Ausgabe 
16.3.1916
 
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Erläuterung fei bemerkt, das; der Verfasser infolge schweren Rheu- matiSmus nicht imstande war, ohne &Ufe zu gehen.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr hieß es, die Sachen zu- sam men packen, es gehe weiter. Diesmal wurde es ein Transport von mehr als 300 Gefangenen, und die Untersuchung dauerte end­los lange. Es hatte geregnet und war herbstlich kalt geworden, der ungepslasterte Gefängnishof war mit eurem dicken Lehmbrei bedeckt, in dem man bis über die Knöchel versank. Um 12 Uhr etwa marschierte der Zug zunr Bahnhof, gefolgt von 6 La,twageir Kr das Gepäck, die Weiber, Kinder und Kranken.

An den Arrsrnarschtagen gibt es im Gefängnis nichts zu essen, auch während der Bahnfahrt nicht, dafür erhält jeder Ge­fangene für jeden Tag 10 Kopeken (etwa 20 Pf.) in bar, wovon er seine Verpflegung bestreiten muß. Privilegierte Personen, wie Herr v. S., bekommen 15 Kopeken.

Im Zuge befanden sich etwa 30 Zigeuner und 12 Chinesen, meist Weiber und Kinder, uttd ich hatte das Unglück, mit die,'eit überaus schmutzigen Leuten in demselben Wagen umhrcnd der dreitägigen Fahrt nach Samara zusamntenfein zu müssen. Die Chinesen verhielten sich ruhig und waren anspruchslos und ge­fällig. trugen auch immer eine lächelnde Mine zur Schau, jedes der Weiber hatte ein Kurd auf dem Rücken, andere führten sie an der 'Hand; nie habe ich bei ihnen Weinen und Schreien gehört. Ganz anders die Zigeuner. Das war ein quecksilbriges Volk, aufdringlich, streitsüchtig und intmer bettelnd. Selbst von den Soldaten verstanden sie Brot, Tee und Tabak zu ergattern. Unter den Weibern gab es fortwährend Streit, der zum genuß­reichen Schauspiel für die Soldaten bisweilen sogar in Tätlich­keiten ansartete. Wenn es dann gar zu toll wurde, so legten die Soldaten den schlmmrsten Weibern Fesseln an. Das machte ihnen nicht viel aus, wenn sie wieder losgeschlossen wurden, ging der Tanz von neuem los. , _

Auf der Strecke nach Samara trafen wir auf jeder Station mehrere Militärzüge, die nach dem Westen befördert wurden, es müssen mehr als hundert Züge gewesen sein, denen wir in drei Tagen begegnet sind. Die Soldaten waren in Güterwagen unter­gebracht, von denen 30 etiva einen Zug bildern: jeder Zug be­förderte also mindestens 1200 Mann. Das Militär machte einen gilten Eindruck und war augenscheinlich ganz neu feldgrau einge- kleidet. Die Verpflegung untenvegs schien gut organisiert zu sein, auf allen Stationen waren riesige Kessel mit Suppe, Grütze und auch Tee bereitgestellt. Jeder Soldat trug an seinem Gurt einen Teekessel. Das waren alles Sibiriaken, die schon mehrere Wochen unterwegs waren, meist Lttere Leute, also wohl gediente Landwehr; sie waren durchweg ernst, ich habe sie weder singen noch lachen hören. Es hieß, daß in diesen Wochen fast zivei Millionen Mann aus Sibirien uitd dem Kaukasus nach Polen be­fördert wordeil seien, und ich zweifle nicht, daß es so ist, denn meine Frau und meine Lochter^die nur etiva eine Woche später auf einer andern Strecke nach Sibirien fuhren, waren ebenfalls unendlichen Militärzügen begegnet. Das Gefühl, das einen be­schleicht, wenn man diese Menscheumassen sieht und sich sagen muß'. sie ziehen dahin, um dein Vaterland zu vernichten, kann ich nicht beschreiben, das Blut in den Adern könnte einem gefrieren.

