Vollmondscherbe stand nicht hoch und neben ihr hob sich seltsam vor dem sternflimmernden Nachthimmel die Silhouette eines Menschen, der hoch ans einem schmalen Steinblock hockte. Dieser Mensch hatte die Hände zum Mund erhoben und blies eine eigentümlich glucksende, eintönige Meise. O'Neill sah das.Bild mit der etwas verwunderten, aber doch gleichgültigen Neugier des Erwachenden an, als sein Blick abirrte Und über seinen eigenen Körper hinglitt. Seltsam, es lagen Stricke aus ihm, kurze, gelbe Stricke. Sie lagen auch neben ihm Und ans den Soldaten. Jetzt fühlte er ettvas Kaltes am Halss Und dann einen kurzen, scharfen Slick. Und nun bewegte sich einer der Stricke über seiner Brust. Im Nu war er völlig wach uud stand auf den Füßen.
„Schlangen, wacht auf, Schlangen," schrie er wild, und mm, da sein Bewußtsein völlig klar war, sah er, daß es ringsum gerade zu wimmelte von kurzen, gelben Schlangen. Mit Stößen Und Schlägen weckte er die Soldaten, wie ein Irr-sinniger tastete er mit beiden Händen setti Gewand ab Und riß die Reptilien weg, aber er blutete schon aus vielen kleinere Wunden, die nicht stärker


