Onkckl, die Sachlage liegt doch so einfach! Jahrhuirderbelange Mißwirtschaft hat unfern Besitz schließlich unter Administration gebracht. Nun kann ich helfend einspringen. Ich kann die Schulden abWen und mit großen Mitteln ein neues Regime beginnen. Ich will beii Dieüst quittieren und mich mit Ernst und Eifer der Verlvaltnng der Herrschaft widmen. Das habe ich auch alles schon mit meiner Braut und meinem Schwiegervater besprochen. Mister Simpson ist ein verständiger Mann und eine praktische Natur; er hat drüben selbst große Besitzungen; ich habe tnanche industrielle Neuerung vor, die glanzende Erfolge verspricht... kurzuin, ich möchte das Erbe der Väter wieder anfbauen und ausbauen. Das Erbe der Väter, Onkel! Das klingt wie eine landläufige Phrase, aber es ist mir bitter ernst damit. Betrachte mich doch nicht immer alK den leichtsinnigen Leutnant, weil ich eine gut sitzende Krawatte und hübsche Gäule liebe! Ich sage dir, ich gehe nicht nur mit warmem Herzen, sondern auch mit sehr kühlem Kopf in diese Ehe hinein. Was soll sonst werden? Denke doch auch an die Zukunft, Onkel! Wenn wir das Letzte verlieren, wie sollen Jost und Annemarie sich durch das Leben schlagen? vLuch für sie möchte ich sorgen!...'"
Er trat vom Tische zurück und öffnete das Feilster. „Erlaubst du, Onkel? — Es ist eine drückende Hitze—"
„Hm," machte der Herzog. Cr sah dem abziehenden Zigarrenrauch nach und starrte in den Ahornwipfel vor dem Fenster. Es war ersichtlich, daß die Worte Bolkos manchen Widerklang in seiner Seele fanden, daß sie auch sein Urveil Über ihn zu dessen Gunsten verschoben. Trotzdem zuckte ev tnit den Schultern. „Mein lieber Junge," sagte er, „ich Ü-ill einmal offen sein. Ich habe deine Berlobungsanzeige fvÄtend zerknickt und in oen Papterkorb geworfen. Ja, das tat ich. Nichts ist mir greulicher, als diese Parforcejagd Mseres Adels nach dem Dollar. Pfui Deubel, das ist schandbar und schamlos— Aber gut — ich glaube dir: ich will anneKnen, daß neben dem kühlen Kops auch das warme bei dir mitaesprochen hat. Ich will annehmen, daß du esssr bist, als ich fürchtete. Ich will auch versuchen, mich in öine Lage zu versetzen. Das Hausgesetz ist imn einmal gegen dich. Aber nichts hindert dich, trotzdem für Gotternegg und für Heine Geschwister zu tun, was dich aut dünkt. Auch wenn Jost Chef des Hauses wird, kannst du mit feinem Einverständnis die Verwaltung übernehmen und das EOe der Väter, ich wiederhole deinen Ausdruck, bewahren üsth mehren. Es wird dir eine liebe Beschäftigiung .sein, und ich glaube in der Tat, du hast recht, wenn du sorgst, daß die persönlichen Neigungen Josts sich in ganz anderer Richtung bewegen... Hm_"
Es glitt ein boshafter Zug über das weiß umbuschte Gesicht. Bolko sah ihn nicht: er wandte sich hastig zurück, und ein rascher Blick streifte Velten.
Onkel," sagte er, „das, was ich jetzt anszusprechen genötigt bin, verlangt Diskretion. Bleiben Sie sitzen, Velten, wenn ich bitten darf; Sie gehören zum Hause; ich habe keiire Geheimnisse vor Ihnen. Euch beiden kann ich sagen, was mir sonst verdammt schwer fallen würde. Mister Simpson hat seine Zusage zu meiner Heirat von der Beibehaltung meines Fürstentitels abhängig gemacht. Kleinliche Eitelkeit, meinethalben. . . jedenfalls steht es so: seine Tochter soll Durchlaucht werden. Ich habe keinen Augenblick gezögert, ihnl bei meiner Verlobung die ehrenwörtliche Versicherung zu geben, daß ich meinen Titel behalten imd daß der Titel auch auf meine Gattin übergehen würde —"
Velten schnellte empor. „Durchlaucht," rief er, „die »hrenwörtliche Versicherung — ?"
Auch Herrfurth schaute auf. „Das war — unüberlegt," sagte er hart.
„Es war mein Recht!..." Das Auge Bolkos schaute fast drohend ans die beiden herab.... „Ich kenne das Haus- gesetz wie ihr. Man kann tnir die Erbfolge streitig machen, aber nicht den Fürstentitel'"
„Die Fürstenwürde hängt an der Primogenitur, Bolko. Dre Nachgeborenen sind nur Prinzen und Prinzessinnen, im zweiten Grade Grasen und Gräfinnen."
