Ausgabe 
8.3.1916
 
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Man wochenlang in Erdhöhlen kampierte, wirkte Wohnlichkeit Ganz mächtig, und nun gar der Schlafraum, der ihm angerviesen wurde! Der war ja gerade von fürstlicher Pracht mit dem satten Wau der Bezüge, denr zierlichen Geschnörkel der vergoldeten Leisten tznd der schüverdunklen Seüxmtapete, der in mattem Gold die Lilien der Bourbons eingewebt waren. Hohe Spiegel ragten auf, Amoretten schwebten auf dem DeckengemÄde in einer Himmel- flauen Wolkenlandschaft, in einer Ecke prunkte das Bett unter Hein Samtbaldachin und im Kamin verglomm ein tüchttges Feuer. Da würde ec schlafen!

~ Doch vorerst wollte er an dem prächtigen Schreibtisch, der mit eingelegter Platte in der Mitte des Raumes stand, den Eltern schreiben. Tie mußten erfahren, wie gilt es ihm ging. Er setzte sich in den tt-efen Stuhl und zündete mit Behagen die Zigarre an, die ihm der General zum Abschied angeboten hatte. Und als die ersten Rauchwölkchen aufsttegen und schleierhaft im Raum ver- schrvebten, lehnte er sich bequem zurück und schloß die Äugen. Er fühlte nun erst, daß er müde war, auch mochte der ungewohnt! schwere, bei Tisch genossene Wein seine Wirkung geltend machen. Man lebte ja hier im herrlichsten Weinland der Erde! Er saß ein Weilchen, behaglich vor sich hindämmernd da überkam ihn tählings das Empfinden, als ruhten beobachtende Blicke auf ihm. Seine Hand griff nach der Pistole, die vor ihm auf dem Schreib­tisch lag. Man mußte in Feindesland ja stets auf unliebsame Ueberraschungeu gefaßt sein, anch konnte irgend ein toller Fana­tiker sich eingeschlichen haben. Er schlng die Vorhänge des Bettes

zurück, spähte in dunkle Ecken-nichts, und dennoch wollte

das unbehagliche Gefühl nicht weichen. Nun forschte er nach ge- Aimcn Türen, die sich in allen Schlössern hinter Spiegeln und Bildern verbergen pflegen, da traf ihn unversehens von der Wand oberhalb des Kamins der Blick brauner Frauenaugen. Und in diesen Augen war ein verborgenes Glitzern und Leuchten die kochten ja iiber ihn, den dummen Knaben, der vor einem Bilds erschrak. Beschämt und ein wenig z-ornig legte er die Waffe nieder. Wie konnte einer, der tagaus tagetn im Schützengraben dem Tode ruhig ins Aug-e sah, sich hier von einem Bilde narren lassen! Gewiß trug der Wein an dieser Torheit schuld. Aergerlich faßte er das Bild genauer ins Auge sein Aerger verblaßte wie meisterlich lebendig war es doch gemalt! Feierlich, in prunkender Staatsrobe mit hochtoupiertem gepudertem Haar saß eine Dame, von der dunklen Pracht schwerer Vorhänge umrauscht, in einem treten Stuhl. Eine Hand spielte lässig mit dem Fächer, die andere hing unnattirlich schmal und lang über die Stuhlehne herab. Unter dem turmartigen Ausbau der Haare blühte ein zartes junges Gcsrcht, dunkle Brauen wölbten sich in leichtem Bogen die Augen aber wo hatte er solche Augen nur schon gesehen? Das Bild stellte wohl eine Vicomtesse de Montperls dar, Schloßherrin in Längst vergangener Zeit, die nun ein wenig erstaunt aus den Eindringling niederschaute.Ja Madame Vicomtesse, das ist nun nicht zu ändern vorläufig sind wir deutsche Junker Herr«: auf Euren Schlössern?"

Er nickte denr Bilde zu, nahm die Zigarre wieder aus Und setzte sich neuerdings an den Schreibtisch.Liebe Eltern!" begann er und machte eine Pause. Denn mm trat ihm das Bild der Ta- heimgebliebeuen so deutlich vor Augen, daß er ihm ein Weilchen nach firmen mußte. Tie saßen jetzt wohl auf dem väterlia-ert Gut in der Wohnstube um den großen runden Tisch beisanrmen, Pa-er las die Kreuzzeitung vor, Mutter und Schwestern strickten Sottatenstrünrpse und der kleine Bruder fornrierte die Schlacht- reihen seiner Zinnsoldaten. Das große Hans aber mit den langen Korridoren und den^ heller: Stuben schlief im Frieden des ver­schneiten Parkes. Mit französischen Schlössern durfte man es nicht vergleichen, und doch war es eine Heimat, die, im Kamps zu schützen höchstes Glück roar! Die daheim sollten nrrr ohne Sorge leben, die Söhlie dieser Erde, die deutschen Jungen, die würden's zwingen. und wenn sr dann als Sieger heimkehrte.

