Ausgabe 
13.3.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz'.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

3. Kapitel.

. Von den letzten drei Gvtterneggs und ihren Getreuen imalten Hause".

Der junge Fürst lag noch im Bette, schlief aber nicht mehr. Er hatte sonst nicht über Schlaflosigkeit zu klagen, er war eine recht gesunde Natur, schlug sich wohl #em einmal eine Nacht um die Ohren und bummelte durch, doch die Nerven waren in Ordnung. Aber in letzter Zeit da war ihm so, als sollte er kennen lernen, was es heiße, nervös zu sein. Da war ihm, als machten ihm seine Ge­danken zu schaffen, und zuweilen ertappte er sich^beim Grübeln, und zuweilen lagen Falten aus seiner Stirn, Und dann "lind wann verlor er mitten in fröhlichster Gesell­schaft die Stimmung. Es ging ihm manches durch den Kops; es war nicht wie früher in der Zeit ungebundener Sorgen- losigkeit, zwischen Clicquot und Rennplatz, dem Dienst und der Schäferstunde bei Feinsliebchen, zwischen halbem Ernst und ganzem Leichtsinn, einem Donnerwetter vor der Front und lustigem Liebesmahl. Der Leutnant Fürst Gotternegg war nachdenklich geworden, seit er sich mit Miß Lilian Simpson verlobt hatte. Es gab allerhand, was des Nach­denkens wert war. . . .

Er war schon in früher Stunde. ertvacht, und der Schlummer wollte nicht mehr kommen. Unter seinem Fenster hatte sich ein Sängerschwarm $u einem lebhaften Früh- Vonzert zusammengefunden. Das grüne Gehänge einer großen Kastanie schlug gegen die Scheiben, und in den Testen sah ein Vogelovchester und lärmte laut. Es piepte, zwitscherte und tirilierte; ein dicker Spatz saß mit auf- geplusterteu Federn draußen aus dem Sims und schaute neugierig in das Zimmer. Das war das Fürsteuzimmer; es war das beste imalten Hause". Es war ein großer Raum und neu tapeziert: mit einer lichtroten Tapete, aus welcher kleine Chinesen unaufhörlich über kleine goldene Brücken gingen, und dazwischen standen burgunderrvte Reiher auf einem Bein und hielten ein Fijchlein im Schnabel.

Dies Fürstenzimmcr war mit Mobiliar aus dem Schlosse ausgestaltet worden. Es war recht behaglich, auch in seiner Unordnung. Bolkv hatte weder seinen Kammerdiener noch seinen Burschen bei sich; die waren sonst die Ordner im Chaos. Nun fehlte die ordnende .Hand. Vor dem Waschtisch ftarüd eine Badewanne aus Gummi; kein Wasser darin, aber drei Oberhemden und darauf eine Nagelfeile und eine Schnurrbardbiude. Und daneben auf dem Teppich ein ge­öffneter Handkoffer, der Inhalt durchwühlt und umher­gestreut: Taschentücher, farbige Unterjacken, ein paar Lack­schuhe, ein großer Schwamm, schwarzseidene Socken, wild­

lederne Handschuhe, ein Bündel Krawatten. Ein Fauteuil schob sich mit seinen geschnitzten Eichenholzbeinen in den Wirrwarr hineiu, und auf ihm war das dem Koffer ent­nommene Necessaire anjgeschtagen, dessen Kristallfläschchen mit den vergoldeten Kapseln der Morgensonne Gelegenheit zu einem freudigen Funkenspiel gab.

Die Sonne quoll gelb und gleißend in das Zimmer hinein. Sicher hatte Bolko selbst das Rouleau vor dem Fenster niedergelassen und war mit etwas ungeschickter Hand zu Werke gegangen: die Zugschnnr hatte sich ver­schlungen und das Rouleau hing nun in schiefem Winket herab. Im Ausschnitt sah man hinter der Fensterscheibe vas bewegte Grün der Kastanie und ihre gefiederte Bevölke­rung und das Helle Sonnenglitzern, das in das Zimmer sprühte.

Es sprenkelte auch goldige Flecken auf die verblichene blaue Seide der Plumeaus im Bette Bolkos. Es war dies das Fürsteubett, das hierher gehörte, das Bett des seligen Herrn: ein luxuriöser Koloß ans Ebenholz mit silbernen Einlagen, gedrehten Pfeilern und hohem Baldachin, ein kostbares Möbel. Doch die Zeit hatte es nicht verschont; der blaue Samt der Vorhänge war hell und streifig geworden und die Silberstickereien zeigten eine rötliche Farbe; mit Lastender Hand war die Zeit über den Prunk gefahren.

Bolko sah das nicht. Er lag mit wachen Augen im Bette: ein blonder Kops, ein hübsches und vornehmes Gesicht mit gerader Nase und sensitivem Munde, der weiß­liche Schnurrbart gesträubt und die Härchen durcheinander gewirbelt. So lag er da; trug einen Nachtrock aus Rohseide, vorn offen, und ein Unterjäckchen aus weiß-rot gestreifter Seide. Er sah niedlich aus und sauber und frisch in seiner hübschen Jugendlichkeit. Seine Taschenuhr lag neben ihm auf dem Nachttisch, dabei auch ein Monokel und aufgeschla­gen ein Safsianportefeuille mit der Photographie eines sehr schönen Mädchens.

Bolko dachte an vielerlei; seine Gedanken flogen. Er dachte:Die verdammten Spatzen, sie lärmen, daß man glicht schlafen kann. Heut' kommt Onkel Herrfurth, da geht er los, der Tanz. Ich gebe nicht nach, ich ivende mich an den Kaiser. Ich'kann es Lilian den Teufel nicht verdenken, daß jie gern Durchlaucht sein möchte.-Wo krieg' ich Geld her? Ver­such' ich's noch einmal bei Onkel Herrfurth? Er ist reich, er ist geizig, er wird mir wieder eine Predigt halten. Auf die Predigt pfeif' ich, aber er wird auch nichts 'rausrücken. Pump' ich die Vettern an? Emil ist wie sein Vater, und Harro sitzt in London. Jfaaksohn ist stur geworden, es bleibt noch der Burgmüller. Was ist die Uhr? Gleich Sieben. Diese rote Tapete ist wahnsinnig; lauter kleine Chinesen, die über lauter kleine Brücken laufen, das kann einen nervös machen. Bleibt noch der Burgmülter. Die Berliner Juden, das ist zu gefährlich. Auf die Hochzeit hin kriegte ich Geld wie Heu; aber die .Bande ist indiskret; erfährt das der Uankee, dann... Nein, das paßt mir nicht. Der Burgmüller \mx immer ge-