Ausgabe 
11.3.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz'.

(Nachdruck verboten. ^

(Fortsetzung.)

Da km nun die Zeit des Glanzes. Es ging hoch her in Goiternebg, wenn der Fürst nicht in Berlin oder auf Reisen lveilte. Ein kleiner Hofstaat umgab ihn, und der Hofchef war von gutem Adel. Dem unterstand Beyfuß; und da dieser Hofchef neben seinem guten Adel auch reichlichen Hang zur Bequemlichkeit und leichte Anlage zum Asthma desaß, so legte er vielerlei Vvn feiner höfischen Last auf die breiten und eckigen Schultern des Intendanten. In Got- ternegg schaltete Beyfuß ziemlich unbeschränkt. Seine Bil­dung stand freilich nicht ans massivem Sockel: aber das war für diesen Fall auch nicht nötig. Sein Pflichteifer war groß: auch war er immer ein Mann der strengsten Ord­nung gewesen: so ging denn im Schlosse altes wie am Schnürchen, und der Fürst war sehr zufrieden mit dem neuen Beamten. Beyfuß war auch zufrieden o, wie war er das! Es war eine köstliche Zeit, und er gewann «an Würde, als ihm tint§ Tages sogar eine Art von Uniform verliehen wurde. Das war damals, als Seine Majestät fast eine ypx&t Woche lanA Jagdgast des Fürsten war« die Zeit höchsten Glanzes für Gotterncgg. Da ging auch für Beyfuß die Sonne auf . . . Der Hofchef hatte'die Uniform des Herrn Intendanten selbst erfunden und entworfen und Robrecht in Berlin die Ausführung übernommen. Es war ein Frack mit hohem Kragen und feiner Goldstickerei, und auch die Knöpfe waren vergoldet, und die Beinkleider hatten goldene Gallons. Frau Beyfuß weinte, als sie ihren Mann zum ersten Male in dieser höfischen Gewandung sah, die im Grunde genommen doch nicht viel mehr war als eine Livree. Sie weinte vor Rührung: wie er so vor dem Spiegel stand und sich anschaute ein Kammerherr hätte nicht gewinnendere Größe entwickeln können. . . . Lieber Gott, das ging -alles vorüber. Es war wie ein großer Rausch; es war wie das letzte Aufprasseln eines schonen Feuer­werks, und dann wurde es dunkel. Noch existierte his Uniform: sie hing im Schranke urrd roch nach Naphthalin; keine Motte traute sich heran. Erdolcht, nein gevierteilt hätte Beysuß die Matte, die sich verbrecherisch an dieses Kleidungsstück gewagt; es toar ja kein Kleidungsstück mehr: es war etwas Heiliges, es war eine Reliquie, es imtt ein Stück Herz. . . .

Der Krach kam, die Gloriole verging; alle Größe schwand, und der Fürst starb, und in einer Winternacht sprang das Wappen über dem Schloßportal. Es wurde sehr einsam, es schied einer nach dem andern. Die Türen des Schlosses öffneten sich nicht mehr, und vor die Fenster fiefett die Rouleaus herab. Die Adurinistration der Herrschaft wurde nach einem Vorwerk verlegt, das so ungefähr oen

Mittelpunkt des Besitzes bildete, und die junge Fürstlich­keit siedelte in das Rentamtsgebände über, in das ,,-alrs Haus".

Es schied einer nach dem andern, aber Beyfuß blieb. Er, Velten und die Madame: das waren die Getreuen, die hielten aus. Es hätte nur einer kommen sollen und sagen: Alter Beyfuß, warum flüchWst du nicht aus diesem Ratten­nest und kehrst in die Welt zurück?" Da würde er sich gereckt und geantwortet haben:Weil ich hierher gehöre; weil ich die Sonne untergehen sah und die Nacht nicht fürchte; weil ich meinen Herrn bis über das Grab liebe; weit ich ein treuev Mann bin."

Das war er, und deshalb sprach auch niemand ein respektloses Wort über die Gotterneggs, wenn Beyfuß den Bnrgmüller besuchte. Man hatte Achtung vor dieser Treue, und Fürbringer sagte, es erinnere dies an das Zeitalter der Kreuzzüge; warum, sagte er nicht.

Beysuß wischte, nachdem er die Butterbrote verzehrt hatte, mit seinem roten Taschentuche über seinen Mund und zündeye sich nun "auch die Zigarre an, die der Burgmülloc ihm reichte.

Es ist eine von Ihren Havannas, Burgmüller," sagte er,ich seh' dies am Bändchen. Es scheint eine Vuelto zu sein. Hoffentlich bekommt sie mir. Ich habe mich des Rauchens so ziemlich entrvöhnt, es raucht niemand bei uns, auch Herr Velten nicht, und Seme Durchlaucht nur Zigaretten. Aber die selige Durchlaucht, die rauchten sehr stark und hatten* merkwürdig lange und dicke Zigarren, es hieß eine Sorte Panetelös, dess' entsinne ich mich noch. Es waren feine Zigar­ren und manche kosteten einen Taler das Stück."

Verrückt", äußerte der Burgmüller.

Wie?" fragte Beyfuß, als habe er nicht recht verstan­den. ,^Ja, es war so ich hatte die Rechnungen unter mir, es ging viel drauf, es war ein ganz fürstlicher Haushalt. Jetzt hat man sich ja eingeschränkt, und inan tut zuweilen etwas viel in der Einschränkung; die Repräsentation könnte mehr gewahrt bleiben. Aber. Durchlaucht Prinz Jost sind so ein­fach . . . mein Gott, das hätt' ich ja beinah' vergessen: Prinz Jost hätte gern einmal Ihr altes Buch gesehen, Burgmüller; es wäre eine Bibel oder so etwas und eine Hauschronik er interessiert sich dafür. Ob der Otto es nicht mitbringen könnte."

Natürlich," rief Otto,und gern! Deine alte Scharteke, Vater! Hast du sie noch?"

Ei, versteht sich," sagte Reschke, ftanb auf und holte den Folianten aus der Kommode, schlug einmal mit der flachen Hand aus den schweinsledernen Deckel, um den Staub zu vertreiben, und legte das Buch sodann auf den Tisch.Also den Jost interessiert das?" fuhr er fort.Woso denn auf ein­mal ^gVon wegen der Chronik?"

Es ist wohl mehr von wegen des Gedruckten," eutgeg- nete Beysuß, und Otto fügte lebhaft hinzu:So wird's sein. Für alte Schmöker hatte Jost immer 'was übrig. Er wollte leidenschaftlich gern Germanistik studieren, aber der arme