Ausgabe 
6.3.1916
 
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können mit Frau und Kind und Vieh. DaS übrige wird verladen. Je zehn Pud, also an die drei Zentner auf einer: der kleinen kläg­lichen, gebrechliche:: Wagen, vor die ein Pony gespannt wird, dem Man kerne 500 Meter zutrarrt und der dann unverdrossen fünfzig Kilometer trottet. Heut abend muß, alles fertig gepackt sein, morgen früh um vier wird angespannt und sortgefahren. In jedem Dorf bleiben zwei Mann zur Ueberwachung und Loslösung der Wagen zurück. Treffpunkt: die große Straße, auf deutsch: der Matschfluß zwischen den bedeutenderen Trecknestern. Wer zuerst kommt, wartet auf die anderen. Klarer kann kein Befehl sein, nichts leichter als die Ausführung ... in Deutschland. Andres hier im ehemaligen heiligest Rußland. In jedtzm Dorfe sinds nur fünfzehn Bauern und jeder hat begriffen, um was es sich handelt. Sein! Wagen ist ja beladen, sein Pferd steht daneben angebunden und frißt poch einmal eine tüchtige Portion Heu, aber er kommt nicht. Er schläft nicht mehr, sein Bett ist leer, er läuft imr planlos wie ein vom Autolicht geblendetes Huhn in der Nacht herum, sucht irgend einen Strick, einen Radnagel, eine Handvoll gekochter Bohnen als Wegzehrung und ist nicht zu finden. Hat man den! »weiten, ist der erste wieder fort, und erwische ich den dritten- kriegt per ziveite das Laufei:. Aber schließlich sind sie doch alle da, nur daß drei kostbare Stunden verstrichen sind, die uns schon weit vorangebracht hätten, llitb die anderen warten und fluchen. Sie

täten es wenigstens, wären die Bauern gleich, und als

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e da. Aber in allen Dörfern sind _ . mit meiner Schar nach dreistündiger

Bn-spätung erscheine, sind die anderen noch unsichtbar. Ein Melde­reiter endlich bringt die Nachricht, daß sie sich heranbewegen. Als sie in Sicht sind, lasse ich anfahren, und nun ergießt sich der Strom der Wagen in den ins Laufen gebrachten Fluß.' Fast einen halben Kilometer ist die Kolonne lang, rmd jedes Stocken vorn bringt die hinten zum Stehen, jeder Halt in der Mitte zerrt die Kolonne auseinander. Nur unentwegtes Geschrei hält sie zusammen. »Feder Gaul verlangt Zuspruch. Mit Nu und Otteh und Koschkä werden sie angetrreben und durch Rütteln mit den Zügeln, durch klatschende Hiebe vorgehetzt.

Aber es ist kein schnell fließendes Gewässer, solche Panje- kolonne. Im Durchschnitt macht sie ihre vier Kilometer in der Stunde, und wenn sie das an einem Tage sechs Stunden lang leistet, kann n:an sich freuen. Jede Pfütze am Wege wird benützt, Uin zu tränken, jede Steigung dient als Vorwand für einen langen -Halt. Es vergeht keine Stunde, wo nicht umgeladen, die Last anders verteilt werden muß. Ta ist keiner, der nicht überzeugt wäre, daß sein Pferd die größte Last hätte, keiner, der nicht be­hauptete, sein Pony würde schlapp.

Lieben diesen inneren Kämpfen hat die Kolonne noch, äußere Kr: bestehen. Zwar bewegt sie sich in einem Lande frei vom böser: Russenfeind, aber auf einer Straße, wo deutsche Soldaten mar­schieren, die es immer noch nicht, und mit Recht nicht einsehen wollen, warum ein russischer Bauer fahren und sie laufei: sollen. Jeder Panje, der sich allein in den Heerstrom wagt, geht darin Unter, ihm lvird der Wagen und das Pferd fort requiriert, ehe er sichs versieht.Allein" heißt ohne militärische Begleitung. Ist nun diese zufällig am andern Ende der langgezerrten Reihe be­schäftigt, dann kann es leicht Vorkommen, daß vorn die ersten Wagen ausgespannt werden. Ein Zetergeschrei erhebt sich, denn verstehen könne:: sich Deittsche und Panjes nur schwer, ustd es bedarf des sehr energischen Dazwischentreteils des Begleiters, um die Wagen wieder fte: zu bekommen.