Als wir in Samara am Abend ankamen, regirete es. Nach stundenlangem Warten auf dem Bahnhöfe und dann wieder im Gefängnisyofe, der vollständig überschwemntt tvar, hatte man tatsächlich keinen trockenen Faden mehr am Körper. Aus dem Wagen hatte ich nicht sitzen und nicht liegen können, da hatte sich meiner ein jüngeres Frauenzimmer erbarmt, das, ebenfalls total durchnäßt, meinen Kops in seilten Schoß bettete: dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Später erfuhr ich, es sei eine Kmdes- mörderin gewesen, die geistig nicht mehr ganz normal war.

Mitternacht ivar wohl schon vorüber, als endlich alle For­malitäten erfüllt waren, und ich noch auf Herrn v. S. wartete, der wieder wegen eines eigenen Zimmers verhandelte. Ehe er aber noch damit zu Ende gekommen war, befahl einer der Wächter einem Chinesen, meine Sachen fortzubringen. Mein Einspruch half nichts, ich mußte folgen. Es ging eine Treppe hinaus, der Wächter öffnete eine Tür, und trotz meines Sträubens mußte ich in ein Zimmer hinein, aus dein niir ein Dunst wie aus einer Kloake entgegenschlug^ Der Dirnirn war schon überfüllt, er ge­nügte kaum für 40 ÄLeuschm, und ich war der 79. Jedes Plätz­chen war besetzt, die Pritschen fast doppelt, in der Mitte des Zim­mers konnte inan keinen Schritt tun, überall lagen die Menschen dicht nebeneinander. Hinaus konnte ich nicht mehr, ich mußte die ganze Ruckst an der Tür, aus meinen Sachen kauernd, zu­bringen. Das war eine entsetzliche Nacht, von der Bahnfahrt übermüdet, von der Wageusahrt an allen Gliedern wie zerschla- gen, nie vorher, noch nachher habe ich mich so entsetzlich elend gefühlt wie damals.

Das Gefängnispersonal in Samara benahm sich ganz außer­gewöhnlich roh. Als ein paar kleine Schisfsjlmgen von einem onerrcichlschen schiffe, das in Feodosia be«'ch!agnahrnt worden 2?/' an J Morgen beim Wecken nicht schnell genug ansstauden, schleuderte ste der Wächter, ein riesiger Atensch, mit seinen Füßen auseinander, daß sie mehrere Schrille weit flogen. Die armen Jungen verftcurden nur Italienisch.

vermischte».

* Ein Charakterbild des Generals Pätain' Unter der Unzahl französischer Generäle, die als Führer einzelner Armeegruppen hervorgetreten sind und zumeist rasch wieder ver­schwanden. taucht mm in den Kämpfen um Verdun ein neuer Nam« auf, der bisher auch im französischen Volke fast unbekannt war: der des Generals Pötain. Von seiner Persönlichkeit enlwirst der berüchtigte Leiter der englischen Hetzpresse, Lord Northcliffe, eine knappe Schilderung. Northcliffe hat es sich nicht nehnien lassen, bei der neuen großen Offensive der Deutschen selbst in dein Haupt­quartier des Leitenden Heerführers anwesend zu fein, und er gibt einen sieben Spalten langen Bericht von den Kämpien, der nicht mir von den ihm gehörenden englischen Blättern, sondern auch vo»l der sklavisch unter feinem Einfluß stehenden französischen Presse mit größter Auszeichnung wiedergegeben wird.Wer sind die Männer, die die große Schlacht ans französischer Seite leiten V schreibt er. Laßt mich zunächst sagen, daß es junge Männer sind. General Pelain. eine der Entdeckungen dieses Krieges, der bis vor kurzem noch Oberst war, ist noch in den 50ern, und die meisten Mitglieder seines Stabes sind noch viel jünger. Man hört viel von dem Luxus, der in den Hauptqnattieren herrschen soll; ich habe nichts davon bemerkt. General Pötain trank Tee. als ich seine Gast- frenndschast genoß. Die ineisten seiner Offiziere begnügten sich mit Wasser oder mit leichtem Moselwein In der kurzen Zeit, die er sich bei Tisch gönnte, besprach der General die einzelnen Vorgänge der Schlacht, als wäre er nur ein interessierter Znsckumer. In seiner Erscheinung ähnelt er Lord Roberts, obwohl er von größerer Statur ist. Infolge der raschen Veränderungen, die die Franzosen im Oberbeichl lieben, ist sein Ausstieg so reißend schnell vor sich gegangen, daß man ihn in Frankreich wenig kennt; doll; genießt er das größte Vertrauen General JofsreS und der Regierung."

