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vierksam und war sehr verwundert. „I Gott bewahre," sagte er, „was ist denn das für ein Spiuathäufchen?"
Alles lachte am Tische, und Madame gab eine Erklärung ab. „Durchlaucht müssen gnädigst Gedulo haben," fuhr sie fort, „er ist noch ein wenig ungeschickt und lebt uubegrün- oeterweise in beständiger Furcht; aber er gibt sich Mühe und ist auch sonst ein braver Junge."
„Komm mal her, Grünling,"' sagte Bolko, „wie heitzt du?"
Max zitterte heftig, knickte beinahe in die Kniee und seine Aeußerlichkeit schlug überall Falten. Aber er nahm sich zusammen und antwortete, daß er Max heiße; er tremo- lierte dabei unbewußt. Bolko war sehr gnädig. Max mußte ein Glas Wasser holen; es klirrte zwar etwas auf dem Präsentierteller, aber es ging doch unter den verängstigten Äugen von Madame alles ganz gut ab. Bolko schenkte Max einen Taler und lobte ihn dann Madame gegenüber. „Einen eingefuchsten Bedienten kann man überall bekommen," sagte er, „aber nicht einen so originellen. Wo habt ihr denn die hübsche Livree her? Der Schneider leidet an Weitsichtigkeit. Es schadet nichts. Es erhöht das Augenfällige. Ich hübe noch nie einen so faltigen Boy gesehen. Jetzt kommt der Streuselkuchen an die Reihe. . .
Seine Lustigkeit steckte an. Ueber die bevorstehende ernste Aussprache siel kein Wort. Man plauderte und- lachte. Bolko erzählte mancherlei Schnurren vom letzten Manöver, von der Rennbahn und aus der Gesellschaft; er fragte auch viel: wie es beim Burgmüller aussehe, wie der Witdstand sei, ob der alte Jannasch noch lebe — er hatte hundert Fragen. Erfand, daß Jost sich trotz des letzten Anfalls sehr erholt habe; er sagte Velten Komplimente und der Madame ein paar schmeichelhafte Worte. Dabei trank er drei Tassen Milchkaffee. Er verhehlte, daß der Kaffee nach irgend einein Zusatz schmeckte, er sagte, der sei ausgezeichnet; aber die Krone des Frühstücks sei doch der Streuselkuchen. Dann bot er Belten eine Zigarette an, lehnte sich behaglich in den Garten- stuhl zurück und blies den aromatischen Rauch in die Luft.
Velten sprach nicht viel. Er ließ sich auch nicht täuschen. Er spürte wohl, wie stark die innere Unruhe war, die den Fürsten beherrschte; er war selber unruhig und zerstreut. Er fürchtete für Jost. Jost hatte ihm freilich zugesagt, die Ordnung der FamUienangelegenheit ganz seinem Ohm tzerr- surth zu überlassen; aber es war möglich, daß der Herzog bei der Aussprache die Anwesenheit Josts wünschte. Und Velten kannte die Ansichten seines jungen Freundes und die nervöse Reizbarkeit Josts. . . .
Annemarie hatte ein Stück Brot zerkrümelt und warf es den Boßeln hin. Die schienen mir darauf gewartet &u Mben Sie flogen zwitschernd herbei; Schwarzdrossel und Amsel hielten sich in schüchterner Ferne, die Spatzen waren zutraulicher, und ein dicker Star ließ sich dicht zu Aune- Füßen nieder und pickte die Krumen aus dem Kies. Ein heitzer Tag zog herauf. Schvn jetzt in der Frühe wurde ^e Sonne lästig Ter laue Morgenwind hatte sich gelegt, die Blatter hingen bewegungslos, die gelbeii Sonnenblumen karrten nt steinerner Ruhe nach ihren: Idol. Ueber den chmalen Fußweg zog ein Ameisenschwarm; es war ein .Z^^r.Faden auf gelbem Grunde. Eine Eidechse huschte chnellfußig über den Sockel des Denksteins für die selige Diana, die maii eines Morgens an dieser Stelle tot vor-
^ a ^ em sie fünfzehn Jahre lang eine treue Begleiterin ihres Herrn gewesen war.
i.nd (L anb deyfuß in strammer Haltung
und meldete: „Durchlauchr zu Gnaden, Seine Durchlaucht der Herr Herzog fntb soeben in den Park gefahren."
4. Kapitel.
Mx Verzog von Emskirch fährt mit seinen: Vokabelkutscher vor und eine ernsthafte Unterhaltung beginnt.
ir L 1n ^iner an, daß dies ein Herzog war. Er o!*° x 6 Ll lc ^ aug dein Titel, den ihn: die Huld des
Landesherrn bei Gelegenheit des sünfhmidertjährigen Besitz-
SÄÄ Emskirch verliehen hatte, und liebte ??!?s5nn m den Berichten seiner Untergebenen der Herzog €trtem Jilgdwagen fuhr er durch den
von. Gotternegg, einem närrischen Vehikel, über das Eisenstangen ein Baldachin von grauer Lein- wand als-Sonnenjchuv spannte. Der Wagen schaukelte stark, und wer ans dem in Riemen hängenden, hart gepolsterten " S'tze thronte und nicht mit der Eigenart des Ge- vertraut war, der pflegte unsanft in die Höhe zu piegen, wenn es einmal quer über die ausgefahrene Laichs
straße oder iur Walde über allerhand WurzefMrk gingt; Mer Fürst Herrfurth hatte das gern. In seinen Remisen; stand ein stattlicher Wagenpark, doch der alte Herr bevorzugte gerade diese schlecht federnde Jagdkarrete, die er sein« Digestionskutsche nannte, weil die schwedische Gymnastik, die sie von ihrem Insassen erzwang, seiner behaglichen Körperlichkeit lvohltat.
