Ausgabe 
4.3.1916
 
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Line schlaflose Nacht.

.Skizze von Kernrann Wagner, Großschönau.

' (Nachdruck "verboten.)

Es war eine kalte Nacht im Februar 1915. ,

Die Ileine galizische Stadt war wie ausgestorben. Viele Hun<- berte von Flüchtlingeil hatten sie noch, in letzter Sturrde veDq lasseil, da das Gerücht umging, die Nüssen könnten jede Munde kommen. Die Läden waren geschlossen, niemand zeigte sich aus der Straße, da und dort 'grüßte traurig ein matt erleuchtetesi . Fenster. .

Um den runden Fanlilientisch herum saßen die hiergeblrebenen Mitglieder der FamiUe des' alten Notars Sigmund Bolecki. Man sprach irur dann und wann 'eilt halbes Wort. Ein dumpfes Angst­gefühl schnürte den drei Menschen die Kehle zu. Der Notar hatte beit Kopf vornübergebeugt und blickte "müde vor sich nieder. Seine Frau sah ihn zuweilen an, wollte etwas sagen, schwieg dann aber doch lieber. Die zwanzigjährige Tochter Elfriede, eine dunkle Schönheit, blätterte nervös in einem Buche.

Gott," seufzte Frau Bolecka,ich wollte, wir wären doch lieber nicht hiergeblieben." Die zwei verheirateten Söhne nämlich hatten zwei Tage vorher mit ihrer Familie die Stadt verlassen. Sie waren in Sicherheit.

Warum?" fragte der Notar.Es ist nötig, daß einige führende Leute in der Stadt verbleiben, nran wird sie brauchen. Fürchtet euch nicht, es wird euch nichts geschehen."

In diesem Augenblick sielen draußen Schüsse. Die Frauen schrien erschreckt aus.Himmel," ächzte 'Frau Bolecka,das ist draußen auf der Gasse!"

Ruhe," sagte der Notar mit 'blassen Lippen.

Die Schüsse verstärkten sich, man konnte sie einzeln nicht mehr unterscheiden, es war ein IvildeS, wirres Feuern. Wütende laute Schreie tauchten auf und versanken wieder. Der Lärm jagte fort, lebte an anderer Stelle' wieder ans, schwächer und geisterj- hafter.

Das sind die Russen," stöhnte Frau Bolecka zitternd.

Nur Ruhe," mahnte der Notar gefaßt.

Aber es war fast, als 'wolle sich auch sein Antlitz versteinern, als im gleichen Moment die Hanstüre unten aufgerissen wurde und irgendwer in wilden Sätzen die Treppe heraufgestürzt kam.

Alle Blicke richteten sich starr ans die Türe.

Diese sprang mit einem jähen Krach auf. Ein Mann trat schweißbedeckt auf die Schwelle. Es war ein österreichischer Offizier.

Er war atemlos und ^agte keuchend nur die Worte:Wollen Sie mich verbergen?" Er rang ^iach Atem und setzte gleich hinzu:Es ist für Sie gefährlich, es geht um Ihren Kops. Aber wir müssen noch diese Nacht 'Verstärkungen erhalten. Und moregn früh ist die Stadt von Riesen wieder frei." Er sah sie alle scharf an.Wollen Sie? Dann schnell!"

Die Frauen spürten einen starken Schreck im Magen. Sie waren unfähig, auch^nur aufzustehen. Elfriede weinte plötzlich. Es war eine nervöse Schwäche. Frau Bolecka aber hielt die Hände vor ihr Gesicht, als könne sie so eine Erscheinung bannen. Nur der Notar war ruhig geblieben.

Er stand auf, und auf seinem Gesicht glänzte eine Entschlossen­heit, die sonderbar weich war. Er sagte mit erstickter Stimme: Selbstverständlich wollen wir. Kommen Sie unt!"

Wohin?" fragte der Offizier.

