Ausgabe 
21.2.1916
 
Einzelbild herunterladen

106

lassen? Hatten Sie sich schon so viel Geld erspart, um die Reise machen zu können?"

Nein das nicht. Erspart Hab ich mir das Geld dafür nicht g'habt."

Woher haben Sie es dann bekommen?"

Der Verhaftete schwieg einen Augenblick und preßte feine Hand noch fester ans die Brust, um dann Wider­strebend zu sagen:Das Geld hat mir halt der Herr von Breitenbach gegeben."

Da hätten Sie doch allen Grund, ihm dankbar zu sein."

Der Kranke bewegte seinen Körper hin und her, wie von heftigen Schmerzen gepeinigt.Ich tat schön bitten,

t err Staatsanwalt, lassen's die alten G'schichten ruhen.

s ist eine Sach' zwischen mir und dem Herrn von Breitenbach, und 's regt mich halt so furchtbar auf und macht mich noch kränker, als wie ich's ohnedem schon bin, wenn ich das alles hier sagen soll. Ich Hab ja doch schon g'stand'n, Herr Staatsanwalt."

Einen Augenblick überlegte Herr v. Sieglitz, um dann mit herablassender Freundlichkeit zu sagen:Sie scheinen mir wirklich nicht ganz wohl zu sein, und ich werde vev- anlasseu, daß ein Arzt zu Jhrren kommt. Verzichten kann ich auf die weitere Vernehmung nicht, aber wenn gerade dieser Punkt Sie besonders aufregt, können wir ihn ja jetzt lassen. Ich werde zunächst ein paar andere Fragen an Sre richten. Wo und wann haben Sie den verstorbenen ermordeten Baron von Bassow kennen gelernt?"

Gekannt Hab ich den Herrn Baron überhaupt eigent­lich nicht. Was man so kennen heißt. G'sehn Hab ich ihn zweimal in meinem ganzen Leben."

Wo war das? Wann und wo sahen Sie ihn das erstemal?"

Hier in dem Zimmer da, Herr Staatsanwalt."

Herr von Sieglitz brachte seinen Kopf in eine sehr unbequeme Lage, um den Gefangenen auf etwaige Zeichen der Uazurechnun9sfähigkeit hin zu betrachten. Er enthielt sich aber der Kritik über die eben erhaltene, merkwürdig Nrngende Auskunft und fragte in scheinbar gleichgültigem Tone werter:Als Sie den Herrn Baron zum ersten Male sahen in dem Zimmer hier, war noch sonst jemand zugegen?"

O ja, der Herr von Breitenbach."

So? Und wo haben Sie den Baron von Bassow das zwe rternal gesehen?"

In einem Wirtshaus ist das g'wesen, Herr Staats- Mwalt, in einem Dorf, nicht Weit von hier entfernt. Aber wies gherß'n hüt, kann ich nimmer sagen. Ich bin halt wenig bekannt in der Gegend hier. Wer der Herr Baron hat sich rm Wirts garten draußw mit mir niedera setzt und hat nnr zu essen geben lassen und zu trinken auch."

Trese Tatsache ist mir von anderer Seite bestätig worden. Bon dem Wirt des fraglichen Gasthauses. Er hat eure ziemlich genaue Personalbeschreibung von Ihnen ae- Een. Und wie kam der Herr Baron dazu, sich dort mit Ihnen zu unterhalten?" ' J

"ÜF HE' halt eine Auskunft von mir haben mögen "

Eine Auskunft? Und worüber?"

Ter Gefangene zögerte einen Augenblick und sagte dann rn dem grimmigen, haßerfüllten Tone, den er jedes­mal bei der Nennung dieses Skamens anschlug:lieber ben Herrn von Breitenbach" ; 9 "

Der Staatsanwalt machte mit Schultern und Händen ?ewegung der Ungeduld. Breitenbach und immer wieder Breitenbach Man kann Sie fragen, was man will De antworten jedesmal:Herr von Breitettbüch" Das macht ja beinahe den Eindruck wie eine fixe Idee. Da wollen wir doch zunächst einmal konstatieren, ob dieser Herr der erne so große Rolle in Ihren Phantasien spielt. Sie denn in Wirklichkeit überhaupt kennt oder nicht. Gen- darm Hoher, gehen Sie einmal hinüber und bitten Sie den Herrn von Breitenbach hierher."

Staatsanwalt, ich tat' schöu bitten, V f b l n ^rrn von Breitenbach nicht daherkommen' Deil Manschen, wenn ich ihn noch einmal sehen müßt', ._,

0 ' tU sm--L llnr nu ¥ art ' Staatsanwalt."

-Mühsam hatte sich Höhenleitner von seinem Stuhl Molleten Hände bittend aus gestreckt. Keuchend hob und senkte srch> seine Brust.

.Aber der Staatsanwalt achtele nicht auf sein Mtten w* sagt^ zu deiil Gendarm gewendet, der bei den Worten Gefqngeneu an der Tür ezn wenig gezaudert hatte:

Gehen Sie. Rufen Sie Herrn vlon Breitenbach. Wir Wolken Klarheit in die Sache bringen."

