Donnerstag, den 9. März
Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
Otto hatte erzählt, ldaß Fürst Bolko mit iAnr im gleichen Zuge gefahren sei, und- das brachte von unge>ühr die Unterhaltung auf die Gotterneggs. „Eine plötrige Gesellschaft," sagte der Burgmüll-er und paffte stark; er saß wie in einer Wolke; „wenn man denkt: was waren sie einmal und hatten an hundert Güter anher der großen Herrschaft, und in der -Schatzüammer.aus dem Götzen sollen die schlesischen Groschen, das tvar damals viel Geld, in hohen Säcken verwahrt worden sein, und regierten souverän. Und heilte sitzen sie auf dem Bettel sack."
„Während doch keiner sagen kann," benlerkte der Kantor, „wer von ihnen sie dahin gebracht hat. Es ist ein Werden und Vergehen auch mit ben alten Geschlechtern. Aus die Zeit der Blüte folgt das mähliche Verdorren. Da ist es ganz gut, wird ein frisches Reis ausgepsvopft, so wie der Fürst es will."
„Ist recht," meinte Reschke; „ist auch meine Ansicht. Es ist ein komisches Bild : so berühmtes Geschlecht und kann sich kaum durchfuttern. Man kann verarrnen; aber passiert es unsereinem, da ist schwer Hilfe oder gar nicht. Ein armer Fürst braucht bloß die Hand auszu st recken, und es sitzt ihm an jedem Finger eine Millionärin. Sehr vernünftig, daß der Bolko es tat."
„Greulich finde ich es," sagte Grete und verzog die Lippen.
Die Mutter sprach: „Gans! Was verstehst dü?" mrd Otto rief: „Laßt sie? Sie hat auch das Recht der freien Meinungsäußerung. Zudem ist Gaus uicht gebräuchlich im Parlament, Mutter. Ob Bol kos Wahl gut und verständig, ist schließlich, seine Sache. Auch, ob die andern von der Familie etwas von den Millionen haben werden, was noch zweifelhaft ist. Jedenfalls ist die Braut so schön, daß man auch ohne die Mitgift die Wahl verstehen könnte."
„Also kennst du sie, Otto?"
„Ja. Ich sah sie aus einem Wohltätigkeitsfest; da hatte auch meine Professorin mitzuwirken, und ich ging pflichit- gemäß hin. Da sah ich Miß Simpson zwischen ihrem V-ater und Bolko. Der Vater unansehnlich und schlecht rasiert, mit einem Gesicht wie ein Schauspieler; die Tochter pi-achtvoll wachsen, in köstlicher Toilette, mit rotblondem Haar und an gen wie Milch und Blut; dazu einen Mund wie reife Erdbeeren in der Farbe."
„Donnerwetter?" rief der Burgmüller, nahm die Pfeife aus dem Munde und schaute seinen Sohn voller Verwunderung an. „Du wirst ja ganz begeistert! Du redest wie ein Gedichtbänd!"
Otto errötete .nnmerklich, utib Grete kicherte leise in sich
hinein. Aber Fürbringer nickte wohlgefällig, nahm eine Prise und sagte: „Es gefällt mir. Es ist hübsch, wenn sich die männliche Jugend an fraulicher Schönheit zu begeistern vermag. Ick) habe auch selber einmal versucht, meinen Göhren in oer Erziehung zur Schönheit den Blick zu weiten. Dja bin ich freilich he rein ge fallen. Es war in meiner ersten Stelle, oben in Ostpreußen. Da hatten wir ein Sckwckzimmer mir vier kahlen Wänden; es sah-eher als wie ein Gefängnis au& Und nun schnitt ich denn aus illustrierten Zeitschriften, Probeheften und Prospekten, die nur der Buchhändler schenkte, massenhaft Bilder heraus: meist von Statuen und dergleichen, und es waren freilich auch Verrusse dabei nud sterbende Fechter und griechische Tänzerinnen in ihrer zcit- nnd landesüblichen Tvachtpdas alles klebte ich -an die Wände der Schnlstnbe und freute mich darüber, weil es hübsch crns- sah und heiter, und es ergötzte das Auge. Aber da kam eines Tages der Schulrat und schlug die Hände iiber dem Kopf zusammen und ein paar Wochen später hatte ich einen, gehörigen Wischer weg; die Schnlstnbe wurde tapeziert und mit der Erziehung zur Schönheit war es auf diese Weise nichts. Vielleicht hatte der SckMrat recht; vielleicht auch ich. Ich lasse 'die Frage offen . . ."
Der Kantor trank seinen Krug ans und wischte sich den Mund mildem großen roten Taschentuch. Er hatte viele solcher Geschichten auf Lager aus der Zeit, da er noch oben in Ostpreußen die Jagend gelehrt hatte. Aber das Interesse wandte sich am heutigen Abend doch mehr der Ankunft des Fürsten Bolko und seiner Verlobung zu als vergangenen Zeiten. Es war nur natürlich. Mit diesem Fürstenhanse war man ans das innigste verwachsen. Die Mten hatten sich gekannt, und die Jungen waren gemeinsam groß geworden. Man schimpfte auseinander urrd hatte sich dennoch gerir. Bauernhochmut und Adelsstolz platzten zuweilen hart zu- samnren, und Armut und Reichtum erwiesen sich Reverenz. Es war ein seltsames Nebeneinanderleben; Fürst und Müller schauten von oben herab sich an, prozessierten -auch wohl einmal eines Grenzstreits wegen, schrieben sich Griefe, in denen es an injuriösen Wendungen nicht mangelte, und doch ließ keiner aus den andern etwas kommen.
Da war der verstorbene Fürst gewesen, ein eigener Herr; von dem erzählte der Bnrbmüller, indes er die Pfeife nachstopfte und den Tabak mit dem flack>en Daumen fest drückte.
„Ja," sagte er, „er hatte seine Mucken. Aber er war doch ein großer Herr und wußte zu leben. Da ist denn auch nichts übrig geblieben; es ging unter ifym schon ans bir Neige, und er starb sozusagen zur rechten Zeit. Er starb an seinem Geburtstage: als ec Sechzig wmrde. Sein Kammerdiener fand ihn am Morgen tot im Bette; und an diesem Tage hatte er einen Wechsel über rund huuderttauselrd Atark zu bezahlen. Das weiß ich von dem kleinen Jsaatsohn, der sozusagen zu seinen Agenten gehörte. Da hat man beim allerlei gemunkelt von Gift und so etnms. Aber es hat niemand beweisen können. Er lebte nicht wüst; das kann


