Ausgabe 
8.3.1916
 
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lichkeit steckte in einem weiten, sehr langen Tuchrock von mausegrauer Farbe, zugeknöpft fast bis zum Halse, über den steife Vatermörder hoch und spitz ausragten, die halben Wan­gen verbergend, doch die Kehle freilassend, an welcher der Adamsapfel scharf knorpelig heraustrat.

Dies war der Kantor Fürbringer; aber es kam noch etwas zu seinem Bilde, das nötig zu beschreiben ist. Füv- bringer trug hohe Kniestiefel mit blitzblank geputzten Schäf­ten; solche Stiefel trug er immer, Sommer wie Winter,- und nie sah man ihn anders. Der Burgmüller sagte, er täte es Napoleon zu Liebe, und dieser stürmischen Verehrung gelte auch der mausgraue Rock. Nun war der Kantor freilich ein glühender Bewunderer Bonapartes; aber er bewunderte doch auch andre Genies, zumal die soldatischen. Denn der kleine Mann liebte mehr als den Lehrstand den Wehrstand. Er war ein Fanatiker des Militarismus und schwärmte für alles Kriegerische und Heldenhafte, von Achill ab und dem Feld­zuge gegen Troja bis auf die großen Heerführer der Gegen­wart. Es saß eine tatendurstige Seele in der physischen Un- scheinbarkeit. Es war dieser Fürbringer ein Lobredner der blanken Waffe, die er weit höher schätzte als die tückische Kugel und den Pulverdampf; und da er den blanken Stahl seinen Kindern nicht geben konnte, so bewaffnete er sie wenig­stens mit Holzsäbeln, und dann leitete er gewaltige Schlach­ten, und seine Kommandos dröhnten über die Nuthe. Er wor­ein großer Feldherr, und stand er da, in mausgrauem Rock und den Kanonenstiefeln, so fühlte er sich auch; selbst das Fernrohr fehlte nicht, durch das er Ausschau hielt, wo er am besten die Artillerie auffahren lassen könne und wo die Brombeerbüsche Deckung gewährten. Er tat auch als Lehrer seine Pflicht; aber bei dem kargen Geschichtsunterricht, den Mn das Pensum vorschrieb, schweifte er doch gar zu gerne ab, blieb hie und da einmal bei einer Schlacht haften und tz-vg auch weit hergeholte Vergleiche hierbei: sprang flugs von Königgräh nach den Thernropylen herüber und verließ rasch die sandige Mark zu einem Abstecher nach der Bucht von Salamis.

So war er und erklärte, er könnte nicht anders sein. Es ließ sich pädagogisch gewiß manches dawider sagen, dock) hatte seine Eigenheit auch ihr Gutes. Es wuchsen stramme Jungen heran unter seiner Zucht, und die Mädel blieben auch keine Treibhauspslauzerl; bei den Sommer­schlachten hatten sie mitzukämpsen und bildeten ein Ama- zoneukorps, das sich zu wehren wußte. Als einmal ein neuer Schickiuspektor die Garde Fürbringers prüfte und ganz zufrieden war mit dem, was er Hörle, erstaunte er, als der Kantor chm sagte:Verzeihen der Herr Schulinspektor, das war erst der Geist; nun möchte ich Ihnen mit Ihrer Erlaub­nis einmal zeigen, daß die Jungen von Gotteruegg auch Kraft haben und Schläue und die nötige Gewitzigkeit. Ich möchte Ihnen mit Ihrer Erlaubnis einmal zur geneigten Darstellung bringen, wie es bei dem sobeuannten Mägde­krieg im Lande Böhmeil zugegangen sein mag. Dabei treten auch unsere Mädel in gesunde Aktion und können dem Herrn Schul:nspeltor beweisen, daß sie weder an Muskelschwund noch an Ueber'bürdnng des Gehirns laborieren . " In

höchster Verwunderung entgegnete der prüfende Pädagoge, so neugierig sei er sein Lebtag noch nicht gewesen; der Herr Kantor möge nur loslegen. Da zog denn alles hinaus Frere u»ü> die vereinigte Krasse schied sich in zwei feindliche Parteien. Grete Reschke begann dazumal gerade, wenn auch noch mangelhaft, ihre Schnltätigkeit, und ob sie auch eben erst sechs Jahr geworden war, hatte man sie in Anbetracht ihrer Abstammung von den Bnrgmüllern doch zur Königin Wlasta gekürt. Tie gesamte junge Weiblichkeit hielt natürlich treu zu ihrer Königin und verschanzte sich hinter der Wlustaburg: es war dies ein kunstreicher Berg von Hobel,pänen und Sagemehl, und oben wehte als Banner der jungfräulichen Fürstin ein Höschen Greres, das maii Trockenleine geraubt hatte. Inzwischen formierte sich die Mannerschar; der Sohn des Revierförsters Ms dem Vorwerk Sorgenfrei, August Jaiinasch, ein hübscher Flachs topf, das war der Firrft Przimislaw, und'um sich hatte er feine edelsten Madiken, lauter stramme Bengels, ^var barfuß die meisten und einige mit eingesetztem Hosen­boden und flicken ans den Jacken, aber alle voll adligen Muts und ersüllt mit ritterlichem Tatendurst. Diese jungen Edlen verließen nun ihre schützende Stellung hinter dem Kvmpoichaufen vor dem Hause des Nachttvächters am Dorf­es und rückten der Wlastaburg entgegen mtt Vorsicht natürlich und sprungweise, dem ersten Ausfall der tapferen

