Mittwoch, den 9. Februar
flm toten Lee.
Roman von RobertKohlrausch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Gewiß, Herr Baron, gewiß. Der Wahrheit sollen wir überall die Ehre geben. Ich weiß nur nicht, — wenn ich mir überlege —"
„Dabei ist doch weiter nichts zu überlegen. Haben Sie der Frau Baronin das Papier ausgehäudigt oder nicht? Ja oder nein."
„Ja — ich glaube — ja, sie hat das Papier dortbehalten."
„Und ich denke, — Sie sagten mir damals, mern verstorbener Vetter hätte Ihnen eine Belohnung in Geld für dieses Schriftstück versprochen gehabt, — ich denke, ferne Witwe hat im Sinne ihres verstorbenen Mannes gehandelt und Ihnen ausgezahlt, was er Ihnen zugedacht hatte."
„Ich weiß nicht — ich kann es wirklich nicht sagen — ich habe ein so schlechtes Gedächtnis für irdische Dinge/
„Können Sie dem Gedächtnis nicht nachhelsen? Schreiben Sie die Ausgaben und Einnahinen für Ihr Leben nicht an?" ... . f
„Allerdings, Herr Baron — ja, das ift wirklich so. Mail soll doch Ordnung halten in allen Dingen."
„Nun, da sehen Sie einmal nach diesen Auszeichnungen." . ^
„Ja, das könnte ich tun — wenn der Herr Baron es nun einmal wirnschen — ich muß mit suchen — ja, da ist
das Buch." , _ ~
Sie hatte die Schublade des Tisches, an dem sre saßen, aufgezogen und ein abgegriffenes, blaues Oktavheft hervorgeholt. In diesem begann sie mit Umständlichkeit in ihrer langsamen, zaudernden Art umherzusuchen, um endlich öiif einem Blatte Halt zu machen uiid zu sagen: „Ja, die Frau Baronin hat inir wirklich etwas geschenkt. Nicht etwa, daß ich es verlangt hätte, das liegt mir fern — aber sre hat nur fünfundzwanzig Mark als Belohnung angeboten, und rch habe mich für berechtigt gehalten, sie anzunehmen."
„Ich hoffe. Sie werden auch von mir ein Geschenk annehnren. Wenn Sie mir genaue, zuverlässige Mitteilung über den Inhalt jenes Schriftstückes machen können, gehört Ihnen dieser Hmrdertnrarkschein."
Er hatte einen blauen Schein hervorgezogen uiid rhu verlockend im Lickte der Lampe ausgebreitet. Als nächste Wirkung zeigte sich ein aufgeregtes Zucken in der nahe dabei aus denr Tisch ruhenden Hand der Barbara Zms- meister; auch bekamen ihre blassen Augen einen dunkleren Glanz. Wer sie sagte: „Das wäre ja viel zu viel für nnch, Herr Baron, auch wenn ich dem Herrn Baron wirklich die gew mischte Mitteilung machen könnte."
„Nun also die Hairptfrage: kennen Sie das Schriftstück und seinen Inhalt?'
Mit chrem ständigen Widerstreben gegen die deutliche, bestimmte Aussage zauderte sie auch jetzt noch ern wenrg, als wenn sie sich die Sache zuvor genauer überlegen mußt'U Dann aber gab sie langsam zu: „Ja, Herr Baron rch
glaube, daß ich das ruhig sagen darf. Denn nnr war die Schrist ja doch gerade deshalb übergeben worden, damit ich den Inhalt kennen lernen sollte."
„Gut. Und nun meine zweite Hauptfrage: handelt sichs in dem Schriftstück um meinen Detter, den ermordeten Baron Bassow?"
Diesmal antwortete sie überraschend schnell. „Nein, Herr Baron, um den verstorbenen Herrn Baron handelt sich's in keiner Weise darin. Er wird in der Schrift überhaupt mit keinen: Wort ettvähnt."
Bassow fühlte sich sehr enttäuscht,' mit Mühe zwang er sich äußerlich zur Ruhe. ,^Ja, wie sttmmt denn das mit Ihrer früheren Mitteilung, er hätte gern das Schriftstück haben wollen?"
„Ja, Herr Baron, ich tveiß das wirklich nicht. Aber es lag ihm viel daran — offenbar sehr viel. Weil ich ihin das Schriftstück nicht gleich geben konnte, war er sehr ungel-alten damals. Ich hatte nämlich eine so lange auswärttge Pflege .gehabt, daß ich meine Wohnung hier aufgegeben und alle meine Sachen mitgenommen hatte — und sie waren noch unterwegs — mit' Fracht, iveil das billiger ift. Ja, ihm ag viel'daran." Ihre Augen hefteten sich wieder auf den Hundertmarkschein, als wenn sie fürchtete, daß er :n die Lasche des Besuchers zurückkehren könnte.
„Aber zum Teufel — Pardon, das Flucheil ist hier wohl nicht erlaubt — sage,: Sie mir doch endlich um alles in der Welt, von wem das Schriftstück denn eigentlich handelt?"
„Das — ach Herr Baron, ich verstehe mich so schlecht aufs Erzählen — ich glaube, das würden der Herr Baron selbst am besten sehen." .. .. „
,Za, wenn ich's in Händen hätte, natürlich! Aber die Frau Baronin will ich, wie schon gesagt, nicht fragten.
und
„Das wäre wohl eigentlich nicht nötig."
„Wieso?" r
Schlvester Barbara hatte wieder ungewöhnlich rasch ^sprachen, jetzt aber zauderte sie dafür um so länger und tteb sich in Verlegenheit oder Unentschlossenhett die Hände in ihrem Kleide. Schließlich sagte jie dann doch: „Es gibt {■et noch ein anderes Exemplar." , ™ ^
„Ein zweites Exemplar existtert noch?" fragte Bassow überrascht die Schwester Barbara. „Und haben Sie das in Händen?" ^ .,, . ö „,
„Es ist ja doch nichts Unrechtes, was rch getan habe, nicht wahr? Ich habe mir nämkich eine Wschrist davon gemacht — danrals, ehe ich das andere zu der Frau Baronrn getragen habe. Das Schriftstück mußte doch e:ne besondere Bedeutung haben, sagte ich mir, und ich dachte: besser rsd besser." Sie holte ein Papier aus der Schublade hervor


