Ausgabe 
18.3.1916
 
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lltib feinnervig. syrische Luft uud viel Milch; von jeder Vonderb ehandlung und Medizinalkuren rät der Gehe:rn- Vat ab."

Hm... Und wie denken Sie sich die Zukunft, lieber Velten_"

Durchlaucht, der Prinz ist so Hiervorrageud begabt, daß er im Frühjahr sein Abiturium glänzend bestehen wird"

Alle Achtung! Das ist um so erstaunlicher, da Sie allein sich mit seiner Vorbereitung beschäftigt Haber: und zudem immer und immer auf seine Konstitution Rücksicht nehmen mußten. . . . Wir haben Ihnen.sehr viel zu danken, Herr von Velten."

Nein, Durchlaucht, nichts. Der Prinz ist mir ein lieber, lieber Freund. . . ."

Der alte Herr reichte Velten die Hand und drückte sie herzlich.

Die andern waren zurückgeblieben; man wollte die Be­fehle des Herzogs abwarten; man wußte, daß er das liebte. Bolko hatte Annemarie zugeflüstert:Mie, jetzt nimm dir den Jost vor!"

Er will ja nicht," flüsterte Annemarie zurück;er sagt, unter vier Augen spräche er nicht mit mir; ich glaube, er weiß, was ich will: ich glaube, er hat Lunte gerochen. . . ."

Bolko unterdrückte einen Fluch. Vor der Haustür wurde eS lebhaft. Man vernahm einen Jubelruf Josts und seine hell unb fröhlich klingende Stimme. Arm in Arm mit Otto Reschke trat er in die Flurhalle; Otto trug ein Paket, vor­sichtig wie ein Wickelkiiid, an die Brust gedrückt und es fest­haltend mit beiden Händen: die Hauschronik aus der Burg- Mühle.

Bolko, kennst du den noch?" fragte Jost strahlend.

^Na, was wird er denn nicht!" rief Annemarie.

Bolko blinzelte durch sein Monokel zu Otto herüber, der sich verneigte und ihn: die Hand reichte.Herr Reschke . . . nicht wahr?"

Otto genannt," sagte Jost.Bolko, dein Monokel muß beschlagen sein. Das ist nicht Herr Neschke, sondern Otto. Derselbe Otto, der dich gehörig verhauen hat, als wir oben aus dem Götzen einmal Raubritter spielten und du ihm die Pflaumen wegnahmst. Besinnst du dich nicht?"

Nun stieg Bolko von seiner fürstlichen Höhe herab und antwortete lachend:Natürlich, Keile vergißt man nicht; aber Sie fielen mich von hinten an, Otto"

Es war in der Notwehr, Durchlaucht, und lag mir be­quemer"

Bei allem Freimut im Ton vergaß Otto nicht die Be­wahrung einer respektvollen Haltung. Aber Jost und Anne­marie erschwerten sie ihm; die Prinzessin legte ihren Arm in den Ottos, und Jost umfaßte seine Schulter. Zugleich er­schien auch Velten auf der Treppe und meldete:Durchlaucht, der Herr Herzog lassen Euer Durchlaucht bitten . ." und Jost rief:Otto, wir gehen inzwischen auf mein Zimmer. Wir haben uns viel zu erzählen. Wir wollen auch einmal eure Chronik durchstöbern. Annemie, ich sage dir, wenn du uns störst - wehe!"

Buuuh," machte Annemarie,bleib mir gewogen!"

Mit finsterem Gesicht stieg Bolko die Treppe hinauf. Er merkte wohl: Jost wollte sich nicht sprechen lassen; der nahm gegen ihn Partei. Das machte ihn wütend. Er kniff die Lippen zusammen und seine Augen wurden finster.Gut," sagte er sich in seinem heißen Grimm,tragt eure Krone weiter durch das Hungerland, ich bin kein Narr, ich wehre Mich gegen die Ohnmacht. Wollt ihr die Kugel am Fuß, so behaltet sie selbst; ich geh' meiner Wege, ich will frei sein!" Das sagte er sich, und seine Lippen schürzten sich verächtlich. Aber der Ausdruck wandelte sich, er ward anders. Es trat wieder die Sorge auf seine Stirn: und grub sich in Falten e:n. Nicht, daß es keine Freiheit war, die er suchte nicht das beschwerte ihn. Aber ihm wurde ängstlich bei dem Ge­danken, daß das erhoffte Glück ihn: entgleiten könnte, wenn man ihn zwingen würde, Namen und Titel zu entsagen.

Imalten Hause" wärest ständig zwei Räume für den Herzog reserviert, für den Fall, daß er in Gotternegg zu tun hatte. Der e:ne war das Archiv, ein saalartiges Zimmer mit Repos:tor:en an den Wänden, in denen Hunderte von Akten­stücken lagen, alte Dokumente, Lehn- und Fehdebriefe aus vergangenen Jahrhunderten, Patente und Prozeßschriften, Urkuiwen, T^tamente; man sah da vergilbte Pergamente mit ungeheuer:: Siegeln in bleiernen Kapseln, Schriftstücke auf dickem und grobem Papier, ganze Bündel von Briefschaften, zusammengeschnstrte Karten und Pläne, in Leder, Schweins­

