Ausgabe 
7.2.1916
 
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Vermischtes.

»Auf englischen Schiffen i m 1 8. Iah rh un d e r t. Der alle N e t t e l b e tf, der zähe Verteidiger Kolvergs, der in seiner Jugend ein kühner Seefahrer war, erzählt in seiner Lebens­beschreibung auch, wie es ihm bei den Engländern erging. Nach mancherlei Fahrten, die er hauptsächlich als Steuermann in hollän­dischen Diensten gemacht hatte, gelüstete es ihn, es auch einmal bei den Engländern zu versuchen, die schon damals mit einem Dünkel und einer Anmaßung gegen die anderen seefahrenden Nationen auilraten, daß der ehrliche Preuße denken mochte, da müßte etwas ganz Besonderes dahinter stecken. Wie bitter wurde er enttäuscht! Sc & im halben März 1774 segelte er mit einer Transporlflotte von etwa 1500 Mann als Schiffslentnant von Portsmouth nach der Küste von Guinea ab. Aber seine Lust, sich im englischen Dienst umzusehen, hatte er mit dieser einen Reise für immer ge­büßt. Sein aufrechter deutscher Sinn ist empört, wierauh und ungefügig es aus den Schiffen dieser Nation hergeht. Da ist feine Ehre und kein Respekt"; man hört den ganzen Tag nur fluchen und brutale Reden ohne Aufhören. Von der strengen Disziplin, die er hier zu finden glaubt, ist nichts zu spüren. Im Gegenteil. Vom geringsten Matrosen an lehnt sich jeder gegen die Befehle des Vorgesetzten aus. Ein Gehorsain, wie Nettelbeck ihn von hollän­dischen und preußischen Schiffen kennt, ist nirgends zu finden. Nicht einnral die nötige Ordnung ist vorhanden.Nicht selten hängt ein gekochtes Stück Fleisch voll 10 bis 20 Pfund am Mast, ivovon sich ein jeder abschneidet, wann und wieviel er will. Zu beiden Seiten daneben steht das Brotsaß und das Gesäß mit Grog, um die offene Tafel vollständig zu machen." Solche Zustände konnten dem an Ordnung und Pünktlichkeit Gewöhnten nicht gefallen, und sobald er mit seinem Schiff zurückgekehrt ist, nimmt ec seinen Ab­schied, um sich sofort wieder nach Rotterdam zu begeben.

D i e sidelen Gefängnisse in Montenegro. Fidele Gefängnisse, fast so ideal wie das in derFledermaus", in dem Frosch seine feuchtfröhliche Existenz als Gefangenenaufseher feiert, scheint es in Montenegro zu geben. So klein auch das Land ist, über das Nckita, der König der schwarzen Berge, sein Szepter schwang, so gibt es dort immerhin zwei Gesängnisse, deren Be­wohner sich zum größten Teil aus Mördern zujammensetzen, die ihre Tat aus Gründen der Blutrache begangen haben und des­wegen zur Haftstrafe verurteilt wurden. Die beiden Gesängnisse befinden sich in Eetinje und am.Skutarisee. In beiden Straf­anstalten ist die Haft außerordentlich menschenfreundlich, ja geradezu musterhaft*. Den im Eetinje-Gesängnis Inhaftierten ist tags­über gestattet, sich frei zu bewegen, Besuche zu empfangen und zu machen, zu trinken, rauchen usw. Nur abends müssen sie zur Stelle sein, und zwar sehr pünktlich, und werden dann eingeschloffen. Wahrscheinlich sind diese Leute tagsüber die freundlichsten Lämmer und erst mit beginnender Dunkelheit ernst zu nehmen. Die Ver­schärfung der Strafe besteht im Anlegen von Fußsesseln. Das andere, idyllisch am Skutarisee gelegene Gefängnis ist für die schweren Verbrecher bestimmt, aber auch Ujnen ist ein ganz an­genehmes Dasein beschieden. Da das Zuchthaus auf einer Insel gelegen ist, so ist eine Flucht beinahe ausgeschloffen, weshalb die Insassen wenigstens den Vorzug genießen, sich ziemlich frei be­wegen zu können.

