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in feine Worte hinein. „Gefahr? Ich habe sie niemals gefürchtet." _ r
„Sie ist Ihnen vielleicht näher, als Sie glauben. Em Mann, der gemordet hat, ist wie ein angeschossenes, wildes Tier, das um sein Leben kämpft."
„Ich würde mich freuen, mit ihm zu kämpfen. Und für Sie kämpfen zu können, Baronin, wäre mir das größte Glück. Nein, das dürfen Sie mir wirklich nicht verbietend
Sie lächelte, doch schien es ihm, als wenn Tränen in ihren Augen ständen. „Wenn ich's nicht darf, — nun gut, ich will Sie nicht hindern. Aber versprechen Sie mir Vorsicht, Schonung für sich selbst. Ich bitte Sie darum."
Jetzt ergriff er die ausgestreckte Hand, beugte sich nieder und küßte sie. „Alles, alles, — ich will alles tun, was Sie Mir befehlen."
„Ich befehle nicht, Baron, ich bitte nur."
„Aber Ihre Bitte gilt mir inehr als ein Befehl. Ich werde nicht ruhen und rasten, bis ich vor Sie treten kann Und Ihnen sagen: /Das Rätsel ist gelöst, und Sie stehen rein wieder da vor der Welt/"
„Ach, die Welt!" Sie brach alb, sie sah ihm wieder in die Augen, um dann in sichtbarer Verlegenheit ihte Blicke von ihm abzuwenden und abermals auf die gefundenen Gegenstände hinabzuschauen. Und nach einer Weile sagte sie halblaut: „Ms ich die Decke hier stickte, dachte ich auch nichr, sie so einmal wiederzusehen. Es war ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann."
„Und jetzt soll sie Helsen, seinen Mörder zu entdecken.^
„Vielleicht, — das Dunkel ist immer noch sehr dicht, und aus dem einen Rätsel ergeben sich andere, neue. Mir beide wissen jetzt, wo mein Mann ermordet wurde. Hier diese Dinge stammen aber aus dem Zimmer, in dem wir ihn fanden. Das goldene Falzbein wenigstens legte ich selbst an jenem Abend auf die eingegangenen Briese aus seinem Schreibtisch."
Bassow dachte still einen Augenblick nach, um dann tyu sagen: „Die Sache ließe sich wohl erklären, aber —"
^Aber was?"
„Es müßte dann mehr als eine Person an der Tat beteiligt, oder der eine müßte ein ungewöhnlich starker und großer Mensch gewesen sein."
Die Baronin bewegte langsam den Kopf zur Bejahung. ^Groß und stark, — ja, Sie haben recht."
„Aber ich meine, mit Grübeln und Fragen kommen wir nicht ans Ziel. Jetzt heißt es handeln. Ich! werde Klarheit schaffen; denn ich will sie schassen."
„Der Wille kann viel."
„Ein Manneswille kann fast alles in der Welt. Und nun lassen Sie mich gewähren, Baronin. Meine nächste
§ flicht ist es, diese Sachen hier der Polizei zu übergeben.
ch reite gleich selbst aus die Gendarmeriestation und tiefere sie dort ab. Dann erst beginnt mein eigener Feldzug. Aus Wiedersehen, Baronin."
„Auf Wiedersehen, — und vergessen Sie nicht, um was ich Sie gebeten habe."
j,/Jch vergesse keins Ihrer Worte. Leben Sie wohkl."
10. Kapitel.
Schon während er zur Gendarmeriestation hiinüberjagte, um den Fund abzuliefern, machte Bassow sich einen Plan für sein Tun. Für die nächsten Schritte wenigstens aus dem in Dunkel gehüllten Wege. Was Polizei und Gericht bereits durchforscht hatten, schob er beiseite. Dort noch etwas Neues auszufinden, erschien unwahrscheinlich. Sein Forschen mußte beginnen, wo jene — freiwillig oder gezwungen — aufgehört hatten. Wo war ein fester Punkt, von dem er ausgehen konnte?
Die Figur der Krankenpflegerin, die auf dem Schloß- Hofe von Garchim unvermutet vor ihin aufgetaucht war, erschien plötzlich wieder vor seiner Seele. Sie hatte gesagt, sein Vetter habe das Schriftstück von ibr zu erhalten gewünscht, das nun in den Händen von dessen Witwe war. Er pries den Zufall im stillen als ein Glück, daß die 'Krankenpflegerin ihm ihre Karte eingehändigt hatte, und im eiligen Reiten zog er die Briestasche hervor, in der sie liegen mußte. Ja, da war sie! Seine peinliche Ordnungsliebe versagte auch diesmal nicht. „Barbara Zinsmeister, geprüfte Krankenpflegerin" stand ans der Karte, darunter die Adresse eines Hauses weit im Norden von Berlin, an der Chausseestraße. Der Entschluß, dort hinzu fahren, war gleich gefaßt.