und Eselshaut gebundene Folianten und Rollen aus Blech, in denen Ernennungsdekrete steckten, neben kostbar ausgestatte­ten Mappen für Widmungen und Begleitschriften zu Ge­schenken. In diesem weiten Raume, zwischen den Fächern der Repositor:en und Wandschränke, lag eine glänzende und ruhmreiche Vergangenheit begraben. Der Geist der Geschichte aing durch den Saal, die Jahrhunderte berührten sich. Da sprachen die Zahlen: im ersten Schranke unten links war ein Pergament aufbewahrt, und aus dem Beizettel der Registra­tur standTammo zum Götzen 1081". Das war der Ah:d- herr, mit dem die Stammreihe begann, und im letzten Schranke oben schloß sie mit einer bitteren Ironie; die Ver­waltungsberichte der Administration lagen zwischen Karton­deckeln, auch die ein fleißiger Beamter in schöner Kurrent­schrift die Worte gesetzt hatteRegierender Fürst". Das sollte Bolko sein; aber es gab nichts zu regieren. Dies Archiv war ein Mausoleum mit vielen Epitaphen. Es häuften sich die Dokumente von Geschlecht zu Geschlecht; für den letzten waren nur Rechnungen da. Die Mäuse knabberten am Pergament, per Wurm bohrte seine Löcher in die Wasserzeichen des Pa­piers; die Rechnungen blieben unversehrt und ihre Last wuchs. Das Archiv zeigte den Lebensgang des Hauses: in aufsteigender Linie von Tammo bis zur Mitte des siebzehn­ten Jahrhmrderts, und dann ging es mählich bergab. So umschloß dieser Raum ein gewaltiges Auf und Nieder.

Die Tür zum Nebenzimmer stand offen. Das war nur ein kleines Gemach, das Schlaskabinett des Herzogs- wenn er einmal nachtsüber in Gotternegg verblieb. Die Wände kahl bis auf zwei Silhouetten in ovalen Goldrahmen; ein eisernes Feldbett in einer Ecke, ein Waschtisch mrd ein langer Arbeits­tisch und ein paar eichene Stühle: das war das Mobiliar. In der Fensternische lagen zwei eiserne Hanteln und ein Wolss- fell lag vor den: Schreibtisch.

In der Tür zwischen den beiden Zimmern empfing Herrsurth den Neffen.

Komm, mein Junge," sagte er,und laß uns in Ruhe reden. Was hast du zu rauchen da? Zigaretten nee aber genier dich nicht und glimm dir eine a::. Nur ertaube,

daß i ch bei meinen Holländer-:: bleibe_" Er zog ein Etui

aus Strohgeflecht hervor, bot Velten eine Zigarre an und nahm das Streichholz, das Bolko ihm reichte. Dann hüllte er sich in Dampf und ließ sich vor den: Arbeitstische nieder, aus dem er eine Anzahl Papiere aus seines Mappe aus­gebreitet hatte.Setz dich, Bolko," fuhr er fort:Herr von Velten, hierher, wenn ich bitten darf' er zeigte auf den Stuhl neben sich.Lieber Bolko, ich muß zunächst die Frage an dich richten, ob ich die Verlobungsanzeige, mit der du mfe überrascht hast, als Urkunde aufzufassen habe. Du kannst natürlich machen, was du willst; aber ich bin als Vormund deines Bniders Jost zu der Frage gezwungen_"

Bolko saß am Fenster. Er sah blaß aus; diese Frage des Oheims war nicht mehr und weniger als eine Lebensfrage. Ein Ahornwipsel verhängte draußen das Fenster; blaßgrün glitt der Sonnenschein in das Zimmer und legte seinen Widerschein auf die)Wangen Bolkos.

Er nickte.Gewiß, Onkel," antwortete er,die Anzeige ist ein Dokument. Ich habe ihr, du wirst dich entsinnen, auch einen ausführlichen Brief folgen lassen."

(Fortsetzung folgt.)

Die drei Nahen.

Heiteres Kriegsbild von Max Karl Böttcher-Chemnitz, l ~! (Nachdruck verboten.)

Im dritten Hause rechts der Kirche wohnte der Bürgermeister Jean Malier. Er war von Beruf Eiergroßhändler und klug genug, über die seit Monaten in St. S. liegende deutsche Besatzung Freude Und Wolstgefallen zu heucheln, und er war bei seinen Mitbürgern, deren Oberhaupt er war, angesehen genug, daß sie ihm gern und willig gehorchten, und deshalb kamen Ortskommandant und Be­satzung mit ihm und den löblichen Einwohnern recht gut aus.

Seit drei Tage:: hing am Fenstersims der bürgermeisterlichen Küche ein Hase in freier Lust, ein richtiggehender, langlöfsliger Wald-, Feld- und Wiesenhase.

Zwei Tage vor Kaisers Geburtstag ritt der Herr Bataillons- sichrer inst an dem Hanse vorbei, pnd er sah den Hasen da im - kühlen Morgenwinde baumeln. Ganz kurz nur, aber auch gan­kurz gedachte er der Zeiten seligsten Friedens, da ih:n seine Frau wenn er zu Kaisers Geburtstage von der Pavoleausgabe heim kehrte, stets einen Hafen mit vogtländischen Klößen vorsetzte. Was würde man übermorgen zu Kaisers Geburtstage hier in diesem elenden Reste verzehren können.? Es war hundert gegen .eins