Ausgabe 
1.3.1916
 
Einzelbild herunterladen

Doch Grete sah ernster aus. Die grübelte gern, und daß Unter einer Fürsten kröne auch die Not ihren schwarzen Man­tel aufhängen könne, das wollte ihr nicht zu Sinn. Sie hatte sich längshin in das Gras gestreckt, auf den Rücken, und die Hände unter das dunkle Geflecht des Kvpfes verschränkt und starrte wie träumend in den verblassenden Glanz des Him­mels hinein.

Vater sagt," so begann sie,dein Bruder Bolko herrate nur, weil seine Brarrt so reich ist. Sie soll unmenschlich viel Geld haben. Da sagt Vater, das sei sehr vernünftig. Aber icb finde: nein. Nein, Annemie, ein Fürst soll nicht nach Gelb heiraten. War' ich ein Fürst, ich würde nur eine Prinzessin nehmen und am liebsten eine Königstochter . . ." Sie seufzte lies auf. . . .Ach, Annemie, ich wollte, wir könnten tau­schen ich meine bloß so. . . Ich will mich ja nicht be­klagen aber ein Müller, ist's nun ein Burgmüller oder ein Windmüller oder was sonst und noch so reich: ein Müller ist doch immer etwas Gewöhnliches. Wenn ich wenig­stens adlig wäre! Das Schicksal ist schrecklich ungerecht. Ich jv-ollte, ich wäre adlig da würde ich mir Mühe gebe::, einer: Grasen zu kriege::, und kriegte ihn auch schon. Aber so! Bei einer Müllerstochter denkt man immer gleich an Mehl und an gebackenes Brot. Das ist beinah so schlimm, als wenn Vater ein Fleischermeister wäre! . .

Sie schwieg u:ü> verzog das Mäulchen. Ter Wasser­schwall, der über das Wehr stürzte, plätscherte laut. Da hörte man nicht das Leben hinter der Hecke, ein Bewegen und Rascheln und ein leises Auslacheu. Aber plötzlich erschraken die Mädchen. Sie sahen über sich an einem Stock eine Mütze schweben: zweifellos eine männliche Mütze, ein Stürmer, wie ihn die Studenten tragen, weiß mit farbiger Borte, und dann hörten sie eine Stimme, die konnte aus dem Buschwerk kommen, und sprach vernehmlich und wie im Prophetenton: .Margarete Reschke, hör, was ich dir sage. Es g-ibt viele Schafe in deines Vaters Hause, aber kein Prachtschaf als wie du. Es gibt auch viele Kamele im Orient, aber aus beiden Seiten des Aequators kein Kamel, das sich rühmen könnte, ein größeres zu sein als wie du. Margarete Reschke, du wirst niemals einen Grafen heiraten, sonder:: einen Müllerbur­schen mit weißer Jacke und ewigem Mehl auf den großen roten Händen. So sage ich dir, denn also ist es beschlossen von: Schicksal . . ."

Und nun bewegte sich die weißbunte Mütze am Stocke noch einmal, u:rd die Mädchen schrien leise ar:f, und dann erhob sich jemand im Rücken der Brombeeren und Berbe­ritzen: ein langer junger Mensch, der sagte höflich:Guten Abend, Durchlaucht guten Dag, bedeutende Schwester . ."

Grete fiel ihm um den Hals u\ü> gab ihm einen Küß.

Otto, du Nichtsnutz.! Otto, wo kommst du denn auf einmal her? Und beschleichst uns tückisch und hinterrücks wie ein J:rdianer auf dem Kriegspfade unid> brauchst Vergleiche aus der Tierwelt, die für die Begleiterin einer gnrftin von Geblüt zum mindesten unpassend sind! Annemie, schau ihn an. Kennst du ihn überhaupt noch, wieder? . . ."

Annemarie errötete ein wenig und stellte den Fuß zu­rück, an dem der Schuh mit dem Flicken saß, gab Otto die Hand und entgegnete freundlich:Auf der Stelle Hab' ich ihn wiedererkannt. Aber was sind Sie lang geworden, Herr Reschke!..."

Vor zwei Jahren hatten sie sich :roch du genannt. Das war nur möglich unter den eigentümlichen Erzieh uuAsver- hältnissen in Gotternegg und weil der alte Fürst Herrsurth, der Vormund Annemaries und des Prinzen Jost, die Ma­dame Balsour schalten und walten ließ, wie sie wollte. Fürst Hemfurth kokettierte auch selbst zuweilen mit seiner Neigung zu einem gemäßigten Liberalismus, und so schafften Freiheit und Armut ein freundliches Idyll, in dem die Standesunter­schiede sich verflüchtigten und beim Spiel auf der Parkwiese das Müllerstöchterlein die Prinzessin und der Prinz, der Räuberhauptmam: war und beim Haschekützchen das fürst­liche Blut nicht respektiert wurde vom bürgerlichen. Aber die Zeit der Spiele und der Märchenträume in umschatteten Winkeln verrann, u:ü> man wurde größer. Man wuchs und giirg mächtia in die Länge wie'Otto, der ganz verwundert auf die Leiden Mädchen herabschaute, die ihm noch wie Kinder vorkamen, indes ein blonder Flaum schon auf seiner Lippe sproßte. Grete war die Entwickeltere mit ihrer runden Brust und den kräftigen Gliedern; die kleine Prinzessin die Zartere, und war sehr niedlich gern lächelnd, mit aschblon- vem Gelock um Strrne und Wangen, die so rosig tvaren wie weißer Schnee im Widerschein der Morgensonne. Aber sah

sie auch noch kutdlich aus: ein Kind war sie doch nicht mehr, und die Kinderfreundschaft mußte zu Ende gehen wie dis Zeit der Spiele und Märchen. Da sagte Otto denn Durch taucht, Und sie schien das auch-ganz in der Ordr:u::g zu fin­den und nannte ihn Herr Reschke und Sie.

