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sich also entweder bereits vor Absendung des Planes darauf befunden haben, — und das war sehr unwahrscheinlich, weil durch die Zusammenpressung der Briefe in einem Postpakete der Abdruck auf dem feinen Pauspapier wahrscheinlich sehr an Deutlichkeit verloren hätte, — oder das verräterische Zeichen war ihm hier in Garchim erst ausgeprägt worden- .Auch die Zeitgrenzeu, innerhalb deren dies geschehen sein konnte, ließen sich mit großer Genauigkeit feststellen. Der Brief trug einen Stempel, der besagte, daß er am zweiten Juli in den Morgenstunden zwischen sieben und acht Uhr in^Berlin aufgegeben worden war. Er mußte demnach mit der Nachmittagspost desselben Tages, die gegen sechs Uhr nach Garchim kam, eingetroffen sein. Abends hatte die Baronin das Papier in ihres Mannes Zimmer gelegt; es blieben also nur wenige Stunden, in denen das Abzeichen aus den Plan gekommen sein konnte.
Und nun erfolgte in Bassows Geist ein wunderbarer Vorgang. Es war ihm, als wenn er plötzlich in einer Halluzination das vor sich erblickte, was an jenem schwülen Sommerabend im Zimmer seines Vetters geschehen sein konnte. Er selbst befand sich in diesem Zimmer, das zuerst nur unerkennbar wie schwarze Nacht in tiefster Finsternis ihn umgab. In die Finsternis hinein dann ein Ton. Ein langsames, leises, mühsames Tasten und Arbeiten am Schlosse der Glastür nach dem Park hinaus, ein Klang des umgedrehten Schlüssels, ein Sichöffnen der Tür. Zugleich das Eindringen eines ganz matten Lichtes aus dem dunklen Park in das tiefschwarze Zimmer herein. Und in der hohen, länglich viereckigen, von solch mattem Licht erfüllten LDeffnung die finstere Silhouette einer Menschengestalt. Nein, zweier Gestalten. Bassow sah das, weil sich die erste zur Seite wandte. Sie trug die zweite, bewegungslose aus ihrem Rücken, indem sie deren Arme über ihre Schultern gezogen hatte und an den Händen festhielt. Und weil diese zweite, getragene Gestalt viel kleiner war als die erste, konnten ihre Füße nicht ans den Boden kommen, konnten keine Spur zurücklassen. Jetzt waren beide Gestalten verschwunden, hineingetancht in die Finsternis des Zimmers. Nur noch ein langsamer, vorsichtig tastender Hchritt, ein lautes, aufgeregtes Atmen aus der Dunkelheit hervor. Dann ein plötzlicher, krachender Don, doppelt laut rn der Liefen Stille der Nacht. Ein Stuhl mußte gestürzt sein, der im Wege gestanden hatte. Gräßliches, angstvolles Schweigen folgte, nur auch jetzt unterbrochen von den, bauten, raschen Atemzügen des unsichtbaren Mörders. Mer der stürzende Stuhl hatte keinen Menschen herbeigerufen; in den weiten Räumen des großen Gebäudes war der Don ungehört verhaltt und gestorben. Wieder nun der langsame, tastende Schritt, ein Hinstreifen an Möbeln, ein Knistern von Panier, das Rücken von einem Sessel, ein leiser, schwerer, dumpfer Ton, und endlich ein befreites Aufatmen aus ttefer Brust. Und aus einmal die große, schwarze Gestalt abermals vor der blassen Helle der Türöffnung, die nun verschlossen wurde, und verschwand. Erneutes Tasten, Schweigen und Schleichen, dann ein plötzliches Aufleuchten der elekttischen Lampe, die auf dem Schreibtische stand, von einem grünen, seidenen Schirm umhüllt, und ihr Licht ergoß über das bleiche Gesicht eines toten Mannes im Sessel davor, über ein paar beim Niederlegen des Körpers herabgestteifte, zu Boden gefallene Papiere, über die große Gestalt eines anderen Mannes, der wieder herangetreten war und sich niederbeugte, um die Papiere vom Boden aufzuheben und auf den Tisch an ihren Platz zu legen. Jetzt fiel das Licht auch auf das Gesicht des zweiten Mannes, — und Bassow kannte das Gesicht!
Rasch, wie vorübergleitende Schatten waren die Bilder gekommen und gegangen. Er strich sich mit der Hand über Sttrn und Augen, versuchte zu lachen und schauderte zugleich zusammen. Ja, so konnte geschehen sein, was jener Abend mit seiner Dunkelheit umhüllt hatte. So konnte der Mörder, den Toten in der Finsternis hereinschleppeitd! in sein eignes Zimmer, die Papiere vom Schreibtisch herabgestoßen und sie achtlos wieder daraufgelegt hatte, oh«ne p bedenken, daß er daranfttetend mit seinem Fuß eine deutliche Spur daranfgeprägt hatte. Eine Spur, die nur von ihm stammen konnte, die den Herren vom Gericht entgangen war, die aber Bassow in: hellen Scheine des elektrischen Lichtes entdeckt hatte und nun in seinen Händen hielt. Wenn seine Schlüsse richtig waren, dann bedeutete diese Spur den Beweis einer abscheulichen Tat, und er war entschlossen, ihr nachzugehen bis ans Ziel, sobald der neue Morgen Heraufstieg.