Die Arme sanken dem Gefangenen hinab, die Hände lösten sich auseinander, aber nur um sich gleich zu Fäusten zu ballen, die krampfhaft bebten und zuckten. So bot er ein erbarimingswürdiges Bild von Schwäche, Wirt und Verzweiflung zugleich.

Es dauerte nur kurze Zeit, bis Breitenbach in Be­gleitung des Gendarmen in der Tür erschien. Auf seinem! Gesichte war noch immer das Lächeln, womit er den Staats­anwalt begrüßt hatte, und er fragte mit leichtem Ton: Worin kann ich Ihnen dienen, Herr von Sieglitz?"

Kch möchte Sie bitten, sich diesen Menschen hier einmal genau anznsehen. Er gibt an, 'Xaver Höhenleitneu zu heißen und früher bei Ihnen in Diensten gestandeii! zu haben."

Gern." Breitenbach trat ein wenig näher an den Gefangenen heran, blieb jedoch immer noch einige Schritte voii ihm entfernt. Er betrachtete aufmerksam das ihm zu­gewandte, vom Fenster her yellbelenchtete Gesicht, ans dem die eingefallenen Augen unheinllich hervorleuchteten, schüttelte dann aber^den Kopf.Nein, Herr Staatsanwalt, ich kenne diesen Menschen hier nicht. Ein Diener -des Na­mens, den Sie nannten, hat in der Tat vor Jahren einmal bei mir in Dienst gestanden. Dieser Gefangene hier ist aber Nicht mit ihm identisch."

Haben Sie ihn genau betrachtet? Er ist krank und heruntergekommen, er kann sich verändert haben."

Ich bin meiner Sache ganz gewiß. Der wirkliche Xaver Höhenleitner, der meines Wissens in Amerika ist. hat eine Narbe über dem rechten Auge, die bei diesem fehlt."

Ein erstauntes, verzerrtes Lächeln war zuerst über die noch bleicher gewordenen Züge des Gefangenen gegangen bei den Worten Breitenbachs. Jetzt aber nahmen sie den Aus­druck einer fassungslosen Wut an; sein ganzer Körper begann zu beben, und er schrie mit heiserer, entstellter Stimme: Was, verleugnen will mich der Herr? Da niuß ich inich dem Herrn wohl a bisserl ins Gedächtnis zurückrufen. Ich keiin den Herrn schon, und ich Hab' nichts vergessen von dem, was ich g'wnßt Hab' und weiß. Auch nichts von dem Memeid, den der Herr von Breitenbach g'schworen hat vor Gericht!

"AA sott Omo heißen? Streng, aber zugleich ein wenig betroffen tat Herr von Sieglch die Frage. Bretteii- bach schwieg und lächelte noch immer, doch dies Lächeln wurde nach und nach voii einer kalten Starrheit, als wenn es festge froren wäre auf seinem Gesicht.

. t "Das soll heißen, tafa der hochedle Herr von Breitenbach daher gchort, daher an mei' Seit n, wo die Angeklagten ihren Platz haben. Daß er schon lang' das ist, wozu er mich, erst g nmcht hat, ein Lump und ein Verbrecher!"

Halten Sie es für angebracht, Herr Staatsanwalt, solchen Unsinn, solchen Wahnsinn länger anznhören?"

Mit einem heiseren Lachen rn der Stimme tat Breiten­bach die Frage. Aber war es der sonderbare Ton seiner Worte, war es der Klang der Wahrheit im Wutschrei des Gesaugenen, der Staatsanwalt warf einen Blick er­wachenden Mißtrauens auf den lächelnden Frager und! eiltgegnete:Der Mann mag sagen, was er zu wissen mernt Es wird ^hnen ja voraussichtlich leicht werden, seine Behauptungen zu widerlegeii."

Ja, Herr Staatsanwalt, das dürfen's nnr nicht ver­bieten, daß ich ^hnen jetzt sagen tu', was jch, weiß. Diener bin ich gewesen bei diesem Herrn, bei diesen! selben Herrn von Breitenbcuh hier, acht Iahsr sind's g'wesen i.m r ver­gangenen Frühjahr. Er ist nsir kein schlechter Herr a'wesen sagen, wie's ist; und ich- yav' iM darum auch Nichts Böses gewollt und hab's Maul gchalten, wie die Sach nnr ofsenbar worden ist. Das ist nämlich so g'ivesen:

nähert k * u bei ^ ri^ e )en Papierkorb aus-

9 leert Hab rm Arbertszirnmer von deni Herrn von Breiten-

bach, von diesem Herrn hier, wo da vor mir steht, da Hab ich in dem Papierkorb einen Brief g'funden. Zer- rrsien war er schon, aber nur so zioei-, dreimal durchg'riss'n in große Stuck', w^ s die Herrscyasien manchmal tun, iveil ' JUrr »avan denken, daß ein Wiener gern etwas tvissen 'Acht von die Heimlichkeiten von seine Herrschaft. Ich, aber, ich Hab noch kernen Diener kennen g'lernt, wo solch ernen Brief nicht 'rausklaubt aus dem andern Papier und« tn ferne Tasch'n steckt und sauber wieder z'sammensetzt wenn er Zeit hat und allein ist. Na, so Hab' ich's denn cluch g macht. Üpd ich hah.' beu Brief ganz gut wieder.