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nötig, das; er der Aussprache beizuwohneir habe, und versuchen Sie ihn zurückzuhalten. Er kann ruf)hj in seinem Zimmer bleiben."
Annemarie roch an einer Rose am Wege. „Gut. Ich weiß sogar noch etwas Besseres. Der Otto Reschke ist angekommen. Ich werde Beyfuß zu ihm schicken, er möge morgen früh Jost besuchen."
„Sehr schön. Das ist vortresslich. Die betbeu Freunde werden sich viel zu erzählen haben, und dann hat Jost seine Mlenkung. Ich danke Ihnen für die gute Idee."
Annemarie knickste. „Es ist mir eine Freude gewesen, Monsieur. Ich sage Monsieur, weil wir heute unfern fraw zösischen Tag haben —"
„Eh bien — eontinnons eit franyais —"
„Halten Sie Monologe!" ries Annemarie. „Ich habe Hunger und will erst einmal in die Küche, zu sehen, ob es zu Ehren Bolkos einen Festbraten gibt! Au revotr, Monsieur le Baron! . . ."
Das war er wirklich. Er war ein Freiherr von Velten und Paßte mit seiner Armut in dies Fürstenhaus, ans dessen Krone das Gold verblichen war. Er stand mutterseelew allein auf der Welt und war der Letzte seines Geschlechts. Da hatte er den Freiherrn aufgegeben und fallen lassen, wie ein nutzlos gewordenes Kleidungsstück, wie etwas Abgetragenes oder auch wie eine hindernde Last. Vor fünf Jahren war der arme Kandidat nach Gotternegg gekommen, damals in der Hosfnung, in Muße seine Studien' beendigen und sein Gehalt als Sparpfennig zurücklegen zu können. Er hatte gerechnet, ein Jahr werde er hier bleiben, nicht länger. Nun waren fünf daraus geworden, und ein Jahr reihte sich an das andere, und es wurde eine Kette, die ihn fester und fester umschlang. Er hatte Jost und Annemarie heranwachsen sehen, und an der liebevollen Zärtlichkeit, die ihm die Geschwister entgegenbrachten, erwärmte er sich sein verwaistes Herz. Auch diese Kinder standen allein wie er selbst, und es wäre ihm schwer geworden, sie zu verlassen. Denn er war ihnen mehr als der beratende Mentor: er war ihnen Vater und Mutter zugleich, er hegte eine um so größere Liebe zu ihnen, als sie in einer Dürftigkeit lebten, die sich auch durch Fleiß und Arbeit nicht bannen ließ: sie waren bemitleidenswert und wollten es doch nicht sein. Da hielt er denn aus in dieser freiwilligen Verbau- nung, von entern Jahr zum andern, und noch mehr konnten es werden. Er zwang sich, nicht an die Zukunft zu denken; er wollte es nicht.
Er sschante Annemarie nach, die hurtig davonsprang. Ihr dunkelrotes Wollenkteid flammte noch ditrch das Grün, das sich in Fliederhecken über den Rasen schob. Sie war querüber das Rondell gelaufen und mitten durch die Boskette und streifte im Fluge ein paar Hände voll Blätter ab, die warf sie in die dunkelnde Luft. Dabei stieß sie einen jubelnden Schret aus, einen Jauchzer, unartikuliert, einen Laut der Seligkeit. Sie war immer voll Frohsinn und jauchzte oft grundlos, als müsse der Sonnenschein, der ihr Herz füllte, sich in Tönen ausströmen. So war die Kindheit Annemarie«- <nn Himmel, der voller Wolken stand, und darunter lvar es licht.
Belten hatte sich gewendet. Er hatte tagsüber bei Jost gesessen und wollte noch einen kurzen Spaziergang durch den Park machen, ehe er in das Haus zurückiehrte. Durch die große Ahornallee sah er Beyfuß gehen, der sich immer noch gern Schloßintendant nannte, dem bronzegetönten Zylinder zum Trotz und obschon sein Verwaltungsdienst kläglicher Art war. Velten hatte den Alten gern. Auch der blieb, wie ein eisernes Jnventarstück des Hauses, und sagte kein Wort des Widerspruchs und klagte auch nie, daß er nur dann und, wann einmal, wie hingeworfen, einen Bruchteil seines Gehalts bekam. Im ganzen verödeten Schlosse hatte er die sogenannte Kastellanswohnung inne: zwei kleine Zimmer, und vor dem Fenster lag ein Stück Gartenland, das seine Frau bebaute. Ta hausten die beiden. Aber sie hatten auch viel im „alten Hause" zu schaffen, wo die Bedienung mangelhaft genwrdeu war. Es kam vor, daß der Herr Schloßintendrm« fünf Paar Stiefel zu putzen hatte.
Ich das kam vor. Er hatte einmal gesehen, daß Priw- ? Annemarie höchst eigenhändig mit Schmierfeder und trste über ihre Schuhe gefahren war und sie kräftig poliert
hatte; und da war ihm die
erneuen. Aus Würde ulu;t Wl „
^cütett Hause ; die Würde war dahingegangen mit de, .klingenden Golde, oder aber sie versteckte sich scheu. Denn s
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ielt man nicht viel in
hätte nur eine groteske Figur gespielt im zerschlissenen, Fürstenmantel, der die zerfetzte Schleppe durch eine gähnende Armseligkeit schleifte. Sie wäre in Gotternegg zur Spottgeburt geworden.
