Ausgabe 
26.2.1916
 
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Diener Bei ihm gewesen sei, und habe auch später in Amerika beibehalten, !vas er einmal als praktisch erkannt hatte. Nachdem alles dies erörtert worden war, begannen die Herren von anderen, gleichgültigen Dingen zu sprechen. Langsam rannen ihnen die Minuten hin, bis ein Dienen endlich das Kommen des Kreisphysikus meldete. Die Herren würde er nachher begrüßen, er sei gleich zu dem Verwun­deten gegangen.

Das Warten sing jetzt von neuem an, wieder verging eine halbe Stunde: dann öffnete sich die Tiir, und der Kreisphysikus Mit seinem sreuildlichen, weißhaarigen Kopf erschien.

Wie steht's?" fragten die beiden Wartenden zugleich.

Schlecht, wenn er augenblicklich auch wieder bei Be­sinnung ist. Er wird sterben. Die Kugel hat ihm die Lunge durchbohrt. Was hier geschehen ist, müssen Sie mir später sagen, vorläufig muß ich den Herren zwei Bitten des Ver­wundeten übermitteln/'

Was wünscht er?" fragte der Staatsanwalt.

Er hat mich ersucht, sofort seiner Braut Nachricht §u geben, damit sie zu ihm kommt. Hier scheint ein weicher Punkt in der harten Seele, die sich mir eben enthüllt hat. Ich habe das telegraphisch gleich besorgt. An die Herren aber läßt er die Bitte richten, dag der auch mir noch nicht bekannte Vorgang seiner Verwundung seiner Braut als Unfall dargestellt wird."

Einen Augenblick überlegte der Staatsanwalt, um dann KU sagen:Ich denke, daß ich das verantworten kann."

Ich bin unbedingt einverstanden," erklärte Ba;sow mit herzlicher Lebhaftigkeit.

Es wird gut sein, ihm zu willfahren, auch in Ihrem eigenen Interesse. An die Erfüllung dieser ersten Bitte knüpft er nämlich eine zweite. Wenn seiner Braut die wahren Vorfälle verschwiegen werden, aber nur unter dieser Bedingung bittet er die Herren, zu ihm zu kommen. Er will Ihnen dann die volle Wahrheit sagen."

Die Wahrheit, uns? Das wundert mich"

Es ist nicht so wunderbar, Herr Staatsanwalt. Er weiß, daß er sterben muß."

Er weiß es?"

,Ja, ich habe es ihm gesagt."

Ah!"

Auf seinen eigenen, bestimmten Wunsch natürlich nur. Er hat mir das Ehrenwort abgenommen, daß ich ihm volle Klarheit über seinen Zustand geben sollte, und so habe ich ihm sagen müssen, daß er höchstens noch ein paar Stunden zu leben hat."

Wie hat er es ausgenommen?"

Bewundernswert ruhig. Erst hat er geschwiegen, dann leise vor sich hingesagt:Also verspielt." Und eine Weile darauf:Nun können sie's wissen." Zuletzt hat er mir den Auftrag gegeben, den ich den Herren bereits übermittelt habe."

Wir wollen keine Zeit verlieren," sagte der Staats­anwalt.Lassen Sie uns zu ihm gehlen."

Der Kreisphysikus machte eine zustimmende Bewegung und schritt voran. Das Krankenzimmer, vor dessen Tür der wachehaltende Gendarm stand, lag am selben Korridor nach dem Gutshofe hieraus. Der Arzt betrat als Erster das Gemach, die beiden anderen folgten. Die alte Be­schließerin, die am Bette des Verwundeter: gesessen hatte, grng auf einen Wink des Kreisphysikus hinaus; nun waren sie allein mit dein Sterbenden.

Jetzt endlich war von seinem Gesicht das maskenhaft starre Lächeln gewichen, matt waren die Züge zusammen­gefallen. Er hatte die Augen geschlossen gehabt, öffnete sre aber jetzt; sie waren halb schon erloschen und blickten wie durch einen Schleier. Mit leiser Stimme begann er mühsam zu sprechen.

Ganz nahe kommen, können sonst nichts verstehen. Muß es kurz machen, habe nicht Zeit. Mer sollen wissen, wer und was dieser Breitenbach war. Kein schwarzer Verbrecher, für den Pitaval nicht zu. gebrauchen, Herr Staatsanwalt. Hinauf habe ich gewollt auf die Höhe, das war's." v ' '

Langsam, in Absätzen kamen die Worte hervor. Als er letzt infolge der Anstrengung für einen Moment ganz ver­stummte, schob ihm der Arzt ein Stückchen Eis in den Mund. Nach einer Weile begann er dann von nettem.

Gut war Heruntergewirtschaftet, zu Hause Misere kennen gelernt wollte aus ihr heraus hab's fertig gebracht!" "

Ein kurzes Lächeln der Zufriedenheit umzuckte seinen! Mund und lreß einen leisen, stolzen Glanz auf dem grünlich bleichen Gesicht zurück.