Die Scheite im Kamin flammten mit leisem Knistern ein letztes Mal auf und zerfielen. Das liebe, alte Haus! Er ging im Geist von Raum zu Raum und dann hinauf in die unbewohnten Stuben, in denen allerlei Gerümpel verwahrt wurde. Denn da Dynnerwetter, da hatte er's^ja? und er warf einen raschen Blick auf das Bild der schönen Schloßfrau das um reu dieselben braunen Augen so lebhaft blitzten sie auch aus dem alten ver­gilbten Bilde droben in der Rumpelkammer. Das war einst seine Knabenschwärmerei gewesen. Ein schmales, junges Mädchen gesicht unrer lcichtgepuderten Haaren, aus denen ein Rosenkranz lag dunkle, Zahlende Augen unter leichtgeschwungenen Brauen wie kam nun diese Aehnlichkeit ntit der Vicombesse. die wohl auf ihrem Lchlvsse oder am Hofe zu Versailles in leichtsinnig üppigem Genüsse des Tag vertändelt hatte, während das Freifräulein von Zossow aus dem abgelegenen Gute ein Leben der Arbeit und der Pflichten führte.

Bon früher Kindheit an war das Mädchen mit dem Rosen- ihm eine stille Freundin gewesen, zu ihr kam er, wenn er sich Uiüde getollt hatte an wilden Knabenspielen, und immer verstünde sie ihn. Er hatte sich wohl zu Zeiten dieser phantasttichen Freundschaft geschämt und ihr dennoch nicht ent­sagen wollen. In späteren Jahren hatte er davon geträuntt, der- ernst ein lebendes Abbild des Mädchens zu finden und den holden bestrickenden Liebreiz atmend und rosig in sein Haus zu führen.

Von dem Original des Bildes feBer war nichts zu erfahren gewesen. Ein Freifräulein von Zossow aus dem achtzehnten Jahrhundert

es hatte deren so viele gegeben.

Aus dem törichten Knaben, der phantastische Träume pflegte, war gottlob doch ein tüchtiger Offizier geworden, und mir in ganz lettenen Stunden hotte er aus dem jüngsten Winkel seiner Seele den bunten Wunderkram verblichener Knabenseligkeit her­vor. Madame la Vicomtesse war heute schuld daran. Er schaute zu dem Bilde auf. Noch intmer lockte ihn der Glanz der strahlend dunklen Augen doch würde er seine Frau um anderer Gaben willen wählen. Wie ertrüge solch ein Dämchen wohl das Leben in einer kleiner: Grenzgarnison, wie würde die ÄrhAslast der Guts­frau auf diesen Schultern ruhen? Ach nein Madame trotz all der jugendschönen Anmut, unsere Frauen sind mir lieber!

Die Luft im Raum war beklemmend schwül, zarter leiser Rosenduft schwebte aus Ecken und Winkeln hervor. Wie ein köstlich schwerer Mantel sank Müdigkeit auf ihn nieder, er lehnte sich in den Stuhl zurück Und schloß die Augen. Und wie im' Traume ging er durch das Heimathaus, durch den langen Korri­dor, die Treppe hinauf da war die Rumpelkammer da hing das Bild die braunen Augen strahlten eine weiche Hand berührte ihn er schaute auf und war nicht mehr allein in dem tiefen Stuhl vor dem Kamin saß eine Frau ein schmales, jugendzartes Antlitz blühte unter dem Aufbau gepuderter Haare

dunkle Augen grüßten war sie aus den: Bilde herab zu ihw gekommen? Eine Weile war es still im Raum das Feuer verglomm die Turmuhr schlug in schweren Schlägen, dann sagte die DameSo, so Herr Junker Hr findet also ich wäre nicht die richtige Frau für Ihn?" Sie sprach deutsch, doch über dem Wunder ihres Hierseins, achtete &c der Ueber- raschung nicht.

