Pespvochen; Bassow hatte ausführlich berichtet, was er in den letzten Tagen und Stunden versucht und erlebt hatte. Jetzt waren die beiden verstummt und gingen eine Weile still nebeneinander hin. Endlich sagte die Baronin: „So ist nun dies DrunAe fort aus meinem Leben. Und Ihnen habe ich dafür zu danken. Ich habe ja selbst auch versucht, etwas zu erreichen, und wenn ich hierblieb, wenn ich Breiten-- bachs Nähe suchte und immer wieder mit ihm sprach, ihn ausforschte, so geschah es ja nur, weil ich hoffte, daß er sich doch schließlich einmal durch ein unbedachtes Wort verraten und mir einen Beweis in die Hände geben sollte. Diese Hoffnung hat mich damals auch so verwandelt, so heiter unb froh gemacht. Erreicht habe ich selbst mein Ziel ja freilich nicht. Ihrer Umsicht, Ihrem Eifer, Ihrer unermüdlichen Tätigkeit —"
Er lehnte den Dank mit einer leichten Handbeiveguug M und entgegnete lächelnd: „Ach nein, Baronin, das alles hat mir nicht gehvlfen. Was mich endlich zum Ziel geführt hat, war etwas anderes. Man kann es' einen glücklichen Zufall nennen, für mich selbst aber heißt es anders."
„Und wie nennen Sie's?"
„Mein-Gefühl für Sie!"
Er wartete einen Augenblick auf eine Antwort von ihr, doch da die Baronin ihren Klopf nur tief herabsenkte und still zu Boden blickte, begann er von neuem:
des Rätsels Lösung barg. Aber ich war so voll von Reue und von den: Wunsche, wieder gut zu machen, Ihnen eine Freude zu bereiten, — und wenn ich daran dachte, den zerstörten Pavillon wieder aufzubauen, so war es mir eigentlich nur ein Symbol für Ihr ganzes Leben, das ich wieder aufzubauen mrd glücklich und froh zu machen wünschte."
Sie sah nicht auf ihn, sondern immer noch aus den Erdboden zu ihren Füßen, wo einzelne gelbe Lind enb lütter den kommenden Herbst ankündigten, und sagte mit unsicherer Stimme: „Sprechen Sie nicht mehr davon. Sie haben es zehnmal wieder gut gemacht, wenn Sie mir unrecht getan haben."
„O nein! Sie wissen ja gar nicht, wie voll ich war von Zorn und Mißtrauen gegen Sie. Wie ich am Abend nach der Beisetzung meines Vetters hier im Park umhergelaufen bin und gegen Sie die Fauste geballt und gerufen habe: Hüte dich vor mir! — Ach" — er schüttelte mit einem besonderen Lächeln den Kopf — „ich erschien mir sehr tugendhaft und groß in nleinem Rächeramt. Und ich hätte mir selber doch nur immer wieder sagen sollen: .Hüte dich vor ihr!"
Sie antwortete auch jetzt nicht gleich. Es war für einen Augenblick so still, daß man das leise Knistern der ab gefallenen Blätter aus dem Boden vernahm, wenn ihr Kleid sie streifte. Darm aber senkte sie den Kopf noch ein wenig tiefer und sagte ganz leise: „Vielleicht haben Sie doch recht gehabt."
„Recht — worin?"
„Daß ich mich vor Ihnen hüten sollte."
„Baronin, wie darf ich das verstehen?"
„Ach, fragen Sie mich nicht weiter. Ich habe schon zu Viel gesagt. Ich weiß ja selbst nicht, wie es gekommen ist—"
„Was denn? Was denn? Darf ich es glauben, hoffen, daß ich etwas bedeute für Sie, für Ihr Leben?"
Nun blieb sie plötzlich stehen, und hob -den Kops mit einer stolzen Bewegung. „Ich habe Sie keimen gelernt. Sie sind ein Mann, der die Wahrheit liebt. Auch ich habe das Bedürfnis, wahr zu sein. Mögen Sie es denn wissen: ja, ich habe Sie liebgewonnen in diesen schwerer! Wochen. Vielleicht war es mit, — ich habe häufig darüber nachgedacht, — weil Sie sich so fern von mir hielten. Weil wir unter einem Dache wohnten und doch Fremde und Feinde schienen. Meine Gedanken suchten Sie, weil ich Sie nicht sah. Wir Frauen sind ja darm schwach: es lockt uns, wer ums zu verschmähen scheint. Vielleicht — ach, es ist eigentlich töricht, ein Gefühl zergliedern zu rvollen, das über uns kommt wie ein Schicksal!"
Nun war auch er verstummt; eine gewaltige Bewegung erstickte ihm die Worte. Dann trat er nahe zu ihr heran, legte die Hände sanft auf ihre Schultern und küßte sie mit ehrfurchtsvoller Bewegung auf die Stirn.
„Daß dies Schicksal zum Glück für dich wird — dafür laß mich sorgen. Zum Glück für dich und für mich."
Die Notlüge.
Skizze von Walter K a u l f u 0.
(Nachdruck verboten.)
Freds Angehörige wußten, daß es mit seinem Leben zu Ende ging. Und doch taten sie dem Kranken gegenüber so, als ob der beginnende Frühling auch ihm neues Leben einhauchen rperde. Das ist immer so, wenn ein in der Vollkraft seiner Jahre stehender Mensch dahingerafft wird. Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.
