Sekunde hoch über dem Gischtschweist der Schrauben mrd stürzte dann breit aus die Wetten, dre türmend und versinkend über ihm
& ^ Ter Fimmel war zerrissen. Ein kupferfarbener Mond beleuchtete düstere Wolkenfetzeri.
Tie Wachtlicht-er an Backbord und Steuerbord, die sonst wie ein rotes und grünes Mge die Tampfer begleiten, waren wegen! der Kriegsgefahr auf See völlig abgeblendet. Ter Scheinwerfer in zweidrittel Höhe des Bordermastes starrte dunkel und blind in die dicke Finsternis. Tie Passagiere fasten und lehnten mit schützend zum Festhalten austzebreiteten Armen im Schiffssalon. Sie fliesten an die Wände, an die Tische und Ecksofas und folgten mechanisch jeder Bewegung des schvankenden Bodens. Die an die Decke geschraubten, mit dunklen Gazeschleiern sorgsam umhüllten Elektrizitätskörper zitterten unter der Erschütterung über bleiche Gesichter, tastende oder geballte Hände. Die Luft war ungefüllt von der verdunstenden Nässe der Tücher und Mäntel, vom Ledergeruch der Reisetaschen, von muffigen Samtbezügen, Möbelholz und Dumpfigkeit.
Frau Choiseul säst ängstlich in eine Ecke gelehnt. Sie hielt auf den Knien eine tteine braune Reisetasche, die sie krampfhaft mit beiden Händen umklammerte. Neben ihr hockte in höchst unbehaglicher Verfassung die knochige Gesellschafterin. Und die vier klugen der beiden Damen waren starr auf die tteine brauna Reisetasche gerichtet. Frau Choiseul reiste nach England. Ihre Tochter hatte sich mit dem Sohn eines reichen Brauers in Edinburgh verheiratet. In der dicken kleinen Tasche aber befanden sich sämtliche Schmucksacheu, Gelder und Wertpapiere der guten Dame. Denn in diesen bösen KriegM-eiten nimmt man am besten seinen, ganzen Besitz gleich persönlich mit, wenn man von einem Land in das andere übersiedelt.
Der Schiffösalon schränkte fürchterlich, Frau Choiseul drohte vom Sofa zu fallen, und cur histerisches Mädchen kreischte laut auf, dast sicherlich ein Unterseeboot sie alle erbarmungslos versenken würde. Mer es wurde keinerlei Angriff gemeldet, und Frau Choiseul glitt auch nicht von dem gepolsterten Bänkchen, da ein Herr zu ihrer Rechen sie int letzten Augenblick ritterlich roieder aufrichtete.
Es war ein sehr liebenswürdiger Herr, breit und freundlich, mit leicht ergrautem Haar und roten Backen. Frau Choiseul dankte, die knochige Gesellschafterin grinste, wie ihr das in solcher Lage als ihre Pflicht erschien, und man kam bald in ein Gespräch, soweit das Unwetter dies gestattete. Der Herr war Engländer, er reiste auch nach Edinburg, wo er ein grostes Exportgeschäft besäst. Er beglücknmnschte Frau Choiseul zu der Heirat ihrer Tochter, sprach vom Kriege, bemerkte, dast Frau Choiseul in dem Gedränge einer so abenteuerlichen Reise auf ihre Effekten gut achthaben solle (ach ja, seufzte die Dame, die Tasche hier ser besonders wertvoll, darum lasse sie sie nicht aus den Händen), er streifte dos Thema der U-Bootangriffe und meinte, dast die Zeppelingefahr viel schlimmer sei. Und derweilen rüttelte imd stiest das verdammte Schiff schwingend weiter, als sei es selbst von der Seekrankheit befallen.
Endlich war die Einfahrt des englischen Hafens erreicht. Man, drängte an Deck, glücklich, den dämonischen U-Booten für diesmal entronnen zu sein. Ter „Coldrig" bäumte sich ein letztes Mal. Der Sturm heulte auf und verhallte im Echo der Küste. Schwarze, triefende, gezackte Felsen wuchsen aus dem Wasser. Die salzige Luft wurde wärmer, eS roch nach Tang und Teer. Ein heftiger Stoß ging über den Rücken des „Coldrig". Tie Maschine stand still. Das Schiff senkte sich seitwärts und trieb dann schaukelnd an die Mole.
