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Das war alles soweit richtig, aber der Valentin ließ sich doch nicht halten. Auf der landwirtschaftlichen Schule war er, und wäre der einzige aus seiner Klasse gewesen, wenn er daheim geblieben wäre. Aber, und wären sie alle gebli«bm, der Valentin vom Stein- bühlbose wäre gegangen.
Und zuletzt gab die Mutter nach. Bei den reitenden Jägern trat der Junge ein. Eine schöne Truppe ist das, und als der Valentin auf Urlaub da war und den großen Stahlhelm trug, der funkelte wie lauter Silber, da flog ein rascher Stolz auch über das Mutterherz. Wie es aber dann hinausging, da hätte sie gerne auf den schönen Helm verzichtet.
In Gottes Namen, nun mußte das alles seinen Gang nehmen.
Auf einmal warm sie sich auf dem Steinbühlhofe ganz nahe gerückt, die Höchste und die Niedrigste. Was Magd, was Herrin! Mütter waren sie und bangten um ihr Fleisch und Blut. Bangten und sorgten. Und das Sorgen betätigtm sie in allen Paketchen, die vom Hofe aus ihren Weg hinaus in den Krieg nahmen. Immerzu zweit gmgm die Päckchm, und kam der Magd Sohn nicht schlechter weg als der Herrn-Sohn. Zwei Jacken kaufte die Bäuerin, eine für teueres Geld und eine billigere. Als sie aber dann die Päckchm zurecht machen wollte, da schämte sie sich, gab die billigere Jacke zurück und erstand für den Ernst dieselbe wie für den Valentin.
Tie Päcklein liefm weit voneinander weg. Eines gegm Osten, das andere gegen Westm. Ernst half die Russen jagen und der Valentin die Franzosen aufhalten. Wäre der Dörte freilich lieber gewesen, ihr Junge hätte auch im Westen gestanden. Um des Valmtin willen; denn wenn der starke Ernst dabei war, hernach konnte auch dem nix geschehen. Das hätte der treue Hüter gewiß nicht zugelassen. Vielleicht hatte der Herrm-Sohn drüben einen Freund gefunden, der stack war uird auf dm Jungen paßte; dmn der war schmal und schmächtig und — wartete dach einmal so viel auf ihn, ein ganzer, großer, reicher Hof.
Ging' ein Jahr hin, und ging alles gut. Leutnant wäre der Valmtin geworden, kündete die Herrin eines Tages der Magd. Wußte die nicht viel damit anzufangen. War ja zuletzt auch gleich, was er war, wenn er nur einm gefundm hatte, der auf ihn auf- pahte, da draußm, wo doch immerhin so viele totgeschossm wurden, wie die Bäuerin des öfteren sagte.
Nun zog der Winter wieder in das Land und nahm den fleißigen Leuten die Arbeit aus der Hand. Auf dem Steinbühlhofe saßen sie des Abends eine Weile alle zusammen, die Herrin, drei Mägde, der alte Jakob und der Futterjunge. Die Taglöhner waren schon früher heimgegangen. —
Sie sprachen vom Vieh, und daß man ausforsten müsse und so dann und wann auch vom Kriege. Die andern gingen aber bald zu Ruhe, rmd nur Dörte und die Bäuerin saßen länger zufammm und erzählten von ihren Jungen. Wo sie sein möchten, wie es ihnen ginge, ob in dieser Nacht wohl auch geschossen werden würde. Und ob sie nicht recht frieren würden.
Und sie standen völlig auf gleich, die zwei Frauen. Kein Unterschied war zwischen ihnen. Tie Briefe von. draußm kamen regelmäßig. Hmte erst wieder zwei, so wußte man, daß die Jungen lebten, und daß es ihnen gut ging.
Das wußtm sie heute, und morgen, — daß sie beide tot warm, der Lmtnant und der Gemeine, einer im Osten, einer im Westen. Zwei Briefe brachte der Postbote, einen der Dörte Niemer Und einen der Frau Susanne Eichler. Ihr Wortlaut war verschie-» dm. Da beklagte -der Major einen wackeren Offizier, dort der Kompagnieführer einen tapferen Reservisten. Ter Kern aber war derselbe. Leutnant Eichler gefallen aus einem Patrouillmritte in der Champagne, Reservist Riemer beim Sturm auf die Strypa- Stellung. Und am f eiben Tage und fast zur selben Stunde waren sie gefallen. ,
Der Leutnant um zwei Uhr nachts, der Reservist um vier Uhr früh.