Dann kommt die Nacht übern Wald gekrochen, die frühe russi­sche Herbstnacht, ohne Mondenschein, die dunkel ist wie ein Grab­gewölbe. Ehe das Tageslicht ganz auslöscht, müssen wir im Quar­tier sein. Das Dorf natürlich, das ich erreichen wollte, liegt noch weit, so weit wie wir zu spät abgerückt. Darum wird ins nächste vbgeschwenkt, das dort am Hange hockt. Tie Scheunen werden belegt. Es gibt ein wenig Jammergeschrei, denn sie wollen ja gerade drin dreschen, aber das hilft nichts. Woina, Pan! .Es ist Krieg! Die Wagen werden dicht nebeneinandergeschoben, die Pferde jabgespannt und dahinter gebunden, aus einem Netz das Heu heraus- peschält, und in den Häusern drängen sich die Männer. Sie sitzen letzt ermattet an den Wänden entlang, und von dem Kiehnspan spielt rotes Licht auf ihre struppigen Bärte, ihre flachsigen Haare, die abgeriebenen Leder der Schafpelze, die sie nicht ablegen, obwohl das Feuer in: Herde knattert und wärmt. In einem großen Eisen­topf dämpfen sich Kartoffeln, und die Männer warten still auf ihre Mahlzeit. Sie haben Achtung vor dem deutschen Soldaten, sie sprechen nur im Flüsterton in seiner Gegenwart, aber es ist nicht Furcht, es ist eine gewisse natürliche Bescheidenheit oder jene An­erkennung des Dieners für den Herren. Das steckt in ihnen, uitb 1 darum kann man gut zu ihnen sein und freundlich, sie werden nie die Grenze vergessen.

Jetzt wagt sich der eine heran. Prosche Pan, bitte schön, und er gräbt aus seinen Kleidern ein Tuch, aus dessen Knoten ein Stück Papier und aus den: Papier einen Fetzen. Es ist dieKartätschka", stein Mordgeschoß, wie der Name vermuten läßt, sondern ein Kärt­chen, ein Zettel, der Gutschein, der letzte Rest gehabten Habcs und sein einziger Beweis. Man sieht es ihm an, er ist schon hundertmal heransgcholt, gezeigt, von schmutzigen Fingern entfaltet, von noch schmutzigeren nsteder zusammen gelegt worden. Denn jeder deutsche Soldat wird gefragt, ob dieKartätschka"dobsche", gültig, sei. Und wenn man ihm hundertinal versichert hat, es stände ein Ulk- wort drauf und fte sei wertlos, immer noch hofft der Bauer, daß

der hundertemste Prüfer ihm einen Hoffnungsstrahl ins Herz.sendest Und ans den geheimnisvollen Schnftzeichen da etwas heraus- fmden könnte, das ihm dermaleinst zum Ersatz des abgenomnienen Gutes verhilft. Nun, ich bin wicht grausam, und deshalb versichere ich dem Bauern, daß sein Gutschein volllverttg sei. Besteht doch kein Zweifel, daß »vir hier wie anderwärts jeden nachweisbar berechtigten Anspruch befriedigen werden, auch wenn der Requisi- tionsfchein den Anordnungen nicht genügt, ja überharftit fehlt.

Sie sind wie die Kinder, diese Bauern. Für ein freundliches Wort kann man alles bei ihnen haben, sie habe:: ein stark ausge­prägtes Gefühl für Gerechttgkeit, und manchen Streit, den mir ein Pfarrer, ein Bürgermeister vortrug, habe ich durch eine von jeder Gesetzgebung losgelöste, aber dem gesunden Menschenverstand begreifliche Entscheidung zu beiderseitiger Zufriedenheit schlichten können.

Dann muß man aber auf der anderen Seite auch einnml streng sein, nach unseren Begriffen zu streng. Diese Langsam­keit im Ausfuhren eines B-esehls, wie sie die Bauern zeigen, kann den ruhigsten Menschen zur Verzweiflung treiben. Sie gehen, die Hände in die gegenüberliegenden Aermel ihrer Pelze gesteckt, mit unausdenklicher Langsamkeit dahin, wohin Man sie schickt. Leicht läuft einem da die Galle über, und als es mir neulich zu toll wurde, habe ich einen alten Kerl regelrecht verhauen. Zwar hatte ich nachher Gewissensbisse, aber wie ich ihn dann in der Kolonne hatte und an ihm vorbeiritt, nickte er mir so strahierst: zu, daß ich mich beruhigte. Er hatte begriffen, daß es nicht anders ging und war mir dankbar für diesen Ausdruck freundschaftlicher Zuneigung.