Nein, nein," stammelte er verwirrt unter dem forschenden Blick,das habe ich nicht gesagt."Wenn nicht gesagt, so doch gedacht, nicht wahr und Gedanken, mein Freund, pflegen auftichtiger als Worte zu sein. Nun ja, der Herr Junker ist wohl ein großer Frauenkenner und vielleicht vielleicht hätt' ich auch wirklich nicht in sein stilles Leben getaugt obwohl

ach ja" sie lächelte wie in freundlicher EiHinerung.Ich bin kein Frauenkenner ich Hab ja gar keine Erfahrung" ver­teidigte sich der Leutnant ruck) kam sich schivach und hilflos und töricht vor."Nicht?" Die Dame erhvb sich, trippelte auf Hacken­schuhen zum Schreibtisch herüber, stützte die Arme aus die Platte, den Kopf 'daraus und schaute dem Leutnant tzou ins Gesicht. Nicht? Das wundert mich. Sollten deutsche Frauen blind ge­worden sein?"Aber ich bin doch eben erst gemustert, aus der Schule gleich in den Krieg," sagte der Leutnant und xcitz sich stolz. Unter dem Mck der braunen Augen sank aber cm dies Selbstbewußtsein kläglich zusammen. Auch strömte von der Dame ein bekleminender Duft $u, ihm das zog toia -zarte Schleier-Wölkchen um seine Stirn imd lahmte alles Denken es roch nach ver-4 gilbten Blumen und Stoffen wie wenn Mutter in alten Kom^ moden kramte unter Spitzen und Bändern aus Großnmtters Zeit

doch.die hoDe Frau vor ihm war blühendes Leben unten jedem Atemzug erzitterte das Spitzengekränsel am Ausschnitt des Kleides, die starre Seide .knisterte Puderwölkchen stäubten, wenn sie den Kopf bewegte der Leutnant versank in beklemmend süße Betäubung.So jung" nickte die Dameund schon einl Held die 'ZossollK waren alte tapfer" sie beugte sich oov und berührte mit leisem Finger das Eiserne Kreuz an seiner Brust. So nahe die blühende, duftende Anmut des jungen Lewes und nun streifte ein weicher Arm feine Wange und sagte eine zärtliche Stimme ganz dicht seinem Ohr:Man muß auch Frauen gegen- über tapfer sein wir lieben die Helden! da griff der Leut­nant mit zitternden Händen nach der holden Gestalt. Ein Schlag mit dem Fächer traf ihn, er taumelte zurück, raffte sich auf die schöne Beute war ihm entglitten doch nein dort zögerte die himmlische Frau an der Türe und winkte ihm sie glitt aus dem Raume ihr nach durch den langen Korridor über Treppen sie schwebte vor ihm hin als holde Verheißung. unerreichbar und doch nicht fliehend, nein, leise uvinlend, nun öffnete sie eine Türe schaute noch einmal lächelnd zu ihm zurück da traf ihn ein furchtbarer Schlag! Krachen) Dröhnen, Splittern war um ihn die holde Frau verschivand hinter dichten Nebeln er brach zusammen.

Der Leutnant erwachte im Feldlazarett. Der Kops schmerzte unter dickten Binden er konnte sich nicht entsinnen, bei welcher Gelegenheit er sich die Wunde gepolt. Vor ihm stand der Arzt und lächelte chm zu.Was ist es?" fragte der Leutnant.Oh, nichts von Belang. Ein Stein oder sonst ein scknverer Gegenstand hat Sie an der Schläfe getroffen. Nun wir Sie bei klarem Be­wußtsein haben, ist das Aergste Überstunden nun braucht es nur Ruhe und ein wenig Geduld. Das Beste ist Schlafen." Dann kam der Bursche strahlend, seinen Herrn bei Bewußtsein zu finden. Er plauderte in froher Erregung.Ne das Glück, das Herr Leut­nant bei allem Unglück gehabt hat. Wenn der Herr Leutnant nur eine Minute später ans dem Zimmer gehn. Und ich hatt mich noch so gefreut, daß der Herr Leutnant solch ein feines Quartier ge­kriegt haben. Und gerade wie ich mich aufs Stroh lege bums kommt der erste Schlag. Und rvie wir Nachsehen, nws eingeschlagcn hat, ift's akkurat dem Herrn Leutnant sein Zimmer. Ta war nichts wehr zu holen. Die ganze Decke herunter. Ich wollte ja