Ausgabe 
15.3.1916
 
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in dieser fürstlichen Einsiedelei? Er ist innner noch ener Mentor. Hat meine Wahl vor ihm wenigstens Gnade ge- Wnden?"

Annemarie zuckte mit den Schultern.Frag mich nicht aus. Sie sprechen nie von dir, wenn ich dabei bin. Es ist eine ewige Geheimnistuerei. Nun steh auf, Bolko. Wir Worten alle mit dem Frühstück auf dich, und ich habe einen Hunger zun: Umfallen. Die Anschütz hat Streuselkuchen ge­backen, und der Burgmüller hat eine Wabe Honig geschickt. Mach, daß du aus der Klappe kommst!"

Sie ging zur Tür und öffnete sie. Draußen stand Dey- fuß, im Begriff einzutreten. Er verbeugte sich vor Anne­marie und verbeugte sich dann vor dem Mrstenbett und fragte mit seiner wie verrostet klingenden Stimme:Be­fehlen Euer Durchlaucht vielleicht, daß ich Euer Durchlaucht behilflich bin?"

Guten Morgen, redlicher Beyfuß," ries Bolko zurück. Ich danke. Wobei behilflich? Beim Anziehen? Beyfuß als Kammerdiener, nein, das geht nicht. . ." Er war wieder in bester Stimmung, sprang aus dem Bette und lief in seinem langen seidenen Nachtrock, fast mädchenhaft ausschauend, zur Badewanne. . . .O Beyfuß, wenn Gott will und das Ge­heim kabinett und Koburg-Gotha und der Prinz Jost und noch jemand, dann werden auch für Euer Exzellenz wieder bessere Tage kommen! Neues Leben soll aus den Ruinen erblühen, und mein lieber Schloßintendant wird die alte Glorie wiederfinden und neue Hosen nebst einen: Frack mit gesteppten Nähten. Beyfuß wird wieder Beyfuß werden. Beyfuß wird zahlreichen Dienern befehlen können, das Schloß wird sich auftun, oben wird die Fahne flattern und unten kochen zwölf Köche eine Suppe von Schwalbennestern. Beyfuß, es wird glänzend. . . ." Er warf alles, was in der Gummiwanne lag, auf Stichle, Sofa und Bett und füllte die Wanne mit Wasser. . . .Beyfuß, ich komme nachher hinüber ins Schloß, ich muß Ihrer Frau Guten Tag sagen. Jetzt will ich baden. Halt! Ich nehm' doch Ihre Dienste in Anspruch. Nicht als Fürst: als Mensch von reinlichen In­stinkten. Ich bin bereit, mich bei Gelegenheit zu revanchieren. Nehmen Sre mal den großen Schwamm und tauchen Sie ihn in die Wanne und berieseln Sie meinen Rücken wollen Sie?"

Ob tBehfuß wollte! Er atmete erst tief auf: ein so ehrenvoller Auftrag war ihm lange nicht geworden. Dann kan: noch eine tiefe Verneigung und dann griff er vorsichtig nach dem Schwamm, mit höchstem Respekt und steifem Arm und auch mit einer gewissen Feierlichkeit, als handle es sich um die Zeremonie eines Großen der Krone beim Lever Lud­wigs des Vierzehnten.-

Hinter den:alten Hause" hatte das ehemalige Rentamt einen kleinen Garten. Den hielt Madame Balfour in Ord­nung. Hier war alles blank, sauber und zierlich. Eine Ra­batte war mit blühenden Astern gefüllt; in der 'Mitte standen sechs Sonnenblumen und wiegten die Köpfe mit den großen gelben Gesichtern hin und her. Die schmalen Wege waren mit Kies bestreut, und die breiten grünen Blätter abgeblühter Rhabarberstauden faßten sie ein. Aus dichten: Gebüsch von Flieder, Veigelein und Spireen erhob sich ein Sandsteinpostament kn Sechseckform, darauf stand der NameDiana"; eine Jagdhündin des seligen Fürsten lag hier begraben. Dicht an der hinteren Ausgangstür des Hauses war unter zwei alten Kastanien der Frühstückstisch gedeckt. .

c> fil*9 beute förmlicher zu als sonst. Die Anschütz, d:e W:rtschaftsman:sell, stand in weißer Schürze neben dem Tische, zun: Bedienen bereit. Drei Schritte von ihr befand sich noch ein Domestik in kläglicher Haltung. Es war dies ein Junge von etwa vierzehn Jahrei: und hieß Max und war der Sohn des verstorbene!: Nachtwächters aus den: Dorfe; der war gutspslichtig gewesen, und die Herrschaft hatte für den Jungen zu sorgen. Run war Max von der Anschütz zu allerhand Botengängen, auch in der Küche für das Abwaschen und ähnliche Dienste anaestellt worden. Aber die Anschütz war streng, und Max leb'te in ewiger Angst. Heute kan: er aus einer ständig zitternden Bewegung nicht heraus. In Rücksicht auf etwaigen hohen Besuch hatte die Anschutz versucht, ihn im Servieren zu dressieren, mit un­säglicher Mühe, mit Kopfnüssen und Eierkuchen, gute,: Wor­ten und herber Kritik. Und jetzt sollte die Probe auf das Exempel erfolgen. Beyfuß hatte eine alte Livree heraus- gesncht; sie war alt, aber hübsch, grün mit vielen goldenen Kugelknöpfen, und war die kleinste unter den vorhandenen