Auf der Gendarmeriestation erregte der neue Fun8 Aufregung und Freude. Bassow blickte jetzt bereits mit nachlassenoer Teilnahme darauf. Seine Gedanken strebten zu anderen Zielen, und sobald als möglich schwang er sich wieder aufs Pferd, um heimzureiten.
Er war so voller Aufregung und Eile, seine Tatkraft zu erweisen, daß er am liebsten gleich mit dem nächsten Zuge nach Berlin gefahren wäre. Doch! war er nach genauerer Ueberlegung vernünftig genug, erst ein Telegramm! für Barbara Zinsmeister auszugeben und anzusragen, obi sie auch dort sei. Er hatte die Rückantwort bezahlt, und so war mittags bald nach dem Essen die gewünschte Nachricht rn seinen Händen. Barbara Zinsmeister telegraphierte: „Bin hier. Stehe hohem Herrn zu Diensten."
Um halb acht Uhr war er in Berlin, fuhr in ein Hotel nahe bei der Ankunftsstation und nahm sich kaum Zeit, eilig ein wenig zu Abend zu essen. Dann brachte ein Automobil ihn rasch nach der Chausseestraße hinaus. Eine hohe Mietskaserne mit abgeblättertem, gelbgrauem Putz wies die Nummer auf, die Bassow suchte, und ein mangelhaft, nur durch ein paar bescheidene Lämpchen erleuchtetes Treppenhaus, in dem der Kohlgeruch von den Mahlzeiten der Mieter die Luft verdarb, nahm den Aussteigenden auf. Die Pflegerin wohnte hoch oben im vierten Stock; sie hatte, wohl dem erwarteten Besuch zu Ehren, auf einen kleinen Tisch neben ihrer Zimmertür eine brennende Kerze gestellt, so daß er gleich die wohlbekannte Visitenkarte bemerkte, die den Eingang be- zeichnete. Beim Geräusch seiner Schritte öffnete sie die Tür schon, bevor er geklopft hatte, und vor ihm erschien das flache Gesicht mit der kleinen Nase, auch hier im Hause von dem scheinbar niemals abgelegten, schwarzen Kopftuch umgeben.
„Der Herr Baron geben mir persönlich die Ehre, — wenn ich bitten darf, Herr Baron. Dies ist meine bescheidene Wohnung."
Bescheiden war das Zimmer in der Tat, das Bassow, eintretend, mit raschem Blick überflog. Ein Tisch, ein Bett, ein Schrank, ein paar Stühle aus billigem, braun gebeiztem Holz bildeten das ganze Mobiliar. Nur ein Kruzifix und mehrere daneben hängende bunt ornamentierte Papptafeln mit Bibelsprüchen in gotischen Buchstaben wiesen auf den besonderen Charakter der Bewohnerin hin.
Sie sprach auch hier wieder zuerst, indem sie einen Stuhl an den Tisch heranrückte, auf dem eine Petroleumlampe mit halb grüner, halb weißer Glaskuppel stand. „Wenn ich den Herrn Baron bitten darf, — ich hatte gedacht, — als ich heute mittag das Telegramm bekam, — der Herr Baron waren von einer Krankheit befallen worden, woraus jeder von uns in jedem Augenblick vorbereitet sein muß. Aber natürlich habe ich mich geirrt."
Bassow setzte sich mit freundlichem Lachen und schob die Lampe ein wenig weiter von sich ab. „Ja, Schwester Barbara, den Gefallen konnte ich Ihnen wirklich noch nicht tun. Ich habe augenblicklich gerade durchaus keine Zeit, um krank zu fein. Es ist eine ganz andere Suche, die mich zu Ihnen führt, aber ich bemerke gleich, daß ich Ihre Zeit nicht umsonst in Anspruch nehmen werde."
„Ach, Herr Baron, icb snch^ keinen irdischen Gewinn, den doch nur Motten und Rost fressen."
„Nun, leben müssen wir alle, Schwester Barbara, und von der Luft allein lebt man leider nicht."
„Leider — nein."
„Also hören Sie mich an. Sie waren doch vor einigem Zeit in Garchim und brachten der Witwe meines dort ermordeten Vetters ein Schriftstück, das er selbst bei Lebzeiten, wie Sie mir sagten, von Ihnen zu erhalten gewünscht hatte."
„Ach — habe ich das gesagt?"
„Ja, gewiß. Und ich nehme an, Sie haben damals die Frau Baronin gesprochen und ihr das Papier eingehändigt."
„Hat sie das — wenn ich fragen darf — haben das die Frau Baronin dem Herrn Baron mitgeteilt?"
„Ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein, Schwester Barbara. Nein, sie hat es nur nicht mitgeteilt. Ans dem einfachen Grunde, weil ich sie nicht gefragt habe. Sie aber möchte ich darum fragen, und ich hoffe, Sie werden ebenso wahr gegen mich sein, wie ich gegen Sie. Dazu berechtigt mich schon Ihr frommer Beruf."
(Fortsetzung folgt.)


