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Zur Verdeutschung -er Heeressprache.
Im zweiten Februarheft des von Freiherr:: t>. Grotthuß I>ii> Äusgegcbenen „Türmers" (Stuttgart, Greiner & Pfeiffer) setzt Hauptmann G. Go ecke l seine Beiträge zur Verdeutschung unserer .Heeressprache fort : 1
Zunächst einige bis jetzt unausrottbar gewesene, allerdings auch begrifflich scharf zu umreißende Fremdworte. Die „allgemeine Mobilmachung der Armee" (Mobilisierung, Mobilisation) ist nichts weiter als „die Anordnung der Kriegsbereitschaft (oder Kriegsfertigkeit) des Heeres". Welcher Truppenteil aber ist „mobil", welcher „immobil"? Kriegsbereitschaft trifft hier nicht zu. Tenn kriegsbereit sind auch die immobilen Kriegsbekleidungsämter, Ersatztruppenteile, Etappen, Bahnhofs- und Linienkommandanturen üsw. Wohl aber ist mobil, wer sofort „feldverwendungsbereit" oder — mit kurzer Neuwortbildung — „feldbereit", , feldferrig" ist. Immobil ist, wer nicht „feldbereit" oder „nicht feldfertig" ist. Ter mobile Zustand einer Truppe ist ihre „Feldbereitschaft" oder „Feldfertigkeit". Tie „nichtfeldbereiten" Truppen stehen regelmäßig in „Standorten" (Garnisonen, Garnisonorten), für die die „Dienstvorschriften für Standorte" (Garnisondienstvorschrift) gelten, und in denen künftig ein nur „orts-" oder „heimatdienstfähiger" (gar- nisoudienstfähiger) „dienst-" oder „rangältester Offizier des Standorts" (Garnisonältester) sowie ein „Befehlshaber des Ortsbereichs" (Oortskommandant), in Festungen „der Befehlshaber der Festung" (Gouverneur) befiehlt. „Ter Aufmarschbefehl" (die Ordre de ba- taille) setzt die „feldbereiten" Truppen in Bewegung zum Aufmarschgebiete, aus dem dann der „Kriegsschauplatz" oder das „Kanrpsgebret" (Operationsgebiet) wird. Sie stehen dann entweder „im Gefechtsbereiche", „am Feind" oder „vor dem Feind" (an der Fornt), oder „als (zur) Verstärkung oder Unterstützung" (in Reserve) dahinter. An den „Kriegsschauplatz" schließt sich das „besetzte Gebiet" (Etappengebiet) an mit den einzelnen .,rückwärtigen Verbindungen" (Etappen) in den „rückwärtigen Staffelorten" (Etaprpen- stationen), wo man den „Kundschaftern" (Spionen) zu Leibe geht. Eine Stadt aber hat künftig nur noch eine „Truppenbesatzung" (Garnison). Kassel ist nicht mehr Garnison st adt, sondern „Truppenstandort". Koburg hat kein „detachiertes Bataillon" mehr, sondern einen „abgesonderten", „selbständigen Fahnentrupp". „Kombinierte Bataillone" gibt es auch nicht mehr, sondern „zusammengestellte", „vermischte Fahnentrupps". Ihr Führer erhält nicht mehr den Charakter als Oberst, sondern nur die „Tienstbezeichnung" als solcher mittels der „Verleihungsurkunde" als „überplanmäßiger" (außeretatsmäßiger) Stabsoffizier. Die Kommandanten der Truppenübungsplätze, Gefangenenlager, die Bahnhofs-, Linien-, Etappen-, usw. Kommandanturen werden entsprechende „Befehlshaber", der Kommandeur des Kadettenkorps „Führer der Offiziersschüler", die „Militäreisenbahndirektion III" wird der männliche „Truppeneisenbahnvorstand III". Ter Generalstab ist der „Stab des Gesamt- Heeres" oder der „Hauptstab". Daneben hat jeder Unterteil seinen Stab.' „Stab des 1. Heerverbands", des „3. Heeres", des „11. Heer- tcils" usw. Ter Stabschef ist der „Stabsleiter" oder „Stabsvorstand", das Grosse .Hauptquartier das „Kaiserliche" oder „Hauptheerlager", der Generalquartiermeister „Hauptheerlagermeister".