Es war frisch geworden am Abend nach dem glühheißen Tage. Velten spürte: es fiel auch der Tau. Im Parke häuften sich die Schatten und wuchsen. Es lag aschgrau unter den großen Bäumen und umdnnkelte sich immer mehr, als eile der Tag, von dieser verfallenden Herrlichkeit Abschied zu iiehmen. Aber wie der alte Park verfiel, darin lag ooch eine wundervolle Größe. Es war eigentlich kein Verfall, sondern nur eine Loslösung von der Etikette und war die Rettung! zur Freiheit. Seit langen Jahren war hier keines Gärtners Hand mehr tätig, die aus Schnitt und Form geachtet hätte: der Zeremouienmeister fehlte. Und nun reckte der Park sich in seiner neuen Freiheit und wuchs wild und ungestüm empor, und über brechende Aeste kletterte neues Leben und über zertrümmerte Statuen der Efeu, und auf den Rasenflächen blühte eine bunte ungezogene Flora und sprenkelte das Grün mit hundert Farben, und zwischen edlen Trieben schossen die Wildlinge auf, und so war es wie draußen im Walde. Es war wunderschön in dieser strotzenden Ueppigkeit und ungeregelten Ueberfülte: zwischen Veilchenfelderu und Rosenparterres, die einein einzigen Ungeheuern Buschen glichen, zwischen Dornröschenwänden und Tapuslülijsen und uuter den rauschenden Wipfeln, die über mannshohem Grase sich wiegten, das seine grünen Wellen über einen vom Sockel gestürzten Sandsteinfaun zusammenfchlug. Es war wnnder- schön, weil hier auch die vornehme Einsamkeit Raft hielt und eine träumerische Melancholie; die ging lute sachtes Erinnern durch den Park und schritt gleich einer Ahnfrau durch die dämmerumwebten Laubhallen und stand auch ini prallen Sonnenglanze aus der stillen Wiese ain Weiher, der so ganz mit den Blättern der Wasserrose bedeckt war, daß sein Spiegel nur hie und da in großen, ölig, schillernden Flecken hindurchleuchtete. Das war die Welt, in der Jost und Otto Freuüde geworden waren.
Und mitten in dieser Traumwelt erhob sich das Schloß. An ihm schritt Velten vorüber. Einen Augenblick blieb er stehen und schaute zu den: dunklen Kasten hinauf, dessen lange Fensterreihen toten Augen glichen, erloschen vor zu raschem Leben und ganz schwarz im tiefer fallenden Tam- ruer. Die Platanen hatten Herbst für Herbst Massen von trockenem Laub auf die Freitreppe geschüttet, und das staute sich hier und lag hochgeschichtet, bis die Novemberstürme es aufrührten. Die Sandsteinlöwen zu seiten der Treppe zerbröckelten, und ein Ahorntrieb hatte sich zwischen zwei Granitplatten einer Stufe gedrängt und sie anseinandergedrängt und wuchs luftig empor, und man wehrte ihm nicht.
In seiner massiven Uuförmlichitit sah das Schloß wohl stattlich aus; es war ein Koloß und- iinponierte. durch seine Größe. Aber es war Abend. Ta sah man nicht überall die Spuren des Verfalls und die klaffenden Wunden an deni Riesenkörper, sal) auch nicht den breiten Riß, der quer durch das Wappenbild über dem Haiiptportal ging. Mir Velten sah ihn, weil er ihn formte. Er sah ihn auch jetzt wieder und ging eilends weiter. Für dies verwunschene Schloß mit seinen malerischen Einzelheiten hatte sein ästhetisches Empfinden viel übrig. Oft saß er im braunen Laub auf der Tcrrassen- treppe und sann. Aber der Riß im Wappen tat ihm weh.
Er ging weiter und schnelleren Schritts; denn es wurde Zeit zur gemeinsamen Abendmahlzeit: ging zwischen den Rotbuchen hindurch, in deren Gezweige noch einige zerrissene Saiten der abgestimmten Aeolsharfen schaukelten, die einst hier ausgespannt gewesen waren, und bann an düsteren Donglaskiefern vorüber nach dem „alten Hanse". Es war srnher das Rentamt gewesen: wirklich ein altes Haus, aber malerisch wie alles in diesen! wunderlichen Winket, tief in etn wirres Gespinst von wildein Wein und .Heckenjasmin hinemgebettet, mit kleinen Fenstern, hohem, grün bemoostem Dach, auf dem ein neugedeckter Flecken ziegelrot hervorblinkte.
Als Velten um die Ecke bog, sprang ihm Annemarie entgegen. Sie kam aus der Küche, und die Mamsell hatte ihr anvertraut, es gäbe eine Rehkeule zum Abendbrot, dazu Klar- tofselsalat und nachher einen Zitronenanflauf. Gegen den letzteren hatte Annemarie nichts einzuwenden; aber die Rehkeule imponierte ihr in keiner Weise. Denn alles, was Braten hieß an der fürstlichen Tafel, kam aus den Wäldern der Herrschaft, und auch der Freude am Rehbraten wird man einmal überdrüssig, wenn der Genuß sich allzu ott wiederholt. . (Fortsetzung folgt.)


