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Burg- uuL»' Wildgrasen des vierzehuken Jahrhunderts waren gefürstet worden und nannten sich heute Herren von Got- ternegg. So hieß auch die Herrschaft und das Schloß, und nur die alte Burg nannte man immer iwch den Götzen. Eine Götzenburg war sie vielleicht einmal gewesen: der Kantor sprach allerlei davon. War vielleicht in der Wenden- zeit errichtet worden, als ein Sturmbock wider die Slawen^ ffut Mer- man wollte auch wissen, es habe da oben einmal rn grauen Tagen ein deutscher Ritter gesessen, der habe den Heiland verleugnet und zu. Trialafs nno Czeruebog ge­betet\ und daher der Name der Burg. Das lvar dtzer romantische Version, die im Schwange war, und Prinz Jost und der junge Otto Reschke liebten sie am meisten, denn es wohnte etwas von heimlichem Märchenschreck in ihr, und wenn die beiden Kinder hinaufschauten zu dem grauen Gernäuer im Tannenkranze, daun nahm auch ihre Phantasie Mlerflng und stieg in luftige Höhe. Der Gotzeneck, der die Heiden bekriegen sollte mit Schwert und Feuers uiib statt dessen auf den Knien lag vor dern wendischen Idol mit den drei Köpfen: das lvar etwas für ihre jungen, so gerne in die blaue Wunderwelt schweifenden Geister. Was konnte den Ritter zu so Ungeheuerlichem getrieben haben, zu wilder Schändung des Heiligsten und daß er zu Göt­tern betete, vor denen ein Christenherz in Schauern ver­ging? Jost und Otto wußten Bescheid: eine Wendenmaid hatte es ihm angetan, und wußten auch, wie wunderschön sie gewesen war, mit lang fließendem Haar und Augen wie goldene Sonnen, in denen ein Zauber wohnte, dem nie- mand widerstand. . . .

Die Zeiten hatten sich gewandelt, während die Jahr­hunderte vergingen wie Tage und Wochen. Von der Burg­mühle des alten Märten Reschke stammte vielleicht nur noch die kolossale Unterinauerung aus Feldsteinen her, die das Wasser des Flusses jenseits der Schleusen eindämmte und die im Winter wie die starre Wand eines arktischen Eisbergs glänzte und sich von Lenzbeginn ab mit grünem Veuushaar bekleidete. Die heutige Mühle und auch das Wohnhaus drüben, mit seinem hohen und steifen Ziegeldach Und den Stilckschnörkeln über den Fenstern, lvar erst von Gottfrieds Vater erbaut worden. Und Gottfried selbst hatte ein übriges getan und für die Vervollständigung des Säge­werks uiid der Mühlenstuhlungen nach neuester Technik gesorgt und hatte das Holzgeschäft zur Blüte gebracht und den Landbesitz arrondiert und hätte sich auch Ritterguts­besitzer nennen können. Aber er blieb der Burgmüller.

Er ging quer hinüber nach dem Holzhof, auf'dem es still war. Die Sonne brannte zwischen den aufgestapelten Boh­len, und auf einer Pyramide von Schlegelholz stand ein Hahn mit bunten Schwanzfedern und schaute auf seine weißgelbe Liebste hinab, die im Sande scharrte und sich wenig um den Gebieter künrmerte. Ein Zipfel des Sees stieß an den Hof, und hier lagen große Massen von Baum­stämmen im Wasser, aus denen sich des Abends zuweilen die Frösche ein Stelldichein gaben.

Der Burgmüller ging weiter; er wollte hinüber zum Sägewerk. Mer da traf er auf seine Ftau, die aus dem Kuhstall kam und stehen blieb, sich mit dem Micken der Hand die Schweißtropfen von der Stirne wischte und fragte: Wo steckt denn nun wieder die Grete? Hast du sie nicht gesehen, Gottfried?"

Nein," sagte der Burgmüller,aber wo tvird sie sein? Drüben in: Park."

Frau Tilde Reschke schüttelte den Köpf.

Es ist gut, daß sie sortkommt. Und auch für die Anne- marre. Ach, laß man: ich weiß schon, du willst, daß ich Prinzessin läge oder gar Durchlaucht. Mer wir zwei haben uns doch nichts vorzumachen."

Es ist nur von wegen der Gewohnheit," meinte de Burgmüller^anft. Denn so herrisch er sonst auch lvar, e sanD ferner ^rau gegenüber immer ein begütigendes Wcw Die Gewohnheit wird nrir schon kommen, wenn's a der rechten ^ert rst, Gottfried," antwortete sie.Ich habe de Grete befohlen, sre solle dabei sein, wenn zum ersten Mal mrt der neuen Buttermaschine gearbeitet wird. Glaubst di sie hat es getan? Es ging ja auch so; aber befiehlt ma denn immer bloß, daß doch nicht gehorcht wird?"

Mutter," sagte der Müller,wir wollen auf die letzte Wochen das Zanken lassen.. Es führt zu nichts, und wi machen das Krnd nur tückisch. Bei den Herrnhutern wir sie parreren lernen; da ist eine strenge Zucht. Und wen sie wiederkommt, lvird auch in Götternegg manches ander

geworden sein. Kinder sind Kinder; aber weiin eine Prin­zessin heranlvächst, kourmt soznsageu der natürliche Respekt von selbst."

