Ausgabe 
16.2.1916
 
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flm toten See.

Roman von Robert Kohlrausch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Rasch war Bassow in Hotel Kaiserhof und beauftragte so­gleich den Kellner, der ihm sein'Zimmer angewiesen'hatte, den Direktor -oder den Besitzer um sein Kommen zu bitten. Wenige Minuten darauf ertönte denn auch ein Klopsen an der Tür, und ein Herr im Taillenrock, mit kurzem, braunem Vollbart und auffallend bleichem Gesicht erschien aus dasHerein"? in der Tür. Den Meldezettel, auf den Bassow seinen Namen geschrieben hatte, hielt er in der Hand, aber diese Hand zitterte ein wenig.

Herr Baron haben gewünscht," begann er mit ge­schmeidiger Höflichkeit,und ich bin sofort gekommen. Aber im Augenblick bin ich wirklich ein wenig erschrocken, als ich den Namen vom Herrn Baron hier auf dem Zettel gelesen habe. Ein Herr des Namens hat nämlich sehr häufig bei uns gewohnt, er fühlte sich immer ganz besonders behaglich hier, das hat er mir wiederholt ausgesprochen/ Und dieser Herr ist vor gar nicht langer Zeit unter so traurigen Um­ständen aus dem Leben geschieden"

Es war mein Vetter; ich bewohne jetzt Schloß Garchim an seiner Stelle. Sie erinnern sich seiner also genau, das freut mich. Seinetwegen wollte ich mit Ihnen sprechen. Sie werden vermutlich noch wissen, wann er zuletzt hier gewohnt 'hat."

Aber selbstverständlich, so etwas vergißt man doch nicht. Er ist ja von hier, wenn ich so sagen darf, in seinen Tod gefahren. Am Nachmittag begleitete ich ihn selbst noch an den Wagen und wünschte ihm gute Reise, und vierund­zwanzig Stunden darauf lese ich in der Zeitung, daß er auf so schändliche Weise ums Leben gekommen ist! Ich habe ge­dacht, mich selber trifft der Schlag. Wahrhaftig, die ganze Nacht l)abe ich nicht schlafen können. Herr Baron werden schon bemerkt haben, daß ich ein wenig nervös bin, das paßt eigentlich garnicht für meinen Beruf, aber was will man machen? Die große Stadt, ein so großes Unternehmen, die große Verantwortung, all' meinen Kollegen geht es nicht besser mit ihren Nerven als mir. Ich habe einen Freund"

Nun, jedenfalls werden sie mir Auskunft über die Vorgänge jenes Tages geben können, als mein Vetter hier zum letzten Male gewohnt hat. Ist irgend etwas Mffallen- des passiert, hat er Besuch gehabt, hat er Briese be­kommen"

Ach, das alles ist ja schon ganz genau untersucht worden."

»Bon wem?"

Bon der Polizei natürlich. Die wird sich doch solch eine Sache nicht entgehen lassen. Ich habe Schererei genug davon

gehabt. Mer es ist nichts von irgendtvelcher Bedeutung dabei herausgekommen, und auch von Amts wegen lM man, so­viel ich weiß, in dieser Richtung nicht weiter recherchiert."

Und was hat man ermittelt? Ich bin im übrigen über den Gang der Untersuchung als nächster Anverwandter des Berstordenen genau unterrichtet"

Mer selbstverstcurdlich, Herr Baron," warf der Direktor mit einer seiner geschmeidigen Verbeugungen ein, doch Bafsokv fuhr fort, ohne darauf zu achten:nur von den Forschungen hier habe ich bisher nichts gehört. Also: was wurde sestgestellt?"

Nichts von irgendwelcher Bedeutung, wie schon ge­sagt. Besuche hat der verstorbene Herr Baron hier nicht empfangen. Bormittags ist er selbst für längere Zeit fort ewesen, dann hat er an unserer Dable dchote gespeist, uird ald nach Tisch ist er durch einen der Kellner ans Telephon gerusen worden."

Ans Telephon? Und man weiß nicht, von wem?"

Nein, Herr Baron, leider nicht. Der Kellner hat, mehrfach befragt, immer wieder angegeben, daß er sich den Namen dessen, der ihn beauftragte, den Herrn Baron zu rufen, nicht gemerkt habe. Mit aller Anstrengung hat er sich nicht darauf besinnen können. Das ist ja nun frei­lich kein Wunder bei uns, wo täglich ein paar hundert Mal telephoniert wird. Mer das ist wohl auch der Grund ge­wesen, warum die Polizei hier nicht weiter hat Vorgehen können."

Ob denn ein Herr oder eine Dame meinen Betten hat sprechen wollen?"

Ein Herr höchstwahrscheinlich. Der Kellner behauptet mit Sicherheit, die Stimme sei männlich gewesen."

Und das ist alles?"

Nein, Herr Baron, doch nicht so ganz. Eine Kleinigkeit war auffallend mein Gott bei solchen Vorkommnissen sucht nran ja leicht etwas im Geringsten. Aber der ver­storbene Herr Baron hatte sich morgens, bevor er fortging, ein Billett zum Aband für das Opernhaus beim Portier bestellt. Und bald nach dem Telephmgepräch hat er dann gesagt, er könne das Billett nicht benutzen, er müsse schon am Nachmittag abreisen. Selbstverständlich hat er dem Portier eine anständige Abstandssumme gezahlt. Der stand noch neben mir am Wagen, als der Herr Baron fort fahr: Ach, es ist mir noch wie gestern"

Die plötzliche Abreise könnte also wohl mit jenem Delephongespräch in Verbindung stehen," sagte Bassow mit sinnendem Ton.

Ganz gewiß. Das wäre sehr möglich. Das hat auch der Herr Kriminalschuhmann gemeint. Mer wo man doch nun einmal nicht wußte, wer telephoniert hatte"

Ganz recht, es war aussichtslos. Und weiter ist nichts ermittelt worden?"

Nein, Herr Baron. Zu meinem Bedauern kann ich weiter nichts angeben. Dürfen wir den Herrn Baron zur Table d'hote erwarten?'-