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„So," sagte Frau Tilde; „das klingt gut. Ei sieh', von Wein hat sie ihn denn? Von mir, nicht wahr?"
„Das Hab' ich nicht behauptet. Vielleicht auch von mir. In der Chronik steht —"
„Ach, geh doch mit deiner Chronik? Redst immer von ihr und kannst sie selbst nicht 'mal lesen!"
„In der Chronik steht, es war ein Reschke, der hatte alljährlich zu Johanni einen Sack mit Mehl auf die Gotzen- burg zu tragen als Zinspslicht, und es war bestimmt: auf seinem eigenen Rächen. Das war Satzung. Er mußte den Sack rm Schweiße seines Angesichts auf die Gotzenburg tragen und oben im Schloßhofe abladen vor dein Grafen, und alle Hofherren sahen zu Das wurmte meinen Ahn, denn er war schon ein reicher Mann, und der Hochmut packte ihn, und er wollte die Schuldpflicht ablösen. Mer der Graf ging nicht darauf ein; die Burgmüller von damals waren leibeigene- Leute und das sollten sie spüren. Es hatte seine Richtigkeit; wir hätten's nicht anders gemacht, wär's umgekehrt gewesen. Man niuß reell denken. Aber so dachte dieser alte Reschke nicht. Er soll schon an die Siebzig gelvesen sein, hindennoch ein riesenstarker Mann. Und eininal, wieder zu Johanni, hatte er wie alle Jahr den Mehlsack den Burgberg hinangeschleppt, und oben empfing ihn der Graf und sagte im Scherze: „Reschke, du bist grau geworden, aber die Esel sind es auch und bleiben doch fest inr Buckel." Da wurde der Alte knallrot, so stieg ihm das Blut zu Kopfe, und er ries: „Fühl, wie der Esel schlägt!" und packte den schweren Sack und ließ ihn dem Grafen mit voller Wucht auf d.en Kopf fallen. Der schlug gleich hin und stand nicht mehr aus. Er blieb tott Den Großahn aber hat man hinterher gerädert. Das war dazumal die Sitte. . /'
Die Müllerin schüttelte sich. „Daß du mir das erzählst," sagte sie; „ich hätt' es für mich behalten, und ständ's in der Chronik, ich hätt' sie verbrannt. Wir haben keine, aber gerädert hat man auch keinen von uns. Wir sind immer anständige Leute gewesen und keine Mörder und Totschläger..
Gottfried lachte. „Tilde, man muß an die Zeiten denken, die damals waren! Da sprengten auch die von Adel über die Straßen und lauerten den Krämern auf und überfielen und bestahlen sie und wurden nachher gehenkt. .Der Hacke von Stolpe hat sogar den Tetzel begaunert, das war das Schlimmste noch nicht, und im Kloster Zinna räuberten selbst die Aebte, und auf Schloß Beuthen saß ein Brederlow als Quitzowscher Hauptmann und sengte unb brannte. Das war bloß hier herum, und anderwärts ist es nicht besser gewesen. Es war eine Zeit, da galt der Mensch nicht viel. Aber was ich erzählte, weil's in der Chronik steht, sollte nur zum Beweise sein, daß auch uns der Hochmut im Blute sitzt. Dieser alte Reschke konnte sich nicht ducken, wo es gut gewesen wäre, und so kam der Deufel über ihn, und er hak schließlicherweise daran glauben müssen. Man kann ja auch sagen, es war ein gerechter StoG der ihn gepackt hatte. Aber was nützte es? Der Ausgang war fehlerhaft. . .
Da trat die Magd ein und sagte: „Soll ich denn nu' die Suppe bringen, Fr^u? Sie steht aus dem Herde und! brennt an." "
„Stell sie beiseite!" rief der Burgmüller.
„Da wird sie kleistrig," antwortete die Magd unwirsch.
„Sie hat recht," siel Frau Tilde ein. „Bringe die Suppe; dre Grete soll nachessen. Gottfried, sag ihr Bescheid. Sag ihr einmal ein ernstes Wort. Sie kann nicht piinktlich sein. Mir gehorcht sie nicht mehr."
Doch graoe da kam die Grete. Sie sprang' atemlos in die Stube und rief: „Hu, bin ich gelaufen! Mütter, entschuldige, ich !veiß, ich komme zu spät, aber denke dir —> denke bix, Vater, ein Mann ist mär nachgelaufen und hat mich quer über die Wiese gejagt —"
„Ein Strolch ?" fragte der Vater ernst.
™ t^ibt sich wieder viel Gesindel herum," sagte die Mullerrn; „bei Stelz-Kranse haben sie drei Hühner gestohlen." ö
„Ich weiß nicht, ob es ein Strolch! war," entgegnetg Grete und setzte sich an den Tisch. „Es lvar ein Mann iinit einer bunten Mütze und' mußte noch jung sein, denn er konnte mächtig lausen. Immer hinter mir hier, und ist in den Holzhos gebogen.
„Sind die Hunde draußen, Tilde?"
„Wo sollen sie sonst sein!?" . . . T-ann schrie sie auf. Es hatte an das Fenster geklopft.
„-Nwerenot!" rief der Bürgmüllec mrd fuhr in die Höhe. Da klopfte es an das andre Fenster.
„Schrei nicht, Tilde!" M Aber Gottfried schrie daS
K . „Ein Strolch klopft nicht an die Fenster und meldet n. Das sind Narrenspofsen oder es ist Fürbringer oder ein Betrunkener. Wo ist mein Stock? . . ."