Nicht nur genossen, auch gearbeitet wie ein Pferd. Gilt kam in die Höhe war auf dem besten Wege. Da kam Hagelschlag Mißernte, brauchte Geld,i eine große Summe. Damals die Geschichte passiert mit dem alten Fräulein. Lieh mir das Geld von ihr, war in mich verliebt, auch was vorgeschwindelt von Heiraten, nie daran gedacht. Hat mir das Geld ailfgedrängt ohne Schuldschein, hab's ihr später wiedergeben wollen, hätte bewußten Brief sonst wohl besser vernichtet. Mer zweite Mißernte, ärger als die vorige. $ b verklagte mich, Hab' den Eid geschworen, daß ich ihr niaus schuldete."

Schonen Sie sich, ruhen Sie einen Augenblick," mahnte der Arzt, und röchelnde Laute aus der verwundeten Brust unterstützten seine Mahnung. Aber Breitenbach bewegte abwehrend ungeduldig die H)and und fuhr nach ganz kurzer Unterbrechung fort:

Keine Zeit mehr, Doktor ich fühl's. Bin fortgegan­gen voll dort Lünzin gekauft. Ist lnir gut gegangeni aus dem Wege zur Höhe. Wollte auch gut nlachen soweit ich konnte. Bei ihr unmöglich aber Testament gemacht in meinem Schreibtisch dreimal die Summe von damals

für milde Stiftung. Faild auch das Mädchen, das ich liebte wäre BekröilUllg meines Lebens gewesen. Ist anders gekommen Bassow hat sich auch in sie verliebt. Wollte seine Frau verlassen sie heiraten. Gerade da- lnals der Höhenleitner zurückgekommen in Szene, die der Kerl mir machte,.auch noch der Bassow hereingeplatzt alles gehört auch vom Meineid. Hat ihn gefreut hak ihn gefreut! Meinte Mittel zu haben daß ich-zurücktreten müßte voll Werbung zurücktreten. Zuerst still gewesen, ganz still. Aber im Geheimen gehorcht spioniert weiß es von ihln selbst wollte Beweismaterial mich un­möglich zu machen! Ich Doktor geben Sie nlir noch ein Stückcheil Eis die Zunge wird mir so trocken."

Der Arzt willfahrte ihm, und nach einer Pause ver­mochte Breiteilbach weiter zu sprechen. Aber seine Stimlne war noch hohler und schwächer geworden.

In einer Gesellschaft war's nach Tisch er hatte getrunken. Da zuerst herausgekommen mit seinen Gedanken

lächelnd, scheinbar int Scherz. War eine Drohung hab's gefühlt. Hat mir keine Ruhe gelassen wollte wissen, was er vorhatte. War damals nach Rostock gefahren. wußte, daß er in Berlin war. Habe ihm telephoniert untet einem Vorwand sollte mich treffen auf der Heimfahrt. Ist atlch gekommen. Coupe itoch andere Leute konnten nicht reden. Erst auf dem Wege nachher Hab' ich ihn aus­gehorcht. War wie ich wenn ein Weib in Frage stand. Sah, daß er keine Rücksicht üben würde illich ins Zucht­haus bringen. Haben geredet, gestritten immer mehr in Wut. Er drohte mir drohte mit offenem Wort da hat nlich's gepackt habe mich auf ihn gestürzt habe ihn er­würgt mit diesen Händen."

Zuckend bewegten sich seine Finger, ein ferner Abglanz wilder Wut kam noch einmal in seine brechenden Augen.

Ein Mensch war uns begegnet ist hinterher ver­haftet worden. Schien mir besser, wenn Leiche nicht auf nreinenl Grund und Boden. Habe ihn auf den Rückeil ge­nommen in sein Zimmer geschleppt. Wußte, der Park war verschlossen und leer um diese Zeit. Schlüssel zur Tür steckte in seiner Tasche nahm ihn heraus, öffnete,. Ließ die Tür angelehnt brauchte hmterher nur zuzu- hiehen. Niemand hat mich gesehen. Aber zuerst im Dunkellt ins Zimmer Papiere vom Schreibtisch herunter hat mich verraten. Licht geinacht Sachen weggenommen Raubmord. Mit Tischdecke Teppich abgewischt keine Fuß­spuren Sachen hinein gewickelt in toten See. So ist's gewesen ich kann nicht mehr.^

Er schwieg undi schloßt die Augen. Mehr und mchiv zeigten sich die Boten des nahenden Tlodes auf seinem Ge­sicht. Eine tiefe, lastende Stille trat ein, in der man die, aufgeregten Atemzüge der drei Männer iutt> Breiteubachs Röcheln doppelt laut vernahm. Der Arzt beugte sich nieder und versuchte, dem Verwundeten eine bessere Lage zu geben. Sonst rührte sich keiner. Sie stmiden und warteten auf den Tod.. M

IN der noch sonnevergoldeten Dämmerung desselben Tages wandelte Bassow im Park von Garchiin neben der Baronin langsam aus urtd ab. Sie hatten lange und lebhäft