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man nicht sagen; er lebte nicht in das Gelage hinein. Aber er lebte vornehm —"
„Er lebte wie ein Grandseigneur, oder was die Franzosen so nennen," fügte Fürbringer hinzu; „er hatte immer eine offene Hand; er hat mir ein neues Schnlhaus gebaut; er hat der Kirche die Glocken geschenkt; er Mr ein gütiger Herr."
„Ja, das war er," bestätigte der Burgmüller. „Er hatte auch in seinem Wesen etwas Großes. Doch der Untergrund hielt nicht. So etwas Großes muß feste Fundamente haben. Die waren nicht da. Mber Bolko wird neue schaffen."
Nun nahm Otto das Wort. „Das ist es eben," sagte er; „er wird es nicht können."
„Warum nicht, Junge? Bei den Millionen der Braut?"
„Er wird es nicht können. Ich weiß, wie die Verhältnisse liegen. Er kann nach dem Familienrecht nicht Fürst bleiben und nicht Senior des Geschlechts. Und- darum geht jetzt der Streit. Sollen die neuen Millionen den Gotterm eggs den alten Glanz wiedergeben, so müßte Bolko auch Titel und Stellung behalten dürfen. Das möchte er — und auch, seine Braut — natürlich."
„Natürlich," wiederholte Frau Tilde. Sic strickte einen Strumpf an und zählte halblaut die Maschen und sah sehr ernsthaft aus, mit einer Hornbrille auf der Nase und gerunzelter Stirn.
„Und du meinst," fragte der Burgmüller, „wenn er nun wirklich den Fürstentitel ablegen müßte, da würde von den Millionen für die andern, für Jost und die Annemarie, da würde nichts übrig bleiben?"
„Wie schade!" warf Grete bekümmert ein, und Otto sagte: „Nein, Vater, nichts. Das ist doch verständlich. Ich weiß ja nicht, welchen Namen Bolko annehmen tvird. Aber sei^s der oder der: mit diesem Augenblick hört für ihn, wenn auch nicht die Verwandtschaft, so doch die Zugehörigkeit zu dem Fürstenhause auf."
„Es ist närrisch," meinte Reschke und schüttelte den Kopf. „Es ist. sehr närrisch."
„Und dennoch," setzte F-üroringer hinzu, „man ma»g sagen, was man will: es liegt etwas Feines darin und etwas Apartes. Es ist nicht wie überall. In der heutigen Mode verlacht man die Tradition. Aber auch das Ehrwürdige hat seinen Zauber. Ich habe ein altes Durnierbuch. darin lese ich oft. Das Alte dünkt nrich zuweilen frischer als das diene. Es hat vielfach noch seine Farbe behaltän; und in der Gegenwart tuscht man nur noch mit grau."
„Reaktionär!" schimpfte der Burgmüller und lachte.
„Ja," sagte der Kantor, „so nennen mich auch dies KUollegen, die mehr für den fobenanutcn Freisinn sind, und werfen mich zu. den Junkern und Pfaffen. Und gerade, die so sprechen, rennen weder Junker noch. Pfaffen oder doch nur die Karikatur von beiden. Aber es ist mir schon! gleich: ich bin, wie ich! bin . . ."
Er prieste und trank. Nun Lun man auf Politisches. Es war hier unten ein Winkel der gemäßigten Anschamm,gl. Die Junker waren frei.Ionservattv und die Pfaffen nicht schwarz. Pastor Fresenius halt sogar einmal einen Katholiken auf dem protestantischen Kirchhofe beerdigt; das war keine Heldentat und kein außergewöhnliches Geschehnis; nichtsdestoweniger gab es in der Folge Auseinandersetzungen mit der Behörde. Auch der Burgmüller wählte frei- konservativ; aber er gebärdete sich doch gern, als stehe er eigentlich weiter links, und folge nur schlechter Gewohnheit. Er hatte persönlich viel Neigung für jedwede Opposition.
Mitten im Gespräch hatte Fraii Tilde eine Masche fallen lassen, hob deii Kopf und- horchte auf. Draußen auf dem Flurgang wurden schlurrende Schritte vernehmbar, und auch Schnauzerl schlug in seiner Hütte an. Dann klopfte es sacht und mit Respekt an die Tür.
„Nanu?" sagte der Burgmüller, unb Frau Tilde rief „herein", hinzusetzendi: „es wird Mauske sein . . Das war der Bogt, der um diese Zeit die Schlüssel zu bringen! pflegte. *
^ Dnh es war nicht Mauske, sondern Herr Beyfuß, der Schloßrntendaut. Er sah jetzt anders aus als am Nachmittag; trug nicht mehr den vielgefältelten Bratenrock und den Zylinder nlit dem Broiizeton, sondern eine Art Lodenjoppe und auch! eine Kappe aus Lodenftoss mit Schirm und auf- aebundencn Ohrenklappen, beide Kleidungsstücke von siM* sich hohem Alter.