Mägde weichend, dann aber mit Hallo zürn Sturme vor> gehend und der Königin eine entsetzliche Schlacht liefernd. Es brachten die hölzernen Schwerter aneinander, und her­über nick» hinüber schwankte der Sieg, und Hühner und Gänse flatterten aufgeregt von dannen, und auch die Hunde mischten sich in den männermordeuden Strett und kläfften und jaulten; und manches Schürzen band riß und manche Naht platzte im Zweikampf. Bon erhöhter Position aus betrachtete Fürbriuger das Schauspiel und als es ihn: genug schien des verwegenen Spiels, führte er eine alte trompete an den Mund und entlockte ihr einen fürchterlichen Don. Im Augenblick setzte der Kanrps aus, und alles stand. 0 herrschte eine mustergültige Disziplin. Der Kantor aber verneigte sich vor dem Pädagogen und svrach:Herr Schiuk- inspektor, das ist die böhmische Schlacht. Nicht ganz genau nach der Beschreibung weiland Aeneas Silvii; aber er mischte ja selber Sage in die Historie, und so brauchen auch wir uns nicht haarscharf an die' immerhin fragwürdige Geschichte zu halten. Bei der Schlacht von Roßbach Mid vor allein bei Belle-Alliauee gehen wir historischer zu Werke; am schönsten aber gelingt uns immer der Uebevgjang über die Beresina und macht den Jungen auch am meisten Spaß, weil sie da durch den Fluß waten können . . Der Schul- ^inspektor verzichtete auf weitere kriegerische Darbietungen, soll sich aber höchlichst amüsiert haben; dem Pastor hat er nachher gesagt:Der Fürbringer ist noch einer ans dev alten Schule, ein Prachtkerl, dem man gut sein muß, wenn er auch seine Schrullen hat. Aber die Schrullen sind das wenigste, die haften allen originellen Köpfen an. Die Haupt­sache ist das famose Herz. Er ist mit Herz bei der Sache, mit ganzem.herzen einem Spartanerherzen, und das Sparta­nische tut uns in diesen Zeiten allgemeiner Weichhetts- duselei not. . ."

Der spartanische Fürbringer, der doch so ganz anders anssah, mußte mtt am Tische Platz, nehmen. Er stellte seine Schnupftabaksdose vor sich hin und legte sein riesengroßes rotes Taschentuch geben sich auf das Sofa. Dann wurde der Wein ab geräumt und Mer gebracht, und der Bnrgmüller steckte sich eine Pfeife an.

Das Gespräch drehte sich anfänglich natürlich um Otto und sein Studium. Der Kantor respektierte die Wissenschaft, her Otto sich zu widmen gedachte. Aber daß der lange Junge nicht Berufssoldat geworden war, tat chm doch auch wieder leid. Was wäre der für ein prachtvoller Gardekürassier ge­worden und wie hätte er ansgesehen im tveißen Koller mit den blauen Brandeburgs und im Stahlpanzer und mit den mächtigen Bismarckstiefeln! Gewiß, es ist etwas Gutes um die Anatomie, die die organischen Wesen zergliedert und alle Geheimnisse des inneren Körpers bloßlegt, und Fürbringer zweiselte keinen Augenblick daran, daß sein ehemaliger Schüler einmal ein zweiter Kyrtl oder Rokitansky oder Birchow werden würde. Aber gerade, weil es sein ehemaliger Schüler war, da hätte er den Otto doch lieber in Uniform gesehen statt in dem Schürzenrock des Prosektors und ein Blick des Bedauerns flog über die protze schlanke Gestalt des Studenten.Du wirst wie dein Vater werden." sagte er'kopsnickend,der war ein Gardetürassier, wie er im Buche stand, und bei den Kürassieren hat er sich auch die Rettungs­medaille geholt. Du hast die Kürassierfigur deines Vaters. Schade. . Und dann stopfte er sich Schnupftabak in die Nase und nieste, daß die Stube dröhnte.

(Fortsetzung folgt.)

oa§ dtyrog m oer Champagne.

Von Anda Maria Birnbucher.

(Nachdruck verboten.)

Ter Leutnant stand in der Mitte des Raumes und schaute um m, schlank und knabenhaft schmal in der feldgrauen Uniform- phm sich die ernste Spannung löste, die tagsüber aus seinem Ge- siöche lag und ihm Reife des Ausdruckes über die Jahre lieh, erkannte man, wie jung er war. Seine blauen Augen lachten, ferne Wangen erblühten in Heller Kinderfreude, er war jung und froh, ein Knabe und doch ein Mann!

Heute hatte er's fein getroffen! War von der Front mit nner wichtigen Meldung zum Stab geschickt worden, fjatte den Rrtt unter allerlei Fährnissen glücklich erledigt, war vom General belobt^worden, hatte als Gast des Stabes im hellen Speiseraum ^ Schlosses das Muhl eingenommen, das ttotz feldmäßiger Einfachheit ihm an der gut gedeckten Tafel, von Offiziersdienern amgetragen, einen feierlich üppigen Eindruck hinterlieb. Wenn