Der zrühling lätzt grüßen.

Skizze von Paul Burg.

Machdruck verboten.)

Jochen Pätz lag in seinem Russenquartier und lauschte in die Stille der Nacht, Er konnte nicht schlafen. Neben seiner Bettstatt das Fenster nwr Halbaffen, und es dünkte ihn, als raunten draußen Luf der holprigen, schlammigen Vorstadtstraße hochragende Bäume »einander Geheimnisse zu, Bäume der deutschen Heimat.

Das hatte wohl der Brief vermocht, den Jochen Pätz heute abend erhielt. Marie hatte ihm wieder einmal geschrieben, ferne geliebte Marie. Sie war noch immer Magd auf dem Gute, wre vor vier Jahren, als er zu den Soldaten kam. Damals schon hatten sie sich heimlich einander versprochen, er war auch ein paarmal vor dem Kriege auf Urlaub daheim gewesen, aber Marrens Groß­mutter, die das verwaiste Mädchen aufgezogen hatte, wollte nichts von einem einfachen Bauernknecht für ihr Enkelkind wissen. Aus-' getrotzt hatte er und die dralle blonde Märie vor den Augen der Ulten geküßt:Ich werd' schon noch was; jetzt lern' ich erst mal Chauffeur . . ." Und kaum gab man ihm den Führerschein, da kam der Krieg. Nun war Jochen Pätz schon fast zwei Jahre im Kriege, unverwundet, nicht Autoinobilist, weil eS deren so viele gab, aber Gefreiter und der Stolz seines Hauptmanns. An die Heimat dachte er mit Sühnen, fürchtete sich abe' ein bißchen vor der Heimkehr, vor Mariens Großmutter.

Und nun hatte ihm das Mädel, das liebe Mäoel, wieder einmal geschrieben. Er richtete sich auf, knipste seine Taschenlampe an Und las noch einmal die ungelenken, mühsamen Schriftzüge:

Lieber Jochen! Schmalz schicke ich Dir diesmal, es ist jetzt hier sehr knapp. es mit guter Laune und denke an mich. Die Großmutter ist auch nicht mehr so barsch auf Dich wie früher. Sie wird alt und liest viel die Zeitung. Sie sagt, Du wärst wohl doch ein braver Kerl. Sie hat Dir auch aleicy was zuliebe getan> daß ich ganz baff war. Nun freue ich mich sehr. In dem Schmalz stecken gute Wünsche, Jochen. Und der Frühling läßt grüßen.

ES küßt Dich Deine Marie."

Jochen Pätz in seinem Russenquartier fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er legte den Brief weg und sann.

Wenn ich bloß das Schmalz schon hätte!" sprach er laut zu sich in das Dunkel, denn er verspürte vom Wachen, Lesen und Nachdenken einigen Hunger.

Lag noch eine Weile wach.

Es ist ivahrhaftia wie im Frühling heute nacht. Der Pätz bat auch sein Fenster offen. Soll seinen Morgengruß gleich haben." hörte er im Dämmern und Halbschlummer eine Stimme vor dem Fenster, die sich näherte und wieder entfernte. Zugleich fiel etwas hart und blechern auf den Boden, kollerte und rollte durch die niedere Russenstitbe.

Eine Bombe! dachte Jochen Pätz augenblicks und fuhr erschreckt hoch. Mer noch ehe er Licht machte, kam ihm zum Bewußtsein, daß er ja die Stimme der Ordonnanz am Fenster gehört hatte, welche die Feldpost zu verteilen pflegte. Und sah eine sorgsam ver­schnürte und adressierte Blechbüchse am Boden.

Aha, das ist daS Schmalz von Marien ..." '

Bedächtig häb er die Büchse auf, entschnürte und öffnete sie, eine alte Kakaovüchse. Weiß wie Schnee leuchtete ihm daS Schmalz entgegen und er beugte sich darüber, sog den starken Duft ein. Und war glücklich.