Das ganze Sinnen und Trachten des Kranken war auf die Zukunft gerichtet. Mehr als in der letzten Zeit sprach er in diesen Tagen, da die Sonne so verftihrerisch durch das Fenster der Krankenstube lachte, von seinen Plänen und Wünschen. '
„Wenn Friede! kommt," meinte er, „wül ich ihr alles selbst sagen. Es wird in der Tat noch alles gut werden."
Aber Friede! kam nicht mehr, würde nie mehr kommen. Sie war ein junges lebenslustiges Ding von kaum 20 Jahren. Sollte sie sich an ein zu Ende gehendes Menschenleben ketten?
Als die Krankheit Freds sich nun jahrelang hinzog und Aussicht auf Besserung nicht zu enoarten war, hatten ihre ?lngehörigen sie darauf aufmerksam gemacht, daß es ein Verbrechen an der eigenen Jugend sei, wenn sie sich weiter an den kranken Fred hängen würde. Man war auf Weinkrämpfe und Szenen gefaßt und fand doch nur ein junges Mädchen, das den Dingen mit kaltem Mute eutgegensah. Sollte sie Fred nie geliebt haben?
Auf die unausgesprochene Frage hatte Friedet keine Antwort gegeben. Sie wollte die anderen nicht in ihr Inneres sehen lassen, wollte niemand zeigen, daß sie sich eigentlich noch nie so recht zu den! Manne hingezogen gefühlt hatte, der jetzt dem Tode entgegeir- ging. Sie hatte ihn gern, wie junge Mädchen eben öfters einen anderen Geschlechtsgenossen gern haben, der geistvoll und zugleich witzig ist. Llber Liebe, richtige Liebe empfand sie nicht für ihn. Sie hatte schon längst das Verhältnis lösen wollen, es aber in ihrer Gerechtigkeitsliebe nie dahin gebracht, offen zu erklären, wie es um sie stand. Sie vertraute der Zukunft, die schon von/ selbst einen Ausweg finden lassen würde.
Wie die Zukunft sich gestaltete?
Fred wurde krank, unheilbar krank Das gab ihr einen Anhalts- Punkt, dem Verhältnis — das nach ihrer Meinung doch nie einen glücklichen Ausgang verbürgt hätte — ein Ende zu bereiten. Was sie nicht erwartet hatte, trat ein. Freds Viutter — der Vater war schon vor einigen Jahren gestorben — war keineswegs überrascht, daß sie von ihrem Sohne lassen würde. Sie verstand es ja nur zu deutlich, daß die Jugend Freude und Fröhlichkeit! suchte. Und doch hatte sie oft im Geheimen erwartet, daß Friede! sich mehr um den Kranken gekümmert hätte. Sie wußte, wie der Sohin das Mädchen abgöttisch liebte, wußte, daß er es kaum verwinden würde, wenn sie ihm von der Llbkehr der Geliebten! Mitteilung machte.
Aber sie sagte nichts. Sie konnte Friede! ja nicht zwingen, tveiter zu dem Manne zu halten, der stets in dem Glauben gewesen war, eine treue und ergebene Braut zu besitzen.
„War Friede! noch nicht da, Mutter?" fragte der Kranke jeden Tag.
„Nein, mein Sohn. Sie ist verreist und wird erst in einrgen Wochen wiederkommen."
Die Mutter vernreinte, der Sohn müßte ihr an den Augen ablesen, daß sie die Unwahrheit sprach. Aber er war zufrieden! mit der Antwort. Er war von der Anhänglichkeit des Mädchens überzeugt und wartete. Wartete mit einer Geduld, die in Erstaunen setzte.
Die Tage schwanden und die Wochen. Friede! kam noch immer nicht.
Die Mutter saß am Bett und tat, tvas sie als Krankenpflegerin nur tun konnte. In seinen Fieberträumen war Fred immer mit seiner Fri-edel zusammen.
Die. Mutter lauschte.
„Friede!, du meine einzige süße Friede! du, gehe nicht von mir. Ich bitte dich so herzlich darum."
Ter Kranke warf sich auf seinem Lager herum und seufzte tief.
„Ich habe dich ja so unsagbar lieb, so lieb aus übervollem Herzen."
Und als Friede! nicht kam, auch auf Bitten der armen Mutter nicht ein einziges Mal kormnen wollte, da wurde der Kranke noch unruhiger. Seine Fiebertränme mehrten sich. Je weniger festen Schlaf er aber bekam, um so mehr nahiuen seine nur noch geringen Kräfte ab.
Tie Mutter verfolgte alte diese Vorgänge mit Besornis. Am nächsten Mittag legte sie Blumen auf die Bettdecke des Krankenlagers. Fred schlief gerade. „Wenn er erwacht," dachte die Mutter, „und er sieht die friedlichen Kinder Floras, fvird er sich denken können, wer sie ihm gesandt hat." Sie seufzte.
„Mutter, Mutter," rief Fred später, „wer sandte mir diese himmlischen Blumen?"
„Fliedel, mein Junge. Sie wird nun ja bald selbst kommen."
„Wirklich, Mutter?"
Ein glückliches Lächeln huschte über das Gesicht des Kranken. —
Dasselbe Gespräch wiederholte sich in den nächsten Tagen regelm-äßig. Fred bekam Blumen, er fragte, von wem. sie kämen.