gewesen. Dennoch paßte sie Max nicht recht. Max war ein winziges dürres Kerlchen, und hatte Madame auch eigeiv- härchig die grüne Jacke eiugenäht und die Beinkleioer ver­kürzt, es schlotterte doch in eigentümlicher Weise um Max herum, es gab unzählige Falten und es gab nirgends einen rechten Anschluß. Man hatte dem neuen Galonierten eüv- geprägt, er solle keine Furcht haben' er wöge Seiner Durchf- laucht nur ruhig, freundlich und sest in das Gesicht schauen- und wenn Seine Durchlaucht ein Glas Wasser befehle (was unwahrscheinlich war; doch dies Glas Wasser gehörte zu den Hebungen), so dürfe seine Hand nicht zittern. Aber Max hatte trotzdem entsetzliche Furcht; nicht nur seine .Hand zitterte: der ganze Max zitterte und das blonde Kurzhaar sträubte sich förmlich, nick) wenn Mamsell Anschütz ihn: einen auf­munternden Blick zuwarf, so erschauerte er ganz leise.

Madame Balfour ordnete auf dem Frühstückstische eine Blumenvase. Sie glich einem Porträt aus der Zopfzeit. Das freundliche alte Gesicht rahmten zwei falsche Löckchen ein, die in drei Ringeln von ben Ohren herabhingen und in ihren Schwingungen die seelischen Bewegungen ihrer Trägerin zum Ausdruck zu bringen pflegten. Sie erzitterten nervös, wenn Madame böse war, und sie pendelten bei heiterer Gemüts­verfassung anmutig hin und her. Sie waren für respektslose Leute im Hause auch ein vortreffliches Barometer; dem: stand Regen bevor, so zeigten die Löckchen eine auffällige Tendenz, spiralförmig zusammen zu schnurren, während sie sich bei anhaltender Dürre lang streckten und sie bei Gewitterluft etwas Hüpfendes bekamen.

Für Annemarie waren diese Löckchci: Madames eine Fundgrube für allerhand kleine Ungezogenheiten. Im übri­gen liebte die Prinzessin ihre alte Erzieherin, als sei es ihre Mutter. Madame Balfour war eine Schweizerin und hatte die Kinderfrau Annemaries abgelöst. Als der alte Fürst ge­storben war und der Verfall begann, ,var sie geblieben und hatte die Führung des Haushalts übernommen. Es war für diese verarmte Fürstenfamilie ein großes Glück, daß sie in ihren drei Getreuen eine feste Stütze besaß. Velten und die Madame leiteten auch den Unterricht der Kinder, und beide waren vorzügliche Pädagogen. Beide hatten mit dem Leben nach außen hin abgeschlossen; sie hofften und erwarteten nichts mehr; aber es war keine stumpfe Resignation: die Liebe zu Jost und Annemarie gab ihnen Ersatz für manchen Fehlschlag und viele Entsagungen. Es war ein großes Glück für das arm gewordene Geschlecht, diese drei, die in seltener Opferwilligkeit eine Bergeslast auf ihren Schultern trugen; und wie hoch dies Glück anzuschlagen war, das wußte, tat er auch anders, keiner besser als der Fürst von Herrfurth, Her­zog zu Emskirch, derAlte vom Berge", wie Jost ihn nannte, Fürst Rübezahl", wie Annemarie ihn hieß, der Oheim und Vornrund der beiden.

(Fortsetzung folgt.)

Achtung, Zeppeline!.

Bon Alsr ed Bratt.

(Nachdruck verboten.)

Ter Hasen von Boulogne war abenddunkel, regnerisch undi voller Nebel. Die Meiseirden, die dem Pariser Zug entstiegen waren und die endlose, peinlich genaue Untersuchung in der englischen Agentur über sich hatten ergehen lassen, drängten, die Passier­scheine der Regierung noch in den Handel:, nach dem schmalen Landungssteg, der an Bord des England-DampfersColdrig" führte. Auf dem schlüpfrigen, von heftigen Sturmstößen i'iber- jagten Teck rumorte ein erregtes Durcheinaiwer, das aber durch ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit in seinem Lärmen dämpft wurde. Es wurde in verschiede:^: Sprachen gesprochen­hauptsächlich englisch und französisch, und hier und dort erklangen in den Unterhaltungen die schnell hingemurmelten WorteUnter­seeboot" undZeppelin" . . .

Tie geölten Tamvinden drehten sich lawlos, der Propeller schäumte auf f nick> ohne Signal glitt derEoldrig" in die See, die ihn in eurem jäh entfachten Sturm wütend mit sich fortrilß Bor dem scharf schneidenden Br:g sprang das Wässer in rasenden! Schaumwirbeln hoch, die sprudelnd abglitten und zu beiden Seiten deS Schiffskörpers siedend in die eilende Fahrtrichtung zurtlch- flossen. Ter Sturmton johlte um' die Antenne:: des drahtlosen Telegraphen: er fuhr wütend in die schwarze Höhlung des Schlotes- aus der ihn: dickguellender Rauch entgegendrang: er platzte mit krachendem Hall an der glatte:: Holzwehr der Kommandobrücke: er jagte sprlchend über das Teck; er fünfte rüttelnd um die luftdicht verschlossenen Luke:: an den Bordwänden; er knatterte am Heck- Während er ohnmächtig das Fahrzeug vvranfliehen ließ, eine