Starr stand die Bäuerin, stierte vor sich Ijritv schrie dann laut auf und schlug hinter dem Tische nieder. Da sprang die Dörte hinzu, riß ihr das Mieder auf, rieb sie und flehte: „Jesus, Frau, so kommt zu mch, kommt zu euch!"
Nach einer Weile schlug die Bäuerin die Augen auf, schrie noch einmal laut auf: „Mein Junge!" und begann hernach zu weinen. Wimmernd rief sie des Gefallmm Namen, immer wieder: „Valentin, Valentin!"
Da Hub die Dörte an zu trösten. Das sei gewiß schwer, so dm Einzigen zn verlieren, ein solch junges, liebes Bllit, und dev Hof habe nun keinm Erben mehr. Ach Gott! Tiaber liefm ihr die dicken Träum über die Wangen.
Da hielt die Bäuerin in ihrem lauten Weinen inne, sah die Magd groß an und sagte: „Dörte, dein Emst ist doch! auch tot!" Nun begann es um dm Mund der Magd zu zllckm, ihre Hände zitterten, und sie nickte leise mit dem Kopse.
Die Bäuerin erhob sich, nahm Dörte in die Anne und sagte: 7,Wir sind auf gleich."
„Ah, nein," wehrte die Magd ab, „wo doch der Valentin der Herrm-Sohn war und so jung und ein — Leuttrant, wie Ihr sagt."
„Gute Dörte, grrte Dörte. Ist einer jetzt soviel als der andere."
„Und ich laß mir's nit nehmen," sagte die Magd unter Tränen, „wenn der Emst bei ihm gewesen wäre, hernach wäre das nit passiert. Hat er halt, doch' keinen gehabt, der auf ihn gepaßt hätte, der arme Valentin. — Aber, da füllt mir was ein."
„Was denn, Dörte?" fragte die Bäuerin.
„Ich muß erst einmal mit einem darüber reden. Hernach sage ich's."
Damit ging die Magd an ihre Arbeit. Sie schaffte wie sonst, aber die Träum rannen ihr unaufhörlich über die welken Wangen.
Als es dunkelt, tritt die Magd in des Pfarrers Stube. „Hab' gehört, daß Ihr Sohn gefallen ist," sagt der Pfarrer, „war ein wackerer Mensch und tut mir rechtschassm leid."
„Ja, Herr Pfarrer, meiner und der Valentin. Und rvar der Valentin so jung, kaum nmnzchn, wartet der Hof auf ihn undi war Lmtnant, wie die Frau sagt."
„Ja, es verschont kernen, Offizier und Mann."
„Eine Frage hätt' ich, Herr Pfarrer."
„Fragt, Dörte!"
„Wieviel Wege gehen da in den Himmel hinauf?"
„Wieviel Wege? Ja, — da geht nur einer."
„Heilig nur einer?" (
„Ganz sicher."
„Und der ist breit. Und es sind da Nebenwege?"
„Nein, schmal ist er, schmal, so daß oft kaum zwei neben ein-« ander gehen können, und Nebenwege gibt's auf dem Wege zum Himmel nicht. Entweder es geht einer dm schmalen und kommt hinauf, oder er geht einm anderen und geht am Himmel vorbei."
„Jetzt dank ich auch schön, Herr Pfarrer, und das war, waH ich wissen wollte. Gute Nacht."
„Gute Nacht, Dörte."
Zum Llbmdbrote ißt die Bäuerin nichts, aber sie ist still geworden. Die Träum rinnm leise rmd saust über ihre Wangen- und Dörte streichelt ihr die .Hand. „Bäuerin!"
„Dörte!"
So rührmd ist die Dörte in dem Schmerz um den Herrensohn- vor dem der Schmerz um den eigenen zwar nicht erstirbt, aber ganz still zu hinterst im.Herzen kauert. Um dm eigenen wird die Dörte hmte zur Nacht in ihrem Kämmerlein weinen. Die schlichte Liebe aber tut der Bäuerin unendlich wohl und weckt ein Stillsein in ihr.
