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fällig, er kriegt auch noch 'was. Mer nicht viel. Es ist ein Kreuz. Die Blumen für Lilian kosten ein Vermö-gen Meine süße blonde Li-lian! Eigentlich ist sie rot, tizianrot — es ist sicher echt. Aber der Vater? Aber der Vater! Warum ist er immer so schlecht rasiert? Sein Geschäft ist anständig — Stahl und Eisen, das klingt, das ist anständig. Es hätte schlimmer sein können. Der Schwiegervater von EgonRaczyn macht in Schmalz, der von Karl Leuchsenring ist Hanpt- aktionär von Monte Carlo. Wenn Onkel Herrfurth nur vernünftig sein wollte! Es gehr ja gar nicht anders. Jost als Chef des Hauses ist undenkbar. Diese rote Tapete macht mich noch verrückt — und gestern abend: das dünne Bier zu dem Zitronenauflauf! Der Auslauf war auch klütrig; die' An schütz kocht miserabel . . . ."
Er fuhr nnt beiden Beinen aus dem Bett, aber zog sie rasch wieder unter die Plumeaus. Es klopfte an der Tür; »wer kleine Fäuste hämmerten dagegen, und draußen rief Annemarie: „Bolko, Faulpelz, bist du noch nicht aus?!"
„'Morgen, Mie!" rief der Fürst heiter zurück.
„Kann ich herein, Grashupfer?"
Bolko antwortete nicht gleich, sprang aus denr Bette, nahm den Badeschwamm, tränkte ihn mit Wasser, hielt ihn vorsichtig in den Händen und schlüpfte wieder in die Kissen.
„Komm nur herein, Mie," sagte er, „und zieh das Rouleau auf. Es ist mir verunglückt, es hängt verquer."
So trat Annemarie denn ein. Aber sie war noch auf der Schwelle, da sauste der Schwamm heran, und das feuchte Projektil traf. Es traf mit nassem Klatsch die rechte Wange der kleinen Prinzessin, imb ein kaltes Gerresel lief über ihren Hals und tropfte fröhlich, weit'er.
Annemarie schrie auf und schrie „Huhi" und schlidderte sich. Dann erwachte der Rachedurst in Ihr. „Na warte man!" riet sie; „Wurst wider Wurst!" — Behende bückte sie sich, nahm den zur Erde gefallenen Schw-amm und sprang an das Fürstenbett und hielt ihn drohend über Bolkos Haupt. „Bei drei drücke ich," sagte sie, „und befehle: Verschwinde! Wetten wir, daß du parierst? Eins, zwei, drei: verschwinde!" —
Richtig — Bolko verschwand, er fuhr schleuniast mit dem Kopf unter die Bettdecke, und es wurde ein dumpfes Fluchen vernehmbar. Dann tauchte er vorsichtig wieder auf. „Mie, laß den Blödsinn. . . ."
„Eins, zlvei, drei: verschwinde!" schrie Annemarie, und wieder zeigte sich der nasse Schwamm dräuend über Bolkos Gesicht, und wieder tauchten Seine Fürstliche Gnaden unter oas Blau der Plumeaus.
„Schockschwerenot," wetterte es voll unten herauf, „nun ist's genug. .
„Willst du um Verzeihung bitten?" fragte Annemarie, i „Ja doch!"
„Sage laut: ich bin ein Esel."
„Ich sage laut: du bist ein Esel."
,,J ch!" schrie die Prinzessin, und es tröpfelte zwischen ihren Fingern hindurch.
„Ich!" schrie der Fürst, und abermals fuhr er unter die Decke.
Annemarie triumphierte. Sie legte den Schwamm fort und lachte. „Siehst du, großer Bruder," meinte sie, „so rächt sich alles auf dieser Erde. Kommst du mir albern, ich verstehe mich auch darauf. Du solltest dich schämen: Mrst, Gardelentnant unb Bräutigam, und schmeißt mit einem nassen Schwamnre! Mein Gott, wie sieht es hier ans!" — Sie schaute sich um.
„Wie soll es denn anssehen?" antwortete Bolko. „Malerisch. Ich habe weder Burschen noch Diener zur Hand; kann denn der alte Beyfuß nicht antanzen?"
„Bolko, es ist eine Schande," sagte die Schwester altkln, „Du brauchst wahrhaftig noch eine Kinderfrau. Beyfuß i' nicht dazu da, dir den Koffer auszupacken; du bist verwöhr tote eme Primadonna vom Theater. Wenn man dich scho srevt. . . . Das seidene Nachthemd und drunter auch Seit und den Krunskram ringstun. Frage 'mal Madame, toi me t n c Wasche beschaffen ist; überall Einsätze und gestopf: Strümpfe und manches läßt sich gar nicht mehr flickei Natürlich, eine Schnurrbartbittde!" ... Die hob sie au ^at vor den Spiegel und legte sie sich um und schnitt ei .Gesicht dabet.
Bolko beobachtete sie. „Du könntest auch schott lano Kleider tragen," sagte er.
„Warum?" fragte sie und tmmdte sich um.
„Weil es besser aussehen würde; frage nicht so dumm!