Und nun zum „Exerzierreglement für die Infanterie". Wer noch vor etwa zehn Jahren das „Karree formiert" hat (jetzt weggefallen), das „Bataillon hat chargieren" lassen (jetzt: laden und sichern!), und wenn es „fertig chargiert" (jetzt: znm Schuß fertig!) war, das Feuer „sektionsioeise" (jetzt: grirppenweise) eröffnete, wird staunen, wie wenig cs nach der hervorragenden Arbeit der letzten Arbeitsausschüsse zur Umarbeitung des Reglements noch zu ändern gibt. Das Schlimmste ist der merkwürdigerweise gebliebene Titel. Ich schlage vor: „Dienstvorschrift für die Ausbildung (und das Gefecht) der Fnßtrnppen" (vgl. auch Ziff. 1 der Einleitung zum E.Regl.). Für das ,,Präsentiert das Gewehr!" — wesentlich eine Ehrenbezeigung — rst von anderer Seite der m. E. rechtz gute Befehl: „Gewehr zum Gruß!" vorgeschlagen worden. Auch „Achtung! Geroehr — vor!" wäre vielleicht zu einpffehlen, vgl. das frühere „Gewehr auf!" Der Präserrtiermarsch einer Truppe kann als „Ehrenmarsch", der Exerziermarsch als „Stechmarsch" oder „Steckschritt", der Paradenrarsch — ebenfalls wesentlich nur eine Ehrenbezeigung — als „Ehrenmarsch" bezeichnet >verden.
Tann bleiben eigentlich nrcr noch die „Linien-" und „Kv- lonnenfornlationen". Wie bereits ausgeführt, steht der „Kleintrupp" (Kompagnie) in „Gliederbreite" (in Linien Front zu zwei Gliedern), nöttgenfalls' „im Kehrt". Die Kolonnen werden: insgesamt zu „Tiefe::" uinbenannt. Mso aus- der „Gliederbreite" (Linie) heißt es jetzt: „Zur Zugtiefe rechts — brecht ab!" (Zug- kolonue rechts — formiert!); „21nf den ersten Zug zur Grichpeil- tiefe- — brecht ab!" (. . . . Gruppenkolonne formiert!) usw. Aufmärsche: „Zur Gliederbreite rechts marschiert auf — marsch!" (In Kompaguiefront. . .) usw. Tie jetzige Kompagniekolonne ist m. E. mit „Reihengrupperi" oder „Gruppenreihen" trefft ichst tibersetzt. Tenn die „Gruppen" der Züge stellen in „tiefer Ordnung" „reihenweise" nebeneinander. 2llso aus der Linie: „In Gruppenreihen rechts brecht ab!" (Kompagnickolonne rechts — formiert^ Aus der Grrippentiefe: „Zu Gruppenreihen rechts marschiert auf marsch!" (Kompagniekolonne rechts — formiert). Statt in „Breit-" mrd # „Tiefkvlonne" usw. steht der Fahnentrupp jetzt nur iroch a) „in Breite", b) in „Tiefe" (in beiden Stellungen die Kompag- rnen ohne tveiteres iu Zugtiefen), e) „in Breite mit Gruppenreihen",
ck) in „Tiefe mit Gnippenreihen" (Breitkolonne in Kompagniekolonnen und Tiefkolonnen in Kompagniekolonnen!). Zur guten „Feuerleitung" des Führers gehört eine tadellose „Feumfertigkeit" (Feuerdisziplin) des Mannes. Die Visiereinrichtung ist die Zieleinrichtung. Daher kann das Kommand^„Visier 600" kurz als „Zielpunkt" übersetzt werden. Zum Bmftnel die „Entfernung" bis zur anreitendcn Reiterei bettägt V00 Meter; Befehl: „Halblinks Reiterei! Zielpunkt 600! Schnellfeuer!"
Tann noch einige beliebig herausgegriffene Verdeutschungen. Das „Reservekorps" wird „Verstärkungs-" oder „Ergänzungsheer- teil", der Sanitätsdienst „Gesundheitsdienst", die Kriegssanitätsordnung „Vorschrift über den Gesundheitsdienst bei den Truppen", die Kriegsakademie „Kriegshochschule", das Vorpostengros „Vor- postenhairptmacht", die Vorpwstenreserve „Vorpostenverstärkung" oder „-Unterstützung". Tie Patrouille wird zur „Streifmannschaft, Schleichwache, Erkundungs-, Llufklärungs- oder Verbindungsabteilung" oder kurz zur „Streife" nach dem Vorbilde der Ronde, die man jetzt „Rrmde" oder „den Rundgang" nennen mag. Ter „Offizier der Runde" tat seinen „Rundgang" nachts 2 Uhr. Drei Mann gehen „auf Streife, -Streifgang, Erkundung, Verbindungsgang" usw. Warum nennt man die Kantine nicht „Erfrischungsraum" (das Bureau ist bereits „Geschäftszimmer" geworden), die Gaskolonne nicht „Gaspark"? Statt Relais gebrauche man „Zwischenstelle", Relaisposten -- Zw:sche:rposten, Relaispferde = „Zwischenpferde", auch „Llblösungspferde" usw. Das Armee- verordnuttgsblatt ist das ^Verordnungsblatt des (deutschen).Heeres". Tie Garde sind die „Lerbtruppen" des Herrschers, die Oarckes cku eorps die „Leibharnischreiter". Ter Offizier hat nicht mehr als „Transportführer" einen „Transport": er „überführt eine Mannschaft, Truppe, Gefangene nach dein Bestimmungsorte". Er „begleitet, geleitet einen Truppenersatz, einen Woll- oder Gepäckzug" und dergleichen. Das Bezirkskommando ist das „Ober-, Kreis- Landesmeldeamt". Das Gouvernement der „Verwaltungsbezirk", das Generalgouvernement Belgien der „Ober-", der „Hauptver- waltungsbezirk", die Kabinettsordre „Königlicher Erlaß, Befehl, Verfügung", die eiserne Portion der „eiserne Mnndvorrat" (Proviant), das Reservelazarett „Hilfs-, Nebentruppenkrankenhaus"^ Inspektion und Generalinspektion sind „Leitturg" und „Oberleitung". Der Inspekteur der Jäger und Schützen wird zum „leitenden Heevoberst . . . ." Das Kriegsministerium könnte „Kriegsamt" heißen und die Forts „Sperrfesten"
vermischtes.