* Seehunde im Belt. Von der Insel Asien wird ge­meldet, daß dort die Seehunde überhandnehmen. In großer Menge treten sie nach einer Mitteilung der JagdzeilschristSt. Hubertus* im Wenningbund und der Außenföhrde zwischen dem Festlande und der Insel Asien aus. Die Netze der Fischer sind in steter Gefahr, da die Seehunde sie zerreißen, um an die darin ge­fangenen Fische gelangen au können. Auf das starke Auftreten der Seehunde wird es auch zurückgeführt, daß die Dorsch- und Herings- fischerei in der Föhrde zurzeit so geringe Erträge liefert, daß z. B. manchmal in Sonderbnrg überhaupt keine Fische aus öeu Markt kommen. Vielleicht hat die außergewöhnlich starke Kälte in den nordischen Ländern die Seehunde abwärts getrieben. An der Ost­küste Dänemarks sind kürzlich ebenfalls zahlreiche Seehunde fest- gestellt, die cm vielen Stellen reiche Nahrung an den zahlreichen an die Küste geworfenen erfrorenen Heringen finden.

Vüchertisch.

- Arthur Schnitzler,Komödie der Worte". (S. Fischer Verlag, Berlin.) Wir haben dieses Werk, das unter dein SammeltitelKomödie der Worte" die EtnakterfolgeStunde des Erkeunens",Große Szene" undDas Bacchusfest" zusammen- faßt, anläßlich seiner Aufführung durch Kräfte des Stellen Theaters Frankflirt einer eingehenden Würdigung unterzogen. Wir eriilnern daran, indem wir noch einmal hervorheben, daß Schnitzler die Dialogführung wie kaum ein zweiter meistert und mit halben Worten und verschleierten Andeutungen über die zugrunde liegenden Probleme hinwegzugleiteil versteht, ohne daß auch nur einen Augen­blick laug das Ullausgesprocheue ungesagt bliebe. Schnitzler ist ein so feiner Kenner der vermickeltsten seelischen Getriebe, daß er auch hinter den Worten, oder, wenn man will, in der Schwingung

Schrsitleitung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Bi

des Wortes neue psychologische Erkenntniffe festhält. Die Jnter- pretierinlg des Werkes aus der Bühne gibt ihm wohl eine letzte Formulierung, kann aber öeu Feinheiten der inneren Konstruktion der drei Einakter und der Einsicht in bie überlegene Führung des Dialoges nicht so gerecht werden, wie die einsam nachschaffende Lektüre.

Karl Stielers Werke. Fünf Teile in einem Bande. Ausgewählt und herausgegeben voii Karl Quenzel. Leipzig, Heffe & Becker BeAag. Geb. 2,50 Mk. Wenn je ein Dichter verdieiite, volkstünilich zu werden, so ist es der frühverstorbene Karl Stieler. ©eine Werke darunter die prächtigen Gedichte in oberbayrischer Mundart, das ergreiselideWtnteridyll" und die wuiidervolleli Hochlandsschilderungen sind so frisch, als waren sie erst gestern entstanden. Die Ausgabe bringt die hochdeutschen Dichtungen Stielers vollständig, die mundartlichen in einer reich­lichen und guten Auswahl und schließlich eine sorgfältige Auslese aus den allgemeinverständlich gehaltenen Prosaarbeilen, darunter zeitgemäße Stimmungsbilder ailS dem Jahre 1870/71.