^Bittte schön ,schenke mir längere Kleider, älterer Brude:
ich habe nichts dagegen. Glaubst du, es macht mir Spaß, wie ein Bauernmädel herumznlanfen? Mer du bist ein leichtsinniger Strick, sagt Onkel Öerrsurth, und verlodderst dein Geld, un6 wir können hier sitzen und znseh"n, wie wir uns durchfüttern —"
„Saat Onkel Herrfurth."
„Er sagt noch ganz 'was anders. Du wirst dich wundern. Du kannst dir gratulieren. Er wird dich ein bißchen in die Beichte ttehmen, wenn er herkommt, mein alter Junge. Schivnppdiwnpp wird dir dein Fürsteutitel abgezwackt, und Durchlaucht werden ein Herr Baron."
„Mach bloß, daß du 'raus kommst!" rief Bolko wütend. „Lege meine Schnurrbartbinde hin! Krame nicht in meinem Necessaire herum!"
„Das ist Parfüm," sagte Annemarie und roch an einem der KristaUslacons. „Das ist wieder Parfüm. Das ist für das Waschwasser. Das ist Nägelcreme. Das ist Puder. Mie ein altes Weib: pfui Deibel!"
„Annemarie, ich sage dir, ich werde grob, wenn du dich nicht schleunigst drückst!"
Sie hob die seidenen Socken auf. „Seide für die zarten Füßchen," rief sie. „Und so feine Hemdchen! Und ein Dutzend Schlipse, einer immer bunter wie der andre! Das ist wohl schon dein Trousseau, Bolko?"
Bolko wies nach der Tür. „Bitte! Entferne dich endlich! Ich werde mich bei Madame beschweren. So etwas Unerzogenes und ganz Gewöhnliches ist tnir noch nicht vorgekommen. Ich werde mich mit Onkel Herrfurth über dich aussprechen, meine Tochter. Ms Aeltester der Familie habe ich and) noch etwas zu sagen. Ich lasse dich in ein Waisenhaus sperren, verstehst du?"
Mer auf diese erschreckliche Drohung hörte das Prinzeßdien gar nicht. Sie hatte die Photographie aus dem Nachttisch entdeckt. „Ist das Lilian?" fragte sie und nahm das Portefeuille. „Da sieht man dock) endlich einmal ein Bild deiner Braut! O, ist die sck)ön! Sie muß eine wundervolle Figur haben, Bolko. Und rotblond, nicht wahr? Bolko, da gratuliere ich noch einmal. Und welche Toilette! Bolko, ist sie wirklich so ungeheuer reich?" . . .
Er nickte. Sein Unmut war geschwunden; so, wie die Situation für ihn lag, konnte er auch die Kleine als Mithelferin brauchen. Er richtete sich halb im Bette auf und reick)te Annemarie die Hand. „Setz dick) einmal neben mich, Mie," sagte er herzlich, „dahin, auf den Stuhl. Ich möchte ganz ernsthaft ein paar Worte mit dir sprechen. Du bist ein kluges und verständiges Kind; du kannst mir eilten großen Gefallen tun.".
Annemarie setzte sick) und faltete die Hände im Schoße; diese Anrede gefiel ihr.
„Sieh einmal, Mie," fuhr Bolko fort, „ich bin doch bei meiner Verlobung wirklich nicht töricht und unüberlegt vorgegangen. Es ist wahr: Lilian ist nicht von Adel; es ist attch wahr: ihr Vater ist Kaufmann drüben in Amerika. Aber hätte ich mick) in eine arme deutsche Prinzessin verliebt, das wäre noch schlimmer gewesen. Wovon hätten wir leben sollen? Und was wäre daün aus eud) geworden, aus dir und Jost? Mein Schwiegervater ist ungeheuer reich; Lilian bekommt acht Millionen mit, und da sie die einzige Tochter ist, so fällt ihr nack) dem Tode des alten Herrn mindestens noch einmal so viel zu. Denke, welch' Mammon! Und denke, in welche schauderhafte Dekadenz wir gekommen sind! Es ist nicht zir sagen: es ist ja das reine Proletarierdasein, es ist viel schlimmer. Die Mitgift Lilians hilft uns allen wieder auf die Beine; ick) kann die unerträglich gewordenen Verhältnisse von Gotternegg wieder in Ordnung bringen, tid* kann für dich und Jost sorgen. Aber — versteht sich von selbst, nur dann, wenn ich Titel, Rang, und Herrschaft behalte. Ms Tepossedierter bin ick) machtlos. Begreifst du das, Annemarie?"
„Ja," sagte sie nachdenklich Ihr rosiges Gesickstchen, das sonst ein Abbild des Frohsinns zu sein schien, war ernst -geworden. Die ersten Schatten fielen, nnd es strich ein unsicheres Gefühl durch ihre Seele. Freilich: den Druck der Armut hatte sie noch nickst empfunden, weder harten Fron noch bittere Entbehrung, lieber den Riester am Stiefelchen lachte sie, und über die unvermeidliche Rehkeule ans den
R chen Wäldern konnte sie höchstens einmal schmollend innd verziehen. Sie war nie verwöhnt worden. Mer sie war doch auch hellhörig. Sie vernahm, wie matt hier und da darüber sprach, daß die Mministration von Gotternegg alle Ueberschnsse nach Berlin schickte, daß es daheint aut
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