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Es Mar hart für ihn gewesen, durch die Zeit der Dunkelheit vir kommen, denn es ließ sich nicht Verbogen, daß er nicht mdjr ber große Jäger von einst war. Seine Zähne waren stumpf geworden, seine Korallen nicht mehr scharf wie Messer, und sein
f mzer Körper besaß nicht mehr die tötende Schnelligkeit des ge- Meidigen Fleisches, wenn er sich aufrichtete, um sich auf eine .eilte Au stürzen. Vergeblich hatte er sich zu den: offenen Meer hinausbegeben, wo er früher so oft mit Erfolg gejagt hatte, wenn er, hinter einer Eisstauung versteckt, sich über Teehunde stürzte, Me aus dem Wasser kamen, um auszuruhen. Jetzt aber war er »u mager, um rrach dem kalten Bad wieder warm zu werden, und darum kehrte er zum Lande zurück, wo die Seehunde sich mit ihren Jungen aufzuhalten pflegten.
Mitten in seinem gleichmäßig langsamen Trab begann er plötzlich von etwas Freßbarem in weiter Ferne Fährte zu bekommen. Er war so mager, daß er nicht leicht außer Atem kam, Und darum setzte er sich gleich in Galopp. Es dauerte nicht lange, brs er so iueit gekommen war, daß seine Augen die Nase unterstützen konnten, und da entdeckte er draußen auf dem flachen Eis emen Seehund, der anscheinend lag nnd schlief.
Im selben Angenblick schmolz der Bär vollständig mit seiner Umgebung zusammen, breitete sich flach auf dem Eis aus, die Beine weit auseinander, und glich vollkommen einer Schneewehe vom Winter. Mit vorgestrecktem Kopf schob er sich darauf langsam und mutlos über's Eis, bis er sich! ärgerlich erhob und mit gesenktem Kopf^ beschämt und enttäuscht stehen blieb.
Seme alten Sinne hatten ihn genarrt, die Beute, der er sich so vorsichtig genaht, bestand nur aus den gefrorenen Uebcrresten ernes Seehundes, den ein anderer Bär verspeist hatte. Aber feine mißglückten Jagdversuche erlaubten, ihn: nicht, wählerisch zu sein, Und so hungrig war er, daß er dennoch mit Appetit die übrig'-' gebliebenen Knochen zu kauen begann. Die gewaltigen Kiefer arbeiteten langsam und sicher, man hörte nichts als den mahlenden Laut von Knochen, die zersplittert wurden.
Mitteir in der Mahlzeit aber läßt er das Gerippe los und richtet sich zum Winde auf, mit einer neuen Fährte in der Nase. Lange steht er, ohne sich! zu rühre::, bis er sich plötzlich fallen räßt und ebenso lüie vorhin aus der Umgebung auslöscht. Und so bleibt er liegen, ohne daß eine Bewegung verrät, daß er leben- drg:st. ,
Hinter einen: Eisberg, etwas weiter fort, kommt ein junges Bärenweibchen angegangen, gefolgt von seinem fetten, täpvischen Zungen, das hinter ihr hertrollt. Langsan: bewegt sich die Mutter vorwärts, um das Kleine nicht zu ermüden, das nicht größer ist als cn: !>albwüchsiger Hund. Sie kommen eben aus ihrem warmen Winterlager drinnen beim Inlandeis, und das Junge ist darum rwch ohne Uebung. Voll übermütiger Narrenstreiche springt es aus mle L-chneewehen, die von dem Eisberg abschräge::, und läßt sich auf fernem glatten, silberglänzenden Fell herunter rutschen. Der W:nd trägt in die entgegengesetzte Richtung, so daß keines von ihilen etlvas von dem alten Anverwandten und Feind gemerkt hat, der ihnen im.Hinterhalt auflauert.
Die Natur, die so launenhaft sein kann, hat alten Bären den Nc-örderinftinkt gegeben, daß sie, wenn sie hungrig sind, ihre e:FLi:e Zucht als den größten Leckerbisseü betrachten. Vorher aber müssen sie furchtbare Kämpfe mit der Mutter bestehen, der es nicht fetten glückt, das Junge aus den furchtbaren Tatzen des Gatten zu retten. Nach der Schlacht aber pflegt ihr eigenes Fell ein Fetzen zu sei::, voll von tiefen Bissen und Rissen, die lebenslange Narben hinterlassen.