Run klopfte es zum dritten Male, diesmal an die Türe. Die ging auch gleich aus, und ein junger Mdnschl trat in die Stube. Ter Burgmüller ries nicht mehr: „Schrei nicht,- Tilde" es tvar jetzt ein großer Jubel, und am ineisten jubelte Grete, daß ihr Scherz geglückt war.
Otto mußte Umarmungen urrd Kiisse über sich! ergehen lassen. Die nahm er in den Kauf. Aber als Mutter nicht enden wollte, rief er: „Fortsetzung nachher, Mutter! Jetzt lag uns zu Tische gehen, ich bringe einen verständigen Hunger heim. . . Und die Müllerin befahl der Magd, sie solle in der Küche noch einen Speckeierkuchen bestellen, und Reschke nahm den Kellerschlüssel und ging stillschweigend hinaus und kehrte sodann mit zwei ansehnlichen Flaschen zurück, die stellte er auf den Tisch und äußerte: „Sie sind bestanibt> Otto; das gehört zu unsrem Beruf. Aber innerlich sitzt ihr Wert, das wirst du merken. Lag ruhig die Suppe stehen) wenn sie dir nicht schmeckt. Mutter nennt sie das Vorgericht, und sie legt auch Grund. Aber sie ist doch mehr für den Alltag, und wenn du da bist, ist Festtag für uns. . . ."
Diese Ansprache gab auch Grete Gelegenheit, sich von der Suppe zu dispensieren, die der Schrecken ihrer Abendmahlzeit war. Otto bekundete einen gesunden Appetit und wußte dabei allerlei zu berichten. Dag es ihm gut erging, sah man ihm an. Er lernte auch eifrig. Er erzählte viel, von dem die Müllerin wenig verstand. Dag er kein praktischer Arzt werden wollte, begriff sie nicht. Sein Hauptinteresse richtete sich auf die pathologische Anatomie und Physiologie. Das waren böhmische Dörfer für Frau. Tilde. Indessen die Fremdwörter imponierten ihr. Ihr Bauernstolz schwand, und der Hochmut tat wieder. Es war doch ein eigenes Gefühl, einen Sohn zu haben, der so mit Fremdwörtern um sich warf, als sei es gar nichts. Alle drei am! Tisch hörten aufmerksam zu, da Otto sprach Und als er von Virchow zu erzählen begann, nickte auch die Mütter. Daß das ein berühmter war, wußte sie. . . .
Run wurde ab gedeckt, und Frau Tilde ging hinaus, um das Zimnrer Ottos in Ordnung bringen zu lassen. Mer der Wein blieb aus dem Tische. Reschke schloß, fernen Sekretäv aus und kramte lange in ihm lüncher. Er fatib auch was er suchte: ein paar, seine Havannas, die er für alte Fälle einmal ans der Stadt mitgebracht hatte; er selbst rauchte mrr Pfeife. Die Zigarren trugen ein farbiges Bändchen urrd waren schwarz wie Kohle und lagen, sorgfältig! in Papier gewickelt, neben einem großen .Heiligtum, dem einzigen Orden Burgmüllers: der Rettungsmedaille. — ;
(Fortsetzung folgt.)
Die panjekolonne.
' Von T. v. B.
(Nachdruck verboten.)
Es hat doch sein Gutes, dag wir unsere Zeit mit nach Rußland genominen haben. Einmal wird es dadurch für uns früher hell als für die Russen, bei denen die Sonne jetzt erst gegen acht Uhr ansgebt, und dann kommen diese, wenn man sie zu irgeitb etwas bestellt, meist nur ein bis zwei statt eigentlich zwei bis drei Stunden zu spät. Dabei steht die Bande nicht etwa spät ans, inr Gegenteil, sie rumort fast die ganze Nacht herum, aber dennoch werden sie nie fertig, es sei denn, einer steht hinter ihnen mrd« schreit auf littcmisch: „Greita!" oder polnisch „prendko", d. h. fir. Hat man genug Mannschaften zum Schreien, also auf sechs bis acht Eingeborene einen, dann bringt man sogar etwas mit ihnen fertig.
Der Fluch jedes mit friedlicher Arbeit hinter der Front Betrauten ist. die „Panjekolonne" d. h. ein Wagenzug aus Eingeborenen im Lande Polen und dort herum. Panjekolonne ist der' schlimmste Widerspruch in sich selbst, den einer nur ausdcnken kann. Pan ist der Herr, aber die da fahren, sind vielleiclit Herren gewesen, letzt wnrdöir wir keine Herrengelüste erlauben, selbst lvenn sie an solche dächten, aber sie tun es ebensowenig, toie sie den Ausdruck Kolonne für ihre Wagenreihe rechtfertigen wollen. Das ist keine Kolonne, feine festgefügte Säule, auf der des Heeres Verpflegung ruhen kann, das ist ein wildes Durcheinander von alten möglichen Und unmöglichen Gefährten, die keine Ordnung und keine Disziplin begreifen.
Irgendwo im Lande Litauen gibt es Ortschaften, die heißen Ripcnze oder Kirdcyki oder Meneischkany und haben noch von dem, was die Front braucht: Hafer und Kartoffeln, Erbsen und Kohl, Rinder und Schafe. Gewissenhaft ist festgestellt, n»as beim einzelnen sich findet, wieviel er behalten, muw um weiter leben zu
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