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Nötigsten gebrach, während dem jungen Fürsteil das Gold Unter den Fingern zerrann. Bitter aeinachl Hütte sie das nicht; sie wußte nichts von trüben Gedanken; sie konnte nur vlücklia) lachen, und kein Wölkchen stand still auf ihrer sonnigen Kinderstirn.
(Fortsetzung folgt.)
Die letzte!
S§m heiteres Bild aus den Kriegsleiden cineZ englischen Junggesellen. Von Alex, von Bosse.
(Nachdruck verboten.)
Ter sehr ehrenwerte Herr Henry Bullhead machte sich nichts daraus, daß er nur ein jüngerer Sohn seines Vaters war. Im Gegenteil. Von einer Tante hatte er eine ganze Menge Geld geerbt, und damit konnte er die in den Augen seiner Kreise angenehmste und geachtetste Lebensart eines Gentleman-Junggesellen führen. Er war nicht verpflichtet, für Nachkommenschaft zu sorgen, wie sein ältester Bruder, der Lord John Blackbeetle. Uno so empfand er es als die angenehmere Lebensaufgabe, mit den jungen Mädchen zu flirten nach Laune und Herzenslust.
Als der Weltkrieg entbrannte, berührte das den sehr ehren-, werten Herrn Henry Bullhead wenig, nur verspürte er'anfangs emc Art angenehmes Mitleid für das arme Teutschland, das nun von Russen und Franzosen erdrückt werden würde. Einfach zerquetscht, wie ein Mann, der zwischen die Puffer zweier Eisenoahrr- wagen geraten ist.
Als es sich aber zeigte, daß der Mann stärker war als di« Puffer erqrtff Henry Bullhead, gleich den meisten seiner Landsleute, zunächst ein verblüfftes Staunen, das er jedoch schnell wieder überwand.
„Well," stellte er fest, „dann wird eben England etwas mehr Soldaten nach Frankreich schicken, als es zuerst beabsichtigte. Warum auch nrcht? Es gibt ja so viele Kanadier, Indier. Irländer, Australier, Zulukafseru und — dumme Buren, die sich mit Vergnügen für England Lotschießeu lassen wollen. Das Vergnügen können ne haben!"
^..^^bäter las er mit Behagen vdn den tapferen Taten dieser Volker, die für Englands Ruhm kämpften. Und stolz fühlte er sich als ein Engländer, wie er das schon immer über alle Maßen getan.
Henry Bullhead und seine Freunde lebten ihr angenehmes Leber: als Gentleinen weiter, angelten in Irland, gingen in Schottland aus die Jagd, hetzten auf den Besitzungen des Lord John hinter den Hunden, uud waren sie in London, so spielten sie Bridge in ihrem Klub, besuchten Theater und Singspielhallen und freuten sich ihres Lebens.
Plötzlich kam eine ungemütliche Zeit. London wurde dunkel. Mpelme! Schauderhafte Erfindung dieser verdammten Deutschen! Bei Tag aber liefen verrückte Suffragetten in Londons Straßen herum Mid fragten jedeitchüugeren und gesund aussehenden Mann:
„Warum sind Sie noch nicht in Khaki?"
Henry Bullhead war aesund und stark. Aber hätte er das bisher stets als einen besonderen Vorzug empfunden, so bedauerte er es letzt zum ersten Male in seinem Leben, daß er ilicht irgendein' bequemes klemes Leiden aufzuweisen hatte.
Was — sollte er wegen dieser „damned GerMans" sein angenehmes Leben als Gentleman aufgeben, um in einem schmutzigen flandrischen Schützengraben sich neben Indern, Irländern, Kanadiern und ähnlichem Gesindel zum Krüppel oder gar totschießen zu lassen? . . . Das wäre ja . . .
Und so gewöhnte er sich daran, stark zu hinken, sobald ein verdächtiges werbliches Wesen in Sicht kam. Wurde er trotzdem angehalten uiid gefragt: Warum sind Sie noch nicht in Khaki? wies er Mit traurigem Blick auf sein linkes Bein.