Erst als Mutter und Kind ganz um deu Eisberg herum- Mkommen waren und auf dem flachen Eis standen, erhob der alte Bandit sich langsan: und knurrte den Nichtsahnenden unheilschwanger entgegen; er hatte keine Eile, denn er wußte ja, daß das Junge, das noch kein Schnelläufer >var, seinen Hunger bald stillen würde. Erft aber mußte mit der Mutter gekämpft werden.
Tas kleine, ausgelasfene und sorglose Junge ivar gerade auf euren Eisblock hinaufgekrochen, um sich auf seinen: Hinterteil hernnterrutschen zu lassen, als die Mutter den uuerioarteten Feind von: ebenen Fleisch und Blut entdeckte. Einen Augenblick sta:ch sie Ivie gelähmt, ohne die Kraft zu haben sich von der Stelle zn rühren, und starrte den Alte:: unverwandt an, der mit grinsenden Zähnen auf sie zugettottet kam. Dann aber sammelte sie sich; ihr Lanzer gewaltiger Rücken wurde ein einziger gespannter Bogen von Muskeln, ihr Hals reckte sich vor, lang und vor: straft bebend, und ihre kleinen schroarzen Angen leuchteten vor Haß und Angst; denn sic lvußte, daß ihr Junges gefressen werden würde, wenn sie selbst deil Kampf aufgab.
Es war keine Zeit mit stummer Verblüfftheit zu verlieren; sie Znnßte :hr Juuges zum Eisberg hinüberretten.
, Mit einen: angstvollen Gebrüll erhob sie sich aus de.u Hinterbeinen und war m:1 einem Satz bei dem Jungen, das noch nichts entdeckt hatte. er Instinkt des Kleinen war sofort gewebt; der biofce Anblick der Mutter erzählte ihm, daß irgendeine Gefahr im Anzuge sei, u:td jetzt ging es so schnell wie irgend möglich auf den Eisberg zu, von wo s:e gekomnreu waren. Die Mutter niußte den Rücken sre: und das Junge ans dein Wege habe::, wenn sie in einigen bekunden ums Lebe:: kämpfen sollte, und sie wußte eine Grotte, wo ne das Kleine verstecken konnte.
Llber das J:rnge, was sowohl dick wie kurzbeinig ivar, kam nur vangfam vorwärts, und da der große Kinderränber immer näher
kam, griff die verzweifelte Mutter schließlich zu dem -Ausweg, daß s:e das Junge tvie einen Ball vor sich herfegte, der über den Schnee rollte. Der Verfolger hatte sie beinahe eingehott, als sie de-: Eingang erreichten und das Kleine mehr tot als lebendig, mit einen; letzten Schlag der Pfote in bie_ Höhle gerollt wurde. Tie Mutter folgte blitzschnell nach, ohne daß der Alte, der langsamer in seinen Bewegungen war, sie daran zu hindern vermochte.
Die Oeffnung zur Grotte war schmal und niedrig, gerade groß genug, daß ein Bär sich hindurchzwängen konnte; tiefer drinnen aber erlvetterte sie sich zu einem großen, dunklen Raum, wo der Kleinere und Behendere alle Vorteile aus seiner Seite hatte/ Das sah der Alte ein und fühlte keine Lust, näher zu kommen, er mußte seinen Gegner etwas in Abstand haben, um fein Körpergewicht und den Schlag seiner gewaltigen Tatzen richtig auszunützen. Daruni blieb ar ganz ruhig draußen stehen, seine boshafte Fratze vor der Höble, die Zähne fletschend und so tief und grimmig brummend, daß das kleine Bärenjunge, das ahnte, daß es geholt werden sollte^ stöhnend und unbefveglich in: hintersten Winkel lag.
Der Alte, der als erfahrener Jäger an Warten gelvöhstt war. nahm an, daß er sich Zeit lassen könne; einmal mußten sie ja doch heranskommen, wenn der Hunger sie trieb.
Aber hierin irrte er sich. Die Bären mutter hatte keirwswegs die Absicht, sich ausbungern zu lassen, denn sie wußte, daß der Alte seine Beute nicht aufgab und daß es darum das Beste sein würde, den Kampf aufznnehmen, solange sie noch all ihre Kräfte beisammen hatte. Sie ermahnte ihr'Junges instäiüng, unbefveglich dort liegen zu bleiben, wo es lag, und näberte sich darauf wieder der Grottenöffnung. <
Diese war gerade so groß, daß sie mit einem Sprung hinauskommen konnte, und da sie wußte, daß es auf eine Überraschung ankam, bedachte sie sich keine:: Augenblick. Wie ein mächtiges? Projektil kam sie mit raser:der lKraft aus dem Eisberg herausge- flogeu. und bevor der Wte sich noch ganz klar darüber war, was sie für ein Manöver beabsichtigte, >hatte sie sich an seiner Kehle festgebissen und ihn nmgeworfen. Im selben Augenblick, ass er zappelnd auf dem Rücken lag, -überrumpelt und verwirrt, ließ sie seine Kehle los, hob :hre 'rechte Tatze und ließ sie wie einen schweren Hammer auf seinen Kopf herabfallen.'
