Ausgabe 
17.2.1916
 
Einzelbild herunterladen

Jim toten See.

Roman von RobertKohlrausch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

War es auch hier der Freiherrntitel, der ifym nützlich war,. nach einem kleinen Schtveigen vernahm er das unsichere Tasten einer Hand innen am Türschloß, und der Eingang tat sich auf. Allerdings vorläufig nur zu einem breiten Spalt, in dem die Figur eines noch nicht alten, aber frühzeitig verblühten Mädchens erschien. Das Gesicht war gelblich-blaß, und von der Nase nach den Mundwinkeln zogen sich ein paar scharfe, frühzeitig eingegrabene Falten hinunter. Den Kopf hatte Konradine Börner mit einem grauseidenen Tuch umbunden, das ein kleines weißes Kissen auf ihrer linken Backe sesthalten mußte. Ein intensiver Kamillengeruch ging von ihr aus. Ihr Gesicht erschien in der ovalen, dunklen Umrahmung noch blasser und kränk­licher als wohl sonst, ihre großen, braunen Augen schauten halb neugierig, halb mißtrauisch daraus hervor.

Ehe sie die Tür freigab, fragte sie:Habe ich recht verstanden Freiherr von Bassow haben Sie gesagt?" Und als er nickte, fügte sie hinzu:Der Freiherr won Bassow aus Garchim ist ja doch> er ist ja doch gestorben. Das hat in allen Zeitungen gestanden."

Bassow mußte lächeln, obwohl ihm ernsthaft und auf­geregt zumute war.Sie haben ganz recht, mein armer Vetter ist ermordet worden. Er hat Garchim vor mir besessen."

Ich weiß es das heißt, daß man ihn ermordet hat. Am zweiten Juli ist es geschehen."

Sie wissen sogar noch den Tag?"

Ja, den werde ich sobald nicht vergessen. An ihm aber wollen Sie nicht hereinkommen?"

Sie trat bei diesen Worten von der Tür zurück und ließ ihn eintreten. Dann tauchte sie hinein in die tiefe Däm­merung eines langen Korridors und sagte:Sie erlauben, daß ich vorangehe, Sie finden die Tür sollst nicht; es ist so dunkel."

Dabei beschleunigte sie die Schritte und öffnete ganz hinten am Korridor eine Tür, aus der mm heller Tabes­schein hervordrang. Drinnen lag Sonnenlicht auf eurer abgebrauchten, an fid> aber altmodisch geschmackvollen Zim­mereinrichtung; alles war sauber und blank, weiße Gar­dinen hingen ail dem einzigen Fenster, ein paar hellrotn Estugeranieu blühten dort, and in einem darüber aufge- hangenen Bauer sang etit Kanarienvogel sein Lied.

Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Baron?" sagte Fräulein. Börller, auf einen steifbeinigen Biedermeier- sesjel deutend.Meine Mutter kann ich lerder llicht rufen. Sie ist krank ich bin es eigentlich auch, aber ich habe dazu keine Zeit."

Ilm so freundlicher von Ihnen. daß Sie mir die

Möglichkeit geben, mit Ihnen zu sprechen. Es handelt sich um eine für mich sehr wichtige Sache."

Entschuldigen Sie einen Augenblick, ich muß erst ein^ mal spülen," sagte sie und ging zu einem kleinen Tisch am Fenster, wo eine große Tasse auf einem Kaffeewärmer mit Miniatursläinmchen darin stand. Und ihr sonderbares Tun erläuternd, fügte sie hinzu:Mit Kamillen muß ich spülen. Ich leide so furchtbar an Gesichts schmerzen, und es gibt kein anderes Mittel, das mir hilft. Aber es maß regelmäßig alle zehn Minuten geschehen, wenn es nützen soll. Also einen Augenblick, ich bin gleich wieder hier."

Sie verschwand mit ihrer Das st, kehrte jedoch, nachdem ein gurgelndes Geräusch im Nebenzimmer laut geworden war, rvirklich bald wieder zurück, setzte sich Bassow gegenüber und fragte:Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Baron?"

Sie haben mir schon gesagt, daß der zweite Juli noch gut in Erinnerung bei Ihnen sei, darum"

Gut ist er nicht bei mir in Erinnerung. Schlecht sogar, so schlecht als möglich. An ihm bin ich so krank ge­worden, daß ich zehn Tage lang meinen Dienst nicht habe machen können. Aus Aerger, aus furchtbarem Aerger. Jede Aufregung wirft sich mir aufs Gesicht, was ja ganz erklär­lich ist, weil es Nervenschmerzen sind, wie der Doktor sagt. Und wenn die Nerven irritiert werden"

Ich kann das verstehen, mein Fräulein. Aber wenn Sie sich des ganzen Tages noch genau erinnern, dann auch vielleicht einiger Einzelheiten, die an ihm vorgekommen sind. Können Sie mir zum Beispiel sagen, ob damals ein Herr, der hier im Hotel de Nussie gewohnt hat, sich mit dem .Hotel Kaiserhos in Berlin hat verbinden lassen?"

Das war es ja!" rief Konradine Börner, vor Auf­regung noch bleicher werdend.Darum hat sich's ja ge­handelt, ich bin deshalb so krank geworden. Ich hatte schon furchtbare Schmerzen, als ich meinen Dienst um zwölf Uhr mittags antrat. Es war nicht viel zu tun, aber mir war vor lauter Schmerzen auch so wirr im Kopse, daß ich an­gestrengt gar nicht hätte arbeiten können. Und in solch einem Zustande kann einem doch auch einmal ein kleiner Irrtum passieren." .

Gewiß, gewiß. Und was war es für ein Irrtum? Das will ich Ihnen sagen. So gegen drei Uhr wurde ich durch eine Herrenstimme vom Hotel de Russie aus an­gerufen; ich sollte ihn mit Nummer 12 243 in Berlin ver­binden. Es riß gerade wieder ganz furchtbar in meinem Gesicht, und ob der Herr nun wirklich undeutlich sprach, oder ob es mir nur so vorkam wegen meiner Schmerzen, ich mußte zweimal Nachfragen, bis ich die Nummer verstand. Ich merkte schon am Ton, in dem er antwortete, daß er sehr ungeduldig war. Das machte mich in meinem Zustand noch mehr verwirrt, und so ist mir's denn passiert. Ich verwech­selte die Nummern und verband ihn statt mit 12 243 mit 12 245. Das ist auch ein Hotel, das Zentralhotel in Berlin; er aber wollte mit dem Kaiserhos verbunden lverden. Was er dann gesprochen hat. und ob ihm iraend etwas Unange-