Das half nicht lange, weil so viele gesund alis sehen de junge Leute jetzt hinkten. Die aufdringlichen Weiber lachten ihU aus, wenn er auf sein Bein wies, und sagten:
„Ach, das bißchen Hinken tut nichts, denn im Schützengraben brauchen. Sie Ihr Bein nicht anzustrengen. Gehen Sie gleich und lasses Sre sich anwerben!"
Das tat Henry Bullhead aber nicht, vielmehr begab er sich zu eincin Opttkerladeu uiid kaufte sich eine tiefschwarze Brille.
Es war aber ganz merkwürdig, tvie viele starke junge Leute man letzt m London schwarzvebritlt sah. Eine neue Augenkrankheit! Vornehmlich befiel sie gesniide junge Männer, mid diese Unglück- 1 Vy e J t — sagte man — saheii, WMN sie keine Brille trugen^ mleL — lchwarzweistrot gestreift. Man denke! Eine jedem Briten vis m die Seele zuwidere Farbenzusammenstellung! Die Krank-
verbreitete sich in allen Städten Englands, und sogar auf veni Lande konnte man schwarzbebrillte junge Männer sehen, die nun — die Aermsten! — darauf Verzichten mußten, sich für Kitche- ners ruhmredige Armee anwerbeir zu lasseil!
Abex dann kam das Entsetzliche! Die Bill für Zwangs- rerrntlerung für Unverheiratet stieg gleich drohendem Gewölk am früher so heiteren Himmel aller englischen JnnggeseÜen auf. Der sehr ehren werte Herr Henry Bullhead war ganz verstött, als man tm k ernsthaft über diese Bill zii Parlamentseren begann,
4lno dann lies er — er vergaß zu hinken und vergaß sogar feind
schwarze Brille auszusetzen. — zu seinem Bruder, dem Lord John, der natürlich ParlaTnentsnritglied war und für diese Bill mitverantwortlich.
„John, was soll ich tun?" überfiel Henry Seine Lordscliaft. „John, ich lasse mich, als freier Engländer, nicht zwingen, Soldat zu werden!"
Well — nrelde dich freiwillig!" gähnte Johil.
Aber ich bin grundsätzlich gegen jä>e Art von Militarwmns! Und ich will nicht Soldat werden!" heulte der sehr ehrenwerte! Herr Henry Bullhead.
Lord John starrte mit seinen weißlichen Fischaugen zehnMinu-. teit lang ein Loch in die Luft, dann gähnte er gefühllos:
„WM — heirate!"
Henry mußte ziemlich lauge rrachdenken, bis er zwischen seinem Notschrei und Johns Ratschlag einen Zusammenhang entdeckte. Es dauette immer lange, bis Henry etwas begriff, doch dafür konnte er
nichts; denn seine Vorfahren waren alle immer schwer von Begriff gewesen.
„Ae — oh!" sagte er endlich geistreich, und sein Mund blieb offen, so staunte er über Johns Klugheit. Sein Mund stand immer noch offen, als er eine Stunde später wieder in fernem behaglichen Jnnaaesellenheim landete. Als er ihn endlich schloß, hatte er den Entschluß gefaßt, Johns Rat zu befolgen; denn da die Bill eine Zwangsrekrittierung aller Unverheirateten forderte, mußte uran eben verheiratet sein, um von ihr nicht berührt zu werden.
Heiraterr! das war jetzt die Rettung!
Gleich verfaßte Henry Bullhead eine lange Lifte von allen jungen Mädchen, mit denen er im Laufe der letzten Jahre geflirtet hatte, und die seines Wissens sich noch nicht verheiratet hatten., Aber rroch wartete er. Manchmal schien e§, als sollte noch der bittere Kelch an der englischen Junggesellenwelt vorübergehen. Dann wurde es mit einem Male brenzlich, und viele Klnbsreunde Henry Bullheads, eingefleischte Junggesellen, wie er selbst, heirateten plötzlich und unerwattet.