„Richtig..." ein häßliches Lächeln spielte blitzschnell um fernen Mund.... „Aber ich würde es auf einen Prozeß ankömmen lassen. Ich habe juristischen Rat gesucht. Ich kaMi die Rechte der Erstgeburt abtreten, so wert sie materieller Natur sind; ich könnte es auch nicht verhindern. Wenn Jost als Besitzer von Gotternegg den Fürstentitel am rtegmcn würde. Es würde dann zwei Fürsten dieses Namens geben; denn mir kann man diesen Titel auch nach meiner
Heirat nicht rauben. Eta Präzedenzfall aus dem hohen Mel liegt vor. Fürst Mcnffred Usingen hat ein Fräulein von Tecklenburg geheiratet; er trat zugunsten seines Bruders von der Erbfolge zurück, behielt aber seine Fürstenwürde, weil sie nicht materieller Natur war, sondern an seiner; Person hing; denn Erstgeborener blieb er auch nach Abtretung seiner Erbrechte."'
„Ich entsinne inich des Falles," sagte Velten: „er wurde durch einen Schiedsspruch des Prinzregenten von Bayern geordnet. Aber Euer Durchlaucht können sich nicht auf diese Entscheidung berufen; es wurde der Nachweis gesührt, daß die Tecklenburgs ehemals dem Reichsadel als Grafen von Soundso angehört haben — ich weiß den Namen nicht mehr. Endgültig beschleunigte auch ein privates Abkommen die Einigung. Hier liegt der Fall anders. Ihr Hansgesetz geht allerdings auf Einzelheiten nicht ein, es spricht nur von der Ebenbürtigkeit. Aber der Grundsatz der Ebenbürtigkeit haut sich nicht jaus rechtliche Vorschrift, sondern in dev Hauptsache auf die Tradition, aitif das Herkommen auf, so daß das Herkommen schließtW zu Gesetzeskraft wurde. Von dieser Auffassung ausgehend, die in der Deutung der Ebenbürtigkeit meiner Ansicht nach die einzig maßgebende ist, auch-in juristischem Sinne, würde Euer Durchlaucht sogar die Verpflichtung erwachsen, für den Fall Ihrer Ehe mit Miß Simpson den Fürstennamen Gotternegg abzulegen und dafür einen der Beinamen Ihres Geschlechts anzunehmen."
Bolko lachte kurz und heiser auf „Was nicht noch?!" ries er, und ein böser Blick traf Belten; där junge Fürst witterte in dem Kandidaten den Gegner, der auch Jost beeinflußt zu haben schien. „Zeigen Sie mir im Hausgesetz den Paragraphen, auf den Sie Ihre Ansicht gründen! Gewiß — auch mir ist bekannt, daß bei Mesalliancen zuweilen eine Namensänderung erfolgt; aber es gehen in solchem Falle immer bestimmte Vereinbarungen voraus, wie i ch sie schnurstracks ablehnen würde. Wir sind' nicht mehr souverän, trotz des erhebenden Aitels eines „Regierenden" — Sie können mir also auch nicht eine Ehe zur linken Händ Vorschlägen! Mein Gott, was ist das im Grunde genommen für ein törichter Streit! Leben wir denn in der Gegenwärt? Können wir uns nicht mit gesundem Menschenverstand über antiquierte Vorurteile hinwegsetzen?"
Der Herzog lächelte. „Sieh da, Bolko," sagte er. „Das klingt ja ganz liberal! . . ." Im Ton der Stimme war eine leichte Mocquerie unverkennbar. . . . „Nun — lieber Himmel — ich bin schließlich auch nicht verrannt in meine Feudalität und bin kein Traditionssimpel — ach nein, gar üicht — gar nicht! . . . Aber . . . ja, mein guter Bolko, es handelt sich hier einfach um Gesetz und Recht. Hm das Hausrecht der Gotterneggs, das durch die Landesgesetze anerkannt worden ist. Ich gebe dir zu: über die Notwendige keit des Namenwechsels würde sich streiten lassen, keines!- wegs aber über die Erbfolge und über den Verzicht auf den Fürstentitel. Hat dich dein juristischer Beistand anders belehrt, so befindet er sich meines Erachtens im Irrtum. Die Fürstenwürde hängt durchaus von dem Besitz von Gotternegg ab, und mit der Abtretung deiner Erstaebnrts- rechte würde auch der Tikel auf Jost übergehen, den du von da ab nicht mehr führen dürstest. Ich kann also nur noch einmal wiederholen: es war unüberlegt von dir, wenn du deiner Braut und deinem Schwiegervater die Versicherung gabst, du würdest die Fürstenwürde nicht verlieren — ja, das war unüberlegt! . . ."
Der alte Herr hob bei diesen letzten Worten einen Briefbeschwerer aus Malachit auf und stellte ihn mit hartem Aufschlag, als solle dies eine Bekräftigung! sein, wieder aus den Tisch zurück. Er nahm dabei die Zigarre nicht aus dem Münde; er paffte stark, und die grauen Ranchgirlanden zogen schiefe Schleifen um seinen Kopf und zerslatterten dann, sich in streisigen Dunst auslösend, der langsam aus dem offenen Fenster entwich.
(Fortsetzung folgt.)
vie Schlangen des Sirs Musa.
Skizze von H a n nK W o hl b o l d. /
(Nachdruck verboten.)
Als der Krieg zwischen der Tmkei und den Engländern anÄ- brach, hatte sich der^Schlangunbändiger Muhammed es Said znt- sammen mit seinem Sahne Ibrahim z-nr türkischen Armee gemeldet.


