Ausgabe 
12.2.1916
 
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Wochen wieder zufrieden mit mir selbst. Und eben ich Augenblick Hab' ich zu mir gesagt: Warum' soll ich mir diese Zufriedenheit wieder nehmen lassen? Ich kann ja ruhig weitergehen auf dem Wege, den ich gestern betreten habe. Mag die Polizei die Spuren verfolgen, die sie für richtig hält, ich will mir einstweilen auf eigene Faust Klarheit verschaffen über diesen Herrn voll Breitenbach. Jawohl, ich nenne diesen Namen! Und ich will wissen, ob ich einen Ehrenmann zum Nachbarn hd.be oder einen Schuft."

Was können Sie noch tun? Was wollen Sie tun?" meinen Feldzugsplan habe ich mir schon ganz hübsch zurechtgelegt. Mir diese neue Nachricht hatte mich für den Augenblick wieder irre gemacht. Seine Vergangen­heit will ich aufdecken lind von dem Menschen von damals auf deu Menschen von heute schließen. Ich will nach Augs­burg fahren, wo sich die Sache mit der Eugeuie NeNbeck abgespielt hat, ich will, ja, das können Sie mir ivahr- scheiulich. sagen, Baronin. Mein Vetter kam doch von Perlin au dem Tage, als er ermordet wurde. Wissen Sie, wo er dort gewohnt hat?"

Sie nickte und nannte den Namen des Hotels K'aiser- hof, indem sie hinzu fit g te:Dort hat er immer gewohnt, wenn er in Berlin war. Auch hat er dem Oberinspektor vor seiner Abreise die Adresse angegeben."

Das ist gut. Aber nun das andere, wichtigere. Breiten­bach war doch auch gleichzeitig verreist. er ist ja mit meinem Vetter zusammen nach Hause gekommen. Wissen Sie, wo er gewesen ist?"

Warten Siei gesagt hat er inir's damals sin Rostock, jawohl, in Rostock'ist er gewesen."

Ich danke Ihnen. Jetzt weiß ich, was zu tun ist. Ich fahre noch heute wieder nach Berlin, morgen wahrscheinlich nach Rostock. Dort will ich forschen, suchen, fragen o, Sie sollen mit mir zufrieden sein!"

Ich bin schon jetzt mit Ihnen zufrieden. Und ich hoffe, wir finden endlich die Lösung des Rätsels, damit ich Garchim dann in Ruhe verlassen kann."

Sie wollen fort?" Er starrte sie an mit großen, er­schrockenen Augen.

Das war doch immer schon bestimmt. Und je eher, je besser."

Warum sagen Sie das, Baronin?"

Es ist ja doch nur ein halber Zustand," entgegnete sie.So zu Gaste zu sein, wo man «zu Hause gewesen ist, oas lernt sich nicht so ganz leicht auch wenn der Wirt so gütig und freundlich ist wie Sie, Herr Baron."

,/Jch kann das verstehen," er sprach sehr langsam, überlegend,aber vielleichtV' Nun brach er ab; nur seine Augen redeten weiter. Ein starkes, hoffnungsvolles Leuchten brach aus ihnen hervor.

Doch die Baronin sah dies Leuchten nicht. Sie hatte die Blicke zu Boden gesenkt und ging an seiner Seite stumm dahin. Aus ihrer Hand fielen die zusamrnengepreßten Blät­ter zu Boden.

So kamen sie bis an die Stelle, wo der gerade, lange Weg vom Schlosse her an der Parkumzäumung endete. An das Gatter herantretend, schaute die Baronin zwischen den Stäben durch und sagte mit bedeutsamem Tone:Dort ist ja der tote See."

Ja, bei dein einzelnen Baume habe ich gestanden, als die Sachen im Wchser gefunden wurden, die der Mör­der fortgeworfen hatte. Der Baum da könnte wohl er­zählen."

,/Der spricht mit seinen zerschlagenen Zweigen von weiter nichts als von der Sturmnacht, in der seine Ge­nossen rund um ihn her niederstürzten. Vor jener Nacht hat es anders hier ausgesehen als jetzt."

,-Ich weiß. Der Wald ging vom Gatter bis an den toten See, nicht wahr?"

Ein Streifen war auch noch diesseits vom Gatter, und an seinem Rande stand ein alter Pavillon das war ein Lieblingsplatz von mir."

Man sieht keine Spur mehk davon. War er so acurz zerstört?"

Nein, ich habe die Rrline abtragen lassen, ich mochte sie nicht mehr sehen. Die Fundamente liegen noch im Boden, aber man hat sie mir mit Kies überschütten müssen, und sie ruhen jetzt friedlich und still dort in der Erde."

Sollte der Pavillon nicht wieder aufgebaut werden? Lag nicht an dem Abend, als mein Vetter starb, ein Plan ^davon auf seinem Schreibtisch?"

Der Plan lag wohl dort, aber aufgebaut wäre der Pavillon doch niemals mehr. Ebensowenig wie meine Ehe sich wieder hätte aufbauen lassen."