Gleichzeitig schmolz seine Liste bedenklich zusammen, und Henry sah ein, daß er sich dazuhalten mußte, wenn er überhaupt noch eine Frau erwischen wollte. Die Jüngsten und Schönsten waren bereits fortgeschnappt. Er entschloß sich jetzt eilends für Milly Baker. Sie war zwar Suffragette und von etwas kratzbürstigem Charakter', aber — in der Rot frißt der Teufel Fliegen! .Er warf sich in sein Lluto und sauste zu ihr.
Miß Milly Paker war zu Hause. Henry nahm sich gar nicht 'Zeit, ihr guten Tag zu sagen, sondern fragte gleich atemlos:
„Liebe Miß Baker, wollen Sie meine Frau werden?"
„Oh — — —!",' sagte Miß Baker, „gestern wollten fünf meiner Freunde mich zur Frau haben, heute sind Sie der sechste, aber ich habe schon Dostrmy Asher versprochen. Ihn zu heiraten."
Henny stürzte sott und zunächst zu Anny Haal, die allerdings schon fünftlnddreißig Jahr alt und auch schon vor 10 Jahren nicht schön gewesen war. Hier empfing ihn Annys alte Mutter, bei der er sofort um die Hand der Tochter anhrelt.
„Oh-!", sagte Adrs. Haal, „tut mir leid, aber Anny
hat gestern Herrn William Jenktns geheiratet!"
Und das Unglück verfolgte Henry Bullhead weiter, bis er am Ende seiner Liste angelangt lvar, überall, wohin er kam, hatte sich die Heiß begehrte eben verheiratet oder war im Begriff, es zu tun. Ein wahres Heiratsfieber schien alle Junggesellen Londons dahin- zuraffen und mit den unverheirateten Damen aufzuräumen? Henry war so verzweifelt, daß er bereits zu überlegen begann, ob ec sich nicht ein Bein abnehmen lassen solle. Mit einem Bein kannte man ganz gut als Gentleman leben, und vielleicht war das weniger! schlimm, als — heiraten! Ta erinnerte er sich plötzlich an eine Base seiner Mutter, die in ärmlichen Verhältnissen im Osten Londons lebte und mit fünf unverheirateten Töchtern gesegnet war — hoffentlich no ch war!
Auf — zu ihr! Bereits war die Bill im Oberhaus angenommen, also höchste Zeit! Das Auto flog, denn wenn Henry auch dieses Mal zu spät kam, daun — dann war er rettungslos dem Khaki ausgeliesert.
Tie Cousine eurpfiug ihn ein wenig erstaunt, weil .Henry sich sonst nie bei ihr sehen lieh. Er aber begrüßte sie sehr herzlich' tmd erkundigte sich gleich liebevollst nach Dolly, der Jüngsten.
„Oh, Dolly hat sich vor zehn Tagen verheiratet!" sagte gleichmütig die Cousine.
Henry /fragt nach Maud.
„Oh, Maud hat sich vor fünf Tagen verheiratet!"
Er ftagte zitternd nach Ellen.
„Oh, Ellen hat sich vor. . . . ."
„Und Daily?-—", fiel Henry der Cousine mit brechender
Stimme ins Wort.
„Taisy heiratet morgen!" antwortete sie kaltblütig, und ganz fassungslos starrte Henry die glückliche Mutter so vieler Bräute an. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er mit versagender Stimme zu fragen wagte, wie es Lucy ginge.
„Lucy wird sich sehr freuen, Dich zu sehen, lieber Henry," erwiderte die Cousine. „Soll.ich sie rufen?-"
„Ja — bitte!" stöhnte Henry Bullhead Und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Lucy war ein bißchen schief geioachsen und schielte, und Henry wagte gar nickst, nachzurechnen, tote alt sie schon war.
Einerlei! Sic war die Letzte, für ihn also die einzige!