* Der goldene Berg. Jeder Staat ist bemüht, möglichst viel Gold aufzustapeln, weil das seinen Kredit außerordentlich fördert. Deutschland hat einen gewaltigen Goldschatz anfgesannnelt. Alles Gold ist aus den: Verkehr gezogen worden und lagert nun in der Reichsbank und bildet dort einen g 0 l d e n e 11 B e r g , der an: 30. Oktober 1915 ans 27, Milliarden Mark angewaebsen ivar. Und doch stecken noch etlva tausend Millionen, also eine weitere Milliarde. im Lande, wo sie von kleinmütigen Seelen ängstlich verborgen gehalten werden. Seit Beginn des Krieges ist das Gold ununterbrochen den Staatskasse,: zugefloffen. An: 31. Juli 1914, den: letzten Friedenstage, besaß die Reichsbank eii:en Goldbestand von 1,2 Milliarden Mark, am 7. August war dieser Schatz seboi: um 250 Millionen Mark vennehrt ivorden. Am 7. Dezeinber 1914 war die zweite Milliarde überschritten. Am 7 März zählte inan 2 M Milliarde Gold, und an: 30.Oltober 1915 waren 2 431 793 000Mk. in Gold in den Gewölbei: der Reichsbank geborgen. Das nt ein Kriegsschatz, der sich sehen lassen kann, dein: alle diese Goldströme sii:d freiwillig, ohne den geringsten Zwang, herbeigeflosscn, als Zeichen der. allgemeinen Zuversicht. In: ganzen wurden in der Kriegszeit 1 178599000 Mark Gold gesarntnelt. Die Golda:tsft,hr ans Deutschland ist jetzt verboten, nachden: alle feindlichen itnb auch alle neutralen Staaten die gleiche Maßnahn:e ergriffen hatten. Seit den: 13. November 1915 darf ans Deutschland Gold nicht ausgekührt werde,:, aber auch die Durchfuhr ist verboten. Der Reichskanzler kann in besonderen Fällen Ausnahmen zulassen. Die Reichsbank ist von den: Verbot ansgenoinmen Das Gold ist also tatsächlich ans de::: Verkehr verschwunden, aber auch bie Scheidemünzen sind knapp, da viele von ihnen in den eroberten Gebieten sich verlausen. Daher :vurden für 5 Millionen Mark Fünspsennigstücke ans Eisen hergestellt, die spätestens z,rei Jahre nach Friedensschluß außer Kurs zu setzen sind. Nun sind auch eiserne Zehnpfennigstücke geprägt ivorden und der Geiamtbestaud der Reichsbank an Scheidemünzen, der an: 30. Oktober 1915 35 Millionen Mark betrug, ist entsprechend angewachsen.
’ ®er Handkoffer a l s Lebensretter. Ein Norweger nainens John Ed,nnnd hat eine originelle Kombination von Handkoffer und Lebensretter erfunden, bie in der Wochenschrift »Scientific American“ abgebildet und wie folgt bcfchr:eben :vird: Der Handkoffer unterscheidet sich in nichts von den: eines gewöhn* lichen Reisenden, und doch kann er mit wenigen Handgriffen in einen vollständigen Schwinnnanzng mit genügendem Amtrieb verwandelt werden. Je nach den: Wetter kann der Schiffbrüchige den Koffer über seinen: Kovie schließen oder offen lassen. In erstercrr Falle gestattet ein Fenster in der Kofferwand doch noch genügenden Rundblick, und für den Luftzutritt sind entsprechende Ventile vorhanden. Für Proviant ist so reichlich gesorgt, daß der Schiffbrüchige 4 bis 5 Tage ohne Gefahr treiben kann. Tie 'Aussicht