Mit einem Ausdruck von Kraft und Mut richtete Bassow seine starke Gestalt empor, indem er zugleich einen sanften, liebevollen Blick auf dem wieder abwärts gebeugten Frauenantlitz haften ließ.

Was der eine nicht baute, kann ein anderer bauen. Aber dies ist ein Werk des Friedens, und wir leben im Kriege, wie Sie vorhin sagten. Mich ruft jetzt der Kamps leben Sie wohl für heute, Baronin."

Meine Gedanken begleiten Sie leben Sie wohl."

12. Kapitel.

Auf die Uhr blickend, sah Bassow, daß ihm keine Zeit blieb, um noch zu Mittag zu essen, wenn er den Zug nach Berlin erreichen wollte. Doch das war ihm gleichgültig; er hatte, wenn es eilige Arbeit gab, schon öfter freiwillig ver­zichtet. So ging er gar nicht erst auf sein Zimmer zurück, ließ nur den Diener die noch unausgepackte Reisetasche her­unterholen und gab Befehl zum sofortigen Anspannen. Auch blieb er selbst beim Wagen stehen und feuerte die Stall­knechte zum Eifer an.

In wenigen Minuten war alles zur Abfahrt bereit, und auf Bassows Befehl trieb der alte Kutscher Sürjahn die Pferde mit Peitsche und Zuruf an zu raschestem Lauf. Trotzdem fuhr der Zug bereits in die Station ein, als der Wagen vor dem Bahnhofsgebäude hielt, und Bassow hatte nur noch eben Zeit, ein Billett zu lösen und in ein für ihn bereits geöffnetes Coupe zu springen, als die Maschine bereits anzog.

Jetzt erst kam ein wenig Ruhe über ihn, und er konnte, während er den gleichen Weg fuhr, wie am Tage zuvor, seinen Plan und sein Gespräch mit der Baronin still noch einmal durchdenken. Gedanken^nnd Gefühle waren heute! sonderbar bei ihm gemischt, und er betraf sich mehrfach daraus, daß Unwichtiges mit Wichtigem in seinem Geiste stritt. Mitten in angestrengtes Nachdenken über den ein­zuschlagenden Weg hinein klang, plötzlich irgendein Wort aus der Baronin Mund. Er sah sie neben sich gehen, sah eine gleichgültige Bewegung ihrer Hand, sah sie nieder­blicken auf den Platz, wo der zerstörte Pavillon gestanden hatte.Er wird niemals mchU aufgebaut," klang es anfsl neue in sein Ohr, und er überlegte sich den unausführbaren Plan, wie er das zerstörte Lieblingsgebäude heimlich, über Nacht wieder für sie aufrichten lassen könnte, um sie morgerrs dorthin zu führen und sich an ihrer Ueberraschung zu freuen. Tann schalt er sich, daß er nun doch anfange, sentimental hu werden, und nicht mehr das Lob verdiene, das ihn von ihren Lippen so stolz gemacht hatte. Doch solange der Zug noch in Bewegung blieb, solange die Räder unter ihm ihre gleichmäßige Musik machten, wollte die verliebte Träumerei nicht von ihm weichen. Erst als er einfuhr in das laute, nüchterne Berlin, fiel sie von selbst von ihm ab. Ganz) Energie, Spannung und Willen, sprang er aus dem Wagen.

(Fortsetzung folgt.)

Auf dem Wege zum Himmel.

Von Gustav S ch r ö e r.

(Nachdruck verboten.)

Vom Steiubühlhofe sind zloei im Kriege, sozusagen der Höchste! und der Niedrigste. Der Höchste, das ist der Valentin, der Hof­erbe, und der Niedrigste ist der Ernst, der Sohn der alten Magd Dörte. Der Ernst mußte mit. Er war Reservist und hatte bet den Elisabethern gedient. Groß war er und breitschulterig, einen Kopf länger als der Valentin und schier noch mal so breit. Häirde hatte er, ah, wer ztvischen die kam, der war geliefert. Dachte halt auch die alte Dörte: dem kann llix passieren, dem Ernst. Wer sollte an den herankommen? Gleich mit dreien, vieren von dev gewöhnlichen Art nimmt er's auf.

Also der Ernst hatte mitgemnßt, Und der Valentin war frei­willig mitgegaugeu. Hatte es seiner Mlckter schier abgetrotzt. Tie hatte sich gewehrt.Du mußt nicht nnt. Wenn sie dich holen wollen, dann werden sie dich finden. Auf dich wartet der Hof. Ist der Vater sclwn au die zehr Jahre tot, und ich Hab' mich geplagt nur für dich. Für dich Hab' ich deu Hof gehalten, weil er einmal dein Erbe ist. Ich hätte mich lange zur Ruhe gesetzt in einem) kleinen Städtlein, ist das schon immer mein Wunsch gewesen, und hätt' voir den Zinsen gelebt. Für dich Hab' ich mich ab­gerackert und Hab' arrsgehalten und mich geärgert mit den Leuten.^ Und nun willst du hinaus!"