Das Messer zückte Jochen Pätz, kostete eine Messerspitze, schnalzte Mit der Zunge nrrd schnitt sich nun mit behaglichem Schmunzeln eine derbe Schnitte Kommißbrot herunter. Tief fuhr er mit seinem Taschenmesser in das Schmalz, wie er es daheim zu tun pflegte, wo der woMefüllte Schmälztopf inmier im Schranke stand. Einst . . . jetzt hätten sie wohl auch alle knapp. Und wie er so mit dem Messer in das SchnMz stach, gab es einen Widerstand, ganz hart, und knirschte.

Nanu. Die Marie hat dich doch nicht etwa in den April schicken wollen und die Büchse voller Steine geschickt, oben bloß Schmalz daraufgetan. Sie schreibt, der Frühling läßt grüßen, und zuzutrauen ist dem Racker alles. Wenn's auch noch seine lange Zeit hat bis zum ersten April ...

Bedächtig nahm er mit der Linken die Taschenlampe hoch, die an die Wand gelehnt dastand, und leuchtete in deir Topf, während die Rechte das Messer in den: weichen, weißen Fett herumdrehte.

Da klang und kratzte es noch einmal. Ganz eigen.

Nun Längte Jochen Pätz die Lampe an die Wand, zog sich einen Stuhlheran und untersuchte die Sache.

Warte, du Mädel dahleiml! Er wußte nicht recht, ob er sich ein bißchen ärgern oder freuen sollte über die mutwillige Marie. Leibhaftig stand sie vor seinem nun ganz wach gewordenen Geiste.

Einen daumendicken Klumpen hob er aus der Büchse, noch einen und noch einen. Der letzte schimmerte, leuchtete durch­scheinend wie herbstrotes Laub au den Bäumen. Ihn schabte er zuerst achtsam mit dem Messer ab, ganz vorsichtig, und enthüllte aus der »veißen Schmälzschicht ein Goldstück, ein funkelneues Lwanzigmarkstück. Wie das aufleuchtete im Scheine der kleinen Taschenlampe. Ordentlich einen strahlenden Glanz krieg!« Jochen Kütz in seine Augen, als er es mit spitzen Fingern aufhob. Gold!

Welch seltener Anblick! Wie lange war es wohl her, daß er daS letzte Goldstück gesehen, ja von einem Goldstück gehört hatte!

Und auch die andern beiden Schmalzklumpen gaben noch leuchtende, orangene Goldstücke von sich.

Jochen Pätz legte sie alle drei vor sich auf den Tisch und schaute sie nochmals an. Auf dem ersten war der Kaiser, auf dem andern der König von Württemberg im Bilde und auf dem dritten das Wappen der Freien Reichs- und Hansastadt Hamburg. Das letzte besah er sich ganz genau, weil er es noch nicht kannte.

Und dann bestrich er sein Kommißbrot mit dem Schmälze, das er von den Goldstücken abgeschabt und wieder auf den Büchsenrand gedrückt hatte. Fing nachdenklich an zu essen.

Wie war das doch? Gold gehört auf die Reichsbank! So stand in den Zeitungen groß und fett gedruckt, die er manchmal in die Hand bekommen hatte. Die Feinde durften kein deutsches Gold in die Finger kriegen. So wenig wie deutsches Land. Also konnte er doch die Goldstücke unmöglich hier in Rußland ausgeben, um­wechseln. Aber es hatten doch voriges Jahr mal ein paar Kame­raden für hundert Mark Gold zum Feldwebel gebracht und dafür ein paar Tage Urlaub gekriegt. Ahr! Das wollte also seine Marie bezwecken! lind dazu hatte die Großmutter das Gold aus dem Strumpfe hergegeben.Sie hat dir auch was zuliebe getan, daß ich ganz baff war," stand in dem Briefe: er wußte ihn ja aus­wendig, soviel hatte er diese Nacht darüber gegrübelt.Nun freue ich mich sehr. In dem Schmalz stecken gute Wünsche," schrieb Marie.