Born saßdder Kutscher, ein ganz alter Manu mit weiß- grünem Schnauzbart und einer Nase, die mehr blau als rot war: Bozenhardt, der Leibkutscher des Fürsten. .Hinter ihm schwankte der Fürst auf einem Riemenbrett hin und her und freute sich jedesmal, wenn der Wagen über eine Wurzel ging und in allen Gruudsesten erzitterte: er hatte solche, dew Nerven zuträglichen „Schreckwirkungen" gern. Er war ein dicker Herr, über die sechzig hinaus, aber kernfest mtö erz- gesund. Das braunrote Gesicht mit den Hellen fröhlichen Augen umflatterte ein weißer Backen- Ulid Kmnoart, und! auch unter der Nase saß ein kleines Bärtchen, das war aber pechschwarz gefärbt, und seine zu scharfen Spitzen gedrehten Enden dräueten empor. Er trug eine Jagdjoppe und ein unscheinbares grünes Hütchen und uralte Handschuhe; sie' mußten früher einmal braun gewesen sein, jetzt wäret: sie von unbestimmtem Dunkel, und an dem Daumen des rechter: war eine Naht geplatzt; das war schon vor -acht Jahren geschehen und es blieb so.
Nun hätte man diesen greisen Junker aber einmal bei festlicher Gelegenheit sehen sollen: im roten Rock der Johanniter, bei denen er die Würde eines Kommandators bekleidete, oder als Generalmajor, oder in seiner goldstrotzeiv, den Uniform als Oberschenk des kaiserlichen Hofhalts. Da sah der riesige Mann anders aus, der übrigens auch Ehrendoktor der Breslauer Universität war und nebenbei den Titel eines Paschas führte, weil er in jüngeren Jahreii einmal nach der Türket kommandiert worden war. Zu Hof kam er nur noch auf allerhöchsten Befehl; seit den: Tode seiner Gattiil hielt er sich ganz zurück und wohnte auf einem Jagdschlößchen, eine Fahrstunde von Gotternegg entfernt, während er die Verwaltung von Emskirch seinem ältesten Sohne,'dem Prinzen Emil, überließ, der seit drei Jahren mit einer Gräfin Hoteck vermählt war. Eilt zweiter Sohn, Graf Harro (die Nachgeborenen des Hauses führten den Gvasentitel), war der Botschaft in London attachiert; die einzige Tochter hatte eilten kaukasischen Fürsten, Bura-eddin- Bey, geheiratet und lebte in Petersburg oder auf den Besitzungen ihres Gatten. Da war denn der Fürst ein Einsamer geworden mit) fühlte sich doch nie einsam. Er war ein ganz seltener Mann. Schweifte er nicht, ein gelvaltiger Nimrods durch Wald und Feld, so saß er daheim und studierte —• Theologie. Er war im Leben ein schlechter Sprecher, aber er las fließend die Altlateiner, er verstand Griechisch, und in den Werken des Ehrysostomos und des Gregorios von Nazianz wußte er gut Bescheid. Ein seltener Manu war er; nahe der Sechzig hatte er, Zweifel zu lösen, die ihm doch nicht genommen wurden, noch einmal die Universität besucht. Er war von naiver Frommgläubigkeit und dabei ein tüchtiger Forscher, der auch einmal eine Broschüre über gewisse Jrrtümer in der Auslegung der Kirchenvater durch Jstdorus Hispaniensis veröffentlicht hatte; er war sparsam bis zum Geiz und hatte eine lockere Hand für die Wissenschaft — gar nicht für die freien Künste — und für wohltätige Bestrebungen; er konnte wie ein Lacedümonier leben und verstand sich mit seiner Zunge auf Küche und Keller. Er war ein Erzgrobiau und doch wieder weich wie ein Kind. Er prügelte Bozenhardt eigenhändig, wenn der Alte zu viel über den Durst getrunken hatte, und las ihm als Strafverschärfung drei Stunden lang etwas aus einem lateinischen Breviarium vor, und wenn eine Bäuerin krank lag, brachte er selbst ihr eine Flasche Bordeaux zur Kräftigung und setzte sich an ihr Bett. Er war ein warmer Menschenfreund und doch auch wieder ein Feind der Menschen; er war liberal in seiner Weltanschauung, dabet ein starrer Legitimist und eilt Paladin des Gottesgnadentums. So war er, der erste Herzog zu! Emskirch und vierte Fürst von Herrfurth, Otto Graf und Herr der Stadt rund Grafschcht Beissel und Freiherr von Gro- brtz, auch Herr auf Burg Ellern nebst Dombach und noch etlichen Schlossern und Dörfern. Mer er trug nichtsdestoweniger einen Handschuh mit geplatzten Nähten und fuhr lieber in seiner Diaestivnskutsche als vierelang in derStaats- karosse mit dem Wappen seines Geschlechts.
(Fortsetzung folgt.)


