Ausgabe 
11.3.1916
 
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Kerl mit seiner zarten Gesundheit durste ja nicht aus dem Hause heraus." . '

!Er hat wieder das Hensieber," sagte Beysuß;das ist |pie bei der Malaria."

Ein schönes altes Buch," bemerkte der Kantor, der den Folianten aufgeichlagen hatte. -,Es hat kein Titelblatt, cs ist auch ein seltsames Latein, es scheint eine Geschichte der Hei­ligen zu sein." ^

Die Chronik hinten ist noch älter", behauptete Reschke. Die ersten Blätter sind Pergament. Eine Jahreszahl Hecht vierzehnhnndertnndachtzig. Das ist in Deutschs geschrieben, aber es ist ein verflixtes Deutsch."

.Hört einmal," ries Otto,ich habe eine gute Idee. Ich werde Jost bitten, daß er uns die Chronik in vernünftiges Deutsch überträgt. Das tut er gern; cs wird ihm Spaß machen. ..."

Der Burgmüller nickte bedachtsam. Er gab dies Buch ungern ans dem Hanse; aber die Bitte des Prinzen ließ sich nicht gut abschlagen. Und Otto mochte immerhin recht haben: aus den Chronikblättern kamen auch zu öfteren die Wild- uub Burggrafen zum Gotzeneck zur Erwähnung, die Vorfahren des Prinzen; das mochte das Interesse Jostens für die alte Urkunde erhöhen.

Mutter, hol mal ein Stück Zeitung," sagte er,oder noch besser, ein Stück Packpapier und wickle das Ungetüm ein. Beysuß, sagen Sie dem Prinzen mein Kompliment und es sei mir eine besondere Ehre, ihm das Buch leihen zu

dürfen."

Ich werd's ausrichten," erwiderte Beysuß,und werde Seiner Durchlaucht auch das von der Uebersetznng sagen. Es ist mir bekannt, das; Seine Durchlaucht Ihnen, lieber Herr Reschke, ein ganz besondrcs Wohlwollen entgegenbringen, mit) deshalb zweifle ich nicht, daß er sich freuen wird, Ihrem Wunsche zu willfahren . . ." ^

Der Burgmüller nickte wieder, antwortete nichts, aber es spielte um seinen glattrasierten Mund ein etwas nwkanter Zug, der zu sagen schien: was schiert Gottlieb Reschke das gnädige Wohlwollen der Gotterneggs. Grete hatte das Pack­papier gebracht, und Frau Tilde schlug den Folianten ein. Der Kantor und Otto stritten sich noch über den Inhalt. Otto nieinte, es sei keine Legende der Heiligen, sondern ein altes Missale, irgend ein undatierter Frühdruck aus den An­fängen der Typographie; man müßte eigentlich einmal einen Fachmann, einen Bibliothekar oder Antiquar zu Rate ziehen.

Nun erzählte Fürbringer von der Bibliothek im Schlosse Gotternegg. Vor zwanzig Jahren habe er sie zusammen mit dem Pastor Fresenius einmal geordnet. Es stände da noch eine Masse uralter Bücher, und der hochselige Fürst hätte auch die Absicht gehabt, einen besonderen Bibliothekar- -ustellen: aber es sei schließlich bei der Absicht geblieben. Jetzt würden sich ivohl die Würmer über die Schweinsleder­nen hermachen.

Dagegen erhob Beysuß Einspruch. So lange e r als Schloßintendant aus seinem Posten stehe, sei so etwas aus­geschlossen. Alle Vierteljahr sei die Bibliothek ansgestaubt und gesäubert worden. Ten letzten Winter hindurch habe man die Raume sogar durchheizt, weit der Prinz Jost da häufig studiert habe.

Was denn studiert?" fragte der Burgmüller.

In eben diesen Büchern," erwiderte Beysuß fast be­leidigt.

Der Kantor schüttelte den Kopf.Ich weiß," sagte er. Ihr Prinz hat das Zeug zu einem Gelehrten. Er ist eine stille Natur. Aber in seiner Stellung erachte ich das für bedenklich. Und warum? Wenn alles so kommt, wie man spricht, und Fürst Bolko entsagt seinen Würden, so ist er der Aelteste. Prinz Jost wird dann Fürst. Nicht nur dies, sondern er ist dann auch der einzige Träger seines Namens. Und als solcher ein Bücherwurm? Nein, Herrschaften, das ist gegen jedwede adlige Tendenz, gegen die Tradition, gegen das Herkommen. Als Fürst muß er ritterliche Waffen tra­gen, da muß er in erster Linie Soldat sein. Die Gotzenecks tragen immer die Hand am Schwertknauf. Herren waren die Gotzenecks! Burgmüller, Sie lächeln. Lächeln Sie oder lachen Sie frei heraus. Es ist doch die Wahrheit. Mich wurmt's, daß so ein altes Rittergeschlecht die Kraft verliert, seine Massen zu führen."

Jawohl!" rief eine helle Stimme. Das klang ganz be­geistert. GreG rief es dem streitbaren Kantor zu. Sie saß am Fenster und starrte in den Mondglast, der durch den Linden bäum rieselte, nickte und ries noch einmal:Jawohl!"

Geh zu Bette", sagte Frau Tilde.