Jochem Pätz schob den letzten Happen in den Mund, ver­wahrte die Goldstücke in seinem Brustbeutel und knipste das Licht aus. Dann stieg er gesättigt und hochbefriedigt wieder in sein Bett.

Die Sache wollte überlegt und beschlafen sein.

- . . . aber auf jeden Fall muß ich gleich weg, Herr Kamerad." So sprach es draußen am Fenster hin. Schnelle Schritte kamen.

Morgen abend, Herr Hauptmann. Sonst-einen Wagen

hätte ich ja da, den kleinen Zweisitzer, den wir in Reserve haben. Aber einen Fahter dazu .... tut mir schrecklich leid."

Das war der Leutnant vom Autokorps. Und der andere war der Hauptmann Schwarz, Jochen Pätz' Hauptmann, der so gute Stücke auf ihn hielt.

Der Gefreite in seinen: Bett lauschte und hörte Mit eins die Bäume in seiner Heimat wieder rauschen. Sprang mit einem .gewaltigen Satz aus dem Bett, ans Fenster.

Der Fahrer zur Stelle, Herr Hauptmann!" rief er jubelnd hinaus.

Die beiden Offtziere waren schon ein paar Schritte lveiter. Sie wandten sich betroffen um.

Wer?"

Wo?"

Gefreiter Pätz zu melden, Herr Hauptmänn."

Jochen Pätz! An euch habe ich ja gar nicht gedacht. Wo seid Ihr denn?"

Der treue Kerl wollte, wie er dastand, in Unterhosen auS beim' niederen Fenster auf die Straße springen.

Na, na! So eilig ist's nicht. Anziehen, in zehn Minuten auf der Kommandantur sein, ja!" befahl der Hauptmaon, nickte Wir zu und ging befriedigt mit dem Autoleutnant werter.

Jochen Patz fuhir wie der Sturmwind in seine Sachen und rannte durch die nachtstille Stadt nach der Kommandantur. Wie eine Säule stand er unter der roten Laterne vor dem Portal und wartete auf seinen Hauptmann. Aber das Herz ging ihm hoch. Vom Laufen und vor lauter Freude. Endlich kam der Hauptmann hochbepackt an.

Pätz, das ist ja famos. Nun sollt Ihr mal zeigen, daß Ihr fahren gelernt habt. Also wir fahren die, Chaussee nach Tilsit. Müssen in sieben Stunden dort sein, daß ich den 9-Uhr-Zug nach PillkaUen erreiche. Es eilt!"

Zn Befehl, Herr Hauptmänn. Ich-"

Na? Möchtet auch gleich mal mit nach Hause. Kreis Ragnrt, nicht wahr? Ist ja nahebei . . . wollen sehen, aber ich glaube es kauin. Jetzt ftx den Wagen her, Pätz. Fix, fix, Kerl!"

Der .Hauptmänn war schon ungeduldig. Aber Jochen Pätz knöpfte seinen Waffenrock auf und zog den Brustbeutel, holte seine drei Goldstücke hervor und hielt die leuchtenden, so selten gewor- denen Stücke dem Hauptmann hin.

Herr Hauptmann. ich und meine Marie wir möchten uns gleich verloben. Richtig mit Ringen, Herr Hauptmann!"

Guter, dummer Kerl!" stieß ihm der Hauptmann die Hand mit den Goldstücken leicht gegen die Brust. Das Gold da schaffst du gleich in Tilsit, oder besser in Ragnit aus die Bank, sonst gibt's drei Tage Arrest statt Urlaub, verstanden?! Und die Trau­ringe, die schenke ich euch beiden, Pätz. Aber gleich heiraten, hörst Im? Was soll berat die ewige Berloverei? Kerl, ich habe ja selber eine so unbändige Freude, daß ich mal meine Frau wiedersehe."

Herr Hauptmann!" jubelte Jochen Pätz hinaus, machte Halt und rannte nach dem Autoschuppefl.

Der Frühling läßt grüßen!"

Nun waren cs wirklich die rauschenden Bäume der deutschen Heimat. _ _