Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten. >

(Fortsetzung.)

Otto mußte sich in die Sofaecke setzen. Es war so wun­dervoll behaglich in der Heinrat! In der Stube hatte sich nichts verändert. Die alte Uhr stand noch immer in dem Winkel am Fenster uiib zeigte wie vordem ihr gelbes Mes­singgesicht, ein Abbild des Vollmonds, mit schiesverzogenem Munde und verschmitzten Aeugelchen und daneben an der Querwand blähte sich stolz der Sekretär, auch ein Model aus Großvaters Zeit, die unteren Schubfächer weit vorgebaucht und tu der Mitte des Oberbaus zwischen zwei Säulen ein freier Raum für allerhand Nippes. Doch der dttppes war vergänglich gewesen und nichts zurückgeblieben ans alten Tagen als eine Wedgewoodtasse, der der Henkel fehlte; nur' das blaue Medaillon mit seinen weißen Götterfiguren Ln Relief leuchtete noch voller Glanz, und in die Tasse tat der Burgmüller alle blanken Pfennige, die ihm in die Hand kamen. Auch das gehörte zur Tradition. Der Großvater hatte in den Opfersüxk der Kirche, in den Klingelbeutel und für alle Kollekten immer nur die Pfennige aus der Wedge­woodtasse gespendet, und der Burgmüller hielt daran fest, schon weil es billig war.

Otto mußte lächeln, als er die Tasse sah und jden Sekretär und die Standuhr und die Bilder an den Wänden, zopfig gerahmt urrd mit Darstellungen aus vergangenen Tagen: das alles berührte ihn so heimisch Die Zeit schien vor dieser Millers strebe halt zu machen. Nichts hatte sich geändert seit der Kinderzeit; aus jenem Bilde, das den großen Napoleon abkonterfeite, wie er auf schnaubendem Rosi über den Sankt Gotthard sprengte, sah Otto noch immer zwischen Glas und Papier eine tote, längst zur Mumie ge­wordene Fliege, die saß genau auf der Nase des großen Napoleon. Und Otto ent sann sich daß er schon als kleiner Junge darüber aegrübelt hatte, wie diese Fliege es fertig bekommen, sich durch die Ritzen des Rahmens unter das Glas zu pirschen. Die ganze Stube steckte voller Erinnerun­gen, und heimlich tvurde eine nach der andern lehendpg. Vor dem Nähtische in der Fensternische stand die Hutsche, aus der' er sich niedergekruert, wenn die Mutter ihm ein Märchen erzählt hatte. Noch schöner aber waren die Ge­spenstergeschichten des lahmen Christian gewesen;vor hun­dert Jahren", so fing jede an, und alle spielten sie auf den Nntheschlässern und hörten sich schrecklich an, wenn der lahme Christian ins Wispern kam und seine rvtuniränderten Augen immer größer wurden. Auf dem Kleiderschranke aus gelbem Birkenholz lagen drei Kürbisse; die gaben wiederum Anlaß zu allerhand Erinnerungen: da schnitt man mit dem Taschenmesser Gesichter hinein und höhlte sie aus und be­leuchtete sie von innen, daß sie wie Totenköpfe aussahen mit glühenden Augen icttb grinsendem, feuerspeiendem Mund.

Auch der Briefbeschwerer war noch da mit der Flrntenkugel von Düppel und das Bild des Rolf Krake und das Pfeifen- gestell mit ben sechs langen Pfeifen und den beLen kurze,! und noch so vielerlei. . . .

Es war, wie es immer gewesen. Draußen rauschte die Linde, und von weiter her klang das Rauschen der Wasser, die über das Wehr stürzten. Die Uhr tickte laut, meralle» und gleichmäßig und ehe sie schlug, rasselte sie bedächtig, als müsse sie Atem holen. Die Lamve brannte, und ihr gelbes Licht quoll kreisrund unttr dem grünen Scharm hervor, auf dem eine unmögliche Alpenland.).. . . aa.varent leuchtete. Und als die Tür ansging und Frau Tilde zurückkehrtr, drängte sich auch die rote Katze in das Zimmer und rieb sich schnurrend an Ottos Bein.

Frau Tilde meldete, in der Stube Ottos sei alles in Ord­nung. Es hatte sich auch schon das Gerücht verbreitet, daß er wieder da sei. und nun kam einer nach dem andern, ihn zu begrüßen; die Mamsell war die erste, und auch der lahme Christian erschien, aber er torkelte, und der Burgmüller nahm ihn am Kragen und schob ihn wieder hinaus. Und draußen aut dem Hausflur rannte Christian.gegen einen kleinen Mann, der sich soeben mit einem roten Sacktuch die Brille putzte und ärgerlich rief:Heu, Christian, wer so dem Bacchus huldet, üb' doppelte Fürsicht? Aber Bacchus, was sag' ich? Heiliger Bacchus, verzeih'. Dies Geschöpf duftet uachSprrilus wie ein Korrosionspräparat. Christian, hat nicht Euer Barer gegen die Polen gesochten? War er nicht Sergeant bei den Achtundvierzigern und einer der Tapfersten? Und sein Sobn ersäuft sich in Spiritus. 8ic transit gloria. Ein Soldaten kind da packt mich der Ekel. . .

Und während Christian brummend aus dem Hause wüh, setzte der kleine Manu im Halb licht des breiten Flurs, wo die Mahllisten standen, die Brille wieder aus und klopfte an die Wohnstubentür.

Er wurde gastlich empfangen, und Otto umarmte ih» sogar; denn der Kantor Fürbringer hatte den Grund aller Weisheit, das Abc und ähnliches, in seine wissen ^durstige Seele gesenkt. Es gibt socche Kantorenoriginale nicht mehr viel aus den Dörfern.' sic wandern für immer dahin wie alles Originelle. Fürbringer hätte auch räsonniert. würde man ihm in das Angesicht gesagt haben, : sei ein Origmal. So etwas liebte er nicht. Aber ein merktrikrdigcs Menschen­kind war er doch. Schon äußerlich: klein und hager, mit gelbem Taint und braunen Tupfen darin wie von tvr wischten Sommersprossen: mit großer Habichtsnase, die hatte da, wo die Brille auslag. eine roUi.f Riese; uub unter der Nase schienen zwei Kafteedolmen be^ festigt zu sein, doch waren es nach Natur und Wirkluhleit die verkümmerten Rudera eines Schnurrbarts. Ungemein lebhafte Augen blitzten unter den Brillengläsern hervor: be ständig flogen die Blicke umher und zuckten und sprühten, und dabei arbeitete auch der Mund bei geschlossenen Lippen, als wolle er ein fernes Wetterleuchten kopieren, das an her- terem Himmel herauszieht. Des Mannes winzige Körper-