Eine neue Goethe-Biographie wird soeben von Wolsgang Thomas-San-Galli im Verlag von Arthur Hertz, München, herausgegeven (gebunden Bit. 10,, geheftet Mk. 6,). Je mehr über Goethe geschrieben wurde, desto schwerer ivard es, aus Öen tausenderlei kleinen Stücken das ganze Bild zu schauen. Je mehr klei-ne Züge gesucht nnö gefunden wurden» je weniger deutlich wurden die großen Linien, die dem Ganzen Richtung gaben. Thomas-San-Galli zeichnet mit freiem, klarem Blick, wie dieses gewaltige Leben aufgebant wurde, sich selber ailsgebaut hat: das ganze Werden des Menschen Goethe. Wir aber, die wir jetzt durch die größten Zeiten geschritten sind, müssen wieder einmal staunend sehen, wie das Leben dieses Menschen für alle Zeilen und Schicksale symbolisch ist. Aus dieser Zeit heraus, in der wir die größte Entwicklung unserer Nation erfahren sollten, lernen wir erneut, daß wir Goethe je mehr brailchen, je höher wir uns entwickeln.

Die österreichische Alpengrenze. Bon Dr. Albrechl P e n ck, Professor der Geographie an der Universität Berlin. Mit einer Karte im Maßstab 1:750 000. Preis Mk. 1.80. Ter um die österreichische Alpengrenze entbrannte heftige Kampf gibt dem Verfasser Veranlassung, die italienischen Ansprück-e nach einer natürlichen Grenze Italiens zu prüfen. Er meist nach, daß der Alpenkamm dafür imgeeignet ist. Die mitteleuvoppäische Natur reicht weit darüber hinaus bis nahe an den Südfuß des Gebirges, und hier zeichnen verkehrshindernde Talengen eine natürliche Grenze vor. Eine Karte der südöstlichen Alpenländer stellt die von Italien beanspruchte Grenze der Heilligen politischen gegenüber und läßt deutlich erkennen, daß diese sich den natürlichen Ver» hältnissen viel näher anschließt, als die von Italien beanspruchte. Wenn etwas am heutigen Grenzverlause nicht zutreffend ist, so ist es nicht, daß sich Oesterreich zu weit nach Süden erstreckt, sondern daß Italien an verschiedenen Stellen zu weit nach Norden reicht. Tank der Zähigkeit, mit welcher Oesterreich seine Grenze verteidigt, wird die Einzelschildcrrmg des Gebietes, die der Der-, fasser gibt, zugleich auch eine Schilderung des österreichisch-italieni­schen Kiegsschcmplatzes. Der Verfasser kennt diesen Grenzverlauf durch seine eigenen Forschungen und seine Schilderungen beruhen aus lebendiger eigener Anschauung. Mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit von Triest für das Deutsche Reich schließt das Büch­lein, das der Verfasser seinen im Felde stehenden Schülern gen widmet hat.

Modernste Kriegswaffen alte -Erfin- düngen. Abel und Müller, Leipzig. 1 Mk. Ingenieur M. Feld­baus geht in diesem mit großem Fleiß zusammengetragenen Büch­lein der Entwicklung unserer modernen Waffen von der Handfeuer­waffe bis zum Riesenmörser, vom Spaten bis zur kunstvollen Mimermaschine nach und zeigt, wie die meisten Errungenschaften der modernen Kriegstechnik in ihren grundlegenden Ideen schon vor langen Zeiten, manchmal schon im frühen Altertum vorhanden gewesen sind. Das Werkchen, das eine reiche Fülle wertvollen alten Bildermaterials bringt, darf nicht nur mit Rücksicht auf die kriegerische Zeit, sondern auch darüber hinaus lebhaftes kultur­historisches Interesse in Anspruch nehmen.

Scherzrätsel.

Das würzige Erste der Feinschmecker liebt,

Wenn man es zum Fleisch und zur Sauce ihm gibt.

DaS Zweite, vom Faulen gar fleißig getreten,

Ist teuer, zumal in den größeren Städten.

Auch kann man vom Ersten im Bund mit der Zweiten Zum Woble der Menschheit ein Ganzes bereiten.

Vas schmiegt sich recht innig und warm an die Brust. Du mußt's mal versuchen! Es ist eine Lust!

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auslösung des Logogriphs in voriger NurnnMt Schatz, Schutz, Schütz.

'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.