Durchlaucht," antwortete er (er brauchte die Titulatur ziemlich oft, gleichsam als wolle er viel Versäumtes nach holen),das mit der Länge ist bloß äußerlich und vielleicht kommt einmal Vaters Breitenmaß dazu. Aber nun will ich auch wohlerzogen um Eutfchultpgung bitten, daß ich mir den Scherz der Ueberraschung erlaubt habe. Ich bin mit dem Abendzuge gekommen, ohne Anmeldung, weil :ch den Eltern eine Freude n:achen wollte"

Grete jauchzte auf und schlug in die Hände.Wir gehen hinten herum," fiel sie ein,über den Wirtschaftshof, undi du versteckst dich hinter dem Steinsarg vor der Tür. Dann ruf' ich die Eltern und sage: Seht bloß, es sitzt wer hinter dem Steinsarg, schaut einmal nach ob ihr ihn kennt Nein," meinte Annemarie,es ist hübscher, ihr wartet bis zum Abendbrot, und auf einrnal klopft es, und er tritt he reu:"

Nein," sagte Grete,da ist es weit besser, er klopft ans Fenster. Das klingt noch geheimnisvoller, und keiner weiß> was da klopft."

Otto nickte belustigt. Es war zu niedlich, dies plappernde Mädchenpaar.Also ja: ich klopfe," stimmte er bei,undi werde nur noch überlegen, wo. Aber erst möcht' ich einmal ausreden. Ich bin durch die Wiesen zu Fuß gegangen und wollte über die Schleuse. Und drüben von der Höhe aus sah ich etwas Weißes und Buntes. Das waren zwei, die auf dem Schleusenbrett saßen unb"

Herrgott," fiel Annemarie ein, und das Rosenrot ihrer Wangen wurde ganz dunkel,da haben Sie uns gesehen?"

Jawohl," entgegnete der Student,aber es war sehr von weitem, und der Eiirdruck verwischte,sich sozusagen. Es war wie ein Genrebild am Ende einer langen Zimmerflucht und durch sechs offene Türen gesehen. Aber ich dachte mir doch, wer die beiden Mädchen sein könnten und pirschte mich sacht heran, immer den Feldbusch entlang, und duckte mich^ hinter die Hecke und konnte nun meine Freude haben an dem ruhmreichen Blödsinn, den meine Schwester zum besten gab. Ich bin überzeugt, Durchla:uhl: hätte ich nicht meine Stimme erhoben, so würden Sie Grete die rechte Antwort gegeben haben . . ."

Hu, tust du dich groß!" rief Grete und schaute doch mit liebender Bewunderung zu dem Bruder empor, an »dessen Arm sie sich gehängt hatte. «Aber Annemarie antwortet nicht. Daß der Student sie barbeinig, mit schlenkernden Füßen int Wasser, gesehen hatte, war ihr ein unangenehmer Gedanke. Sie entsann sich: früher, da hatte man oft genug Sck)uhs und Strümpfe ausgezogen und war barfuß über die Wiese gesprungen und durch die Gräben gepatscht. Aber fri'cher, das war nicht heute. Sie hatte das Gefühl, als müsse sie ihre Füße unter dem noch halblangen Kleide verbergen: u:ü> nicht nur wegen des Flickens am Schuh.

(Fortsetzung folgt.)

Linübergelaufener" Rektor.

Skizze aus dem ersten Kriegswinter von Minna von Heide.

(Nachdruck verboten.)

Petersen ging zu all seinen Lehrkräfte,:. Zu jeder einzeln. Mit fast allen stand er bestens kameradschaftlich, und bei den paar Ausnahmen ließ er sich das Gegenteil auch nicht merken.

Ferdinand Petersen war Rektor an einer Mädchen-Volksschule. Und trotz peinlichster Gewissenhaftigkeit ein äußerst gemütlicher Mensch.

Er neigte ein wenig zur Behäbigkeit und wurde heimlich unser dicker Ferdinand" genannt. Wobei aber kein Mensch an Laschheit oder gar Trägheit dachte. Im Gegenteil, wenn auch wohl noch niemand Ferdinand anders als im Spazierschritt ge­sehen hatte, war doch, erst recht keiner da, der ihn auch nur dev allergeringsten Unpünktlichkeit hätte bezichtigen können. So etwas von Glockenschlag war nicht leicht znn: zweitenmal da.Spinkel", der jahraus jahrein seine liebe Not hatte, noch halberlei zurecht­zukommen, tat einmal im Lehrerzimmer mit einem tiefen Seufzer den Ausspruch:Nur eine wirklich zuverlässige Uhr wurde in Gang gebracht in dieser unzuverlässigen Welt, schade, daß die Schöpfer dieses M>eisterwerks ausgerechnet die Eltern unseres dicken Fer­dinand sein inrußten!"

Das ist schon einigermaßen ein Bild von Ferdinant) Petersen. Und doch, wie wenig kennt man selbst die Mutschen, mit denen