vüchertijch.

Im Kaiserlichen Hauptquartier. Deutsche Kriegsbriese von Paul Schweder, Kriegsberichterstatter. Dritter Band: Von der Wer zmn Jionzo. Mit einem Titelbilvc und Buch­schmuck von Karl^llexanderBrendel-Weimar, sowie 42 Bildbeigaben. Leipzig, Hesse & Becker Verlag.

Der Völker krieg, illustrierte Chronik seit dein 1. Juli 1914. Heft 67, 68. Preis 30 Pf. Heransgegeben von Dr. C. H. Baer, Verlag von Julius Hossmann, Stutlgatt.

- I in Kampf mit b e m russischen Koloß. Von Oskar Usedom. Leipzig' 19 6, Hesse & Becker Verlag. Hinter dem Decknamen Usedom verbirgt sich ein im Felde stehender höherer Offizier, der sich bereits als Romanschriitsicller bekannt gemacht hat- Seilie Kriegsberichte aus dein Osten sind zum größten Teil ans den Schlachtfeldern selbst geschrieben, immer aber unter dem lebendigen Eindruck des Erlebten. Das macht ihren Reiz und ihren eigen­artigen Wert ans, und das erhebt sie >veit über die Schilderungen von Schlachtenbummlern, die sich meist mit Erzählungen aus zweiter Hand begnügen müssen.

Allah i l A l l a h. Mit den Siegesfahnen an den Dar­danellen und ans Gallipoli. Bon E. Bleeck-Schlombach, Kriegs­berichterstatter im Kaiserlich Osmanischen Hailpiquartier. Ein starker Band mit vielen Bildern von Werner Godow. Gebettet Mk. l., in Leinen Alk. 2.. Verlag von Otto Gustav Zehrfeld in Leipzig. _

Magische Dreieck.

I Jn die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aaaeeennn rrsssa derart enrzutragen, daß die einander ent- fprechenden wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes bedeuten:

1. Stadt in der Rhcinprovinz.

2. Nebenfluß der Achsel.

3. Nebenfluß der Weichsel.

4. Ein Fürwort.

5. Einen Buchstaben. (Aufl. in nächst. Nr.)

Auflösung der Skataufgabe in voriger Nummer: (Abkürzungen: tr Treff, p Pique, c Coeur, car Carreau, trB Treff-Bube, pA Pique-, cD,= Coeur-Dame u. s. f.)

Im Skat liegen oarA und carK. Vorhand hat trD, trB, tr9, tr8, tr7, pZ, p8, cD, cZ, car7, Hinterhand den Rest. Verlauf des Spieles: 1. V. p8 M. p7 H. pA

2. H. cB V. cD M. c.9

3. V. pZ M. p9 H. P K

Jetzt spielt Hinterhand pB ans, worauf Mittelhand mit pD überstechen muß. Wenn versucht worden wäre, das Spiel in Earrean zu Fall zu bringen, hätte viermal Treff gespielt werden müssen, damit Hinterhand den earB los wurde. Inzwischen könnte aber Mittelhand ihre vier Carreanx gleichfalls abwetten.

Schristleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck uub Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lanae, Gießen.