Die ersten Male glaubte ich, meine Kolonne müsse des Nachts bewacht werden, damit kein Bauer ausreiße, keiner sich an dem beförderten Gute vergreise. Aber bald lernte ich um. Tie Ehrlich­keit in diesem Lande :ft bewundernswert. Man kam: sich unbedingt auf die Bevölkerung verlassen. Me man unbewaffnet allein in jedem Bauernhause die Nacht verbringen darf, ebenso wird nie ettvas von einem Wagen fortkommen, solange sich nicht andere als die litauischen Elemente :n der Nähe aufhalten.

Am Morgen kostet es zunächst wieder einige Lungenkraft, die Gesellschaft in Gang zu bringen. Sie hatten die halbe Nacht damit verbracht, sich über einem offenen Feuer ein ganzes Schwein zu rösten, und standen nun noch klappernd an der Glut, um sich zu wärmen. Schließlich gelang aber der Abmarsch, nachdem ein Dutzend versucht hatten, die Erlaubnis zur Rückkehr zu be­kommen. Die eine Hälfte erinnerte sich plötzlich irgend welcher kranken Familienmitglieder, die anderen niachten ihre Pferde schlecht, die nicht Mehr laufen könnten, und nur ein alter Jude, der auch zunr Frondienst gepreßt war, bewies die Klugheit seines Volkes, indem ec nur fünfzig Pfennige versprach, falls ich ihn laufen ließe. Aber selbst dies fürstliche Angebot konnte mich nickst rühren, ebensowenig wie das Klagegeheul seiner Frau am vorigen Tage, als sie das Reiseziel erfuhr. Sonst war ihr der Mann wahrscheinlich nickst jung genug, heute log sie ihm ein paar Jahr­zehnte hinzu, um' ihn frei zu bekomNsen. Ich erklärte ihr jedoch, er müsse mit, auch wenn er hundert Jahre zähle und ich ihn bis Petersburg fahren lassen wollte. Aus diesem Ausspruch ent- stand in der Gegend bald das Gerücht, wir würden in den nächsten Tagen auf Petersburg marschieren... das Wort lief neben uns her, es lief uns voraus, und wo ich hinkau:, wurde diese Neuigkeit mir unterm tiefsten Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Ein Beweis dafür, wie Meldungen aus dem Volke zu bewerten sind, aber auch, wie vorsichtig man mit der harm­losesten Aeußerung sein muß.

Doppelt vorsichtig, weil in einem Lande, wo erst jeder zehnte Mensch lesen tarnt, die mündliche Neberlicscrung eine, ja die Hauptrolle spielt. Seit Monaten ist die Bevölkerung von jeder gedruckten und geschriebenen Nachricht abgeschnitten, so daß selbst dieSchriftgclebrten" ihnen Neuigkeiten nicht übermitteln kön­nen. Dennoch läuft jede wirkliche und nebenbei hundert falschst Nachrichten mit einer geradezu unglaublichen Geschwindigkeit durch das Land, dringt in die entferntesten Ortschaften, in die kleinsten Katen, weit ab von: 'Wege, im tiefen Walde versteckt. Aus einem Wort wird ein Satz, aus einen: Satz ein Roman, aus einem Ge­fangenen tausend, aus einer eroberten Stelling eine Festung. Riga und Dünaburg sind hier in den letzten Wochen mindestens fünftnal in unsere Hände gefallen, ebenso oft sollen uns die Russen zurückgelvorfen und Ortschaften wiedergenommen haben, die noch heute 150 Kilometer hinter der Front liegen. Ich kenne nur einen Vergleich für dies eilige Laufen des Gerüchtes (da ja nun ein­mal verglichen werden muß!), aber er trifft wenigstens zu. Wslt hinten in der Bretagne, einen: Lande, wo auch in Friedenszeiten selten ein Deutscher hinkan:, und in Jahrzehnten nun nicht mehr kommen lvird, ragt ein Fels aus den: Meere, der Berg des Heiligen Michael. Um! ihn spült zweimal täglich die Flut, und zweimal liegt er in trockenstem Sande. So weit das Auge reicht, ist dan,i kein Wasser zu sehen, bis sich die Gezeiten wenden und die Welle heranschleicht. Dann stehst du nichtsahnerst: auf festem Boden, und ans einmal quillt es neben dir auf. beginnt zu rieseln und zu laufen, wie tausend kleine hurtige Schlangen kommt das Meerwasscr gelaufen und i'lberziM das Becken mit seiner Salz flut. Da heißt es, sich sputen, denn es komntt mit der Geschwin­digkeit eines galoppierenden Pferdes, es ist überall zugleich, hinter dir, neben dir, da, schon vor dir, ein Gräber: hat sich gcfüllt, und