M6 — Nr. 31
Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Heber die große Schleuse, durch die das Wasser des Brachsees an der Muhle vorübergeleitet werden konnte, führte nur ein schmaler Steg, ein Bohlenbrett, auf das man treten mußte, um die Krappen Ku öffnen. Dichtes Gebüsch umrahmte den Schlensenwinkel Und wuchs ans der Böschung des Grabens: wilde Brombeeren, Berberitzen und Pfaffenhütchen, die schon ihre braunroten Blüten entfalteten.
Das Wasser stand hoch und schoß und sprudelte über das Schleusenbrett hinüber und näßte daZ Venushaar an der Ummauerung, so daß alle die zarten, zitternden grünen Hälmchen tropften. Seitwärts hinter den Brombeeren lagen tzwei Paar Schuhe, feste und derbe, ab sie auch klein waren, und zwei Paar Strümpfe. Das eine Paar, ein braunes, war sorgfältig znsammengelegt, und die beiden andern, die schwarzen, ringelten sich liederlich im Grase.
Es waren die, denen sie gehörten, ganz in der Nähe: zwei Kinder, zwei frische Müdelchen, vielleicht vierzehnjährig oder kaum, ein blondes und ein brünettes. Sie hießen Annemarie und Grete und waren Gespielinnen, obschon die Blonde ein Prinzeßlein und die Dunkle nur das Müllers- tind war.
Die beiden saßen auf dem Stegenbrett der Schleuse, hatten die Röcke geschürzt und hielten die nackten Füße in das Wasser. Das war wonnig. Das sprudelnde Wasser kühlte so angenehm, es lief ein köstlicher Schauer über die bloße Haut.
„Sieht uns auch niemand?" fragte Annemarie.
„I wo," antwortete Grete. Aber da fuhr sie zusammen, und ihr Siegesbewußtsein verlor sich im Augenblick. „Anne- Mie, jetzt rühr dich nicht. Wie du mich fragtest, ist der Vater in die Sägeholle getreten. Entdeckt er uns hier, so krieg' ich Meine Strafpredigt oder vielleicht auch einen Klaps, und Morgen weiß es die Madame."
„Guckt er denn her, Grete?"
„Mir ist so... ach nein, jetzt tritt er hinter die Sägen — und jetzt dreht er sich 'wm. Nun herunter vom Brett, Anne- mie, und hinter die Büsche! . .
Sie waren schon ans und davon und kauerten sich kichernd hinter die Brombeeren und ließen die nassen Füße in der Lust trocknen. Hinter ihnen wölbte die grüne Hecke sich seit und dicht. Eine Eidechse schlüpfte an ihnen vorüber, und Annemarie zog die Beine an.
„Gott, hist du furchtsam," sagte Grete.
„Nur vor so kleinem Getier, sonst nicht. Ich gehe hir um die Mitternacht oben in die Ruine oder auch auf den Kirchhof. Ich habe schon einmal einen toten Hund ungefaßt. Ich könnte mich ans einen Sarg setzen, wenn es darauf an
käme. Aber das kleine Gekrabbel, das kann ich nicht leiden. Jost geht es ebenso; es liegt uns im Blut."
„Den sieht man ja gar nicht mehr, den Jost!"
„Ach, der arme Junge!" . . . Annemarie zog sich die Strümpfe an. . . . „Jnyner im Frühjahr und so um diese Zeit, wenn es Herbstelt, hat er das Fieber. Und kommt er heraus, wird es nur schlimmer, und am schlimmsten ist es, geht er über die Wiesen. Da bleibt er lieber im Zimmer und rührt sich nicht."
„Und Bolko?" fragte Grete weiter. „Oder vielmehr Seine Durchlaucht der Fürst? Ob ich's noch lerne, Annemie? Aber ich w erd's schon. Wann wird er denn heiraten ?"
Das Prinzeßchen schob die Unterlippe vor und zuckte mit der rechten Schulter.
,>Jck) weiß nicht, Grete. Ich weiß von nichts. Er ist in Berlin und ich hier. Er schreibt nicht einmal oder höchstens eine dumme Karte."
Grete war neugierig. Sie schlüpfte nun auch in ihre Strümpfe und streifte sie langsam, wie kosend, über ihre Beine.
,,Sage mal, Annemie, seid ihr denn wirklich alle mit ihm zerfallen?"
„I bewahre," entgegnete die Prinzessin, „das ist Unsinn. Er kann ja doch heiraten, wen er will. Natürlich kann er das. Und seine Engländerin soll sehr hübsch und vornehm sein. Stammt aber nicht von hohem Adel, verstehst du, und das ist eben das Schlimme."
„Aha," sagte Grete.
„Ra j*a, und nun heißt's abdanken, und das will er nicht. Das ist nämlich so die Bestimmung. Wenn er seine Miß heiratet, verliert er die Herrschaft und ist ckicht mehr der Chef des Hauses und muß sogar den Fürstentitel oblegen. Und das will er nicht, oder vielmehr, er meint, das brauche er nicht und zankt sich nun mit dem alten Herrfurtch herum." —
„Mit eurem Vormund —"
„Ja, mit dem . . ." Run hatte Annemarie sich auch die Schuhe au gezog en und schnürte die Bänder zu. Tabei^siel ihr Blick auf den Riester am linken Schuh, einen dreieckigen Flicken von des Dorfschusters Hand. „Nun sieh bloß." sagte sie, „so mutz mau herumlaufen und ist eine Prinzes>iii,"Elrä- fin und auch Freiin, mit einem ?iamen, der sechs Zellen im Hoikalender einnimmt, und gehört zum ältesten Uradel. Es ist doch eigentlich ein Skandal. Ich bin nur neugierig, ob im Elisabethstift so nwitergehen wird. Hier sieht's schließlich keiner, wie mau herumläust; aber in Berlin haben die Leute hellere Augen, llird nachher soll ich auch noch zu Hofe. Onkel Herrfurth möchte mich zur Hofdame der Prinzessin Irene machen. Da werd' ich mich gut ausnehmen — ach du lieber Himmel! . . ."
Aber sie lachte bei diesen Worten. Sie hatte ihre Armut noch nicht als Last enrpfunden und in den Glanz ihrer hellen Kinderaugen hatte die Entbehrung noch keinen Schatten geworfen.