Er brachte eine Meldung, die er ernst und zeremoniös vortrug. Durchlaucht Prinz Jost hätten gehört, daß Herr
Otto Reschke angenommen sei und' ließen doch sehr bitten, ihn zu besuchen; morgen vvrmittalg, so vielleicht gegen Elf. Aber als er diese Meldung erstattet und znsagendlL Antwort erhalten, ließ er seine Würde fahren und wurde sofort zugänglicher, gab jedem die Hand und nahm auch Platz, nachdem Grete einen Stuhl herbeigehvlL hatte.
Frau Tilde wußte, wie sie den Alten zu bewillkommen hatte. Sie ging hinaus, und als sie wiederkehrte, brachte sie einen Teller mit, auf dem ein paar mächtige Brot-i schnitten lagen, mit Speck, Wurst und.Käse. „Bloß so ein Imbiß," sagtechie dabei; „das Bier schmeckt besser. . “> „Nein, Frau Reschke," antwortete Beyfuß, „ich. danke höf- lichst, aber wir haben schon soupiert. Es ist heute ein wenig später geworden von wegen der Ankunft des durchilau-ch- tigsten Herrn. Er karn unerwartet, und da ging es etwas drunter und drüber in Kirche und- Keller "und nicht in gewohnter Ordnung. Ich muß svirklich danken. Das Menü war so reichhaltig; es stellt sich immer inehr heraus, daß es kein Fehler war, den Koch zu. entlassen; die An schütz, hatte eine feinere Zunge. Ich muß wirklich danken. Aber ich will anderseits auch uiajt beleidigend fein, Frau Reschke. Das will ich nicht. Ihre Blutwurst habe ich, immer geschätzt. So sei mir wenigstens ein Kosthäppchen verstatteb .
Und. dann kostete er, und. binnen zehn Minuten stand der Teller vor ihm leer. Alle an? Tisch wußten, daß, dass so kommen würde, und es lächelte keines. Reschke holte sogar die zweite seiner schwarzen Zigarren mit dem HavannaLänd- chen herbei, und Grete füllte den Bierkrng Beyfußens von neuem. Denl Beyfuß tat man gern etwas Liebes an. Im Winter brachte Fürbringer ihm Bücher, und ans der Mühle w änderte manche Speckseite und Wurst nach dem Schlosse- hinüber.
Denn man wußte: ging es kärglich zu im „alten Hause", so wohnte ein graues Elend im Schlosse. Es war so ünd ließ sich nicht abstreiten: es kam vor, daß- Beyfuß. hungerte. Aber er dachte an seine große Vergangenheit, und da drückte der Hunger ihn nicht. Er war als Feldwebet- Leutnant im Kadettenkorps angestellt gewesen. Bei der Kompagnie, deren Kammern er zu verwalten hatte, stand danrals ein junger Graf Arteru, ein weitläufiger Vetter und Freund des Prinzei? Bolko Gotternegg. Nun hatte Beyfuß auch etwas Hohes geheiratet: eine ehemalige Kammerfrau der verstorbenen Fürstin Herrsurth, die 'in ihrem Hange für das sozial Auserwählte mtf den Gatten nicht ohne Einfluß blieb und in der täglichen Beschäftigung Beyfußens mit meist älteren Montur stücken fast etwas Würdeloses erblickte. Beyfuß selbst hatte Neigung für ein geregeltes Zeremonienweseu, was doch woyl auch wieder auf das ihm in Fleisch und Blut übergegangene Numcrie-- rungssystem seines Kammerdienstes zurückznführe?? war; und so einten sich denn verschiedene Strömunaen zu einer großen Sehnsuchtswelle, und der kleine Graf Artern wurde als Vermittler aller Wünsche und Hoffnungen erwählt, die dann durch, de?? Prinzen Bolko weiter bis zur Durchlaucht de?n Fürsten von Gotternegg getragen wurden. Der stand derzeitig auf der Höhe seines Seigneurdaseins und! war in seinem Souveränitätsgefühl immer gern, mit lockerer Hand und den? Wohltätigkeitsempfinden großer Nature??, zu helfen bereit, erfüllte zugleich, auch Bolkos Wunsch und engagierte Beyfuß als Schloßintendariten.
(Fortsetzung folgt.)
sein großer Cag.
Skizze von Curt Kühns.
(Nachdruck verböte?!.)
Endlos dehnte sich die Sch??eelaudschaft. lieber Hügel und Tal zog sich der breite Landweg hin, nur hier ??ud da "von niederem/ Gestrüpp begleitet. Und hier und da unterbrach ein Stückchen ^ >üelte mei & verschneit die hohen
Zwischen den Stämmen eines der Gehölze klang Hufschlaa und leichtes Säbelklirren: eine Kürassierpatrouille, voran ein lungcr Osfizrer auf laug austrabendeni Goldfuchs, ritt heran-
letzten Glrede der kleinen Stellung, ein Stückchen hurück^ bleibend, auf einem großen, etwas schwer schnaufenden Braunen ein Mann mit einem besonders freiNidlichcn und gutmüligm Gesicht, der Kürassier Dröhmer.
„Wieder solch lahmer Klepper dazwischen," brummte der Leutnant durch die Zähne, mit einem' Blick über die Schulter, „und ,olch langsamer Reiter dazu!"