Tie langen Waggons des' Zuges nach London, der auf den: Bahnsteig am Hafen lvartete, wurden erstürmt. Mit Hilfe des freundlichen Herrn mit den roten Backen wurden Frau Choiseul, die knochige Gesettschafterin imd die tteine braune Reisetasche in einem Abteil verstaut. Ter freundliche Herr zog schnell die Türe des Abteils zu, so dast man gemütlich attein blieb. Gedämpft tönte der Abfahrtriller, die Kuppelungen der Wagen ächzten knirschend unter der plötzlichen Anspannung, die Wcllblechwand des Bahnhofs glitt vorbei und der Zug dampfte die finstere! Strecke hinaus. \
Frau Choiseul setzte die Tasche zwischen sich und die Gesellschafterin, lehnte den Rücken gegen ein mitgebrachtes Luftkissen und faltete die Hände. Die Gesellschafterin lehnte steif da, hager und trocken. Der freundliche Herr fast den Damen gegenüber, tue dicken Hände auf die fleischigen Schenkel gelegt.
Da trat der Schaffner ein, überzeugte sich davon, dast die Gardinen an den Fenstern herabgelassen waren — wegen der Zeppelingefahr —, und liest auch an der Gaugtüre die Gardine herab.
Die Schienen knarrten unter den Wagen. Es »var ein eintöniges Klappern und Wiegen.
So fuhr man eine halbe Stimde dahin und ein liebenswürdiges Reisegespräch war wieder im Gange. Der fremidliche Herr erzählte und sprach allerhand, und auch Frau Choiseul blieb nicht schweigsam. Allmählich aber zeigte her Herr eine merkwürdige Nervosität. Er wurde imruhig, ermannte sich, verlor wieder die Beherrschrmg und schielte manchmal beängstigend nach den verhängten Fenstern. Einmal verstummte er sogar mitten in einem Satz ÜMd neigte das Ohr, als lausche er einem dröhnenden Geräusch,
Tie beiden Damen wurden von dieser Unruhe anaesteckt, und bald ftagte auch Frau Choiseul nach dem Grunde des sonderbaren Verhaltens.
Der freundliche Herr wich zuerst jeder Frage mit einem erkünstelt ruhigen Lächeln aus, bis er schließlich eingestand, daß der Gedanke an einen Zeppelin ilM keine Ruhe lasse. Er berichtet« von den Schrecken der letzten Zeppelinangrifse, erzählte snrchthare Einzelheiten und schilderte, wie zwei Schnellzüge in voller Fahrt von Zeppelinbomben vernichtet worden waren.
Frau Choiseul schauderte bei diesen Erzählungen am ganzen Leibe, und die knochige Gesellschafterin wurde noch dittmcr vor Angst.
Eine Weile fuhr man schweigend dahin. Dann seufzte der freundliche Herr plötzlich tief auf:
„Ach ja," stöhnte er, „das wäre entsetzlich . . . .
„Was?" stiest Frau Choiseul zähneklappernd hervor. „Nun, wenn einer jetzt über uns käme, ein . . . ein . . . Zeppelin! . .
„Mein Gott!" lispelte Frau Choiseul, „wäre das möglich?"
„Leider ja," erwiderte der freundliche Herr bettommen. „Oder glauben Sie, dast diese Deutschen auf uns Rücksicht nehmen! würden?"
Beklommenes Schweigen. Dröhnend ratterte der Zug durch die Nacht. *
„Hören Sie?" . . . rief der Herr plötzlich, heftig atmend^ „dieses Sausen! . . . Ist. das der Wind, oder . . . ."
„Herr im Himmel," stöhnte Frau Choiseul, „ich glaube, ich höre es! Es must der Wind sein . . „sagen Sie, daß es dev Wind ist! Ach Gott, es kann nicht sein, es darf nicht sein!...
„Es kommt näher," keuchte der Herr. „Ta, da ... es saust und knattert. Wie Motore, wie Schrauben in der Luft. Propeller ..."