Als aber dieser Morgen mit Hellem, nüchternem Lichte wirklich kam, da wurden in der Seele Bassows die nächtlichen Phautastebilder merkwürdig blaß. Er fragte sich, ob seine Kombinattonen standhalten könnten vor 'der Beleuchtung ruhigen Ueberleaens, ob er sich wirklich auf richs- ttger Spur befände, ob oie neue, gegenwärtig von den berufsmäßigen Vertretern des Rechtes verfolgte Fährte nicht möglicherweise doch eher ans Ziel führen könne als die Versuche des dilettantischen Helfers. Ein plötzlicher Gedarrte trieb ihn ans Telephon. Er ließ die Verbindung mit der Gendarmeriestation Herstellen und bat um Unter- suchung, ob der Verhaftete vielleicht mit Gummiabsätzen beschlagene Stiefel trage. Der Wachtmeister, der ans Telephon gekommen war, hätte zunächst einige Mühe, ihn zu verstehen, zuletzt aber begriff er urrd versprach sofortige Prüfung.
Bevor sie vollendet war, verging einige Zeit, und sie erschien Bassow noch zehnmal so lang. Endlich aber ertönte die Klingel, er konnte zum Telephon eilen und einej Antwort vernehmen, bei der er bleich vor Ueberraschung zurückttat: „Ja, der Gefangene trug solche Stiefel!"
13. Kapitel.
Die Polizei hatte diesmal in der Tat prompt gearbeitet. Am Nachmittag des vorigen Tages hatte sie den'Menschen aufgesunden und in Haft genommen, der das Attentat aus den Besitzer von Schloß Lünzin verübt hatte, und den man daneben eines anderen, vollendeten Verbrechens! dringend verdächtig hielt. Er hätte nach eigener Aussage das Gebiet von Lünzin in der Zwischenzeit nicht verlassen, sondern sich in Strohdiemen, Henschuppen lind Waldesdickicht verborgen gehalten. Ms man ihü dann in einem ölten; verlassenen Kalkofen endlich entdeckte, dessen Sohle ein paar Zentimeter hoch unter Wasser stand, zog man ein verkümmertes, krankes, vor Frost und Fieber zitterndes Geschöpf hervor, das um ein Stück Brot bettelte, seinen Hunger zu stillen. Papiere trug der abgemagerte, heruntergekommene Mensch nicht bei sich; er behauptete, sie be- sänden sich in einem Koffer, den er in Berlin in der Wohnung eines Verwandten zurückgelassen habe. Nach seinem Namen befragt, gab er an, Xaver Höhenlettner zu heißen und in einer Stadt Mederbayerns geboren worden zu sein. Den Mordversuch gegen Herrn von Breitenbach gestand er ohne weiteres zu, verweigerte jedoch alle sonstigen Mitteilungen über Beweggrund und Zweck seines Verbrechens. Den Mord an )Laron Bassow bestritt er mit müder Entschiedenheit.
Vielleicht war er zunächst wirklich zu schwach und erschöpft von Hunger und Krankheit, um zu wetteren Ver- nehnrung fähig zu sein. So brachte man ihn denn für die Nacht in das Dorfgefängnis von Lünzin und erstattete telegraphisch Bericht an die Staatsanwaltschaft. Von ihr erging die Weisung, den Verbrecher am anderen Morgen um halb zehn Uhr rutdy Schloß, Lünzin zu bringen, wohin der Staatsanwalt in Person zur Abhaltung eines Lokaltermins kommen würde. Zur festgesetzten Zett ging der Transport vor sich Der Gendarmeriewachtmeister zu Pferde und ein anderer Gendarm zu Fuß — derselbe, deg den Verhafteten schon vor mehreren Wochen in der Gegend beobachtet hatte, — bewachten den Verbrecher, der noch ebenso kläglich aussah wie am Tage zuvor und von häufigen Hnstenschanern geschüttelt wurde.
Schloß Lünzin war offenbar zu gleicher Zeit und vom gleichen Architekten erbaut worden ttne Schloß Garchim'. Es wirkte wie eine Wiederholung des dortigen Gebäudes^ nur in kleineren Mmesfnng-en. Ach hier sprangen an den Ende,: des langgestreckten Bauwerks zwei Flügel nach dem Park hin vor, auch hier dehnte sich eine niedrige Terrasse zwischen diesen Flügeln aus, und hier, wie zu Lebzeiten des ermordeten Besitzers von Garchim, lag das Arbeits!? -immer des Sck)-loßherrn im Erdgeschoss nach dieser Terrasse hinaus, aus die sich eine Glastür öffnete. Nur der Pabk war anders als in Garchim. Schon vor längerer Zeit hatte man hier den französischen Charakter der Anlage ansgegeben, und so machte sie nun den Eindruck eines halb^ verwilderten englischen Gartens.
(Fortsetzung folgt.) —.