Er nickte wohlgefällig zu diesen Worten, und da er sah^ daß der lahme Christian, der bei ihür im Ausgedinge war, ntit einem Handwagen vorüberfuhr, ans dem ein Mehlsack lag, wandte er sich an diesen, indes die Frau weiterschritt., Der Burgrnüller hatte Wichtiges mit dem lahmen Christian zu besprechen, dem er die ausgeschriebene Nachtwächterstelle im Dorf zuschanzen wollte. Mer der alte Taglöhner war schon wieder betrunken und gab so konfuse Antworten, daß ein Unterhandeln mit ihm nicht möglich lvar. Da wurde Reschke ärgerlich.

Scher dich zum Geier, Saufaus!" rief er.Mer bringst du mir den Mehlsack nicht heil auf den Boden, kriegst du'D mit rnir zu tun! Teufel Donnerwetter, kannst du denn nicht von dem ekelhasten Schnapse lassen! . . ."

Christian grinste blöde und humpelte weiter, das Wägel­chen gemächlich hinter sich herzieheud. Der Burgmüller aber pfropfte die Hände in die weiten Taschen seiner grauen Jacke und ging mit finsterem Gesicht in die Sägehalle, deren offener Holzbau, von vier Pfeilern getragen, nach dem Flusse zu durch ein Geländer abgeschlossen wurde, das! von wildem Wein und Geißblatt umraukt war.

Ein metallener Ton zitterte durch die Luft. Der eine der beiden Burschen, die in der Halle arbeiteten, trieb einen ' eisernen Keil in den riesigen Baumstamm, der ans dem Blockwageu der Gattersäge lag. Er schaute auf, als er den Meister kommen sah, der langsam näher'trat und mit der Hand die Straffheit der eingespaunteu Sägen prüfte.

Fester ziehen," sagte der Bnrgmüller und dann deutete er auf den Stamm.Ist das noch immer von Nummer dreiundzwanzig?"

Ja," antwortete der Bursche,aber der letzte."

Reschke nickte und sah zu, wie das Schaltwerk zu arbeiten begann, das den Block gegen die senkrecht stehenden Säge­blätter trieb. Die blitzenden Zähne knirschten in das Holz hinein, und leise rieselte das Sägemehl zu Boden und blieb! dort in sechs schnurgeraden weißen Streifen, liegen.

Der Abend schritt vor. Im Westen glühte eine große Löhe auf, deren farbiger Widerschein das ganze Tal füllte. Aber der Burgberg mit seiner Tannenkrönnng lag schwarz in dem Meere von Licht, das sich wie in verschiedenes Strömungen gleichsam übereinander schichtete nnb in seinen Reflexen wechselte; doch herrschte noch ein orangefarbeiier Ton vor, der au Schatteustellen zu einem bleichen Opal wurde, lieber den Wiesen schimmerte es rötlich und auch schon blaß und dunstig vom ersten duftigen Gespinst des Nebels, und der ferne Wald stand blau zum Horizont. Nur dre Birkenreihe, die ihn begrenzte, bildete goldene Tupfen. Am Füße des Gotzenbergs erstreckte das Dorf sich in einer sanften Biegung, lauggezogen wie eine Kurveulinie, und dre kleine hölzerne Kirche mit dem daneben stehenden Glockenstuhl, das war gewissermaßen der Schlnßpnnkt ans der einen Seite, während auf der andern das Eisengitter des Schloßparkes beim Sonnenuntergang eine leuchtende Verzierung bildete. Vom Schlosse sah man wenig mehö als zwischen träge hängendem Wipfelgrüu ein Aufblitzen der Fensterscheiben; aber dasalte Haus" stand dicht an der Parkliflere wie ein zottiger und langweiliger Wächter, und auf seinem moosüberwucherten Mansardengiebel flim- merte ein roter Fleck, ein Stückchen Neudachung:

(Fortsetzung folgt.)

Zwischen Urieg und Heimat.

Aus den Siegestagen der 222 er.

>5» ok) tn ^agen ein nüchtern erschienen, das viele unserer Heser gern m die Hand nehmen io erden. In lebendigen, aus eigenstem Erleben, und zwar nicht nur körperlichem, sondeni! auch seelischem Erleben, geschöpften Schilderungen spricht ein Offi- zier tzu üns, der als Leutnant und Kompagnieftjhrer vierzetftis Monate lang nn Westen und Osten Freud mit> Leid mit dem Re- fltmcnt geteilt hat, das mehr als jedes andere mit tamenb Fäden nufere engste Heimat geknüpft ist; das einst in stolzen Tagen dieBischwerler" nannte mmt damals feine feldgrauen Jungen nns zumeist aus Gießener Bürgersölmen und Studenten bestehend, mich Flandern zog und seitdem überall dort dabei ist, wo das Vaterland von seinen Braven das Schwerste forderte Das kleine Buch ist von einer starten persönlichen Note ge­tragen, welche die ernsten und heiteren Dinge des Krieges ver-