Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
Fuhrt den Leser in einen stillen Winket der Mark und stellt ihm die Hauptpersonen dieser Geschichte vor; erzählt auch von allerhand Unstande sgemäßem.
Der Burgmüller hatte den kleinen buckligen Jsaaksohn, der rym ein neues Gesparrn verkaufen wollte, bis vor die Haustür gebracht und blieb hier einen Augenblick stehen.
Ein märkischer Spätsommertag ging zun Rüste, ein Tag v-ott-er Glut, an dem noch jetzt, zu beginnender Abendstunde, die Atmosphäre zu flimmern schien. Der Himmel mar klar, und in seine einförmige Bläue mischteil sich schon der Goldton und das reife Rot der sinkenden Sonne. Ueber den kleinen See wirbelte eine Wolke von Mücken. Die Fische sprangen im Wasser, und im Schilf stand der Storch, der oben auf der Hausfirst sein Nest hatte.
Der Vurgmüller schob die Mütze von seiner Stirn. Gott, war das warm! Der Spätsommer schien nachholen zu wollen- was der Lenz gesündigt hatte. In der alten Linde vor der Tür bewegte sich kaum ein Blatt. Die Blätter hingen; es hatte lange nicht geregnet. Ader das war wiederum gut: da konnte man in aller Behaglichkeit die Errite einfahren. Zwischen Wohnhaus und Mühle schob sich der Hof, von Ställen und Scheunen umgeben. Da heulte urrd johlte Schnauzerl an seiner Kette, ein struppiges cholerisches Untier, dem die rote Katze und die Sperlinge viel Schabernack spielten. Jetzt jaulte er, iveil durch das offene Tor ein Wagen einfuhr, aus dem hochaufgepackt goldgelber Hafer schwankte. Die keuchenden Pferde trugen ein Kummet mit Messingbeschlag, und die Sonne funkelte über das Metall.
_ Der Burgmütter stand jetzt mitten auf dem Hofe und rief dem Großknecht ein befehlendes Wort zu. Er 'war ein gefürchteter Herr und hatte die Augen überall. Befehlshaberisch war schon seine Erscheinung: die große massive Gestalt mit dem starken Bauernsästidel auf kurzem, trotzigem Halse. Das breite Gesicht war immer glatt rasiert und gewann dadurch an Charakteristik: eine ausgearbeitete Phy- jiognomie voll Intelligenz und Verschlagenheit, Starrsinn und auch einem Zug von Gutmütigkeit. Ein Gesicht voll malerischer Wirkungen, mit schweren Tränensäcken unter den Klagen, stolzen Lippen und von blühender Farbe, fast rosig und mit einem leichten bläulichen Schimmer an Kinn tm£> Wangen. Aber das sture, kurzgeschorene Haar war ganz weiß und sträubte sich voll und dicht wie eine Biirste.
So stand er da und gab seine Befehle: gemessen und knapp — immer nur ein Wort warf er hin; doch es klang wie ein Kommando. Er hatte manches zu tadeln; aber er lobte auch. Nur war das, was er lobte, nicht mrs Menschen, Hand. Er zerbröckelte eine Aehre zwischen den Fingern und freute sich über die schweren Körner. Er zog einen Halm
hervor, der war schon geschnitten irnd doch so lang, daß er ihm bis über die Hüften reichte: ein Haferhalm. Der Himmel hatte die Ernte gesegnet. Ringsum waren viele Wetter niedergegangen, Hagelfchlag und strömender Regen; die Felder lagen darnieder und das Getreide wuchs aus, und« dazu kamen der Rost und die Mäuse. Ringsum klagten die Leute, und es stand mancher vor dem Bankrott. Aber hier unten im Tal der Nuthe wohnte das Glück. Mühselig hatten die Vorfahren arbeiten müssen, die Moorstrecken für die Kultur zu gewinnen und die Sümpfe freizulegen, in deren Schilfumrandung und Binsengestrüpp sich einst zur Zeit der großen Slawenkämpfe die vor der germanischen Eisenfaust flüchtenden Sorben versteckt hatten. Man hatte mit fleißiger Hand gerodet und entwässert und der Mutter Erde ihren fruchttragenden Humus abgerungen, und nun reifte hier das Getrerde und neiate sich unter der Last der Aehren, und die Rübe wuchs, und auf den Wiesen weideten die Rinder. Und was die Hauptsache war; der Burgmütler hatte eine glückliche Hand. Ja, das war die Hauptsache; denn auch andere müheten sich, und doch blieb ihnen der Segen fern.
Die Burgnrühle war ein stattlicher Besitz. Sie hieß so nach der alten Birrg Götzen, deren derbe, nnt gutem Verständnis restan-rierte Trü-mmermassen auf einem tannen, bewachsenen kegelförmigen Ausläufer des Fläming sich türmten. Sie hieß so seit undenklicher Zeit und hatte seit Jahrhunderten mit ihrem plätschernden Räderwerk die gleiche Familie ernährt. An Alter des Geschlechts ,muhten die Reschkes dem Fürstenhause fast ebenbürtig sein, das hier seßhaft war und zu dessen Leibeigenschaft sie dermaleinst gehört hatten. Der Burgnnlller besaß so eine Art geschriebener Chronik, die war einem in Schweinsleder gebun, denen Bibelfolianten beigeheftet, der glücklicherweise noch keinem findigen Antiquar vor Augen gekommen war. Denn wer etwas von alten Büchern verstand, hätte bald herausgefunden, daß der schweinslederne Einband einen der seltensten Wiegendrucke umschloß, und der Macht des baren Geldes konnte auch Gottfried Reschke nicht irnmer widerstehen. So aber ruhte der Foliant wohlverwahrt in einem Schubfach der Kornmode im Wohnzimmer und wurde nur zuweilen hervorgeholt, wenn der Kantor Furbringer einmal herüberkam und dem Burgmiiller half, die ungefügen verschnörkelten Schriftzeichen auf dem vergilbten Pap'rer der Chronikblätter zu enträtseln. Das war"nicht so leicht, denn fremdartig wie die .Handschrift mutete auch das verschollene Deutsch der Vorfahren an. Mer daß schon lange vor der Reformation auf diesem selben Fleck Erde die Burgmühle gestanden und ein Märten Reschke hier gehaust hatte, als dienstbarer und getreuer Mählmüller Seiner Gerechten des Burg- und Wildgrafen zum Gotzeneck: das hatte man doch heraus gefunden.
Die Zeiten hatten sich gewandelt. Der älteste Burgmüller in der Chronik schrieb sich noch Reczee, ein Zeichen für die staivische Abstammung des Geschlechts, und di«.


