Nm toten Ser.
Üloinan von RobertKohlrausch.
(Nachdruck verboten)
(Fortsetzung.)
Ans Fenster tretend, sah Bassow nach dem anderen Schloß- slsttzet hinüber. Ja, da drüben der der Baronin wer auch noch Licht. Er wäre gern sogleich zn ihr gegangen, um alles mit ihr zu besprechen, doch es war zu spät, und er hatte sich eigentlich auch vorgesetzt, erst mit einem wirklichen, Positiverl Ergebnis vor sie hinzutreten. Der Anblick des warmen Lichtscheins aber dort gegenüber wirkte beruhigend auf ihn, ließ das Gefühl die Gedanken übertönen. Alles, was er tat, geschah ja doch nur für sie. Dort hinter jenen warmleuchtenden Fenstern wohnte sein Glück! Und wenn er es auch niemals erreichen, es niemals in Händen halten sollte, wie ein ferner, schirnmernder Stern stand es trotzdem an seinem Himmel.
Als er sich endlich abwandte und ins Zimmer zurücktrat, glltd sein Blick flüchtig über die dunklen Baumgruppen des Parkes dahin. Aber diese eine Blick weckte doch die Erinnerung an das, was ihn den ganzen Tag über zwischendurch schon immer beschäftigt hackte. Der Aufbau des zerstörten Pavillons der Baronin! Der Gedanke daran konnte den Dag friedlich beschließen, seine Seele beschäftigen, eine ruhige Nacht für ihn einleiten.
Er hatte den vorhandenen Plan für den Ersatzbau nicht wieder an geschaut, seit ihn der Staatsanwalt ermächtigt hatte, die auf dem Schreibtisch des Ermordeten liegenden Papiere an sich zu nehmen. Seit jenem Tage ruhten sie wohlverwahrt und festverschlosfeu in seinem Geldschrank, in den er sie zu höherer Sicherheit gelegt hatte, weil doch die Untersuchung immer noch einmal auf sie zurückgreifen konnte. Jetzt öffnete Bassow die Geldschranktür und suchte ans den Papieren den Plan für den Pavillon hervor, setzte sich mit ihm an den Schreibtisch und begann, den Entwurf eines offenbar geschickten Architekten zu studieren.
Das Bauwerk war zierlich und hübsch, aber Bassow hätte gern doch noch etwas anderes, ganz Besonderes an feiner Stelle gehabt. Er prüfte, veränderte und verschö- '^nerte in Gedanken und betrachtete die saubere Zeichnung, die von dein Original auf Pauspapier übertragen war, immer aufs neue. Dabei schob und hob er sie auch einmal näher an das Licht, um dann unwillkürlich mit der Hand darüber hinzu fahren. Da war ettvas gewesen, was ihn störte, was wie ein leichter Fleck auf dem Papier lag. Aber es verging nicht unter seiner Hand, es war kein Staub, kein lose darausliegender Schmutz. Es war wie ein Schatten, der nur bei bestimmter Haltung des Papiers gegen das Licht hervortrat und wieder verschwand, wenn man das Blatt anders wandte.
' Bassow nahm eine Lupe und betrachtete das wunderliche Merkmal mit ihrer Hilfe genauer. Sonderbar! Nun trat
es deutlich hervor, ohne sich doch Zugleich zu erklären. Ein Eindruck im Papiere lvar's, ein Eindrrrck oder Abdruck von ungewöhnlicher Form. Als wenn jemand einen Kreis mit einen! ziemlich breitarmigen Kreuze darin auf dein Papier abgedrückt hätte. Sonderbar! Was konnte dies geheim nis- volle, schattenhafte Zeichen aus dem Papier bedeuten? Bassow faß und schaute, schüttelte den Kops und schaute wieder. Uv: dann plötzlich aufzuspringen, von einem überraschenden Gedanken empor gejagt. 2km. einem Gummiabsatz unter einem Stiefel mußte dieser Abdruck herrührenl Es gab viele Männer, die sich solcher Absätze bedienten; es siel Bassow ein, wie häuftg er im Winter solche Kreise mit Kreuzen ab gepreßt im 'Schnee gesehen hatte. Hier aber an diesem Abdruck zeigte sich bei genauer Prüfung noch ein besonderes Kennzeichen. Eine der Ecken, die durch das Zusammentreffen von zwei Kreuzarmen gebildet wurden, war offenbar im Gummi durch einen scharfen Stein oder ein Eisen, abgestoßen worden und fehlte. Darum auch lKer im Abdruck Das Papier nrußte — darüber war sich Baffvw nun ganz klar — zu Boden gefallen sein, der Träger des Absatzes mußte den Fuß, wahrscheinlich auf einem weichen Untergründe, darauf -gesetzt und so den Abdruck — vermutlich ganz unbewußt — erzeugt haben.
„Mein Gott, mein Gott, wenn sich hier ein Weg anf- täte zur Klarheit!" Bassow hatte die Hände ineinander- gekrumpft und murmelte die Worte mit bebenden, zuckenden Lippen. Aber nur keine Trugschlüsse, keine Ungenauigkeiteu oder llebereilung! Alles mußte ganz genau, ganz rnhrg durchdacht werden, so ruhig wenigstens, als es mög ich war bei diesem lvild klopfenden Herzen. Es war ja Zeit, und! hier war Einsamkeit, Stille; die ganze Nackt lag vor ihm für solche Prüfung der Tinge. Sich zur Ruhe zwingend^ begann er durchzudeuken, was .geschehen war, langsam, sorgfältig, von Schritt zu Schritt, !geduloig fortschreitend. Baschw ries sich genau zurück, lvas man ihm gesagt hatte. Die Baronin hatte den Brief empfangen, in dem dieser Plan geschickt worden war, hatte das an sie gerichtete Schreiben geöffnet und am Abend zusammen mit der Zeichnung und anderen Papieren persönlich auf den Schreibtisch ihres Mannes gelegt. Auf diesem Tische war es denn auch nach der Ermordung am anderen Morgen gefunden worden, doch hatten die verschiedenen Blätter ein wenig ungeordnet umhergelegen, und auch das goldene, später im Toten gefundene Falzbein, womit nach ihrer eigenen Aussage dre Baronin die Papiere beschwert hatte, war verschwunden gewesen. Die Schriften hatten hinterher aber stets in dem fest verschlossen gehaltenen Zimmer gelegen, bis Bassow selbst sie von dort entfernte; außer den Ge riAts Personen hatte sie niemand berühren können.
Das waren die Tatsachen, womit Bassow zu rechnen hatte, doch ging er, bevor er weitere Schlüsse zog, noch einmal an den Geldschrank und holte Be glertschr erben und Briefumschlag der Zeichnung hervor. Aus keinem von beiden war eine Spur jenes Hufeisenabdrucks zu sehen. Er mußte