Tie Leute gehen hmte gleich nach dem Mmdbrote hinaus. Tie tt'auerndm Mütter sind allein.
Dörte rückt dicht an die Herrin heran. „Jetzt weiß ich's, Ivas mir hmte noch ungewiß war. —- Beim Pfarrer bin ich gewesen."
„Beim Pfarrer? Was wolltest du da, Dörte?"
„Wieviel Wege, meint Ihr, daß nach dem Himmel gehn?"
„Ach Gott, das sind wohl viele."
„Weit gefehlt. Einer ist's und schmal ist er und hat keine Nebenwege."
,Dörte!"
','Wenns doch der Pfarrer sagt. Und so ist das jetzt heilig, wie ich mir denkt habe. Ist der Valentin gefallen, nachts um zwei und hat sich ausgemacht, auf den Weg in dm Himmel. Hat halt der Herrgott denst: der Valentin ist schwächlich, wird vielleicht müde auf dem Wege, setzt sich am Ende hin, schläft ein und kommt mir gar nit an, da heroben. Da muß ich ihm doch dm Ernst mitgeben. Bank, schießt so ein Russe seine Flinte ab, und — ist der Ernst mich aus dem Wege znm lieben Herrgott. Kommt schon noch recht, der meine. .Hat ja lange Beine und wird nit inüde im Laufen. Wenn er sich auch zwei Stunden später aufgemacht hat, den Valmtin hat er doch eingeholt. Und nun denkt, wie der Valentin so. langsam des Weges geht, vielleicht ein ivenrg traurig, weil er so ganz allein ist, da sagt auf einmal erner neben ihm: Guten! Tag, und: Ta Hab' ich dich doch noch eingeholt. Hermach gehen sie zusammen, rmd der Ernst sagt: Hab' keine Sorge nit, Valmtin, wir sind schon recht. Am Ende nimmt er ihn gar aus die Schulter, wie er das ja hundertmal getan hat, als eurer noch Nein war. Und so kommen sie droben an, der Emst llopst an das Tor und sagt: Ta siird wir, wir zwei vom Steinbühl-Hofe. Jetzt siud'I zusammen, und nun kann dem Valmtin nix mehr geschehm. Seht, so lmb' ich mir das denkt, und nun sollt ihr sagm, ob das nit richtig ist." ' .
Tie Bäuerin sagt nicht gar viel dazu. Sie nimmt den Kopf der Dörte zwischm ihre Hände. „Du gute, trme Seele! Wir zwei wollen auch zusammen bleiben."
Ms die Trauerfeier für die Gefallmm gehaltm wird, muß die Dörte neben der Bäuerin sitzen. Fast schämt sich die Magd, um der großen Ehre willm. Der Pfarrer predigt. Zwei Helden hätten sich aus dm Weg zum Himmel gemacht. — Da driickt die Dörte der Bäuerin leise die Hand. — Sie seien zusammen vor dm Herr- gottt-getreten. — Die Magd drückt wieder. — Und wohnten nun zusammm dort oben, wie sie hier unten zusammen gewohnt hätten. — Ta hält die Bäuerin der Dörte Hand fest.
Als sie heimgehen, sagt die Dörte: „Jetzt, Hab' ich nit recht gehabt? Und mm seid ruhig über den Valentin. Ist doch nun der Ernst bei ihm. Wären sie vorher schon zusammen gewesen, hernach wäre das alles nit passiert, und braucht keines zu weinen. Jetzt aber ist's gut. Wir wissen, wo sie sind, die zwei, und daß sie sich nit verfehlt haben."
Ein Vierteljahr später ist der Steinbühl-Hos verkauft. In einer kleinen Stadt wohnen zwei Frauen in einem schlichten Häuslein. Schwestern wollten sie sein, hat Frau Susanne Eichler gesagt, aber die Dörte mich sich erst daran gewöhnen, daß sie nicht mehr die Magd ans dem Steinbühl-Hofe ist und läßt sich das Dienen nicht nehmen. Allmählich wird sie heimisch in der Stadt. Nur eines quält sie, daß sie dem Ernst nicht einmal ein Briefe!
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