Damit aber hatte sie sich verrechnet. Ein alter Bär hat einen soliden Gehirnkasten, und der Schlag chatte darum nur eine ganz' vorübergehende Betäubung zur Folge. Tas ^anze dauerte nur wenige Sekunden, dann schüttelte der Räuber die verzweifelte Mutter von sich ab und erhob sich in seiner ganzen Größe, vor Wut und Schmerz schnaufend, bereit, ohne Schonung drauf losU zu gehen. <
Gewiß, er war alt und nicht mehr zu Jagden fähig, wo er auf die blitzartige Geschwindigkeit ankam, mit der Seeh:u:de überrascht rverden müsse::. Mer als 'Körper war er unermeßlich, und das arme Bärenweibchen, das jetzt 'mit ihm kämpfen sollte, glich einen: erbärmlichen Jungen neben einem ausgewachsenen Bare::, wie sie sich jetzt gegenüberstanden.
Einen Augenblick verharrte sie ganz still, ohne daß eine Bewegung verriet, lüie der Angriff beginnen sollte. Ta aber sprang der Bär mit einem Satz ans die Hinterbeine und stand wie rinl Berg von furchtbaren Kräften da, -bereit, sich auf das elende Weibchen lwrabfallen zu lassen, das gelvagt hatte, ihm Widerstand zn leisten. Dieses blieb auf alten 'Vieren stehen, ohne de:: Versuch zu machen, sich zu erheben, 'denn es lvußte, daß es in aufrechttv Stellung viel zu schwach sein 'würde, dem Gewicht zu widerstehen. Inden: der Bär jetzt beide Vordertatzen hob, sperrte er das Maul weit auf und ließ sich 'herabfallen.
Gerade das hatte das schlaue'Weibchen berechnet: denn es flog geschickt zur Seite, statt den Angriff entgegenzunehmen, so daß der Gegner blind durch die 'Luft schlug und das Gleichgewicht verlor. Im selben Augenblick war bas Weibchen über ihm und bohrte seine Zähne tief in seine Ärmliöhle, indem es ihn: gleichzeitig beide Flanken mit seinen scharfen Krallen anfriß.
Ter Mte rollte über den Schnee vor Raserei und Wut, und dann ging er wieder auf das Weibchen los, diesmal über das Eis kriechend, die eine gewaltige Tatze zu einem zerschmetternden Scblag erhoben. ' Das Weibchen versuchte zu parieren, aber sein Arm war zu kurz, und der Schlag traf es mit solcher Wucht, daß es hintaumelte. Ein rotes Äch gähnte auf ihrer Brust, und mm: hörte das Zusammenklappen der schweren'Kiefer. Tie arme Mutter leistete keinen Widerstand mehr.
Als der alte Bär aber gerade ihre Kehle durchbeißen wollte, hörte er einen Laut, der ihn vor Entsetzen erbeben ließ, nnd er blieb unbeweglich auf seiner Beute liegen. In der Ferne erti'-nle Hundegebell, und das bedeutete, daß der Mensch, sein aller- 'chlimmfter Feind, Jagd auf ihn machte. Mit einem Sprung war er auf den Beinen, lies witternd hin nnd her, um sich klar darüber zu werden, wohin er flüchten sollte; da er aber keine Führte bekommen konnte, galoppierte er aufs Land zu, um sich hinter das hochgetürmre Packeis des Jnlandseises zu retten. Er nmßte nicht, daß der Jäger ihr: bereits gesehen hatte und ihm mit einen scheltenden Hunden cnigegeufuhr.
Mitten auf einer gewaltigen, glatten und schneefreien Eischolle wurde er eingeholt und von beu ersten Hunden gestoppt,
)ie einen Ring um ihn schlossen nnd an der Stelle fefthielten, bis der Jäger herankam und ihm das Herz mit seiner schnüren Harpune durchbohrte.