Otto lachte.Laß sie noch aus, Mutter, es ist mein An­kunstsabend. Sie muß sich erst beruhigen, sie träumt sonst schlecht. Sie ist ein verfehltes Müllerkind. Sie hat keine Krone, aber Zacken'im Kopf. Die Gelehrsamkeit ist ihr wie unser Mehl, sie macht sich nichts daraus. Sie ist mehr ein Raubritterfräulein."

Der Bnrgmüller brummte und stopfte sich die Pfeife frisch, aber Fürbringer rief:Hast ganz recht, Grete! Seht ihr, das ist meine Erziehung! Als ihre Nase noch miß war, haben wir sie schon zur Königin Wlasta gekürt. Sie ist eine feine kleine Maid und soll einmal einen Edelmann kriegen."

Da rasselte Frau Tilde mit'ihren Stricknadeln kricgs- gemäß und schaute bedrohlich ans.Setzen Sie ihr nur noch mehr Raupen in den Kopf, Kantor," meinte sie voll Aerger, sie spielt sich noch nicht genugsam auf. Sie tut sich noch gar nicht. Wenn sie in den Kuhstall soll, verzieht sie die Lippen, und !vo cs geht, drückt sie sich in der Wirtschaft. Aber sitzt immer mit der Annemarie zusammen, und von daher kommt aller Unfug. Es ist kein Glück, ich bleibe dabei, die Nachbar­schaft von den Gotterneggs und diese dicke Freundschaft. Sie schickt sich nicht, sie ist nicht zu passe; ich. möchte sagen, sie widerstrebt der Natürlichkeit. . . ."

Das ging nicht ohne eine scharfe Gegenrede ab. Grete schrie:Mutter, Annemarie ist mir hundertmal lieber als die Karline Jannasch, die du in Seide" wickeln möchtest! Der Schielebock, die Karline, mit der verkehr ich doch nicht. . ."

Halte die Gosche!" gab Frau Tilde erzürnt zurück.

Tatatata", machte der Bnrgmüller gleichwie be­ruhigend, ohne die Pfeifenspitze ans dem Munde zu nehmen.

Otto sagte nur:Du darfst nicht übertreiben, Mntting;" aber der hitzige Kantor schlug mit der Hand ans den Tisch, und hinter der Brille blitzten seine Augen.Burgmüllern, wenn man so etwas hört," rief er,da möchte man doch lvahrhaftig gleich aus der Haut fahren und sie neben sich legen! 0 si tacuisses, Frau Reschke, oder zu deutsch: Wenn du bloß stille sein wolltest! Frau Reschke, ich will Ihnen einmal etwas sagen: Es kommt so manchmal die Zeit, da spreizen Sie sich mit Ihrer bäuerlichen Abstammung, aber nur, wenn's Ihnen gerade mal paßt. Tie drüben im Schlosse tun sich nichts zu gut ans ihre Fürstenherrlichkeit und sind doch echte und rechte Fürsten, jawohl, von Gottes Gnaden, Frau Reschke, und es ist ein paradiesischer Zustand, sage ich Ihnen, daß die Gotterneggs mit den Reschkes sozusagen aus du und du stehen und verkehren miteinander auf der Dia­gonale der Gleichheit wie im berühmten Zuknnstsstaal. Und dadranf wollen Sie schimpfen und wollen behaupten, für Ihre Grete tauge das nichts? Burgmüllern, die drüben sind grade zufälligerweise im Niedergang; aber es kann wieder einmal anders kommen, und auch auf der Mühle kann das Wasser knapper werden. Sie sollten stolz sein auf die Freundschaft der Gotterneggs und, daß Ihre Tochter und eine Prinzessin sich duzen! Und was für eine Prinzessin so ein liebes, frisches Kind, so, ohne Gehaben und Tuerei . . . Donnerwetter, eine Ehre sollt's für Sie sein, Frau Reschke!"

Tatatata," sagte der Bnrgmüller und nahm die Pfeife ans dem Munde.Man immer ruhig. Fürbringer, Ihr seid ein Fürstenknecht. Ich unterschreibe auch nicht alles, was meine Frau behauptet"

Du wirst nicht widersprechen," siel Frau Tilde ein, mit starker Betonung desdu", und erneute Streitlust klang aus ihren Stricknadeln hervor.

Was meine Frau behauptet," wiederholte der Bnrg­müller gleichmütig;ich habe die Leute vom Schlosse sogar aufrichtig gern aber von Stolzsein und Ehre soll mir keiner sprechen. Nein, Fürbringer. Mit der Untertänigkeit ist es vorbei; das war früher einmal, unter dem Leibgedinge; hercke sind die Gotterneggs nicht mehr als die Reschkes, sind Staatsbürger wie wir und soll ich wirklich stolz sein dar­über, daß meine Kinder mit denen vom Schlosse befreundet sind, dann ist's für die drüben dieselbige Ehre."

Bettelvolk," murrte Frau Tilde leise. Das hatte Otto gehört; er wurde rot und sprach mahnend:Mutter!"

Beysuß erhob sich mit Anstand.Ich streite nicht mit," sagte er;ich bin Partei, ich gehöre nach drüben. Was ich denke, behalt' ich für mich. Mer, Herr Kantor, Ihnen möchte ich die Hand schütteln. Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen. . . ." Er hatte noch einen Rest w