Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
' O (Fortsetzung.)
Beyfuß ftaitb schon vor dem „alten Danse" und hatte
neben sich, damit der Empfang stattlicher aussehe. Doch die Wirkung schlug fehl. Herrfurth wuchtete sich aus dem Wagen, nickte Beyfuß freundlich zu und sagte: „Äa, Alterchen, noch immer auf dem Posten?" — und starrte hieraus Max an, der mit bleichen Zügen und schier zusammen- gebrocheu vor Augst neben dem .Herrn Schloßintendanten seine grüne Livree schlottern ließ. Der Fürst machte große Augen und es zuckte um seinen Mund. „Wo habt ihr denn diesen Erdbewohner her?" fragte er.schiuunzelnd.
„Es ist unser neuer Boy, Durchlaucht zu Gnaden", antwortete Beyfuß ernsthaft.
Der Fürst schüttelte sich, so mußte er lachen. „Euer neuer Boy," rief er; „es ist nicht zu sagen! Junge, du iuußt dm) mal ausplätteu lassen! Kinder, wie kommt ihr aus die Idee dieses Boys! Und warum denn so grün? Er sieht ja wie eine Raupe aus, die noch nicht recht weiß, ob sie sich verpuppen soll oder nicht . . ." und als er sah, daß Maxens Gesicht sich immer ängstlicher verzog, klopfte er ihni auf die Backen und meinte begütigend: „Es schadet nichts, Grün ist eine ,ehr hübsche Farbe, kremple dir nur die Hosen iioch ^in bißchen auf und zieh den Gurt ordentlich an; du bist ein außerordentlicher Boy." Dann rief er: „Meine Mappe, Bozenhardt! — Bozenhardt spann aus; du gehst mir ilicht in den Krug, sondern lernst deine Vokabeln. Auf dem Rückweg überhör' ich dich. . .
Der Kutscher brummte: „'fehlen, Durchlaucht," und holte aus dem Bockkasten eine dick gefüllte schwarze Ledermappe hervor, die er dein Fürsten reichte; dabei briiinmte er unaufhörlich ganz leise und unverständlich vor sich hin und machte ein wütendes Gesicht.
Es waren inzwischen auch die andern zur Begrüßung erschienen. Velten und die Madame hielten sich zurück, die drei Geschwister aber umarmten den Onkel, und Annemarie küßte ihn herzhaft ab und rieft „Onkel, du hast mir ein neues Rad versprochen, wenn meine letzten drei französischen Aussätze fehlerlos wären. Frage die Madame, es war nrcht ein einziger Fehler darin. Wann kriege ich das neue Rad?"
„Kleine," erwiderte der Fürst, „es soll nie des Guten zu viel sein. Ihr habt schon einen neuen Boy. Es wird wieder vornehm bet euch. Der grüne Boy ist der Anfang. Da kannst du nicht mehr radeln, es würde sich nicht schicken. Frage deinen ältesten Brulder. Bolko, deine roten Sttefel sind wundervoll. Wie ist die Adresse deüres Krawattew- Fabrikanten? Ich will mir auch einen blauen Schlips mit gelben Tüpfelchen kommen lassen. Entschuldige, daß ich ln der Joppe vorspreche. Ich trage sie schon sechs Jahre,
aber Bozenhardt hat sie frisch gereinigt; sie riecht noch ein bißchen nach Fleckwasser, nimm es nicht übel. . . ."
Nun wußte Bolko, daß der Alte in Kriegs stimmuug war; da mußte er verdoppelt liebenslvürdig sein. Er lachte und tat so, als sei der Spott des Onkels nur ein harmloser Scherz. Er nahm ihm die Mappe ab und Stock und Hut und fragte, ob der Ohm nicht ein bißchen frühstücken wollte.
„Merci," entgegnete Herrfnrth, „nichts zu essen, aber... Beyfuß," brüllte er plötzlich, schon in der Flurhalle ide- Hauses, „Beyfuß, mir ist so, ich möchte einen KrabbelandieB wand!..
Bolko machte große Augen, und der ehrliche Beyfuß sah höchst beglückt aus. Er wisperte mit Madame, und Madame wisperte mit der Anschuß, und die Anschütz wisperte dem grünen Max etwas in das Ohr, und der grüne Max sauste faltenschlagend davon, und als er wieder zurückkehrte, trug er aus einem Teller ein großes Schnapsglas mit bräunlicher Füllung. Der Herzog, der Velten in eine Ecke gezogen hatte und mit ihm halblaut verhandelte, schmunzelte. „Kennst du das?" fragte er Bolko.
„Nein, Onkelchen—"
„Koste mal," unb der Alte gab ihm das Glas. Gehor- sanl kostete Bolko und schnitt ein entsetzliches Gesicht und begann krampfhaft zu husten.
„Herrjöses," stöhnte er, „das ist. ja eine niederziehends Einreibung—
Der Herzog lachte und schlug sich vor Vergnügen ans die Schenkel. „Eine ausgezeichnete Mischung ist das," sagte er> „das ist ein Wacholderschnaps, und es ist auch sonst noch allerlei drinnen. Aber das ist das Geheimnis von Frau, Äeyfnß; die komponiert und fabriziert ihn selbst. Es ist mein Jagdschnaps; er picht den Magen aus, wärmt gut und ist von erlösender Wirkung. Beyfuß, schickt mir mal wieder zwölf Flaschen nach Dombach!..."
„'fehlen, Euer Durchlaucht," erwiderte Beyfuß und war glückselig: denn der Herzog bezahlte die Flasche seine- „Krabbelandiewand" (so halte er den Schnaps getauft) mit baren fünf Mark, nub das war eine erkleckliche Extraein»- nähme für den Schloßintendanten von Gotternegg.
Herrsnrth schrttt mit Velten voran die breite Stein- treppe hinauf, die aus der kühlen gewölbten Vorhalle in den ersten Stock führte.
„Also, Sie meinen, jvir ziehen den Prinzen vorläufig nicht zu der Unterredung?" fragte er.
„Ich möchte mich dagegen aussprcchen, Durchlaucht. Prinz Jost muß doch noch vor Erregungen geschützt werden. Mer ich kenne seine Ansichten, und er yat mich gebeten, sie zu vertreten."
„Gut so. Es ist mir recht, daß Sie der Konferenz beiwohnen, Herr von Velten. Wie steht es sonst mit dem Prinzen? Gesundheitlich und in literis?"
„Geheimrat Vollbrodt hat ihn vor vier Wochen erst wieder gründlich untersucht, Durchlaucht. Der Prinz sei organisch absolut gesund; aber ungemein zart, blutaiM