Frau Choiseul wimmerte und lehnte sich an die harten! Knochen der zitternden Gesellschafterin. „Jetzt, jetzt," rief der Herr, „ich höre es ganz deutlich — kein Zweifel mehr möglich . . ." Er stürzte an eines der Fenster, lüstete ein wenig die Gardine, blickte hinaus, wich mit einem Satz zurück und murmelte mit heiserer Stimme: „Da ... da ... ein Zeppelin! . .
Die Frauen wimmerten und schluchzten.
„Die Lampe," rief der Herr, „die Lampe kann uns verraten!
f ort mit dem Licht!" Er sprang aus die Sitzbank und drehte die ampe des Abteils aus.
Der Zug fnatterte dröhnend über die Gleise.
Frau Choiseul war einer Ohnmacht nahe. Sie hörte nur wie aus weiter Entfernung die abgerissenen Worte des Herrn, fühlte ein entsetzliches Sausen im Kops und in den Ohren und empfand einen Augenblick einen Stoß gegeir die Seite.
Dann war alles still. Der Herr gab keinen Laut von sich. Nichts regte sich in dem stockdunklen Abteil.
Da erhob Frau Choiseul sich zitternd von ihrem Platze. Sie bat den Herrn, sie zu stützen, fragte, ob der Zeppelin vorüber sei. Aber nichts antwortete ihr, als das .Angströckieln der Gesellschafterin. Mit schwachen Knien wankte sie nach der Türe und schob sie zurück. Mildes Licht strömte aus dem Gang in das Abteil. Anc Ende des Wagens standen einige Leute rauchend, im ruhigen Gespräch. Nichts war los, absolut nichts. Keine Unruhe, keine Bomben, von Zeppelinen keine Spur.
Aber als Frau Choiseul in ihr Abteil zurückkehrte und mit ihrem Schirmgriff mühsam die Lampe wieder angedreht hatte, sah sie, daß der freundliche Herr fort »var. Und auch die kleine, braune, kostbare Reisetasche war verschwunden. Entsetzt säst die Gesellschafterin neben dem leeren Platz, hager und knochiger als je..
Die deutsche Mode.
Ueber diese augenblicklich sehr zeitgemäße Frage, deren Lösung gegenwärtig von vielen deutschen Frauen und Männerm versucht wird, plaudert Dr. Georg Teecke in der jüngsten Nummer des „Vortrupp" (Verlag Alfred Janssen, Hamburg) in anziel^euder Weise, indenr er zunächst zeigt, wie es möglich geworden ist, di« deutsche Kleidung unter den Zwang der Mode des Auslandes zu stellen. Er macht zum Schluß dann die nachstehenden beachtenswerten Ausführungen:
Wer eine derrtsch« Mode schaffen will!, der schaffe erst die deutsche Frau dazu, der mache, daß das Bild der deutschen Frau rein und groß und mäck-tig über unserem deutschen Baterlande ausgehe! Wer deutsche Frauen kl e i d u n g schaffen will, der schasse erst eine deutsche Frauen k u l t u r, der befreie und festige die deutsche Fraueir- seele, denn das Kleid verhüllt zwar den Körper, aber! die Seele soll cs dar stellen in einem würdigen und schönen Bilde. Ter mache diese Frauenseele zum Urbilde deutschen Wesens und zum edelsten Urbilde weiblichen Wesens aus 'der Welt, dann wird ihr Kleid die Frau und die Welt beherrschen.
Alles andere findet sich von selbst, denn alles andere sind äußerliche Schwierigkeiten, die entivedcr längst erkannt und gelöst sind, oder die inan binnen kurzem zu meistern lernen kann. Aber wohlgemerkt: die Massenfitggestion, jenen Zwang und Zauber, von dem ich sprach, werden »vir nicht entbehren können, und man bedenke, dast das Eigentteid mit all seinen erwünschten imd ver-, ständigen Rücksichten aus die Gesundheit mrd Gestalt der einzelnen Trägerin z»var der Ausgangspunkt, aber nicht das Ziel einer neuen Mode, sein kann. Gott bewahr« uns! übrigens vor den


