Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.'» lFortsetzung.)
2. Kapitel.
Ein Abend in der Burgmühle, bei Melcher Gelegenheit der Leser auch die Bekanntschaft des spartanischen Fürbringer macht.
Auch beim Burgmüller wurde der Tisch zu der Abendmahlzeit gedeckt. Es war Raum genug im Hause; aber man bewohnte nur ein paar Zimmer — da ließ es sich bequemer wirtschaften. Die große Wohnstube diente zugleich als Speise- gemach. Sie hatte eine gewölbte Decke, und die Wände waren so dick, daß die Fenster in tiefen Nischen lagen. Herrn Gottfrieds Vater hatte das Haus mächtig erbauen lassen. Er war ein Riese gewesen wie die meisten Reschkes, und was er tat und anfaßte, das harte Gewichtigkeit. Unter ihm war es noch patriarchalischer hergegangen in der Mühle. Da hatten Herr und Frau und Kinder mit dem Gesinde und den/ Müllerburschen gemeinsam getäfelt, Das ging heute nicht mehr. Die junge Welt wuchs in anderen Anschauungen heran. Alles entwickelt sich; man kann nicht stehen bleiben. Der Otto hatte Neigung für das Studium. Dagegen ließ sich nichts sagen, denn lernen sollte er etwas, freilich hätte Reschke es lieber gesehen, wenn Otto ein Landwirt geworden wäre, mit Verständnis für die Mahlmüllerei und die Schneidewerke. Aber man muß auch die Neigungen der Kinder berücksichtigen. Und schon als Junge hatte Otto gern den Herrn Doktor gespielt und dem Pulsschlage nachgespürt und hatte Annemaries Kanarienvogel behandelt, als er sich ein Beinchen gebrochen, und hatte einmal das Skelett eines Fuchses regelrecht zus ammenge fügt, so daß alles stimmte, wie die Natur es wollte. Da hatte Reschke sich denn sagen müssen: besser Gelehrter als Müller, und gab Otto auf die hohe Schule. Man konnte daran denken, daß Grete einmal einen heiraten würde, der fähig wäre, die Mühle zu übernehmen. Dann hätte Otto sein Erbteil bar ausgezahlt werden müssen, und der Name Reschke wäre erloschen hier unten im Nuthetal. Das ging dem Buvginüller wohl dann und wann durch den Kopf. Aber Sorgen machte es ihm nicht. Er war kein Grübler, sondern ein Mann der Zwectmäßigkett.
Es war doch schon so dunkel geworden im Zirmner, daß Frau Tilde die Hängelampe über dem Tisch angezündet hatte. Währenddessen deckle die Magd und stellte das Abendbrot auf. Was es immer gab: Schinken und Wurst und Speck, und voran aß man eine Grießsuppe; dazu trank Reschke ein Glas einfaches Bier.
„Wo ist die Grete?" fragte die Müllerin, klinkte das Fenster auf und ries hinaus: „Alwine, hast du die Grete nicht gesehen?" Die jüglöhnersfrau meinte, vorhin da wäre die Grete mit dem Prinzeßfräulein unter dem großen Apfelbaum gewesen und dann hätten sie einen Laubfrosch sangen
wollen und wären nach der Schleuse gegangen. Vielleicht wären sie noch an der Schleuse . . . Frau Tilde schlug das Fenster zu und schloß die Läden. Me sie die Eisen einhakte, das geschah stark geräuschvoll, und Reschke merkte daran, seine Gattin war übler Laune. Er saß schweigend am Tisch und hatte das Kreisblatt vor und las von den Wirren in Mittel amerika.
„Es ist eine Zucht," sagte Frau Tilde, „ich kann das Kind nicht mehr bändigen. Nicht, daß sie nicht pariert: sie widersetzt sich auch. Es ist ihr nichts recht, und zu allem ist sie zu fein. Ja, wie soll das werden? Wollen wir eine, Dame aus ihr machen, so paßt sie nicht mehr in Hof und Mühle — nnd wir denn nachher? Es hat alles seine zwei. Seiten, auch das mit der guten Erziehung. Ich sage nichts, Gottfried, aber ich sage: wir beide kommen von Bauern, du und ich, und dess' sollen wir eingedenk sein. ^ . ."
Reschke legte die Zeitung auf den Tisch. Das und Aehir- liches hatte er oft gehört und dabei nie seine Ruhe verloren.
„Von Bauern," entgegnete er und nickte, „es ist richtig. Dein Vater war sogar Lehnschutze in Adlig-Guhrau und durfte noch den weißen Schulzenstab führen, aus Eschenholz und oben mit einem bunten Bande. So etwas gibt es heute gar nicht mehr. Die Schulzen werden gewählt, aber nicht mehr belehnt, und daß das Schulzenamt durch Generationen in einer Familie bleibt, das ist Heuer schon gar unmöglich. Was diese Feinheit betrifft, so passen wir also zueinander, Tilde; denn in unserer alten Chronik steht —"
„Gottfried, hör aus!" fiel die Müllerin ärgerlich ein. Sie stand mttten in der Stube und hatte die linke Hand in die Seite gestemmt. ,,Es ist alleweil deine Manier, daß du auf andres kommst, wenn dir das, was ich sage, nicht zu Sinne ist. Aber ich fange doch wieder davon an. Ich sage: was bäuerisch ist, soll auch zueinander halten und beieinander bleiben. Ob du mehr gelernt hast und warst in einer städtischen Schule und auch noch in einer landwirtschaftlichen, darauf kommt es nicht an. Ich habe auch nicht immer auf dem Dorfe gekluckt. Laß die Zeitung liegen und hör mich zu Ende, Gottfried, du kannst die Zeitung nachher lesen; ich will mich einmal aussprechen. Der fürstliche Umgang von da drüben hat der Grete den Kopf verdreht. . 4 jawohl, es ist ganz gleich, ob die Leute kein Geld mehr haben: es kommt doch der Hochmut von drüben. Er steckt an, es liegt in der Luft. Es ist der angeborene Hochmut,' Den kann ich nicht leiden."
„Ich auch nicht," antwortete der Burgnrüller. „Auch bei mir nicht und auch bei dir nicht, Tilde; bei keinem, und wir haben ihn alle. Tu nur nicht so, als hättest nicht auch du deinen Stolz, und daß ich ihn habe, gesteh' ich. Mer man soll ihn nicht allzu laut werden lassen. Das kann man auch denen drüben nicht nachsagen. Sie sind bescheiden in ihrer Fürstlichkeit und müssen es sein. Sie sind viel bescheidener als wir. Der Grete ist der Hochmut nicht angeflogen; der steckt ihr im Blute/-


