Dm toten See.
Roman von RobertKohlraufch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Vassow hatte, mit eigenen Gedanken beschäftigt, nicht genau hmgehört auf ihr^-Worte. „All das ist nicht für mich das Entscheidende. Aeußere Zufälle müssen sich aus- rlaren über kurz oder lang. Aber die neuen Dinge haben eingeschluminertcn Zweifel wieder aufgeweckt. <uw rch frage mich aufs neue: kann man ihm, — jdenr Manne, den wir nicht nennen wollen, den aber unser Ver- dacht rn gleicher Weise getroffen hat, — kann inan ihm ern solches Verbrechen zutrauen oder nicht? Er ist ein Edelmann, ist nach allem äußeren Ansehen ein gebildeter, anständiger Mensch —'"
Sie schüttelte den Kopf und hob abwehrend eine Hand. „Wenn das wahr ist, was die Aufzeichnungen sagen, die Sre ja nun auch kennen, dann ist er das nicht. Und auch ohne das, ich habe in meiner so traurig verdorbenen Ehe dre Erfahrung gemacht: es gibt Männer, bei denen der Anstand aufhört, sobald das Weib in Frage kommt. 3ch sage mit Absicht: Das Weib. Demi ich spreche von Männern, die nicht wirklich lieben können. Die nur die Gattung als solche lieben und nicht eine einzelne Frau. Sie gilt ihnen — häufig wohl unbewußt — mir als Vertreterin der Gattung, und ihre sogenannte Liebe hört auf nach einiger Zeit des Besitzes. Vielleicht gibt es diese Sorte von Männern öfter als man denkt. Jedenfalls hat mein Mann zu ihnen gehört; sein Wesen hat sich mir klar ent- hullt, und er ist schon in dem Augenblick für inich gestorben, als ich mir dessen deutlich bewußt wurde. Auch er — dev andere — ist einer von diesen Männern, oder mein Instinkt betrugt mich. Und wenn das wahr ist, mußten die beiden Feinde werden, sobald für sie dieselbe Frau das Weib zeitweilig verkörperte. Und sehr wohl möglich ist es, daß an jenem Unglücksabend lediglich Kraft und Gewandtheit darüber entschieden haben, wer von ihnen das Opfer und wer der Verbrecher werden sollte."
Stockend, ein wenig unsicher, begann Bassow zu antworten. „Ich weiß nicht, Baronnv> — Sie werden nnch sehr weltfremd finden, sehr arm an Erfahrung und Menschenkenntnis. Aber ich bin der Welt auch wirklich lauge Zeit fern gewesen und habe viel mehr an uüchtenie, praktische Dinge zu denken gehabt als an die Fragen des Gefühls Darum ist mir auch die Art von Männern, von der Sie sprechen, bis heute fremd geblieben. Es mag sie geben, ^ewch.-Aber ich selbst bin so ganz anders. Für mich ist die
Vergeblich nach Worten suchend, brach er ab. Auch sie sah vor sich nieder und schwieg. Tiefe, schöne, sonnige Stille war uni sie der, in die binein die fleißigen Bienen
summten und ihnen zuzurnfeu schienen, daß es noch Sommer sei, und daß man seine Zeit nützen solle.
Nun sagte die Baronin mit ein wenig bebender Stimmer „Was wollten Sie sagen?"
„Ach, ich will nicht sentimental werden und Sie nicht quälen."
„Sie quälen mich nicht. Und ich halte Sie keineswegs für sentimental. Fähig für ein großes Gestühl, gewiß, aber nicht für sentimental."
„Fähig für ein großes Gefühl, — das ist schön, daß Sie mir das sagen. Aber ich brn es selten. Ich irre nicht hin und her von der einen zur andern. Ich würde sehr treu sein, glaube ich, wenn ich mich da geliebt glauben könnte, wo ich liebe. Aber ich spreche ein tveuig wie ein Blinder von der Farbe. Mein Leben i)t sehr still und einsam gewesen bis jetzt, in Liebessachen bin ich ein großes Mnd geblieben. Ich habe ja auch erst — erst zweimal im Leben geliebt."
„Und wer war die erste, die Sie geliebt haben?" Erst nach einer neuen Pause tat sie die Frage.
„Ach, das ist lange her. Sie war auch eine Sängerin —"
Jäh brach er ab, sein Gesicht wurde feuerrot über das Wörtchen „Auch", das ihm entfahren war und ihn verraten hatte. Wenn er aber die Blicke nicht auf den Nasen zu seinen Füßen gerichtet hätte, sondern auf die Baronin, er hätte in dem Lächeln, das aus ihrem Gesichte lag, einen reichen Schatz von Güte und Freundlichkeit finden müssen. Mit einer feinen Beimischung von Humor aber sagte sie: „Sprechen Sie ruhig weiter, ich bin ja keine Sängerin mehr."
„Sie sind — sehr gut — sehr nachsichtig. Haben Sie Tank. Ich wollte ja auch nur von der Vergangenheit reden. Betrogen und belogen hat man mich damals, — das hat mich in mich selbst zirrückgescheucht, — ich habe gedacht, ich würde nie zum zweiten Male lieben können im Leben."
Sie antwortete nicht, sondern atmete nur sehr schnell. In die Hecke, an der sie langstrm einhergingen, hineingreifend, brach sie gedankenlos einen Zweig davon ab und preßte die Blätter zusammen in ihrer Hand. Aber dann blieb sie plötzlich stehen, sah geradeaus in die Ferne, von Bassow halb abgewendet, und sagte: „Wir sprechen da wie zwei Leute, die vom Frieden reden, während noch Krieg um sie her ist. Aus unserem Leben muß dieser Zweifel, diese Ungewißheit erst fortgeschafft werden, ehe wir an etwas airderes denken diirfen. Dies Verbrecheil muß aufi geklärt werden uni jeden Preis."
„Ja, Baronin, Sie haben recht. Sie geben mich mir selbst wieder mit Ihren Worten. Ich habe ja solch nnge. heure Sehnsucht nach Klarheit, für Sie und für mich Gestern in Berlin, als ich etn^as tun, etwas unternehmen konnte, als ich meinte, dieser Klarheit näher zu kommen du ach Wollen und Handeln, da lvar ich zum ersten Male seit