Es war, als habe der Notar den Fall schon völlig und in allen Einzelheiten überdacht.Nicht in den Keller. Auf den Dachboden. Im Gebälk dort werde ich Sie verstecken. Man wird Sie nicht finden."

Ohne einen Laut von sich zu geben, warteten die Frauen zehn bange Minuten. Dann kam der Notar zurück. Er war sehr ernst.Gott möge uns helfen," sagte er. Dann legte er einen Finger auf den Mund.Nun schweigt."

*

Eine knappe halbe Stunde später war das Zimmer voll rus­sischer Soldaten, die von einem Leutnant befehligt wurden, einem nicht mehr jungen Mann mit schwarzenr Vollbart, dessen Augen etwas unangenehm Stechendes hatten.

Der Leutnant stellte sich mit knappen Worten vor und sagte in fließendem Polnisch:Herr Notar, man htt es gesehen, daß ein österreichischer Offizier in Ihr Hans entflohen ist. Falls Sie ihll versteckt haben, dann ist es noch Zeit, daß Sie ihn ans freien Stücken verraten. Sonst suchen wir ihn. Und finden wir ihn, dann werden Sie erschossen."

Wir wissen nichts," sagte der Notar mit einer halben Wen­dung zu den Frauen hin.das nruß ein Irrtum sein."

Nichts?" wandte sich der Leutnant scharf an die Frauen.

Nein," sagten die beiden wie aus einem Münde.

Gut," sagte der Leutnant und gab seinen Soldaten einen Wink,suchen!" Und er schob sich, während die Soldaten sich lärmend entfernten, einen Sttihl an den Tisch heran, setzte sich, lächelte sonderbar und sagte:Haben Sie es sich auch ganz klar gemacht, was geschieht, wenn wir ihn finden?"

Die Frauen schwiegen, von seinem furchtbaren Lächeln im Innersten getroffen.

Gewiß," sagte der Notar.

Und Sie bestehm darauf, daß er nicht da ist?"

Wir wissen von nichts," beharrte der Notar.

Gut, so wollen wir warten."

Es vergingen zehn, zwanzig, dreißig Minuten. Das Haus war von einem haltenden Lärm erfüllt. Schwere Stiesel tram­pelten an allen Ecken und Enden, Türen wurden ans- und zu­geschlagen, Möbel gerückt. Stühle zur Erde geworfen, Lachen und

E luchen mengte sich durcheinander, es war, als demolierten tobende eister das Hans.

Aber allmählich wandelte sich der Lärm in tiefe Stille. Das Zimmer war plötzlich wieder imt russischen Soldaten ungefüllt. Und ein Unteroffizier meldete dem Leutnant:Herr, er ist nicht da."

Alles durchsucht?"

Alles."

Der Leutnant stand auf, behielt sein grausames Lächeln, ver­beugte sich und sagte:Danken Sie Gott, es wäre Ihr Tod gewesen." Und damit entfernte er sich, während die Soldaten ihm folgten.

Wenige Minuten später lag das Haus wieder in der früheren Stille da.

Den Frauen schien es die Sprache verschlagen zu haben. El- frrede weinte wieder. Frau Bolecka preßte die Hände gegen die Schläfen.Was tun wir nun?" stöhnte sie.

Warten," sagte der Notar.Wir werden diese Nacht nicht schlafen. Aber wir werden die Lampe auslöschen."

Und dann saßen sie alle. Stunde um Stunde, in toter Finsternis.

*

Gegen Morgen die Zeit mochte ans drei gehen ; wurden fte durch ein plötzliches leises Aufklinken der Tür aus einem traumhaften Halbschlaf geweckt. Ein Mann schob sich vorsichtig ms Zimmer, der Mönd beleuchtete dürftig seine breite russische Soldatenmütze.

Die Frauen stießen hysterische Schreie aus, die qualvolle Nacht hatte jebe Widerstandsfähigkeit in ihnen gebrochen. Der Notar richtete sich mühsam auf.Wer ist da?" fragte er auf Polnisch.

Pst!" machte der Soldat. Er kain näher, drückte einen Fmger ans ben Mund und flüsterte:Keine Angst, Herr! Ich hübe den Herrn Offizier gefunden. Ich habe ihn gestrichen, als ich eben ein Versteck ftir Niich selber suchte, deiin ich hübe es satt, dre)es elende Leben zu ftihren. Lieber sterbe ich!" Mer er kicherte leise in sich hinein, als sei es ihm, mit diesem Vorhaben, zu sterben, durchaus nicht ernst.Wissen Sie, Panie, was der Herr Offizier oben zu mir gesagt hat? Daß noch heute mörgen die Oester- reicher kommen und die Russen wieder zur Stadt hinausjagen. Dann wird er sich meiner annehmen.. . Oh, es ist gut, daß ich ihn gesunden habe! Die anderen wareii dumm, sie konnten nicht suchen. Der schöne,, breite, versteckte Balken er ist wie ein Zimmer!. . Ach, fast hätte mich der Herr Offizier erschossen, als ich ihn so plötzlich fand, während die aiidern schon fort waren! Aber ich sagte zu ihm :Gnädiger Herr, bitte, machen Sie Platz... machen Sie Platz, einem armen Menschen, der sich fürchtet... oh, ich ich schweige!" So ließ er mich Heraus zu sich. Und

wir haben imnier abwechselnd geschlafen und gewacht. Unb jetzt schrate er mich herunter zu Ihnen, Panie, ob Sie nicht etwas hatten, womit wir unfern Hunger stillen könnten?"

Die Frauen halten noch immer nicht begriffen und rückten in ihrer Furcht dickst zusammen. Der Notar iubeffeit schickte sich an, dem harmlosen Burschen Milch und Brot zu geben, dainit er berdes nach oben trage. Er bat ihn, ja recht vorsichtig zu sein. OH, Panie," lächelte der Russe überlegen,uns findet man Nicht! Nein!" Und er schüttelte,zuversichtlich den Kopf.

Mit unhörbaren Schritten schlich er wieder nach oben.

Der Notar beruhigte nun Frau und Tochter. Sie waren so erschöpft, ,daß sie sich jetzt willig zu Bett begaben und sogleich in einen schweren, dumpfen Schlaf fielen.

Der Notar allein wachte weiter.

Seine Gedanken waren mit peinvoller Erwartung auf den nahenden Morgen gerichtet...

*

Die Ereignisse an diesem Morgen überstürzten sich.

Um die fünfte Stunde Hub draußen vor der Stadt ein wü­tendes Gelvehrfeuer an, dem eine kurze, schwere Kanonade voraus- gegangen war. Die Oesterreicher gingen im Sturm vor. Die Russen wichen erst zögernd, dann inuner eiliger zurück, bis schließlich ihr Zurückweichen in kopflose Flucht ausartete. Sie durchrasten die Stadt in wütendem Lärm und waren plötzlich Verschwunden, wie ein nächtlicher Spuk.

Während die Oester reicher einzogen, kam die Stadt allmäh­lich wieder zu sich. Tie Nacht hatte wie ein Alp ans ihr gelastet. Nun eilten alle aus die Straßen, halten frohe Gesichter und waren laut und wie befreit.

3 äintnter des Notars erschien um diese Zeit mit strahlen­dem Gesicht der Offizier. Er schüttelte dem' Alten die Hand und umarmte ihn. Er lachte und rief doch aus:Die armen Damen! Was werden sich die geängstigt haben!... Aber nun wollen wir für sie sorgen!"

. D 5 öffnete sich die Türe bis zu einer kleinen Spalte. Durch diese Spalte steckte der zurückgebliebene Russe sein verschmitztes Gc- ftcht.Ilnd ich, Panie^ Leutnant?"